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Theater

Der Schmerz, den wir teilen

Tony Kushners preisgekröntes Epos "Engel in Amerika" am Residenztheater München erzählt ausgehend von dem Beginn der Aids-Pandemie Mitte der 1980er Jahre von einer erkrankten amerikanischen Gesellschaft.


"Engel in Amerika" feierte am 23. September 2022 Premiere am Residenztheater München (Bild: Birgit Hupfeld)

Anfang der 1980er Jahre wurden in Amerika die ersten bekannten Fälle von Aids festgestellt. Es vergingen noch einige Jahre bis der damalige republikanische Präsident Ronald Reagan erstmals öffentlich über die Krankheit sprach. Längst hatte sich Aids über die gesamte USA ausgebreitet. Die Gefahren, die von der Epidemie ausgingen, wurden unter der konservativen Regierung über mehrere Jahre hinweg zunächst ignoriert, dann systematisch kleingeredet und vernachlässigt – schließlich betraf die Krankheit zunächst meist homosexuelle Männer. Bis heute starben schätzungsweise rund 35 Millionen Menschen an Aids. Und weiterhin bleibt die Krankheit ein wichtiges Thema: Denn längst erhalten nicht alle Menschen den gleichen Zugang zu einer Behandlung und medikamentösen Versorgung. Ob man im globalen Norden oder Süden lebt, entscheidet weiterhin über das eigene Schicksal nach einer Infektion, entscheidet weiterhin über Leben und Tod.

Tony Kushner ist dieses Schicksal erspart geblieben. Der US-amerikanische Autor wurde 1956 in New York geboren und ist selbst Teil der Gay Community. Im November 1985 starb der erste Mensch, den er persönlich kannte, an Aids. Daraufhin hatte er einen Traum von jenem Bekannten, wie dieser sterbend auf einem Bett liegt und auf einen Engel trifft, der die Decke zerbirst und in das Zimmer hinabsteigt. Davon inspiriert schrieb er ein mehrseitiges Gedicht und gab ihm den Titel "Engel in Amerika". Schließlich ist der Text in eine dramatische Form übergegangen, erhielt den Untertitel "Schwule Variationen über gesellschaftliche Themen" und wurde 1991 in San Francisco uraufgeführt.

Kushner wurde mit dem Stück schlagartig berühmt und erhielt für sein Werk zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Tony Award und den Pulitzer-Preis 1993. Am Theater Basel inszenierte der australische Regiestar Simone Stone 2015 das zweiteilige Epos – Teil 1: "Die Jahrhundertwende", Teil 2: "Perestroika" – mit einem achtköpfigen Ensemble und eröffnete damit die damalige Intendanz von Andreas Beck. Nun, sieben Jahre später, feierte die Produktion erneut Premiere – diesmal am Residenztheater München, das Beck nun seit 2019 leitet. Dieser wollte die Inszenierung schon in seiner ersten Spielzeit herausbringen, was wegen der Corona-Pandemie aber lange unmöglich blieb und nun aber doch noch geklappt hat. München-Premiere war am 23. September.

Ein Stück über Rechtsruck und Neoliberalismus

Eingebettet in den (gesellschafts-)politischen Kontext der 1980er Jahre in Amerika spielt das Stück hauptsächlich in San Francisco. Der Autor folgt dabei keiner linearen Erzählung, sondern lässt mehrere Realitäten gleichzeitig existieren. Dafür überlappt er verschiedene Realitäts- und Handlungsebenen und verzahnt sie ineinander. Der Text fließt dabei von einem Moment in den anderen. Da ist zum Beispiel ein junges schwules Paar, das sich trennt, weil der Gesunde die Nähe des Erkrankten nicht mehr erträgt. Eine Mormonenehe zerbricht, weil der Mann seine wahre Sexualität nicht länger vor seiner Frau verbergen kann. Neben den vielen fiktiven Figuren lässt Kushner mit dem Republikaner Roy Cohn aber auch eine real existierende Person auftreten: Der korrupte Rechtsanwalt lässt sich hier von seinem Hausarzt Krebs diagnostizieren, weil er seine Aids-Erkrankung und vor allem seine Homosexualität bis zu seinem letzten Atemzug verbergen will.

