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"Ein Tor zum Meer"
Schwule Erinnerungen an Schmerz und Schönheit
Der syrisch-schwedische Schriftsteller Khaled Alesmael gibt Einblicke in die Lebenswelten queerer Männer aus Damaskus, Kairo und Bagdad. Seine Geschichten sind sinnlich, schmerzhaft und voller Leben.

Khaled Alesmael wurde als Sohn eines syrischen Vaters und einer türkischen Mutter in Syrien geboren. 2014 floh er von Damaskus nach Stockholm, heute lebt er in London (Bild: Ben Wilkin)
- Von
1. November 2022, 06:03h - 3 Min.
Nachdem Khaled Alesmael in seinem großartigen Debüt "Selamlik" romanhaft von eigenen Fluchterfahrungen und dem Queersein als muslimischer Mann erzählt hat, teilt er in "Ein Tor zum Meer" (Amazon-Affiliate-Link )nun die Geschichten weiterer Männer aus der arabischen Welt. Als Grundlage dienten dem in Schweden lebenden Schriftsteller, der auch als Journalist tätig ist, 30 Interviews, die er nach seiner Ausreise aus Syrien geführt hat, um arabischen Schwulen zu mehr Sichtbarkeit zu verhelfen.
Bei "Ein Tor zum Meer" handelt es sich allerdings nicht einfach um die Abschriften dieser Gespräche. Alesmael selbst beschreibt sein Buch als fiktionales Sachbuch, er verwebt Fiktion und Fakten kunstvoll zu kurzen Geschichten. Oft entfalten sich die Erzählungen in Form von Briefen, es sind intime Ich-Erzählungen, die bei aller Offenherzigkeit und Erotik zu keinem Zeitpunkt voyeuristisch anmuten.
Kurze Geschichten voller Leben

"Ein Tor zum Meer" ist im Oktober 2022 im Albino Verlag erschienen
Mit klarer, präziser Sprache scheibt Alesmael von sexuellem Erwachen, späten Beschneidungen, religiösen Spannungen und Gewalterfahrungen. Dank subtiler, niemals überbordender Metaphorik rücken die Leser dabei ganz nah an die Protagonisten. Es werden Tränen getrunken oder Männer verwandeln sich in Fische. Zu keinem Zeitpunkt aber werden die eindrucksvollen Sprachbilder zum Selbstzweck – Alesmael ist ein eher zurückhaltender Erzähler, der auf Effekthascherei verzichtet.
Seine kurzen Texte sind dabei so dicht und lebendig, dass man immer wieder den Eindruck hat, man wäre in einem dicken Roman oder einem ganzen, fremden Leben versunken. "Ein Tor zum Meer" erweist sich als weiter Raum, in dem Erinnerungen wach und lebendig gehalten werden. Es sind Erinnerungen an Damaskus vor dem Krieg, an eine queere Jugend im christlichen Viertel von Kairo oder an die Ankunft islamistischer Terroristen in ar-Raqqa aus der Sicht eines Mannes, der gerne den Lippenstift seiner Frau trägt.
Queeres Leben in Gefahr
Das titelgebende Tor zum Meer bezieht sich auf einen Hamam in Kairo, einen Ort, der die Ambivalenz und Fragilität queerer Existenzen verdeutlicht. Das Bad wird von Alesmael als heruntergekommen, beinahe abstoßend beschrieben, zugleich bietet es schwulen Männern die kostbare Möglichkeit, ihr Begehren auszuleben und sie selbst zu sein. Wie gefährdet solche Orte sind, zeigt ein Blick auf eine Nachricht, die im Dezember 2014 für Schlagzeilen sorgte: Die ägyptische Journalistin Mona Iraqi drang damals gemeinsam mit einem Fernsehteam und der Polizei in den Hamam ein und filmte, wie die Besucher unbekleidet auf die Straße getrieben und öffentlich gedemütigt wurden (queer.de berichtete).
Welch tiefe Wunden Homophobie, aber auch Krieg und Gewalt schlagen, davon berichtet Alesmael oftmals mit verstörender Beiläufigkeit. Denn zu den Erfahrungen seiner Protagonisten gehört auch, wie alltäglich Terror und Angst werden können, wenn man ihnen Tag für Tag ausgesetzt ist. "Ein Tor zum Meer" verschweigt dieses Grauen nicht, zugleich ist immer spürbar, dass Alesmael dem etwas entgegensetzen will – so kraft- und hoffnungsvoll schreibt er von vorsichtigen Blicken, flüchtigen Begegnungen und zerbrechlichen Neuanfängen.
Khaled Alesmael: Ein Tor zum Meer. Aus dem Arabischen übersetzt von Christine Battermann. 208 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-86300-342-5). E-Book: 15,99 €
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Mehr zum Thema:
» Interview mit Khaled Alesmael: "Leute, die Homosexualität ablehnen, sollen meine Texte lesen" (15.10.2022)
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