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"Rosas Theater"

Theaterstücke von Rosa von Praunheim: Sex ist die Lösung!

Die Ikone des schwulen Kinos macht seit kurzem auch Theater. Im Fischer-Verlag sind jetzt vier gesammelte Stücke in Buchform erschienen. Ein vulgäres, orgastisch infantiles und clever komisches Leseerlebnis.


Szene aus der Inszenierung von Rosa von Praunheims Stück "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" am Deutschen Theater Berlin (Bild: Arno Declair)

Hitler war schwul. Sein engster Kreis, von Goebbels bis Hess, natürlich auch. Friedrich der Große sowieso schon lang. Und alle pissen sie sich an, furzen ununterbrochen, die meterlangen Hämorrhoiden schleifen sie hinter sich her und doch denken sie immer nur an Sex. In seinen Theatertexten geht Rosa von Praunheim rücksichtslos vulgär ans Werk.

Als Filmemacher bekannt und zeitweise auch gefürchtet, ist er seit dutzenden Jahren sehr aktiv und hat unbestreitbar queere und Filmgeschichte geschrieben. Seit einigen Jahren arbeitet er nun auch bereits im Medium Theater. Passend zum 80. Geburtstag am 25. November 2022 sind nun vier Stücke von Rosa von Praunheim in gedruckter Form im Fischer-Verlag unter dem Titel "Rosas Theater" (Amazon-Affiliate-Link ) erschienen.

Kunst als Ausfluss


Rosa von Praunheim wird am 25. November 2022 80 Jahre alt (Bild: Martin Kraft / wikipedia)

Den Stücken vorangestellt ist ein kurzer Einführungstext mit dem Titel "Warum ich fürs Theater schreibe bzw. überhaupt schreibe, Bilder male und Filme mache". Anders, als der Titel vermuten ließe, erklärt der Text wenig und schlenkert vor allem gern vom Thema weg. Sein Kunstverständnis und seinen Schaffensprozess beschreibt von Praunheim hier wie folgt: "Kunst ist etwas Magisches, wir sind nur das Medium. Ich sitze vor meinem Computer, und es fließt nur so aus mir heraus, ähnlich wie auf der Toilette, und da ich eine Reizblase habe und nachts siebenmal raus muss, habe ich das Clo (sic) lieben gelernt."

In diesem Sinne greifen von Praunheims Texte immer wieder in die Kotschublade. Denn es handelt sich bei diesem Abdrift zur Porzellanschüssel nicht nur um einen Witz nebenbei, um der im Titel angekündigten Erklärung des eigenen Kunstschaffens zu entgehen, sondern vielmehr um künstlerisches Programm. Denn gerade in dieser komplett grenzenlosen Vulgarität steckt auch die explosive Kraft der Theatertexte.

In "Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs", eines der Gewinnerstücke bei den Autorentheatertagen 2020, begegnen sich Adolf Hitler und Friedrich der Große und vergleichen, wessen Krieg mehr Opfer gefordert hat, wer den Titel "der Große" eher verdient hätte. Es wird über Fäkalien und vor allem viel über schwule Liebe und schwulen Sex gesprochen bzw. proklamiert. Ziegen und Diktatoren werden angepinkelt, die AfD, die Arschlöcher für Deutschland, taucht immer wieder auf, und überhaupt passiert zu viel Abstruses, um es als konsistente Handlungszusammenfassung zu präsentieren.

Die Verschwulung der deutschen Vergangenheit


Das Buch "Rosas Theater" ist am 26. Oktober 2022 bei Fischer Taschenbuch erschienen

Von Praunheim nimmt eine Idee, nimmt eine Vielzahl von Ideen – und bläst sie ins Extrem auf, bis außer Übertreibung kaum noch etwas übrigbleibt. Bis alles verzerrt und bis zum Platzen gespannt dasteht. So sind denn irgendwann auch einfach alle Figuren in "Hitlers Ziege" schwul. Dabei geht es natürlich nicht darum, der obersten Riege der Nationalsozialisten eine vermeintlich positive Seite abzudichten, ihnen ein paar Sympathiepunkte zuzuschieben. Es ist von Praunheims Sicht, wie er der "Berliner Zeitung" erklärte, dass die Emanzipation sexueller Minderheiten so sehr fortgeschritten sei, dass es keine Gefahr mehr darstelle, sich auch negative Figuren vorzunehmen. Die Homosexualität, die Hitler und Co. hier unterstellt wird, ist auch keine, die in der Realität verankert ist und als Einfühlungsmoment fungiert; sondern als ein Sprungbrett hinein ins Absurde.

"Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs" ist keine faktenbasierte Geschichtsaufarbeitung, die nochmal ein paar spannende Zusatzfakten liefert, sondern verabschiedet sich von der Faktizität. Und dennoch finden sich in der exzessiven Verfremdung dann die Spuren des Realen auf umso klarere und erschreckendere Weise. Dadurch, dass die Dinge in einem Zerrspiegel betrachtet werden, sehen sie zwar wirr aus und nicht wie wir sie kennen, doch wird es so möglich, neue, bisher ungesehene oder unklare Aspekte offenzulegen. Eine valide und sehr wirksame Technik, insbesondere in einer Zeit, in der die politischen und gesellschaftlichen Realitäten derart aus den Bahnen zu geraten scheinen, dass schon die naturalistische Beschreibung wie Farce und Schmierentheater wirkt.

Den Bogen um die Verschwulung der deutschen Vergangenheit bildet, wenig überraschend, die Gegenwart und der wieder entfachte Nationalismus und Hass. Aus dem Jenseits lässt von Praunheim Hitler über die AfD herziehen. Selbst in der Anfangszeit seien er und die Nazis besser gewesen, hätten sich nicht geschämt, ihre Menschenverachtung auch zu benennen. Wehret den Anfängen, schreit es zwischen den Zeilen, und lasst euch nicht von all dem abstrusen Chaos verblenden.

Selbstreflexion ohne Rücksicht auf sich selbst

Dasselbe Rabiat-Reading, dem er die deutsche Geschichte unterzieht, wendet von Praunheim auch auf sich selbst an. In "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht" dreht er sein eigenes Leben, das auch an sich bereits manchmal wie eklektisch daherfabuliert wirkt, durch den Wolf. In 53 Szenen (oder eher Bildern) und ungezählten Einspielern wird ein Panoptikum an Praunheimlichkeiten ausgebreitet, von der Besprechung der eigenen Penisgröße, über politischen Aktivismus, bis zum Sex nach dem Tod. Wie auch beim Hitler und seiner Ziege kommt die Realität dabei schnell abhanden und bringt doch ein umso wahreres Gefühl einer "Figur Rosa von Praunheim".

Direktlink | Trailer des Deutschen Theaters Berlin zu "Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht"
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Neben der Ziege und der Oma gibt es noch eine doppelte Ladung Fleisch: Ebenfalls in "Rosas Theater" enthalten sind noch die beiden Stücke "Zwei Fleischfachverkäuferinnen" und "Die Bettwurst – Das Musical!". Beides ebenfalls sehr lohnende Stücke, die ausführlich zu besprechen den Rahmen sprengen würde. Insgesamt ist die Zusammenstellung in "Rosas Theater" aus Sicht der dramatischen Brachialkunst sehr zu empfehlen.

Die einzige Frage, die sich mit Bezug auf das Buch stellt, ist, wer braucht die gedruckte Fassung? Kritisch muss angemerkt werden, dass die Zusammenstellung an einzelnen Stellen etwas unsauber wirkt. Ein Rechtschreibfehler hier und da, die textliche Rohfassung in schwallartiger Flussform – manchmal fällt es schwer, dem nur lesend zu folgen. Eventuell hätte es gutgetan, die Texte speziell für ein lesendes Publikum umzuarbeiten. Doch vielleicht ginge dann auch wieder die suadahafte Dringlichkeit verloren. Wer weiß, wer weiß...

Info zum Buch

Rosa von Praunheim: Rosas Theater. 4 Stücke (Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht, Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs, Zwei Fleischfachverkäuferinnen, Die Bettwurst – Das Musical!). 192 Seiten, Fischer Taschenbuch. Frankfurt 2022. Taschenbuch: 15 € (ISBN 978-3-596-70824-6). E-Book: 12,99 €

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-w-

#1 LothiAnonym
  • 27.10.2022, 06:39h
  • Das Rosa mittlerweile zu einer Ikone aufgestiegen ist, bezweifle ich ja nicht. Aber seine gemalten Bilder, die er teuer verkaufen möchte, erinnern mich eher an Kinderzeichnungen.
    Wäre im übrigen zu schön gewesen, wenn Adolf obendrein auch noch schwul gewesen wäre.
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#2 StaffelbergblickAnonym
  • 27.10.2022, 08:21h
  • Antwort auf #1 von Lothi
  • "Wäre im übrigen zu schön gewesen, wenn Adolf obendrein auch noch schwul gewesen wäre." ach ja dieses Thema "Adolf Hitler und schwul". Da gabs schon vor Jahren Diskussionen, angeregt durch einen englischen Historiker, der sich damit beschäftigte. Interessant finde ich eher, dass er Eva Braun schon deutlich vor deren 16. Geburtstag kennen gelernt haben soll. Allerdings wurde sie aus allem rausgehalten und lebte dafür ein Leben "im Goldenen Käfig".
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