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Episodenkritik
"Prince Charming": Sklaven, Tränen, internalisierte Homophobie
So peinlich war es noch nie: In der fünften Folge der Gay-Datingshow jammern schwule cis Männer über die Zersplitterung der LGBTI-Community und unnötig konfrontative CSD-Paraden. Achtung Spoiler!

Die wichtigste Frage der Woche: "Welche Größe magst du?" (Bild: RTL)
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27. Oktober 2022, 12:21h 7 Min.
Anstatt das "große Ganze" zu sehen, sei die queere Community in zu viele Einzelgemeinschaften zersplittert, findet Manuel. Zusammen mit Leon, Dennis S. und Marcus wurde er zu einem Vierer-Date an der griechischen Küste eingeladen, um dort mit ihrem Prinzen zusammen ein Regenbogen-Mosaik zu basteln, um ein herrlich plakatives Zeichen für Vielfalt und Toleranz zu setzen. Dabei diskutieren sie mit Fabian über Chancen und Grenzen der LGBTI-Gemeinschaft.
Teilinteressen und eigene Bedürfnisse zu priorisieren, anstatt gemeinsam die "böse Mehrheit" zu stürzen – daran stört sich Manuel. Dabei ignoriert er den Fakt, dass auch queere Menschen untereinander Identitäten marginalisieren und ignorieren. Alle rigoros unter dem Stempel des Bunt-Seins zusammenzufassen, spricht genau den Individuen das Recht ab, sich Gehör zu verschaffen, die von schwulen cis Männern aus dem öffentlichen Diskurs verdrängt werden – diese suhlen sich in ihrer Verletztheit, finden aber hierzulande schon längst in der Medienlandschaft statt.
Selbstverständlich möchte ich damit nicht diskriminierende Umstände auch innerhalb schwuler Kontexte bagatellisieren, sondern vielmehr eine breitere Repräsentation – und weniger Verallgemeinerung queerer Identitäten – fordern. Dennis S. spricht hier etwa Konfliktlinien bei verschiedenen Körpertypen und Sexstellungen an, die in Ausgrenzung unter Homosexuellen münden kann. Sein Einzelgespräch mit Fabian mündet indes in einem schön anzusehenden Kuss am felsigen Strand, der ihm eine grüne Krawatte – und damit einen sicheren Einzug in die nächste Runde – beschert.
Wenig Susbtanz hinter der groß aufgeblasenen Toleranzschiene
Marcus möchte der eigenen Queerness keinen großen Raum im Leben einräumen und gesteht seine internalisierte Homophobie: CSD-Paraden sieht er mehr als unnötige Konfrontation, die Menschen Angst machen könne, als eine selbstermächtigende Demonstration. Kopfschüttelnd hält Leon dagegen und betont die Wichtigkeit von möglichst lauter Repräsentation.
Fabian schlägt derweil in eine ähnliche Kerbe wie Marcus: Er sehe die Gefahr, Abwehrreaktionen hervorzurufen, wenn die eigene queere Sexualität bzw. Identität zu stark gezeigt werde. Dass diese Äußerung des Prinzen nicht weiter aufgegriffen wird – ergo als das Fazit der Debatte stilisiert wird -, präsentiert den Zuschauer*innen eine möglichst angepasste Queerness als die Lösung für einen Dialog mit der cis-heterosexistischen Mehrheitsgesellschaft. Ein Verzicht, um Überforderungserscheinungen vorzubeugen.
Na danke, RTL. Einmal mehr zeigt sich, dass hinter der groß aufgeblasenen Toleranzschiene und den zuhauf eingeblendeten Regenbogenfahnen vor strahlend blauem Sommerhimmel – Überraschung! – nicht viel Substanz steckt. Schon kurze Zeit später ist die sehr unbefriedigende Debatte Geschichte, als Fabian Einblick in seine Fetische gibt und gesteht, gerne Kontrolle zu besitzen und andere Leute an der Hundeleine zu nehmen. Dass diese Vorliebe musikalisch mit "Dangerous" von David Guetta unterlegt wird, quittiere ich mit halb müdem, halb schelmischem Grinsen.
