https://queer.de/?43665
Doku-Serie
Mit 42 schon alles erlebt: Der Auf- und Abstieg des Jens Spahn
Ab 2. November auf RTL+: In der neunteiligen Doku-Serie "Second Move Kills – 5 Jahre mit Jens Spahn" porträtiert Filmemacher Aljoscha Pause den schwulen CDU-Politiker.

Jens Spahn wird bei RTL+zum Serienhelden (Bild: RTL)
- Von Michael Freckmann
1. November 2022, 12:40h 6 Min.
Am Ende läuft er allein durch leere Bundestagsflure. Mit 42 Jahren war Spahn schon 20 Jahre lang im Bundestag, war Staatssekretär, Bundesminister und oberster Pandemiebekämpfer. Nach der Bundestagswahl 2021 landete die ehemalige Zukunftshoffnung der CDU in der Opposition. Der beliebteste Politiker im Land war er da schon länger nicht mehr. Die Doku-Serie "Second Move Kills" zeigt diesen Auf- und Abstieg. Und sie vermittelt einen Eindruck davon, was von Jens Spahn noch zu erwarten ist.
Am Anfang steht der rebellische Parteipolitiker. Spahn kandidierte 2014 gegen Merkels Wunsch für das Parteipräsidium. Er polarisierte mit seinen Ansichten über den Islam oder damit, dass es seiner Meinung nach zu viele Hipster in Berlin gäbe. Ein Rebell in der CDU blinkt nicht links, sondern rechts. Die Meinungen über den "frühen" Spahn gehen dann auch weit auseinander. FDP-Politiker Gerhart Baum attestiert Spahn eine "subkutane Fremdenfeindlichkeit", während ARD-Moderator Frank Plasberg ihn als "Demokraten bei der Arbeit" beschreibt.
Eine Home-Story ohne Home
Man sieht viel von Spahns Leben. In der Politik, beim Sport oder beim Spaziergang mit dem Ehemann. Doch das wirklich Private bleibt privat. Eine Home-Story ohne Home; auch dies ganz bürgerlich. Dennoch ist es wohl der fortschrittlichste Teil des Films wenn Spahn in Parteitagsreden seinen Mann einfach beiläufig erwähnt oder sie beide selbstverständlich über einen möglichen Kinderwunsch sprechen. So zeigt Spahn, dass die sexuelle Orientierung eben keine politische Einstellungsfrage ist, wie Kevin Kühnert in der Doku unterstreicht.
Spannend wäre jedoch die Frage gewesen, ob Spahn sich als schwuler Mann gegenüber seiner Wählerklientel besonders genötigt sah, mit restriktiven Positionen zu punkten, weil sein Lebensstil eben nicht klassisch konservativ ist. Seine Homosexualität hilft ihm nun in Kombination mit seinen konservativen gesellschaftspolitischen Ansichten dabei, die Rolle des modernen Konservativen auszufüllen, wie andere in seiner Partei dies nicht können. Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn ausgerechnet die lange von der CDU stigmatisierte Homosexualität bei einem möglichen zukünftigen Spitzenkandidaten Spahn der Partei nun neue Wählerschichten links der Mitte eröffnen würde.
Plötzlich beliebtester Politiker der Republik
2017 erscheint wiederum ein neuer Spahn. Er ist plötzlich Gesundheitsminister. Es kommt ihm dabei zugute, dass er vorher mehr als zehn Jahre lang gesundheitspolitischer Sprecher war. So wird das neben dem Verteidigungsressort als Schleudersitz geltende Gesundheitsministerium für ihn nicht zur Falle. Vertrat er lange neoliberale Positionen, setzte er als Minister nun die Erhöhung von Krankenkassenbeiträgen durch. Er brachte sogar das Teilverbot sogenannter Konversionstherapien oder einen Anlauf zur Reform der Organspende in Gang, was ihm auch Anerkennung etwa von Claudia Roth einbrachte.
In der Coronapandemie kommt dann der Krisenmanager Spahn zum Vorschein. Erstaunlicherweise war dies ein Job, auf den er nicht gedrängt hat wie auf die vorherigen. In dieser Zeit steigt er in Umfragen zum beliebtesten Politiker auf. Sehr spannende Momente hat die Doku dort, wo es gar nicht unmittelbar um Spahn selbst geht. An den Stellen, in denen der Politikbetrieb bei der Bewältigung der Corona-Pandemie von innen gezeigt wird. Oder dort, wo Spahn nur stellvertretend für andere Politiker*innen steht, wenn politisch Agierende über den Hass sprechen, den sie erlebt haben.

