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Literatur
Zwischen Spiritualität und schwulen Affären
Mit der gelungenen Neuübersetzung "Begegnung am Fluss" ist endlich Christopher Isherwoods letzter Roman wieder in deutscher Sprache erhältlich. Erzählt wird von dem Treffen zweier gegensätzlicher Brüder.

Christopher Isherwood im Jahr 1973 n Los Angeles, "Treffen am Fluss" erschien 1967 (Bild: IMAGO / United Archives)
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3. November 2022, 09:48h 3 Min.
Ein wenig betulich beginnt diese Geschichte um zwei ungleiche Brüder: Nach langem Schweigen nähern sich Oliver und Patrick wieder an, sie schreiben sich höfliche Briefe voller nichtssagender Floskeln. Die aus London stammenden Brüder in ihren Dreißigern könnten unterschiedlicher kaum sein. Während Oliver mittlerweile in einem hinduistischen Kloster in Kalkutta lebt und dort zum Mönch ausgebildet wird, reist der ältere Patrick als Literaturagent und Filmproduzent um die halbe Welt. Seine nächste Reise führt Patrick nach Asien, und so bahnt sich ein Treffen der beiden an. Es soll ein Wiedersehen werden, das die Brüder vor große Fragen stellt.
Anhand von Briefen und Tagebucheinträgen erzählt Christopher Isherwood in "Begegnung am Fluss" (Amazon-Affiliate-Link ) von einer komplexen Geschwisterbeziehung. Bereits nach wenigen Seiten offenbart sich dabei der besondere Reiz des Romans: Der Wechsel der Perspektiven entwirft ein vielschichtiges Kaleidoskop aus schmerzhaften Erinnerungen, Lebenslügen und Selbstzweifeln. Während Patrick sich in seinen Briefen seiner Mutter, seiner Ehefrau und seinem Geliebten in Los Angeles anvertraut, schreibt Oliver in einem Buch nieder, was ihn bewegt, um so Klarheit über seine Situation zu erlangen.
Abtauchen ins Seelenleben der Protagonisten

"Begegnung am Fluss" ist am 3. November 2022 bei Hoffmann und Campe erschienen
Schnell wird dabei deutlich, dass man als Leser gefordert ist, zwischen den Zeilen zu lesen und stets auf der Hut zu sein. Es wird vertuscht, verheimlicht und manipuliert – während Patrick etwa seiner Mutter Indien als leuchtend buntes Idyll schildert, um sie zu beruhigen, beschreibt er die Stadt und das Kloster in den Briefen an seine Frau voller Ekel und Abscheu. Die Abgründe, die sich hier auftun, sorgen mal für ungläubiges Lachen, mal für Entsetzen.
Auf der Handlungsebene mag im Roman nicht viel vorfallen, innerlich aber herrscht ein gewaltiger Aufruhr. Lebensmodelle prallen hier mit aller Wucht aufeinander, und alte Wunden werden aufgerissen. Dass Isherwood "Begegnung am Fluss" Ende der 1960er verfasst hat, zeigt sich dabei an den Themen Hinduismus und verheimlichter Homosexualität. Auch die Kommunikation per Brief wirkt etwas altmodisch und stellenweise gekünstelt, ist aber ein geeignetes Mittel, um tief in die Psyche der Figuren einzutauchen.
Der dunkel schillernde Patrick und sein schwules Begehren
Wie Isherwood hier Olivers Idealismus und Patricks schwules Begehren beleuchtet ist hingegen zeitlos und erkenntnisreich. Wer Erzählungen nur dann folgen mag, wenn sie von ausgesprochenen Sympathieträgern handeln, der dürfte hier allerdings seine Schwierigkeiten haben. Der mit sich selbst hadernde Oliver und vor allem der dunkel schillernde Patrick sind keine liebenswerten Helden – aber dafür faszinierende, mitunter bedrückend lebensnahe Figuren.
Dass "Begegnung am Fluss" nach Jahrzehnten nun neu in deutscher Sprache herausgebracht wird (und dazu noch in einer hervorragenden Übersetzung von Hans-Christian Oeser), macht es endlich möglich, diesen Klassiker wiederzuentdecken. Trotz kleinerer Schwächen hat sich der Roman seinen Platz neben "Leb wohl, Berlin" und "A Single Man" redlich verdient und ruft eindrücklich in Erinnerung, was für ein vielschichtiges Werk Isherwood hinterlassen hat.
Christopher Isherwood. Begegnung am Fluss. Roman. Übersetzt von Hans-Christian Oeser. 208 Seiten. Hoffmann und Campe. Hamburg 2022. Gebundenes Buch: 25 € (ISBN: 978-3-455-01301-6). E-Book: 16,99 €
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Zumal die alten Ausgaben im Buchhandel komplett vergriffen sind.
Aber meine Favoriten sind und bleiben auf jeden Fall "Mr. Norris steigt um", "Leb wohl Berlin" und "A Single Man".