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Episodenkritik
"Prince Charming": Die Kandidaten als Karikaturen ihrer selbst
In der achten und vorletzten Folge sind nur noch vier Männer im Rennen. Während der Neid in ihren Köpfen brodelt, lernen sie Prinz Fabians beste Freunde kennen. Achtung Spoiler!

Halbfinale bei "Prince Charming": Zwei der vier verbliebenen Kandidaten müssen am Ende ihren Schlips abgeben (Bild: RTL)
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18. November 2022, 05:03h 6 Min.
"Es ist ein Konkurrenzkampf auf höchstem Niveau." Tims Worte geben einen Vorgeschmack auf das kriegerische Jargon, das in der achten Folge von "Prince Charming" wiederholt bedient wird. Von ursprünglichen 21 sind nur noch vier Männer übrig: Seine Entscheidungen seien schwermütig, sinniert Fabian leger in der Hängematte liegend, inszeniert tiefgründig. Die Suche nach dem Partner wird zu etwas Transzendentalem und Kämpferischem hochstilisiert – und genau durch diese aufoktroyierte Ernsthaftigkeit im Subtext geht der schwulen Reality-TV-Sendung in der vorletzten Episode endgültig die Puste aus.
Schon in der Vorschau gesteht Philippe, in Fabian verliebt zu sein – damit geht die unglaubwürdige Gefühlsduselei in eine neue Runde. Bis auf die in den Köpfen brodelnde Missgunst der vier verbleibenden Kandidaten ist die Folge erschreckend inhaltsleer: Selbst die zunehmende Karikierung der Figuren bietet nur mäßigen Unterhaltungswert, was das schelmische Augenzwinkern der ersten Episoden vermissen lässt.
Philippes qualmende Ananas
Frühstück in der Villa, zum ersten Mal zu viert: Während Basti, Tim und Dennis S. gemeinsam am Tisch gemächlich in den Tag starten, sitzt Philippe vor einer halben, qualmenden Ananas. Er meditiert und stöhnt dabei laut, was die anderen belustigt. Mir bleibt das Lachen im Halse stecken, diese Rolle ist in ihrer skurrilen Inszenierung nur schwer zu ertragen. Der Moderator wendet ein, manchmal helfe einfach eine Zigarette – dieser trockenen Handlungsanweisung schließe ich mich an.

Philippe meditiert und stöhnt dabei laut (Bild: RTL)
Die vier Männer werden eingeladen, die beiden besten Freunde ihres Schwarms bei einem gemütlichen Abendessen kennenzulernen. Natürlich heißen Fabians BFFs Patrick und Martin, wir wollen das deutsche Publikum ja nicht gleich überfordern. Indem die beiden den Kandidaten für das letzte Einzeldate entscheiden dürfen, ist das Gespräch hierarchisch klar gegliedert. Dennis möchte unbedingt mehr Zeit unter vier Augen mit dem Prinzen ergattern und frönt sich in seinem Selbstmitleid, bisher kein Date mit Fabian erhalten zu haben.
Belanglose Fragen, uninteressante Antworten
"Wir haben noch was vorbereitet", erzählt Patrick stolz: Eine Schüssel mit angeblich frechen Fragen, um sich einfach gegenseitig besser kennenzulernen, ein Gefühl füreinander zu kriegen, im lockeren Rahmen. "Lieber eine gute Lüge oder die bittere Wahrheit?", "Bevorzugst du Sport oder deine Lieblingsserie?", "Zehn Jahre zurück oder 20 Jahre in die Zukunft beamen?" – es ist offensichtlich, dass auf diese belanglosen Fragen keine interessanten Antworten folgen können, deswegen werde ich sie hier nicht reproduzieren.
"Die Jungs wollten einfach gucken, ob wir Lust haben, mitzuspielen und ob wir spontan antworten können", mutmaßt Philippe. Ich will keine Illusionen zerstören, aber: Eher vermute ich, dass diese Fragen aus der Feder von heterosexuellen, leicht frustrierten RTL-Redakteur*innen mit Croissant-Krümeln auf dem Schoß stammen. Patrick und Martin entscheiden sich schließlich für Tim.
Ein Einzeldate in einer von wallenden weißen Vorhängen gesäumten Ruine: Was karg inszeniert ausschaut, ist für Tim und Fabian romantisch. Schon bald werden fehlende Gesprächsthemen hinter minutenlangen Küssen verborgen und später als besondere Chemie betitelt. Der Schweizer Teilnehmer äußert seine Sorgen, bei den vielen Küssen von der Terrasse zu stürzen. "Ich hab ja dann zumindest noch drei Leute, aus denen ich auswählen könnte", kontert der Prinz gelungen.
Buhlen um den "Gay Guru"
"Prince Charming" verliert den Großteil seines Schauwerts, weil mittlerweile nur noch kaum sympathische Figuren zurückbleiben, die mir als Zuschauer*in gleichgültig sind. Tim ergötzt sich im Anbiedern, im Überhäufen mit Komplimenten, für ihn ist Fabian ein "Gay Guru". Ich verweise hier auf dessen lautstarkes Plädoyer für eine möglichst angepasste Queerness und den ganzen Mist, den der Prinz in der fünften Folge von sich gegeben hat.

