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Kinotipp

Der tote schwule Großvater

Eliko bringt sich um, doch sein georgisches Heimatdorf interessiert sich kaum dafür. Erst seine Enkelin Moe kann Lügen aufdecken – und erfährt ein wohlbehütetes Geheimnis. "Wet Sand" ist ein melancholisches Drama in einer homophoben Umgebung.


Elikos Freund Amnon und dessen Enkelin Moe (Bild: Salzgeber)

Eliko ist tot. Der alte Mann, "der ach so Feine", wie ihn ein Dorfbewohner nennt, hat sich erhängt. Doch das überschaubare Dorf an der georgischen Schwarzmeerküste trauert nicht. Der Selbstmord, der anderswo als tragisch beschrieben worden wäre, löst kaum etwas aus. Im Dorf ist wenig los, alle kennen sich, alle sprechen über Eliko, alle machen irgendwie einfach weiter. Schockstarre? Eher Gleichgültigkeit. Oder?

Moe (Bebe Sesitashvili), die Enkelin des Toten, reist für dessen Beerdigung aus der Stadt an. Sie will wissen, was hinter dem Schweigen steckt. Neben ihr wirkt einzig Amnon (Gia Agumava) betroffen. Der betreibt das titelgebende Café "Wet Sand" und ist ungefähr im selben Alter wie Eliko. "Du kanntest ihn aber gut", bemerkt Moe im Haus des Verstorbenen – halb verwundert, halb ahnend.

Niemand wusste von der Beziehung


Poster zum Film: "Wet Sand" läuft im November 2022 in der Queerfilmnacht und ab 24. November 2022 regulär im Kino

"Wet Sand" ist ein ruhiges Drama, das sich viel Zeit lässt, Stimmungen zu vermitteln. Das Rauschen des Meeres, die Einsamkeit des abgeschiedenen Dorfes – all dem lässt der Film viel Raum. Die statische Kameraarbeit verstärkt diese Eindrücke, die fast dauerhafte Abwesenheit von Musik macht den Film unmittelbar und roh. Das führt aber auch dazu, dass Emotionen weder geleitet noch unterstrichen werden. Die Kamera bleibt oft distanziert zu den Figuren, es will keine richtige Nähe aufkommen.

Dabei mangelt es dem Drama ohnehin schon an Gefühlen. Es gibt keine Ausbrüche, weder in die eine noch die andere Richtung, keine Tränen, keine Schreie. Alle sind gefasst. Amnon, der mit Eliko 20 Jahre eine Beziehung führte, wie er dessen Enkelin offenbart, trauert. Es ist eine stille Trauer. "Bist du wahnsinnig?", fragt er Moe, als sie wissen will, ob irgendjemand im Dorf von der Beziehung wusste. Das war wohl die richtige Entscheidung: Das Dorf ist homophob, das wird im Laufe der Zeit überdeutlich.

Lateinprofessor wird Hauptdarsteller

"Wet Sand" lässt sich an nur wenigen Stellen zeitlich verorten. Die Geschichte, die Elene Naveriani (Regie) erzählt, wirkt so fast universell. In einem Land, das die Kirche fest im Griff hat, das queerpolitisch keine Fortschritte macht, ergibt das durchaus Sinn. Kein Wunder, dass es für Elene Naveriani schwierig war, Darsteller*innen zu finden. Vor allem für die Hauptfigur Amnon war das fast unmöglich. Sie fand schließlich einen Lateinprofessor: Gia Agumava beweist sich als wahrer Glücksgriff und wurde zurecht beim Filmfestival in Locarno ausgezeichnet.

Gegen die Homophobie im Dorf kann selbst die jüngere Generation nur wenig ausrichten. Moe, Sonnenbrille, dicker Kajal, herausgewachsene blondierte Haare, lernt zwar Fleshka kennen. Doch verändern können auch die beiden nichts. Es gibt hoffnungsvolle Momente, doch der Film schafft es nicht, die trübe Grundhaltung loszulassen: "Wet Sand" bleibt ein Drama, das vor allem Melancholie ausstrahlt – und eine*n entsprechend zurücklässt.

Infos zum Film

Wet Sand. Drama. Schweiz, Georgien 2021. Regie: Elene Naveriani. Cast: Bebe Sesitashvili, Gia Agumava, Megi Kobaladze, Giorgi Tsereteli, Eka Chavleishvili, Zaal Goguadze, Kakha Kobaladze. Laufzeit: 115 Minuten. Sprache: georgische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Im November 2022 in der Queerfilmnacht und ab 24. November 2022 regulär im Kino
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