Jens Spahn im Interview für "Second Move Kills" (Bild: RTL)
So schnell wie er in Umfragen aufgestiegen ist, stürzte er dann auch wieder ab. Ursächlich hierfür waren Debatten um die Maskenbeschaffung und die Impfkampagne. Vor der Bundestagswahl stellte er sich auf die Seite von Armin Laschet und verlor gemeinsam mit ihm. Seit dieser Wahl ist Spahn aus den höchsten Bahnen der Politik erst einmal wie ausgespuckt worden. Nun sortiert er sich als Wirtschaftspolitiker neu.
Spahn, der Dompteur
Das neunteilige Porträt "Second Move Kills" stammt vom Filmemacher Aljoscha Pause. Er hat davor bereits für Filme über Mario Götze, Homosexualität im Fußball und Fußballtrainer Preise bekommen. Diese Doku zeigt einen Polit-Star des Typs Sebastian Kurz oder Emmanuel Macron. Sie alle hatten einen schnellen Aufstieg und beherrschen die Klaviatur der Mediendemokratie, in der über klassische und soziale Medien agiert, provoziert und reagiert wird. Da wirkt es nur selbstverständlich, dass Christian Lindner zu Spahns guten Freunden gehört.
So sieht man im Film auch kaum etwas von dem, was Parteiarbeit eigentlich ausmacht. Gemeinsame Gremienarbeit und langfristiges, zähes Verhandeln. Szenen von Parteitagen der CDU werden nur gezeigt, um deutlich zu machen, wie Spahn allein gegen die Parteiführung rebelliert und versucht, die Mehrheit des Parteitages auf seine Seite zu bringen. Spahn der Dompteur – nicht Spahn der Parteiarbeiter.
Diese Serie ist mit mehr als zehn Stunden jedoch was lang geraten. In der letzten Folge beschreibt etwa der Komiker Max Giermann ausufernd, wie er Jens Spahn parodiert. Solche Episoden erklären weder Spahn noch den Politikbetrieb. Die Doku changiert zwischen persönlichem Portrait und der Analyse der gesellschaftlichen Debatten der letzten Jahre. Doch beides kann die Doku nicht ganz abbilden. Denn einerseits ist Spahns politische Karriere wohl noch nicht abgeschlossen. Andererseits können mit dieser Doku gesellschaftliche Phänomene wie etwa der Streit der Unionsparteien 2018, die Pandemie, oder die Rolle der Medien im Umgang mit Politiker*innen nicht ausreichend erklärt werden. Denn Spahn war bei all dem eben nicht der alleinige zentrale Akteur.
Straffung hätte der Dokuserie gutgetan
Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Doku etwas zu straffen. Die ARD-Dokumentation über Kevin Kühnert etwa beschäftigte sich mit dem Kampf der Jusos gegen die GroKo und konzentrierte sich damit auf ein bestimmtes Thema. Stephan Lambys Filme über Wolfgang Schäuble und Helmut Kohl sind auch eher durch thematische Aspekte eingegrenzt wie die "Schwarzen Kassen" der CDU oder die "Griechenlandkrise". Der Untertitel "5 Jahre mit Jens Spahn" vermittelt bereits ein wenig Beliebigkeit.
RTL kündigte die Doku an als Porträit eines Mannes, "der wie kaum ein anderer polarisiert". Doch das tun andere Politiker*innen derzeit weitaus mehr. Wenn es danach gegangen wäre, hätte es eher eine Doku über Sahra Wagenknecht, Boris Palmer oder jemanden von der AfD werden müssen.
Gleichzeitig macht dieser Aspekt letztlich auch einen Pluspunkt der Doku deutlich: Hatte man vor fünf Jahren noch gedacht, dass die Doku seinen Weg nach oben zeichnet, ist Spahn heute nicht mehr in der ersten Reihe zu finden. Lange war er der Anti-Merkel, um später eng mit ihr in der Coronakrise zusammenzuarbeiten. Spahn versuchte dann gegen Friedrich Merz Parteivorsitzender zu werden, um nun sein Stellvertreter in der Fraktion zu sein.
Die Serie zeigt, wie wichtig es für Politiker*innen ist, unterschiedliche Rollen spielen zu können und immer wieder neu politischen Instinkt zu beweisen. Musste Spahn sich jedoch bisher immer auf der nächsthöheren Stufe bewähren, darf man nun gespannt sein, wie er mit der jetzt für ihn neuen Rolle eines Zurückgestuften umgehen wird.
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
20:15h, Das Erste + One + SRF1 + ORF1:
Eurovision Song Contest 2026
Der Countdown – Bevor die 70. Ausgabe des Eurovision Song Contest beginnt, stimmt Barbara Schöneberger auf das musikalische Großereignis ein.
Show, D 2026- 5 weitere TV-Tipps »
















Bitte in den TV-Programmhinweisen als Weggucktipp kennzeichnen! Man weiß gar nicht, wofür man den Heini mehr hassen soll: für sein Geschwalle, die Renten müssten weiter sinken oder von Hartz IV könne man schnafte leben, für sein Festhalten am Schwachsinns-Abtreibungswerbungsparagraf, für seine Weigerung, eine menschenwürdige Sterbehilfe umzusetzen, für sein peinliches Gepose mit dem Trump-Zäpfchen Grenell, die versemmelten Maskengeschäfte, den Verkauf der Gesundheitsdaten von Kassenpatienten oder seinen maßlosen Palazzo Protzo in Berlin...
Diesen Sympathen schaue ich mir bestimmt nicht an!