Joels Coming-out als Sklavenhalter
Gleichzeitig in der Villa: Selbstgefällig erzählt Joel davon, sich zwei Sklaven zu halten – Tim und Nico sind ausnahmslos beeindruckt und fragen, was er so mit ihnen treibe: Einer gebe ihm die Kontrolle über seinen Rechner, wodurch er sich auf dessen Kosten Online-Artikel bestelle; der andere kaufe ihm Schuhe, die er ihm einige Monate später getragen zuschicke. Ob es sich hierbei um Ironie handelt – und diesen Eindruck werde ich nicht los -, wird nicht aufgebrochen.
Obwohl es sich hier (vermutlich) um einvernehmliches BDSM handelt, hat der Sklavenbegriff den bitteren Beigeschmack kolonialer Kontinuität. Er geht mit einer blutigen Geschichte von Ausbeutung, Unterwerfung und Folter Schwarzer Menschen einher. Bestimmte Begriffe zu problematisieren bzw. kontextualisieren, bleibt ein Wunsch.
Während Marcus sich etwas mehr in die Gruppendynamik einlebt, räkelt er sich gemütlich in der Hängematte und plaudert mit Manuel und Alex über den eigenen Pornokonsum. Auf Kosten des Vaters habe er sich einen OnlyFans-Account zulegt, um den heterosexuellen Werbungen aus dem Weg zu gehen. Er echauffiert sich über die "Weiber" und deren "Mösen" in den Clips, die seine Libido störten – weiß ich nicht, ob es einem derart sexistischen Jargon bedarf, um die eigenen Bedürfnisse zu artikulieren.
Zwei spannungslose Einzeldates
Das Einzeldate mit Nico indes stellt sich als überraschend ereignislos heraus. Während sie sich kulinarisch mal richtig austoben und Sushi zubereiten – währenddessen läuft, wie könnte es anders sein, Harry Styles' "Music For A Sushi Restaurant" -, verstricken sie sich in einen spannungsarmen Plausch über queere Familiengründung und die Wohnungssituation mit dem eigenen Partner. Trotz fehlender Dynamik wird er es in die nächste Runde schaffen.
Die überraschendste Qualifizierung soll aber Philippe gelingen. Im Einzelgespräch mit Fabian möchte ihm kein Ton über die Lippe kommen, woraus sich eine herrlich unangenehme Stille ergibt. Der Prinz quittiert das mit einem pikierten "Hast du dir Gedanken gemacht?". Er antwortet mit esoterischen, sinnleeren Phrasen, die Fabian zu "nebulös und abstrakt" erscheinen. Wieso er trotz dieser Suche nach der "tiefsten Verbindung auf 90 Metern Meerestiefe" in die nächste Runde schafft, wie es der Prinz so wunderbar auf den Punkt bringt, bleibt mir ein Rätsel.
Wenn wir schon von unangenehmen Momenten reden: Während Fabian und Tim sofort übereinander herfallen anstatt miteinander zu reden, sehen die Zuschauer*innen Basti in einer gut platzierten Parallelmontage kettenrauchend und frustriert auf ein Rendezvous mit dem Prinzen warten. Als endlich seine Zeit gekommen ist, sich auf den Schwarm zu stürzen, bricht dieser den Kuss komplett ab, weil ihn der Geschmack nach Zigaretten so anekelt. "Hätte ich nicht so lange warten müssen, hätte ich auch nicht geraucht", stichelt Basti im Interview.
Selbstmitleidsvolle Briefe an das eigene Kindheits-Ich
Die verbliebenen elf Kandidaten sollen sich schließlich ihrer Vergangenheit stellen und ihrem Kindheits-Ich einen Brief schreiben. Viele dieser Stücke entpuppen sich als leere Worthülsen à la "Du wirst auf Hürden stoßen" und "Halte durch, du schaffst das!", die sich übertrieben im Selbstmitleid suhlen und all diese tränenüberströmten Augen unglaubwürdig erscheinen lassen. Joel hingegen erhält endlich charakterliches Profil, als er im "Scherbenhaufen seiner Kindheit" wühlt und vom Verstoß aus der eigenen Familie erzählt – diese autobiografische Zutraulichkeit gibt ihm trotz sonst wenig Interaktion mit dem Prinzen einen Freifahrtschein für die nächste Runde.
