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"Adam im Paradies"
Von den schwulen Farben Kristian Zahrtmanns
Vom Begehren, der Freundschaft, Enttäuschung und dem Leugnen der eigenen Identität: Mit viel Sinnlichkeit in der Sprache gibt Rakel Haslund-Gjerrild dem dänischen Maler Kristian Zahrtmann eine Stimme.

Kristian Zahrtmanns Gemälde "Adam im Paradies" stand Pate für den Titel des gleichnamigen Romans von Rakel Haslund-Gjerrild (Bild: Ribe Kunstmuseum)
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2. November 2022, 00:21h 5 Min.
Eigentlich kann er bereits auf ein erfolgreiches Leben zurückblicken. Kristian Zahrtmann hat als Maler neue Impulse in die Dänische Kunst gebracht, eine eigene Schule gegründet, viele junge Maler beeinflusst, Preise gewonnen und so weiter. In die Reihe dieser künstlerischen Erfolge will er im Jahr 1913 ein weiteres Werk stellen. Das titelgebend Motiv des Bildes: ein Adam, der im prächtigen Garten Eden sitzt. In Vorbereitung auf die Arbeit an dem Gemälde richtet er einen Paradiesgarten in seinem Atelier ein, lässt Palmen aufstellen, golden reife Bananenstauden liefern, alles im genau richtigen Lichteinfall platzieren. Und dann dazu noch sein Modell, einen jungen Soldaten, einen Adam.
Von dieser Szene ausgehend erzählt die Dänin Rakel Haslund-Gjerrild das Leben des Malers als eine Serie von kurzen Erinnerungssequenzen. Dabei geht es ihr vor allem um die Einfühlung in den Menschen, als um die genaue Nachzeichnung des Lebens, die Darstellung einer historischen Figur. "Adam im Paradies" (Amazon-Affiliate-Link ) ist keine Biografie, sondern ganz eindeutig ein Roman, was sich vor allem in Sprache und Stil offenbart. Zahrtmann ist nicht nur die zentrale Figur, um die herum die Handlung in Fokus genommen wird, er fungiert auch als Ich-Erzähler und ist selber derjenige, der den Lesenden seine (Lebens-)Geschichte erzählt. Unterbrochen wird er immer wieder von montierten historischen Dokumenten. Zeitungsartikel, Briefe oder ähnliches dienen alle paar dutzend Seiten als Spiegel dessen, was Zahrtmann berichtet.
Selbstverleugnung bis in die Sprache

Rakel Haslund-Gjerrild (Bild: Sofie Amalie Klougart)
Zeit seines Lebens hat der Maler sich nie zu seiner Sexualität bekannt. Die historischen Fragmente, die durch den Roman gestreut sind, widmen sich immer wieder diesem Aspekt. Etwa weisen Zeitungsberichte auf die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Dänemark stattfindenden Sittlichkeitsprozesse hin. Dass diese Dinge in Zahrtmanns Erzählung quasi abwesend sind, ist Zeichen für den Grad seiner Selbstverleugnung. Auf subtilste Weise ist das Sexuelle in seiner Sicht unsichtbar, ohne dabei aber zu fehlen. Bzw. ist das Fehlen eine ganz bewusste Auslassung, die unterdrückte Identität wird als Leerstelle inszeniert.
Die geradezu angstvolle Beziehung zur Sexualität und zum Körperlichen, die Zahrtmann entwickelt hat, zeigt sich etwa in einer fast komödiantisch traurigen Essensszene. Eine gute Freundin besucht den Maler und die Haushälterin, die eine ausgesprochen schlechte Köchin ist, trägt ganz besonders versalzen auf. Den Wechsel im Gesicht der Freundin, als sie die junge Haushälterin sieht, lässt in Zahrtmann sofort Panik aufkommen. Er vermutet, dass sie vermuten könnte, er akzeptiere die unterirdischen Kochkünste nur deshalb, weil er eine Affäre mit der Haushälterin hat.
Der begehrende Blick auf das Männliche

Der Roman "Adam in Paradies" ist im Oktober 2022 im Albino Verlag erschienen
Mitleidig schaut man dem alten Mann dabei zu, wie er sich vor sich selbst zu fürchten scheint. Im Kontrast fällt umso mehr der fast zaghaft sinnliche, im Kern schmerzlich begehrende Blick auf das Männliche in seinem Leben auf. In knappen Beschreibungen, manchmal nur halben Sätzen deutet Haslund-Gjerrild tiefe Gefühle an, die der Maler sich selber gegenüber nicht einzugestehen traut.
Wie sah Adam im Paradies wohl aus? Wahrscheinlich war er nackt. Als Vermutung für die konservative dänische Gesellschaft Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schon unerhört. Als Gemälde in leuchtenden Farben ausgeführt – ein Skandal, eine Obszönität. Auch wenn "Adam im Paradies" ein Roman und keine histografische Arbeit, dringt die Zeitgeschichte immer wieder in die oft etwas schöngeistig entrückte Welt des Malers ein. Das Personal des Romans ist historisch, die befreundeten Künstler und Intellektuellen waren tatsächliche Zeitgenossen des realen Kristian Zahrtmann.
Über die reine geschichtliche Wiedergabe wächst die Erzählung dadurch hinaus, dass den Figuren, die Unterdrückung und Verfolgung erlitten haben, ein gewisser Grad an Wiedergutmachung zuteilwird. Wie auch etwa der Maler Herman Bang, ebenfalls ein realer Freund Zahrtmanns und Figur des Romans, zu Lebzeiten wegen seiner Homosexualität aus Dänemark vertrieben, aber heute geehrt wird, so darf auch Zahrtmann nun in Haslund-Gjerrild Roman für sich sprechen. Sein wehmütiger, liebevoll sinnlicher Blick wird nicht mehr verfolgt, sondern literarisch gewürdigt.

Porträt von Kristian Zahrtmann aus dem Jahr 1896 (Bild: Johan Rohde)
Die sprachliche Qualität des Romans, der von Andreas Donat aus dem Dänischen übertragen wurde, ist hoch, zum Glück. Denn das literarische Programm ist kein einfaches. Zahrtmann war dafür berühmt, dass er die Farbe in die dänische Kunst gebracht hat. Statt naturalistisch alles ins Braune gleiten zu lassen, wollte er es ausdrucksstark und bunt leuchtend. Den Stil des Malers nun als literarischen Ausgangspunkt zu nehmen, könnte leicht auch daneben gehen. Die meiste Zeit gelingt es, das Ausschweifende, den dekadenten Spaß am Bunten und Vollen im richtigen Maße anzudeuten und die Lesenden spüren zu lassen, ohne selbst in ein Zu Viel, in Kitsch zu kippen. Die ebenfalls sehr bunten und dadurch sinnlichen Naturbeschreibungen überführen die farbenprächtige Sicht des Malers auf die Welt in seine Sprache.
"Adam im Paradies" ist gleichzeitig Geschichte und Literatur, die künstlerische Geschichte wird zu literarischer Kunst verdichtet. In kurzweiliger Ausschweifung bietet sich ein Roman, der Einfühlsamkeit und Wehmut, Sinnliches und Schmerz miteinander verbindet. Ein gelungener Versuch der historischen Aneignung.
Rakel Haslund-Gjerrild: Adam im Paradies. Roman. Übersetzt aus dem Dänischen von Andreas Donat. 323 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2022. Gebundenes Buch: 26 € (ISBN 978-3-86300-341-8). E-Book: 18,99 €
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