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FIFA World Cup
Infantino: "Heute fühle ich mich homosexuell"
Auf einer absurden Pressekonferenz kritisiert FIFA-Präsident Gianni Infantino "heuchlerische" Kritik am WM-Gastgeber Katar – und behauptet, alle queeren Menschen seien im Verfolgerstaat "willkommen".

FIFA-Präsident Gianni Infantino bei der Pressekonferenz am Samstag in Al-Rajjan (Bild: IMAGO / PA Images)
- 19. November 2022, 09:22h 4 Min.
Zu Update springen: Schwuler FIFA-Sprecher verteidigt Infantino (11:35h)
FIFA-Präsident Gianni Infantino hat einen Tag vor dem Eröffnungsspiel eine "Doppelmoral" westlicher Nationen gegen WM-Gastgeber Katar angeprangert. "Ich denke, was wir Europäer in den vergangenen 3.000 Jahren weltweit gemacht haben, da sollten wir uns die nächsten 3.000 Jahre entschuldigen, bevor wir anfangen, moralische Ratschläge an andere zu verteilen", sagte der 52-Jährige während einer Pressekonferenz am Samstag in Al-Rajjan. Es sei "traurig", diese "Doppelmoral" erleben zu müssen.
Die Sicherheit und Freiheit der Menschen der LGBTI-Community ist neben den Lebensbedingungen für die Millionen ausländischen Arbeiter*innen in Katar eines der großen und besorgniserregenden WM-Themen. Laut Gesetz ist Homosexualität in dem Land verboten und wird mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft. Nach Scharia-Recht ist sogar die Todesstrafe möglich.
Nur die FIFA kümmere sich um die Arbeiter*innen
"Wie viele dieser westlichen Unternehmen, die hier Milliarden von Katar erhalten – wie viele von ihnen haben über die Rechte von Arbeitsmigranten gesprochen? Keiner von ihnen", sagte Infantino, ohne Beispiele anzuführen. "Wer kümmert sich um die Arbeiter? Wer? Die FIFA macht das, der Fußball macht das, die WM macht das – und, um gerecht zu sein, Katar macht es auch."
Er verstehe nicht, wieso die Fortschritte in Katar nicht anerkannt würden, sagte der FIFA-Präsident, der in Doha einen Nebenwohnsitz hat. "Diese Art und Weise, einseitig Lektionen erteilen zu wollen, das ist heuchlerisch."
Infantino: Ich wurde selbst gemobbt
Seine Pressekonferenz eröffnete der Schweizer mit: "Heute fühle ich sehr starke Gefühle, heute fühle ich mich als Katarer, heute fühle ich mich als Araber, heute fühle ich mich afrikanisch. Heute fühle ich mich homosexuell. Heute fühle ich mich behindert, heute fühle ich mich als Arbeitsmigrant."
/ DerMestermann#FIFA-Boss Gianni #Infantino schafft es wirklich, am Tag vor der #WM2022 nochmal komplett den Vogel abzuschießen
Marius Mestermann (@DerMestermann) November 19, 2022
today I feel African, today I feel gay, today I feel disabled, today I feel a migrant worker
pic.twitter.com/9X8OT2Uegf
Weiter sagte Infantino: "Ich bin kein Katarer, Afrikaner, Schwuler, Behinderter und ich bin nicht wirklich ein Wanderarbeiter, aber ich weiß, was es bedeutet, als Ausländer in einem fremden Land diskriminiert und gemobbt zu werden. Als Kind wurde ich in der Schule gemobbt, weil ich rote Haare und Sommersprossen hatte. Dafür wurde ich gemobbt."
"Ich kann bestätigen, dass hier alle willkommen sind"
Alle queeren Menschen seien im Land des WM-Gastgebers herzlich willkommen, behauptete Infantino. "Ich kann bestätigen, dass hier alle willkommen sind", sagte er. "Es ist eine klare Anforderung der FIFA, dass alle, die herkommen, willkommen sein müssen. Egal, welche Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung sie haben." Die katarische Regierung halte sich daran, so der FIFA-Chef.
Infantino betonte, Veränderungen erreiche man nur im Dialog. "Wenn jemand denkt, es reicht, harsche Kritik zu üben, das nützt nichts, das wird als Provokation gesehen", sagte der Schweizer. "Die Reaktion wird dann eher sein, sich noch mehr zu verschließen."
Wandel brauche Zeit, auch er selbst habe seine Haltung gegenüber diesen Themen im Laufe der Jahre verändert. "Natürlich bin ich überzeugt, dass es erlaubt sein sollte, aber auch ich habe einen Prozess durchlaufen", sagte er zu mehreren Nachfragen zu Strafen für Homosexuelle in Katar. Man müsse sich einbringen und diskutieren, aber nicht provozieren. "Ja, diese Gesetze gibt es, aber sie existieren in vielen Ländern, Menschen können ins Gefängnis gehen", so Infantino. "Wieviele Homosexuelle wurden in Europa verurteilt? Wir gingen durch einen Wandel." Diese Gesetze habe es auch in der Schweiz im Jahr 1954 gegeben, als das Land die WM abhielt. (cw/dpa)
Update 11.35h: Schwuler FIFA-Sprecher verteidigt Infantino
Zum Ende der Pressekonferenz betonte FIFA-Sprecher Bryan Swanson, seitdem er (von einem Reporter-Job beim britischen Sky Sports News) zur FIFA gewechselt sei, habe er sehr viel Kritik an Infantino gehört, "insbesonders aus der LGBTQI-Community". "Ich sitze hier als schwuler Mann, auf einer globalen Bühne, hier in Katar, und wir haben Garantien erhalten, dass jeder willkommen sei", sagte der 42 Jahre alte Brite auf dem Podium. Er glaube, dass jeder willkommen sein werde.
"Nur weil Gianni Infantino nicht schwul ist, heißt das nicht, dass das ihm egal ist. Ihm ist das nicht egal." Er sehe neben der öffentlichen auch die private Seite des FIFA-Bosses, mit dem er viele Gespräche zum Thema geführt habe. "Wir sorgen uns bei der FIFA um alle. Wir sind eine inklusive Organisation." Er habe eine Anzahl homosexueller Kollegen. Swanson betonte, er verstehe die Kritik. "Aber ich weiß auch, wofür wir stehen." Es wurde nicht direkt klar, ob die Homosexualität des FIFA-Sprechers vorab öffentlich bekannt war. "Du hast die Nachricht des Tages gemacht", antwortete ihm Infantino.














Stimmt, das ist ein sehr guter Vergleich dazu, als Zwangsarbeiter zu sterben.
Toll, wie manche Menschen immer einen passenden Vergleich finden.