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Leipzig
Queerer Film "Anhell69" gewinnt die Goldene Taube
Beim Leipziger Dokumentarfilmfestival Dok saßen Filmfans wieder dicht an dicht vor den Leinwänden. Eine Ode an junge LGBTI im von Gewalt und Repression geprägten Kolumbien erhielt den Hauptpreis.

Szene aus "Anhell69" (Bild: Salzgeber)
- 23. Oktober 2022, 12:59h - 4 Min.
Auffällig viele junge Menschen waren in der vergangenen Woche nach Leipzig gekommen, um Teil des diesjährigen Internationalen Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm (Dok) zu sein. "Wir haben es geschafft, eine neue Zuschauerschicht zu erreichen", sagte Dok-Chef Christoph Terhechte bei der Verleihung der Festivalpreise am Samstagabend in Leipzig. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie seien zwar längst nicht alle Besucher*innen in die Kinos zurückgekehrt, dennoch sei es überwältigend gewesen, wieder in vollen Sälen zu sitzen.
Während der Festivalwoche waren insgesamt 255 von einer Jury ausgewählten Filme internationaler Filmemacher*innen zu sehen. 74 Filme traten in unterschiedlichen Wettbewerben um die silbernen und goldenen Tauben, die Hauptpreise des Festivals, gegeneinander an.
Hauptpreis für queere Geistergeschichte
Den Hauptpreis des internationalen Filmfestivals erhielt der Kolumbianer Theo Montoya. Für seinen Film "Anhell69" wurde er mit der mit 10.000 Euro dotierten Goldenen Taube im Internationalen Wettbewerb langer Dokumentar- und Animationsfilm geehrt. Halb rekonstruiert, halb imaginiert, porträtiert Montoyas Regiedebüt eine junge, queere Generation im von Gewalt und Repression geprägten Kolumbien, erzählt als ganz reale Geistergeschichte in stimmungsvollen Bildern.
"Ein furioser filmischer Bewusstseinsstrom, genährt vom menschlichen Lust- und Todestrieb", heißt es in der Jurybegründung. "Gleichzeitig Ode an eine vom Unglück verfolgte Stadt und Tribut an die eigene Gemeinschaft, nutzt der Film die Macht der Anpassungsfähigkeit und der Grenzübertretung, um die Welt mit Fluidität, Furchtlosigkeit und radikaler Dringlichkeit zu bewohnen."
Die Story von "Anhell69": Ein Leichenwagen fährt durch die Straßen von Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. Ein junger Regisseur liegt im Sarg und erinnert sich an die Vorbereitungen für seinen ersten Film, ein B-Movie über Geister. Die Rollen wollte er mit seinen Freunden besetzten, den jungen queeren Menschen aus Medellín, die gegen ein repressives Umfeld kämpfen. Aber sein Hauptdarsteller, der auf Instagram "Anhell69" heißt, stirbt an einer Überdosis, wie auch so viele weitere Freunde. Trotzdem entsteht ein Film – es ist aber ein ganz anderer, als geplant.
Der Berliner Filmverleih Salzgeber kündigte an, "Anhell69" im kommenden Jahr in die deutschen Kinos zu bringen.
Schwerpunkt lag auf Mittel- und Osteuropa
Erstmals zeichneten die Veranstalter*innen in diesem Jahr gemeinsam mit der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien auch einen Nachwuchsregisseur für den besten Dokumentar- oder Animationsfilm im Internationalen Wettbewerb Kurzfilm mit einer silbernen Taube aus.
Mit dem neuen Format "Panorama" wollten die Veranstalter*innen den Schwerpunkt des Festivals auf Mittel- und Osteuropa in diesem Jahr weiter stärken. "Wir sind zunächst ein Leipziger, ein ostdeutsches, ein deutsches Festival – anschließend kommt zunächst Mittel- und Osteuropa und dann die ganze Welt", sagte Terhechte. Viele Besucher*innen schätzten den Blick des Festivals in osteuropäische Länder wie Slowenien, Polen und die Tschechische Republik.
So waren auf der Dok unter anderem die Filme "Infinity According to Florian" von Oleksiy Radynski und "Mountains and Heaven in Between" von Dmytro Hreshko zu sehen. Beide sollten in diesem Jahr bereits auf dem ukrainischen Dokumentarfilmfestivals DocuDays UA gezeigt werden, das nach Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine jedoch nicht stattfinden konnte.
Auch queerer Film aus Russland im Programm
Auch russischen Künstler*innen bot das Dok-Festival eine Bühne. So wurde beispielsweise die Arbeit "Dragzina" von Nikita Shokhov und Masha Vorslav als Teil einer Ausstellung im Leipziger Museum für bildende Künste gezeigt. Darin wird thematisiert, wie die russische LGBTI-Community auf ein zunehmend feindliches Klima innerhalb der Gesellschaft trifft.
Im kommenden Jahr soll die Dok zwischen dem 8. und 15. Oktober zum 66. Mal stattfinden. "Und es soll noch größer werden als in diesem Jahr", kündigte Terhechte an. Das heiße jedoch nicht, dass mehr Filme gezeigt werden sollen: "Im Gegenteil: Wir wollen bei den Filmen eher reduzieren. Es ist aber noch Luft nach oben was die Besucher angeht." Geplant sei, unter anderem mehr Spielorte im Programm aufzunehmen, um mehr Möglichkeiten für eine Teilnahme am Festival zu schaffen, sagte Terhechte. "Ich würde sagen, da geht noch was." (cw/dpa)
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