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Heimkino

"Justine": Mit dem Tunnelblick des Begehrens

Das Indie-Drama "Justine" erzählt von der unwahrscheinlichen Annäherung zwischen der ambitionierten Rachel und einer Titelheldin, die mit Alkoholsucht zu kämpfen hat. Ihre Liebe erinnert an das lesbische Kino vergangener Tage.


Justine (Tallulah Haddon) und Rachel (Sophie Reid) lernten sich bei einem Bücherdiebstahl kennen

Liebe wider jede Vernunft hat es im lesbischen Kino schon lange nicht mehr gegeben. Gemeint ist damit nicht eine Form der Liebe, die der gerne als ein Bestehen auf "Vernunft" getarnten Ablehnung durch das familiäre oder gesellschaftliche Umfeld trotzt. Die gibt es im queeren Film natürlich weiterhin zuhauf, man könnte sogar sagen: Sie ist seine Spezialität.

Nein, gemeint sind die auf charmante Art ziemlich eigenartigen Geschichten, die insbesondere in lesbischen Liebesdramen der 1990er und frühen 2000er Jahren zu finden waren. In Filmen wie "Lost & Delirious", "High Art" und "Bound – Gefesselt" ging es stets sehr dramatisch zu, und mitunter gab es Handlungselemente, die eigentlich eines B-Movies würdig waren.

Filme dieser Machart sind zunehmend in Verruf geraten, weil sie (zurecht) viel Kritik dafür ernteten, dass sie für die Liebenden im Zentrum meist tragisch endeten. Das "Bury your Gays"-Motiv – also der Erzähltrend, schwule und lesbische Figuren am Ende des Filmes sterben zu lassen – war damals noch stark vertreten.

Leidenschatliche Liebe ohne Rücksicht auf Verluste

Was die lesbischen Indie-Filme dieser Ära trotzdem so sympathisch, ja reizvoll machte, ist die enorme Leidenschaft, mit der geliebt wurde. Gleichgültig gegenüber den Verletzungen, die sie sich dabei vielleicht zuziehen mögen, stürzten sich die Protagonistinnen mit Leib und Seele in Romanzen. Ohne Rücksicht auf Verluste – oder eben: wider jede Vernunft. Die meisten Hetero-Liebesfilme wirkten daneben brav bis bieder.

Natürlich fällt diese intensive, alles verzehrende Form der Liebe nach heutigen Maßstäben klar in die Kategorie "toxisch". So etwas wie "gesunde Grenzen" kannte in diesen Filmen niemand. Selbstredend muss das, was auf der auf der Leinwand ansprechend wirkt, nicht auch in der Realität erstrebenswert sein. Dennoch würde ein Film, der eine solche Liebe inszeniert, schlicht nicht mehr zu heutigen Sehgewohnheiten passen.

Film-Ära in unseren Zeitgeist übersetzt


"Justine" ist am 28. Oktober 2022 bei Pro Fun auf DVD erschienen

Umso erfreulicher ist es, dass mit "Justine" (Amazon-Affiliate-Link ) nun ein kleines britisches Indie-Drama erschienen ist, das durchaus in der Tradition dieser Film-Ära steht, dem es aber gelingt, sie in unseren Zeitgeist zu übersetzen. Soll heißen: Es wird trotz einiger "red flags", aber nicht bis zur Selbstaufgabe, geliebt – und es wird nicht direkt gestorben. Es geht dramatisch zu – die Handlung enthält aber keine abstrusen Erzählelemente, sondern ist fest in der Realität verankert.

Die Liebe wider jede Vernunft entspinnt sich zwischen Rachel (Sophie Reid) und der titelgebenden Justine (Tallulah Haddon), beide etwa Mitte zwanzig. Letztere ist es, die die heiklen Eigenschaften ins Spiel bringt. Das deutet sich bereits bei ihrer ersten Begegnung in einer Bücherei an: Kurz nachdem sie sich erste verstohlene Blicke zugeworfen haben, greift Justine in ein Regal und steckt ein Buch unter ihre Jacke.

