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CDU

Stuttgart: Empörungs-Posse um Tamponspender

Die Stadt bietet kostenlose Tampons auf Frauen- wie Männer-Klos an. Nachdem die "Bild" das Anliegen lächerlich machte, poltern auch CDU-OB und-Fraktion gegen den "Tamponspender für 'menstruierende Männer'".


Spenderbox und Abfalltüten für Tampons im Rathaus (Bild: Stadt Stuttgart)

In Stuttgart sowie den üblichen rechten Empörungskreisen herrscht eine erhitzte wie geschürte Debatte über einen Vorgang, über den zuerst die "Bild"-Zeitung am Mittwoch berichtet hatte: Künftig gibt es in einigen städtischen Toiletten wie im Rathaus und in Bürgerbüros Spender für kostenlose Tampons, und das auch auf Männer-Klos.

Letzterer Nebenaspekt wurde schnell zum eigentlichen Thema: "Ein Versehen oder regiert hier der Mann-Frau-Divers-Wahnsinn?" fragte dazu das Blatt, das sich online versteckt einen Bereich "Queer Bild" leistet, ansonsten aber auf Online- und Print-Titelseiten immer vorneweg ist, wenn es Aufreger für eine gender- oder queerfeindliche Bubble basteln kann (und/oder es um "die Grünen" geht). "Sollen Männer damit ihr Nasenbluten stillen?", ätzte die Zeitung.


In der Tat ist das eine der praktischen Möglichkeiten. Die Grünen-Fraktions-Chefin Petra Rühle antwortete zudem dem Blatt unter anderem: "Viele Menschen mit Monatsblutung identifizieren sich nicht als Frauen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, ihnen genauso Tampons bereitzustellen wie den Menstruierenden, die sich als Frau bezeichnen." Die Sprecherin des Rathauses ergänzte: "Die Produkte liegen sowohl in den Damen- als auch Herrentoiletten aus, damit sie auch von nicht-binären oder Trans*Menschen genutzt werden können."

In den inzwischen fast unzähligen weiteren Berichten zum Thema wurden weitere selbstverständliche Argumente genannt, etwa dass Frauen auch mal ein Männer-Klo nutzen. "Außerdem sind sie für Väter gedacht, die ihre Töchter, falls diese ihre Periode hätten, bei Bedarf mit in die Männertoilette nehmen könnten", ergänzt vergleichsweise unaufgeregt ein Artikel der "Stuttgarter Nachrichten": "Im 21. Jahrhundert finden sich auf Männerklos längst auch Babywindeln und Wickeltische – allerdings (noch) nicht im Stuttgarter Rathaus."

CDU in Panikmodus

Um die Lokalzeitung weiter zu zitieren: "Einige weiße Blechkisten (…) haben offenbar das Zeug, die Kommunalpolitik in ihren Grundfesten zu erschüttern." Denn der "Bild"-Bericht enthielt auch Zeilen wie "Grüne setzen sich durch" und "OB Frank Nopper (61, CDU) hat im Stuttgarter Rathaus einen Automaten installiert, der kostenlos Tampons und Binden ausgibt – auf der Herren-Toilette!"

Das konnte ein gestandener CDU-Oberbürgermeister natürlich nicht auf sich und seiner Ehre sitzen lassen: "Ich habe mich in den Haushaltsberatungen klar gegen solche Angebote im Stuttgarter #Rathaus ausgesprochen. Leider wurde ich überstimmt", schrieb Nopper am Mittwochnachmittag bei Facebook. "Die aktuelle Debatte in den Medien zeigt, wie weit sich Teile der #Kommunalpolitik von den wirklichen #Sorgen und #Nöten der großen Mehrheit der Menschen entfernt haben."


CDU-Fraktionschef Alexander Kotz bastelte gar ein Sharepic über "grünen Wahnsinn", der laut Begleittext mit dem "Tamponspender für 'menstruierende Männer'" keine Grenzen finde. Der Eintrag führte zu über 700 teils menschenfeindlichen, aber auch teils kritischen Kommentaren und betonte weiter: "Wir fordern die Verwaltung auf, die Tamponspender auf den Herrentoiletten umgehend wieder abzubauen! Dieser Grüne Irrsinn auf den Herrentoiletten gehört besser heute als morgen beendet. Unsere Bürgerinnen und Bürger denken bei solchen Aktionen doch, die im Rathaus sind völlig durchgeknallt."


Woraus "Bild" am Donnerstag den Folge-Aufreger-Bericht bastelte, unter der Überschrift "Verkehrte Welt auf Männer-Klo – CDU will Tampon-Automat abhängen". "Der Tampon-Automat muss sofort wieder abgebaut werden. Wir machen uns bundesweit zum Gespött", fordert Kotz darin. Der offen schwule Politiker wurde schon im Erstbericht mit der wenig einfühlsamen oder reflektierten Stellungnahme zitiert: "Völlig absurd! Was soll ich als Mann mit Tampons anfangen? Und meiner Frau kann ich sie auch nicht mitbringen."

