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Berlin
"Junge Alternative" demonstriert vor Wohn- und Kita-Projekt der Schwulenberatung
Die AfD-Jugendorganisation will am Samstag die Nachbarschaft vor dem "Lebensort Vielfalt" der Schwulenberatung am Südkreuz warnen, der als "LGBT-" und "Pädo-Kita" diffamiert wird.

Screenshot aus einem Video der "Jungen Alternative" zu einem früheren Protest der AfD-Jugend
- 26. Oktober 2022, 09:39h 4 Min.
Nach rechter Stimmungsmache gegen eine geplante Kita im Rahmen eines Projekts der Schwulenberatung Berlin hat die "Junge Alternative" für diesen Samstag zu einer Kundgebung aufgerufen. Sie trägt den Titel "Pädo-Kita verhindern" und soll direkt an der Baustelle des "Lebensort Vielfalt" am Südkreuz stattfinden, um die Nachbarschaft "aufzuklären".
Die Schwulenberatung betreibt schon länger zusätzlich zu ihren Hauptsitzen mit Beratung und Gruppenangeboten den "Lebensort Vielfalt" in Charlottenburg als Mehrgenerationenhaus für queere Menschen inklusive einer WG mit Pflege und eine weitere Einrichtung am Ostkreuz mit Wohngemeinschaften für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung sowie einem Café als Projekt zur Eingliederungshilfe in den Arbeitsmarkt. Der Lebensort Vielfalt am Südkreuz soll ab dem nächsten Jahr 69 Wohnungen für schwule und lesbische Senior*innen, trans und jüngere queere Menschen bieten sowie eine Pflegewohngemeinschaft umfassen. Dazu kommen unter anderem eine Beschäftigungstagesstätte und ein Kiezzentrum sowie zwei Kindertagesstätten.

So soll der "Lebensort Viefalt" am Südkreuz einmal aussehen
Das Projekt ist schon lange geplant, sorgte aber in den letzten Wochen für rechte Empörung. Angefangen hatte das mit einem "Bild"-Bericht vom 1. Oktober, der die Ziele der Kita, die sich etwa an Regenbogenfamilien und tolerante Eltern richtet, eher wirr beschrieb, so dass rechte Medien, Politiker*innen und Stimmen in sozialen Netzwerken später erwartungsgemäß von "Indoktrinierung", "Sexualisierung" oder gar Homosexualisierung der Kinder sprachen. Zugleich verknüpfte "Bild" den Bericht über "die erste schwul-lesbische Kita" direkt in der Unterzeile mit einer Personalie: "Im Vorstand des Gesellschafters sitzt der angebliche Pädophilie-Verfechter Rüdiger Lautmann".

Die Protestankündigung der "Jungen Alternative" Berlin bei Facebook. Die Berliner AfD teilte den Aufruf in sozialen Netzwerken
Der 86-jährige Jurist und Soziologe hatte unter anderem 1994 die "Studie Die Lust am Kind. Portrait des Pädophilen" veröffentlicht. Wenige Tage nach dem "Bild"-Bericht trat er aus dem Vorstand aus, um Schaden von der Schwulenberatung abzuwenden (queer.de berichtete). Diese hatte von Anfang an betont, dass Lautmann mit dem – seit Jahrzenten bestehenden umfangreichen, professionellen und umfassenden – Tagesgeschäft und der Kita-Planung nichts zu tun habe. Dennoch hatte "Bild" einen Skandal gebastelt, der seitdem von rechten Medien zur Stimmungsmache gegen das Projekt ebenso genutzt wird wie gegen queere Menschen und ihre Anliegen, etwa die von AfD & Co. schon lange bekämpfte Schulaufklärung über LGBTI.
AfD-Jugend warnt auch vor künftigen Lebensort-Bewohner*innen
Der angekündigte Protest der AfD-Jugendorganisation ist nun der verspätete Tiefpunkt dieser Kampagne. Drei Wochen nach dem Rücktritt Lautmanns soll sich die Kundgebung "gegen die Normalisierung von Pädophilie" richten, "für den Schutz unserer Kinder" sein und sich "gegen die Indoktrination in Schulen und Kitas" wenden. Gekonnt verknüpft das Pädophilie mit dem generellen Kampf gegen sexuelle Viefalt.
"So eine Kita wollen wir nicht in unserer Nachbarschaft!", heißt es auf der zu dem Protest gehörenden Webseite. Diese befasst sich näher mit Lautmann und einer angeblich mangelden Distanzierung durch die Schwulenberatung, stellt aber vor allem das ganze Projekt – und alle künftigen Bewohner*innen – unter Generalverdacht. "Die 'schwul-lesbische Kita' soll am 'Lebensort Vielfalt' im gleichen Haus wie ein Mehrgenerationen-Projekt entstehen, sodass die Erwachsene[n] direkt neben der Kita wohnen", betont die "Junge Alternative". "Welche Menschen dieses Haus anzieht, dürfte klar sein."

Eine aufwändig gestaltete eigene Webseite zum Protest zeigt Puppies und Kinder und verwischt unter anderem auch mit dem Domainnamen lgbtkita.de die Themen LGBT und Pädophilie
Der schwule Mann ist also wieder der Kinderschänder: "Eine Kita, die mit Pädophilie-Befürwortern gemeinsame Sache macht und Tür an Tür mit entsprechendem Klientel leben soll, darf es in unserer Nachbarschaft nicht geben!", heißt es auf der Webseite, die dazu aufruft: "Helfen Sie mit, ihre Nachbarn aufzuklären, damit wir die Pädo-Kita gemeinsam verhindern können."
Vorgestellt werden die Protestmacher als "ein Bündnis für den Schutz von Kindern vor aggressiven Minderheiten", es handle sich um "Eltern, Kinderschützer, Aktivisten, Studenten und alle, die Propaganda für Kindessmissbrauch für inakzeptabel halten". Erst im Impressum wird die "Junge Alternative" Berlin als Verantwortlicher benannt. Die Webseite lgbtkita.de – nicht paedokita.de – betont auch zur allgemeinerer Stimmungsmache gegen die Kita, Kinder seien "nicht schwul, lesbisch oder transsexuell": "Sie sollten sich frei von Indoktrinierung durch die aggressiven Lobbys sexueller Minderheiten entfalten können. Vor allem aber brauchen sie sichere Räume und Schutz vor Übergriffen."

Ein Bericht der "Berliner Morgenpost" schaffte es am Dienstag, von einem Protest einer "Initiative" mit der Selbstbeschreibung "Eltern, Kinderschützer, Aktivisten, Studenten und alle, die Propaganda für Kindesmissbrauch für inakzeptabel halten" zu schreiben, ohne die AfD zu erwähnen
Der Protest dient bereits zu weiterer Hetze: Ein von der Berliner "Jungen Alternative" am Mittwoch bei Facebook geteilter Bericht des "Heimat-Kuriers" aus Österreich spricht von einer Demo gegen den "Homo-Kindergarten in Berlin" und von einer "Regenbogen-Indoktrinationsanstalt". (nb)














