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Publikumserfolg
Wenn Heteros gemeinsam mit Schwulen lachen können
Für die Texte seiner "Operette für zwei schwule Tenöre" wurde Johannes Kram mit dem Deutschen Musical Theater Preis ausgezeichnet. Ab 2023 ist das Stück im festen Programm des Berliner BKA-Theaters zu sehen.

Cast und prominente Gäste nach einer Vorstellung der "Operette für zwei schwule Tenöre" (Bild: Stephan Noë)
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15. November 2022, 08:30h 4 Min.
"Operette ist immer eine Utopie, die Vorstellung von einem besseren Leben. Wir als queere Menschen brauchen es, dass wir träumen können." Mit dieser Vision feiert Theaterautor, Blogger, Podcaster und Aktivist Johannes Kram in der Produktion "Operette für zwei schwule Tenöre", für die Florian Ludewig die Musik beisteuerte, einen echten Publikumserfolg: Im Oktober wurde er mit dem Deutschen Musical Theater Preis für die besten Liedtexte ausgezeichnet (queer.de berichtete). Ab 2023 ist das Stück um das schwule Paar Jan und Tobi monatlich im festen Programm des Berliner BKA-Theaters am Mehringdamm zu sehen.
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Das verstaubte Genre der Operette aus den Tiefen der Musikkiste und seiner Hochzeit in den 1920er Jahren herauszuholen, gelingt dem Stück erstaunlich gut. Das fünfköpfige Ensemble frönt in ihrem nostalgischen Schwelgen dem heiteren Charakter der Darbietungsform und kokettiert selbstreferentiell mit dem angestaubtem Flair: "Im Dreivierteltakt bin ich potent, mein Fetisch ist die Operette", heißt es da etwa in einem der ersten Songs des gut zweieinhalbstündigen Abends.
Stadt vs. Land, promisk vs monogam
Diese subjektive Begeisterung ist dogmatisch für Tobis charakterliche Beschaffenheit: Aus dem Wunsch nach Behaglichkeit und Naturbelassenheit zieht er aufs Land, erfreut sich am Kerzengießen und selbstgemachten Konfitüren. Durch diese Verdinglichungen gelingt dem Stück die humorvolle Repräsentation schwuler Stereotype, die mit einem nicht minder herzlichen Augenzwinkern gebrochen werden.
In "Champagner von Aldi" etwa echauffiert sich Tobi über den geringen Selbstanspruch, der dem Sekterwerb im Discounter angeblich anhafte. Diese Arroganz wird durch Momente der Verklemmtheit und Intimität gebrochen, die durch die beeindruckende Spielpalette und den schmetternden Tenor von Ricardo Frenzel Baudisch so gut funktionieren. In der Beziehung zu Jan (verkörpert von Felix Heller) manifestiert sich glaubwürdig die Ambivalenz schwulen Lebens: Tobi als hoffnungslos pathetischer Mensch, der sich an heterosexistische romantische Codes anpassen will – sein Partner hingegen ist von sexuellem Tatendrang erfüllt.
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"Ohne Internet hätte es auf dem Land schon eine Revolution gegeben": Mit clever-schlagfertigen Formulierungen setzt sich die "Operette für zwei schwule Tenöre" mit dem dualistischen Stadt-Land-Konflikt auseinander. In "Schützenfest ohne Alkohol" rechnet das Stück mit besoffenen, hypermaskulinen "Dorftrotteln" ab. Diese klischeebehaftete Veranstaltung wird zur Bündelung Jans gesamten Hasses auf die rückschrittliche Provinzmentalität hochstilisiert – und ist zur selben Zeit Ausgangspunkt für die zentrale schwule Beziehung.
"Früher war alles besser" reimt sich auf "Cher verdient Messer"
Woran die Hauptfiguren letztendlich kläglich scheitern, sind ihre Kommunikationswege: Sie hören sich einander nicht zu, sind in ihren so gegensätzlichen subjektiven Träumen gefangen. Jan nimmt Reißaus und zieht ohne Vorwarnung in die Stadt – parallel werden hier Sportlektionen verdinglicht als metaphorisches Ausgeglichenheitsbedürfnis und der Anpassung an urbane Körperbetontheit. Wirkliche Emotionalität schaffen die Charaktere durch das gegenseitige Beobachten an der Seite der Bühne, wenn der Partner gerade im Scheinwerferlicht steht.
Etliche weitere Songs bergen augenschmunzelnde Auseinandersetzungen mit spezifisch schwulen Anliegen: "Ein Liebeslied von Mann zu Mann" thematisiert das Fehlen von Rollenbildern, ertrinkt dabei aber etwas in queerem Selbstmitleid. "Früher war alles besser" reimt sich auf "Cher verdient Messer", darüber hinaus geht's um festgefahrene Muster bei queer-feministischen Diskussionen in der Mehrheitsgesellschaft. In "Ich steh total auf Jens Riewa" greift das Stück den juristischen Kampf des "tagesschau"-Moderators um seine heterosexuelle Ehre ironisch auf.
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Diese schwule Perspektive auch an ein nicht-queeres Publikum heranzutragen und es in den Zwiespalt von Vertrautem und Nicht-Vertrautem zu führen – das ist für Johannes Kram "der Zauber, der an dem Abend passiert". So erzählt er im Interview mit queer.de. Er wolle queere Menschen in den Fokus rücken und eine leicht zugängliche Geschichte ohne moralischen Zeigefinger erzählen. "Das Stück ist radikal in seiner Nicht-Radikalität."
Musikalische Zelebration der Homosexualität
Dabei mache er sich selbst Vorwürfe über fehlende Diversität über schwule Kontexte hinaus, räumt Kram ein. "Ich bin aber selbst schwul, ich fände es vermessen, mir die Geschichte anderer Leute anzueignen, gerade weil wir so nah an den Darstellern arbeiten. Was aber nicht heißt, dass es auch anders besetzt werden kann."
Unter großem Applaus enden die Darsteller in starren Jacketts mit dem Stück "Keiner bläst so gut wie du", das seinen Überraschungseffekt durch den vorherigen Mangel an Phallus-Symbolen erzielt. Diese musikalische Zelebration der Homosexualität ist noch bis zum 20. November 2022 und ab nächstem Jahr regulär im monatlichen Programm des Berliner BKA-Theaters zu sehen.
Operette für zwei schwule Tenöre. Musik: Florian Ludewig. Buch, Liedtexte: Johannes Kram. Hauptdarsteller: Ricardo Frenzel Baudisch bzw. Christian Miebach (Tobi), Felix Heller (Jan). Company (abwechselnd): Tim Grimme, Tim Olcay, Manuel Nobis, Torben Rose. Regie: Johannes Kram und Marco Krämer-Eis. Choreografie: Michael Heller. Chor: Lilly Sommerfeld. Kostüm: Cleo Niemeyer. Weitere Aufführungen vom 16. bis 20. November 2022 täglich im Berliner BKA-Theater (Mehringdamm 34. Kreuzberg). Wiederaufnahme 2023 (19. bis 21. Januar, 15. bis 18. Februar, 15. bis 18. März)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück und Karten auf der BKA-Homepage
» Die "Operette für zwei schwule Tenöre" auf Facebook
Mehr zum Thema:
» Weitere Kritik von Baffolo Meus: Heiter-genialer Homoaktivismus im Dreivierteltakt (07.10.2021)
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