Anstatt sich schnell vom "Tatort" zu entfernen, passt sie Rachel daraufhin vor dem Gebäude ab, verwickelt sie in ein etwas unbeholfenes Gespräch, indem sie sie scherzhaft fragt, ob sie sich bewusst sei, dass sie nun so etwas wie ihre Komplizin ist.

Charakterstudie einer jungen Alkoholikerin

Regisseur Jamie Patterson ("Tucked") erzählt mit viel Gespür für Nuancen von ihrer darauffolgenden Annäherung, der anfänglich vorgetäuschten Coolness auf beiden Seiten, die zumindest bei Rachel schnell offen gezeigtem Interesse weicht.

Dass sich Justine zurückhaltender gibt, liegt an ihrem chaotischen Leben, das sie vor Rachel zu verbergen versucht, über das die Zuschauenden durch die Eröffnungssequenz aber bereits Bescheid wissen. Diebstähle sind neben ihrem enormen Alkoholkonsum beinah ein zu vernachlässigendes Problem. Obwohl sie überaus intelligent ist, hat sie außerdem weder einen Job noch einen Bildungsabschluss.


Die Romanze zwischen Rachel und Justine ist so überzeugend wie bewegend (Bild: Pro-Fun Media)

In Gesprächen mit Psychologin Leanne (Sian Reese-Williams), welche Justine im Rahmen einer Bewährungsstrafe führen muss, stellt sich heraus, dass sie in einem geordneten Alltag mit geregelter Arbeit keinen Sinn erkennen kann. Erfahrungen in ihrer Jugend scheinen ihr den Glauben daran genommen zu haben, dass ein durchschnittliches Dasein mit Haus, Familie und Beruf glücklich machen kann.

Der von Jeff Murphy ("Denmark") geschriebene Film ist damit auch eine Charakterstudie, die stets nah an der Titelheldin bleibt und dabei immer wieder ihr Hadern, die vielen Versuche sich doch zu bessern und die darauffolgenden Rückfälle, einfängt.

Authentisch inszenierter Rausch des Anfangs

Trotz ihrer unterschiedlichen Hintergründe – Rachel arbeitet daran, als Englischlehrerin ins Ausland gehen und das trostlose Brighton hinter sich lassen zu können – verlieben sich die beiden Frauen ineinander. Sowohl die Chemie zwischen Reid und der burschikoser auftretenden Haddon als auch die einfühlsamen Zwiegespräche machen ihre Romanze so überzeugend und damit auch bewegend.

Besonders einnehmend sind die glücklichen Momente ihrer Beziehung, die von der vertrauensseligen Magie des Anfangs geprägt sind. Von der unbedarften Hoffnung, dass mit der neuen Liebe alle Probleme in den Hintergrund treten, vielleicht sogar überwunden werden können, wie sie vor allem Rachel hegt. Dass ein Film diese berauschenden Gefühle derart authentisch einfängt, ist selten. Nicht weniger rar ist die wirklichkeitsnahe Inszenierung der ersten gemeinsamen Nacht, die typische kleine Komplikationen abbildet, ohne ihr das Besondere zu nehmen.

Leider verliert "Justine" im letzten Drittel bisweilen seinen Fokus, wabert zwischen ungelenken Erklärungsversuchen für die Schwierigkeiten seiner Titelheldin und repetitiven Darstellungen eben dieser hin und her. Das berührende Finale versöhnt allerdings wieder mit dem Film. Es findet einen gelungenen Mittelweg zwischen der Tragik seiner inoffiziellen Vorbilder und schnöder Traumtänzerei, indem es einen Ausblick anbietet, der vorsichtig signalisiert, dass zwar nicht alles gut werden, aber auch nicht jede unbedarfte Hoffnung eine vergebliche sein muss.

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Infos zum Film

Justine. Romantik-Drama. Großbritannien 2020. Regie: Jamie Patterson. Cast: Tallulah Haddon, Sophie Reid, Kirsty Dillon, Sian Reese-Williams, Steve Oram, Xavien Russell. Laufzeit: 82 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch, Niederländisch (optional). FSK 16. Pro-Fun Media

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-w-

#1 Sonnenschein 13Anonym
  • 29.10.2022, 20:13h
  • Super Artikel. Da macht das Lesen Spaß und man wird neugierig auf den Film ;)
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