Kushner verwebt all diese Handlungsfäden zu einem riesigen Gesellschaftspanorama, das die Aids-Epidemie zum Indikator für eine nachhaltig erkrankte amerikanische Gesellschaft macht. Es geht ums eigene Coming-out, um Stigmatisierung, Diskriminierung und internalisierte Homofeindlichkeit, um die rechtliche Benachteiligung von homosexuellen Menschen und das Fehlen einer echten Queerpolitik, um eine Community, die von der Dominanzgesellschaft in die absolute Unsichtbarkeit gedrängt wird, um Liebe, Verlust und Schmerz. Und doch ist da auch ein ganzheitlicher Blick auf die Gesellschaft, den Stone in seiner Inszenierung stark betont: Der Kampf um religiöse Identität, der überhandnehmende Kapitalismus, die Frage nach Macht und Privilegien, der Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft und der Neoliberalismus, der sich unwidersprochen in allen Lebensbereichen eingenistet hat.

Sprachlich präzise Dialoge, liebevoll gezeichnete Figuren

Für die Inszenierung hat Bühnenbildner Ralph Myers ein breites Großraumbüro mit weißen Leuchtstoffröhren an der Decke auf die Bühne des Residenztheaters gesetzt. Dabei lässt er durch die Anordnung einzelner Versatzstücke verschiedene Schauplätze entstehen: Künstler*innengarderobe, Krankenhauszimmer, Anwaltskanzlei, private Wohn- und Schlafzimmer. Durch den geschickten Einsatz atmosphärisch passender Lichtstimmungen werden einzelne Szenen so feinsinnig akzentuiert, dass sich selbst zarte Gefühle und leise Töne über die gesamte Bühne ausbreiten können. Dabei sind es gerade die sprachlich präzisen Dialoge und liebevoll gezeichneten Figuren, die an diesem Abend glänzen und uns vor Augen führen, dass es eben nicht nur die Erkrankten sind, die leiden und eine Gesellschaft brauchen, die sie auffängt. Schließlich sind es auch ihre Partner*innen und Familien, die gemeinschaftliche Unterstützung brauchen.


Geschickter Einsatz von Lichtstimmungen: Szene aus der Inszenierung von "Engel in Amerika" am Residenztheater München (Bild: Birgit Hupfeld)

Gerade zum Ende hin hat Kushners Stück etwas Hoffnungsvolles, was durchaus in die Zeit seiner Entstehung passt: Man konnte noch vom Ende der konservativen Weltordnung, vom Ende des Kalten Kriegs und von der Aufhebung von Grenzen träumen. Doch diese Hoffnung gibt es mittlerweile nicht mehr. Rechtsnationale Bewegungen haben in Europa und Amerika längst wieder Einzug gehalten. Täglich werden grausame Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen nicht nur in Russland, Iran, China und Afghanistan begangen. Auf dem Mittelmeer ertrinken weiterhin zahlreiche flüchtende Menschen. Immer wieder verheerende Angriffe auf die Queer-Community, zuletzt etwa in Bratislava, bei dem zwei queere Menschen starben. Die schier unaufhaltsam voranschreitende Klimakrise. Die Perspektivlosigkeit und mangelnde Kreativität bei der Suche nach einer Alternative zum Kapitalismus. Der oder die Einzelne wird dagegen wenig ausrichten können. Es kommt ganz auf ein gesellschaftliches Miteinander und eine solidarische Gemeinschaft an. Der fünfeinhalbstündige Theaterabend kann als Appell verstanden werden, Banden zu bilden und den Egoismus zu überwinden.

"Schmerz ist Leben", schlussfolgert eine der Figuren, als die Decke, im wahrsten Sinne des Wortes, längst über den Köpfen der Protagonist*innen eingebrochen und der Engel in gleißendem Licht zu dem an Aids erkrankten Prior herabgestiegen ist. Wenn wir uns häufiger vor Augen führen, dass das etwas ist, das uns eint und nicht trennt, könnten wir versuchen, einander wieder näherzukommen und uns gegenseitig richtig zuzuhören. Denn den Schmerz miteinander zu teilen, kann ein guter Anfang sein, um sich gemeinsam auf die Suche nach Antworten auf die drängendsten Fragen unserer Zeit zu begeben.

Infos zum Stück

Engel in Amerika. Autor: Tony Kushner. Übersetzung: Frank Heibert. Inszenierung: Simon Stone. Premiere am Residenztheater München war am 23. September 2022. Nächste Vorstellungen am Sonntag, 18. Dezember um 17 Uhr sowie am Freitag, 30. Dezember um 17 Uhr.
-w-

#1 ClaasCleverAnonym
  • 30.10.2022, 17:35h
  • Ich kenne nur die Verfilmung mit Meryl Streep und Al Pacino; ich heule jedesmal. Ich hoffe als Theaterstück wird es bald in Berlin gezeigt
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