Auch Dennis O. beweist emotionale Tiefe, als er sich in einem – zugegeben rührenden – Moment mit den eigenen femininen Seiten auseinandersetzt, die ihn lange von den eigenen Freund*innen abgrenzten. Auch wenn ich ihm keine großen Chancen für den Sieg zurechne, hat er sich unlängst zu meinem heimlichen Favoriten etabliert: Er gibt den restlichen Kandidaten ausnahmslos emotionale Unterstützung, ist stets ein Gute-Laune-Pol durch seine chaotisch-schrille Art und sticht durch sein extravagantes Modebewusstsein hervor. Er bekommt längst nicht die Wertschätzung, die er verdient. Meine Meinung.
Zwei Männer müssen die Sendung verlassen, weil sich nicht mehr als eine "platonische Beziehung" zu Fabian aufbauen konnte: Marcus, der zuvor offen thematisiert hatte, wie sehr er sich für den Prinzen ins Zeug legt und nicht das Gefühl hat, dafür entlohnt zu werden – diese Ehrlichkeit sollte sich nicht als besonders klug herausstellen. Auch das "intellektuelle Energiebündel" Manuel, das zuvor noch für seine hohe Anzahl an Dates beneidet wurde, schafft es nicht.
Bleiben also noch neun Kandidaten übrig – und während sich die Mentalität der ausgefahrenen Ellbogen immer stärker ausprägt, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass vielleicht auch einige Gentlemen untereinander anbandeln. Das würde Fabians Kartenhaus des Genießens, dass sich so viele Männer um ihn bemühen, zum Einstürzen bringen und die Dynamiken verschärfen.
Die vierte Staffel von "Prince Charming" kann seit Donnerstag, den 29. September 2022 auf RTL+ gestreamt werden. Jede Woche gibt es für die Abonnent*innen (ab 4,99 € im Monat) eine neue Episode. Auf Youtube gibt es ein Sneak Peak, in dem die ersten 18 Minuten der Premierenfolge zu sehen sind. Insgesamt zeigt RTL+ neun Folgen plus eine später aufgenommene Wiedersehensfolge. Darin wird der Prince verraten, ob er immer noch mit dem von ihm ausgewählten Mann zusammen ist. Mehr in einem Interview mit Fabian Fuchs.
Mehr zum Thema:
» Kritik der Auftaktfolge: Der Prinz, die Penis-Seife, peinliche Plattitüden und ein Pupser (30.09.2022)
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Das ignoriert er nicht.
Natürlich gibt es Transphobie, Rassismus etc innerhalb der LGBTQ+ Community, genauso wie beim Rest der Welt.
Wie könnte es denn anders sein?
Wir sind nicht die besseren Menschen und müssen das auch nicht sein. Immer der nette Gute sein zu müssen, das ist internalisierte LGBTQ+Phobie.
Als diskriminierte Minderheiten starten wir aber mit schlechteren Karten und haben im Gegensatz zur heteronormativen Mehrheit bedrohliche Verlust-Ängste.
Es ist eine versteckte Taktik der Konservativen: "Teile und Herrsche". Schwule cis Männern haben nicht die Macht irgendwem aus einem öffentlichen Kurs zu verdrängen und sie wollen es auch nicht. Das ist eine Chimäre. Auch "Prince Charming" ist im Grunde für heterosexuelle Gemacht! Sie stellen den Großteil des potentiellen Publikums.
Die eigentlich Frage ist, warum bemängeln wir so häufig Diskriminierung innerhalb der Community? Und die Antwort: Weil wir das eher vor Augen haben und weil es da einfacher ist. Dort trifft man nämlich auf Leute die akzeptierend sein wollen in ihrem eigenen Interesse.
Wenn wir aber an uns selbst höhere Maßstäbe anlegen, zersplittert die Community. Wenn wir uns nicht auf Gemeinsamkeiten besinnen verlieren wir die politische Schlagkraft. Und das ist eigentlich nicht schwer: LGBTQ+ haben viel gemeinsam, deshalb sind nicht alle gleich.
Aber eine Forderung nach queer-gebildeten, unbefleckten, multitoleranten Benehmen, ist eben gerade für diskriminierte Minderheiten nicht erfüllbar. Niemand innerhalb der Community, der Ahnung hat, verlangt sowas.
Es ist ein rhetorischer Trick:
"Du heizt mit Gas! Wie kannst du da für Umweltschutz sein?" Ich würde jemanden der sich mit 60 zum ersten mal traut so halbwegs zu seiner Homosexualität zu stehen, sicher nicht vorwerfen, wenn er nicht versteht was "nicht-binär" bedeutet. Er kann trotzdem vehement und ehrlich gegen Diskriminierung kämpfen.