Prinz Fabian ist "ein bisschen verknallt" (Bild: RTL)
Bastis genervtes "Wie schön für dich" als Antwort auf Tims stichelnde Selbstinszenierung, wie toll das Date mit Fabian gewesen sei, ist repräsentativ für die Atmosphäre unter den vier Verbleibenden und den Neid, der über der Gruppe schwebt. Tim sei als Wahl für das Einzeldate in den Ruinen eine Wahl "ohne Ecken und Kanten", mit der man nichts falsch machen könne, stichelt Basti.
Immer wieder betont Fabian, mehr aus dem Bauch heraus entscheiden zu wollen, wo vorher Verstand und Analytik in den Vordergrund gerückt seien. Das gelingt keineswegs: Immer wieder müssen sich die Kandidaten wie auf einem Bewerbungsgespräch beweisen, sich in vorgegebene Erwartungshorizonte eingliedern. Alle möglichen Herausforderungen werden abgeklopft, im Zweifel die Einfachheit anstatt Widersprüche gewählt. Fabian verkörpert das Verlangen nach Unkompliziertheit und Angepasstheit, die keinen Raum für Spontaneität und Reibungen lässt.
Vakuum der Selbstverleugnung
Durch das Ertragen der konzeptuellen Hierarchien ergibt sich ein Vakuum der Selbstverleugnung: Ihnen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich den Hirngespinsten des Prinzen über die "perfekte" Beziehung anzupassen. Passend dazu: Die Aufgabe der letzten Happy Hour ist es, sich im Einzelgespräch als der perfekte Partner für den Prinzen zu präsentieren – oder vielmehr, sich aktiv zu "beweisen".
Bei dieser Konfrontation entlarven sich die Kandidaten erneut als Karikaturen ihrer selbst: Dennis zieht die Metapher "Zeit ist Währung" heran – von dieser habe er zu wenig abbekommen. Natürlich endet diese Bemitleidung in einer abschließenden Umarmung. Philippe macht sich mit einer erneuten Traumreise nur noch lächerlich, auch er scheidet aus der Sendung aus. Dies gibt Fabian die Möglichkeit, sich ein letztes Mal über dessen späte Einsatzbereitschaft zu echauffieren: "Es ist am Ende zu spät. Ich glaube, er ist zu komplex jetzt gerade zu entschlüsseln."
Damit stehen – nur wenig überraschend – Tim und Basti im Finale. Basti schwärmt völlig verblendet: "Es tut mir gut, mich mit Fabian fallen lassen zu können, weil ich dann vergesse, wer ich bin." Mit dieser kompletten Selbstaufgabe könnte er nächste Woche die vierte Staffel "Prince Charming" gewinnen.
Kritik von Folge 1: Der Prinz, die Penis-Seife, peinliche Plattitüden und ein Pupser
Kritik von Folge 2: Seestern-Reiten auf der schwulen Klassenfahrt
Kritik von Folge 3: Vor der Pool-Party gibt's ein Penis-Eis für alle
Kritik von Folge 4: Haben Fabian und Sebastian etwa Sex?
Kritik von Folge 5: Sklaven, Tränen, internalisierte Homophobie
Kritik von Folge 6: Massage (fast) mit Happy Ending
Kritik von Folge 7: Flaschendrehen und ganz viel Wodka
Die vierte Staffel von "Prince Charming" kann seit Donnerstag, den 29. September 2022 auf RTL+ gestreamt werden. Jede Woche gibt es für die Abonnent*innen (ab 4,99 € im Monat) eine neue Episode. Auf Youtube gibt es ein Sneak Peak, in dem die ersten 18 Minuten der Premierenfolge zu sehen sind. Insgesamt zeigt RTL+ neun Folgen plus eine später aufgenommene Wiedersehensfolge. Darin wird der Prince verraten, ob er immer noch mit dem von ihm ausgewählten Mann zusammen ist. Mehr in einem Interview mit Fabian Fuchs.
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Ich dachte, das ist der Kern dieser Formate? "Guck mal, die lustigen Homos mit ihren bekloppten Macken, höhö höhö. Wusst schon immer, dass die total bescheuert sind. Haha hahaha haha..."
Hach, da geht den Heten sicherlich einer bei ab, wenn die die Vorurteile mal wieder bestätigt wurden.
(Und ja, ich weiß, dass es nicht nur die Heten gucken. Aber auch. Und da der Quotenschwund deutlich war, dürft ihr mal raten, weshalb man jetzt wieder verstärkt oder ausschließlich die "klassischen" Klischees bedient - sicherlich nicht, um authentische Menschen zu zeigen.)