CDU stimmte für Antrag

Die erstmalige Einrichtung von Tamponspendern (auf Frauen- wie Männer- und ggf. Unisex-Toiletten) geht auf eine Initiative der Grünen im Haushaltsausschuss zurück, im Doppelhaushalt sind dafür im Rahmen eines Pilotprojektes 10.000 Euro vorgesehen. So soll die Gleichstellungsstelle etwa Kontakt zu Kommunen suchen, die entsprechendes bereits anbieten. Mindestens in Bezug auf Frauen-Toiletten gehören dazu etwa Karlsruhe, Heidelberg, Tübingen oder Freiburg. Aus der Landespolitik gibt es laut "Stuttgarter Nachrichten" schon länger generelle Überlegungen, Tamponspender an Schulen und Universitäten zu fördern. Die Uni Stuttgart bietet sie bereits an, während ein erstes Stuttgarter Gymnasium, wie alle Schulen beim kommunalen Pilotprojekt unberücksichtigt, einen Tamponspender für die Mädchen-Toilette auf Eigeninitiative installierte.

Bedarf und Interesse ist also allgemein da – und auch die CDU hatte dem Antrag im Ausschuss zugestimmt. "Darauf von der Netzgemeinde hingewiesen, teilte Kotz am Abend mit, die Zustimmung seiner Fraktion sei natürlich auf Tamponspender in Damentoiletten beschränkt gewesen", so die "Stuttgarter Nachrichten". "Dass alle WC bestückt werden sollten, habe man nicht gewusst – oder in der Hektik der Etatberatungen schlicht übersehen."

Die SPD-Fraktion im Stuttgarter Rathaus findet es hingegen "vollkommen richtig", dass die Tampon-Automaten auch in den Männertoiletten hängen, sagte die Fraktionsvorsitzende Jasmin Meergans dem SWR. Ihre grüne Kollegin Rühle verteidigte das Tampon-Angebot allgemein und im speziellen: "Gerade trans* und inter*Personen, die menstruieren, sind noch einmal ganz anderer struktureller Diskriminierung ausgesetzt, da ihre Bedürfnisse insbesondere auch in Hinblick auf Hygieneprodukte und gynäkologischer Versorgung leider oftmals negiert, ignoriert oder gar ins Lächerliche gezogen werden". Sie sollten ihre Hygieneprodukte auf öffentlichen Toiletten "ganz selbstverständlich scham- und diskriminierungsfrei beziehen und natürlich auch entsorgen können", so die Politikerin in den "Stuttgarter Nachrichten".


Die Äußerungen aus der Union seien inakzeptabel, so Rühle. "So kann man jedenfalls nicht mit Menschen umgehen".

"Debatte" eskaliert weiter

Der Streit eskalierte allerdings noch weiter: Der Linksbündnis-Stadtrat Luigi Pantisano bezeichnete Oberbürgermeister Nopper bei Facebook als "Spalter und Hetzer": "Sie spalten die Stuttgarter Stadtgesellschaft und Sie hetzen Ihre rechten und rechtsextremen Anhänger gegen die LSBTTIQ-Community in Stuttgart auf und gefährden damit auch die Sicherheit von Transmenschen." Auch trete der CDU-Politiker "das ehrenamtliche Engagement der Kommunalpolitiker:innen" mit Füßen, so der Bruder des LSVD-Aktivisten Alfonso Pantisano.


Der baden-württembergische CDU-Bundestagsabgeordnete Olav Gutting schrieb am Donnerstag zur Debatte: "Die Belange von Transmenschen sind natürlich wichtig und Diskriminierungen gehen gar nicht. …….aber vor kurzem hat mir jemand gesagt er fühlt sich inzwischen wie in der offenen Psychatrie….."

Noppers Kommunikationschefin Susanne Kaufmann bezeichnete Pantisanos Kommentar als "ganz schlechten Stil", während der persönliche Referent des OB, der CDU-Kreisvorsitzende Thrasivoulos Malliaras, auf Facebook weiter eskalierte: "Menschen, die Menstruationsprodukte auf Männertoiletten grotesk und daneben finden (Anm.: Mehrheit!), sind laut unserem Stadtkommunisten Luigi Pantisano rechts und rechtsextrem, hassen die LSBTTIQ-Community", fasste der CDU-Kreisvorsitzende die Debatte zusammen. "Hätte Pantisano so viel Verstand im Kopf wie Locken im Haar, würde er mal nachdenken bevor er zum Handy greift und solche Kommentare ablässt. Das ist kein Schlagabtausch mehr, das ist keine politische Arena mehr. Das ist einfach nur beleidigend. Shame". (cw)

-w-

#1 HexeAnonym
  • 20.10.2022, 14:18h
  • Ein echter Mann würde sich darüber freuen, weil er dann mal irgendwann bei einer Freundin punkten kann und im rechten Moment nen Tampon spenden kann.
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#2 PolitikverdrossenAnonym
  • 20.10.2022, 14:31h
  • Immer wenn ich CDU lese ist AFD enthalten.
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#3 fsocietyAnonym
  • 20.10.2022, 14:36h
  • Vielleicht sollte die Gesellschaft einfach verstehen und akzeptieren, dass es Männer gibt, die menstruieren. Nicht alle trans*Männer lassen sich einer Hysterektomie unterziehen, und mittlerweile gibt es vielerorts Unisex-Toiletten, die sich nur noch in Zum Sitzen und Zum Stehen unterscheiden. Das kann nun echt nicht so schwer sein.

    Außer man(n) ist homo- oder transphob, und fühlt sich an seiner fragilen Männlichkeit angegriffen. Oh well.
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