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Ab Donnerstag im Kino

Schönheit im Hässlichen

"Beautiful Beings" ist radikales Kino über die Bedeutung von Nähe und Freundschaft und eine zwischen Impuls, Aggression und großer Zärtlichkeit wechselnde Coming-of-Age-Geschichte – mit ganz fantastischen Darsteller*innen und eindrucksvollen Bildern.


"Beautiful Beings" erzählt eine ebenso brutale wie zarte Coming-of-Age-Geschichte um eine Gruppe Jugendlicher (Bild: Salzgeber)

Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Weil Siggi (Snorri Rafn Frímannsson) alles andere als gut mit dem Stiefvater klarkommt, "melkt" er, wie aus dem Off erzählt wird, regelmäßig den Hund ab und versetzt die Eiswürfel, die der ungewollte alte Herr sich in den Scotch kippt, mit Hundesperma. Die Großaufnahme seines Glases und das genussvolle Herunterschlucken des Würfels lassen Schmunzeln und Würgen zugleich.

Das ist einer der Momente in Guðmundur Arnar Guðmundssons Drama "Beautiful Beings", in dem Aggressionen umgeleitet werden. Eine Seltenheit in diesem Film, in dem das meiste gleich raus muss: rausgeschrien, -geflucht und -geschlagen. Der isländische Regisseur erzählt eine so brutale wie zarte Coming-of-Age-Geschichte um eine Gruppe Jugendlicher, die allesamt in mehr oder weniger schwierigen Verhältnissen in einem isländischen Küstenstädtchen leben. Ein ähnliches Terrain hat Guðmundsson bereits in seinem Debüt "Herzstein" ausgemessen, in dem es um einen jugendlichen Sommer und ein schwules Erwachen in einem homophoben dörflichen Kontext ging.

Sozialdrama und Poesie geben sich die Klinke in die Hand


Poster zum Film: "Beautiful Beeings" startet am 10. November 2022 im Kino

Auf ganz und gar eigene Weise geben sich in "Beautiful Beings" Sozialdrama und Poesie die Klinke in die Hand. Der Film beginnt im drastischen Larry-Clark-Modus beim 14-jährigen Balli (Áskell Einar Pálmason), dem Außenseiter der Schule. Er wird auf dem Schulflur zusammengeschlagen, später landet seine Jacke im Klo. Als der Gemobbte dem tyrannischen Mitschüler auf dem Nachhauseweg die nasse Jacke durchs Gesicht zieht, schlägt dieser Balli ohne mit der Wimper zu zucken mit einem verkohlten Ast krankenhausreif und bricht ihm die Nase.

"Beautiful Beings" bleibt zunächst bei Balli und erzählt in heftiger Konsequenz von der sozialen Integration des Jungen mit dem Glasauge, diesem Adler, um die Tiermetapher des Films aufzugreifen, der fliegen lernt, nachdem er mit Addi (Birgir Dagur Bjarkason), Haudrauf Konni (Viktor Benóný Benediktsson), "das Tier" genannt, und Siggi Freunde findet. Die Jungs nisten sich bei Balli ein, in dem heruntergekommenen Haus, in dem er, weil die drogenabhängige Mutter oft weg ist, fast alleine lebt. Sie nötigen ihn zum Aufräumen und stecken ihn selbst in einer wunderbaren Szene in die Badewanne. Man neckt und boxt sich, verbringt Momente auf einem Fabrikdach, nascht Pilze, betrinkt sich und raucht tausend und eine Zigarette zusammen.

Wer ist hier eigentlich die Hauptfigur?

Aber Guðmundsson bleibt nicht bei Balli, sondern nimmt dessen Integration vielmehr zum Anlass, um ein größeres Panorama aufzumachen. Wer ist hier eigentlich die Hauptfigur? Diese Frage, die im Literaturunterricht in der Schule gestellt wird, wird in "Beautiful Beings" formal aufgegriffen und hält das Drama in ständiger Bewegung. Die Perspektive verschiebt sich zu Addi, der in einem Moment poetischer Rahmung kurzeitig aus dem Off von den Hintergründen der Jungs erzählt. Er selbst lebt mit der Schwester und seiner an Mystisches glaubenden Mutter zusammen.


Vier Jungs suchen in einem isländischen Küstenstädtchen ihren Weg (Bild: Salzgeber)

Während sich die Drastik weiter Bahn bricht, es zu einer heftigen Vergewaltigung kommt und die Ereignisse weiter eskalieren, bekommt "Beautiful Beings" einen völlig neuen Drive durch jene Mystik, in der sich Traum und Wirklichkeit berühren. Guðmundsson greift hier den in seiner Heimat nicht untypischen Hang zum Übernatürlichen auf und reichert seinen Film subtil damit an. Er selbst sei, erklärt er im Regiestatement, von Träumen heimgesucht worden, die schließlich in der Geschichte des autobiografisch gefärbten Films mündeten. Dass er vieles im Vagen hält und bewusste Ambivalenzen setzt, macht seinen Film noch stärker. Was ist das für eine Beziehung zwischen Addi und Konni? Ist die Nähe zwischen den beiden rein freundschaftlicher Natur oder vielleicht mehr?

Guðmundur Arnar Guðmundssons als isländischer Beitrag für den Oscar eingereichter Film ist radikales Kino über die Bedeutung von Nähe und Freundschaft, eine zwischen Impuls, Aggression und großer Zärtlichkeit changierende Coming-of-Age-Geschichte, eine kinematografische Unmittelbarkeitsstudie mit ganz fantastischen Darsteller*innen und voller eindrücklicher Bilder (Kamera: Sturla Brandth Grøvlen). Und so weh dieser Film auch tun mag: Er findet Schönheit im Hässlichen.

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Infos zum Film

Beautiful Beings. Drama. Island, Dänemark, Schweden, Niederlande, Tschechien 2022, Regie: Guðmundur Arnar Guðmundsson, Cast: Birgir Dagur Bjarkason, Áskell Einar Pálmason, Viktor Benóný Benediktsson, Snorri Rafn Frímannsson, Aníta Briem, Ísgerður Gunnarsdóttir, Ólafur Darri Ólafsson. Laufzeit: 123 Minuten. Sprache: isländische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 10. November 2022
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