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Gedenktag
Transgender Day of Remembrance: 327 Morde in 12 Monaten
Am heutigen Gedenktag für die Opfer von Transfeindlichkeit gedenken wir weltweit all den trans Menschen, die wir 2022 verloren haben. Das "Trans Murder Monitoring" listet erstmals seit 2008 wieder Deutschland.

Szene vom Transgender Day of Remembrance 2021 in Mailand (Bild: IMAGO / Pacific Press Agency)
- 20. November 2022, 05:45h 5 Min.
Seit mehr als zwei Jahrzehnten gedenken Menschen weltweit am 20. November der Opfer transfeindlicher Gewalt – und drängen darauf, die immer noch in vielen Ländern sehr diskriminierende Gesetzeslage zu ändern. In vielen Städten finden Mahnwachen, aber auch Kundgebungen und Demonstrationen statt (Übersicht aller Termine).
Der Transgender Day of Remembrance (TDOR) wird bereits seit 1999 begangen. Anlass ist der Mord an der afromerikanischen trans Frau Rita Hester, der bis heute nicht aufgeklärt wurde – sie war am 28. November 1998 in ihrer eigenen Wohnung im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts erstochen worden. Anders als beim Mord am schwulen Studenten Matthew Shepard, der sich nur sechs Wochen vorher ereignete, gab es fast keine Berichterstattung über Hester.
Trans Aktivist*innen waren damals außer sich, dass die Öffentlichkeit offenbar wenig Interesse am Tod einer trans Frau zeigte, die noch dazu Schwarz ist. Sie begannen wenige Tage nach dem Verbrechen mit öffentlichen Aktionen, um auf die Gewalt gegen trans Menschen aufmerksam zu machen. Unter dem Hashtag #TDOR bzw. #TDOR2022 spielt der Gedenktag auch in sozialen Netzwerken eine große Rolle.
Erschreckende Zahlen des "Trans Murder Monitoring"
Wie wichtig der Tag noch heute ist, zeigen die Zahlen des "Trans Murder Monitoring": Zwischen dem 1. Oktober 2021 und dem 30. September 2022 gab es weltweit 327 Morde an trans, nichtbinären und gender-nonkonformen Personen, die nachgewiesen werden konnten. Mit dem tödlichen Angriff auf Malte C. beim CSD Münster wird erstmals seit 2008 auch wieder Deutschland gelistet.
Die überwiegende Mehrheit der getöteten Menschen waren trans Frauen oder transfeminine Personen, die Schwarz, indigen oder of Colour waren. Viele der Getöteten waren migrantisiert, viele waren Sexarbeiter*innen – besonders das Zusammenwirken von Transfeindlichkeit, Tran*misogynie, Rassismus und Sexarbeiter*innenfeindlichkeit tötet. Das zeigen die Daten des Monitorings jedes Jahr erneut. Die meisten Getöteten waren zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 31 und 40 Jahre alt, die jüngste identifizierte Person war 15. In den vergangenen Jahren stiegen die Zahlen stetig an, mit einem Höchstwert von 375 ermordeten Personen im Jahr 2021 (queer.de berichtete)
In diesem Jahr besonders auffällig: Nicht nur Deutschland taucht in der Statistik auf, sondern auch Italien (1), Frankreich (2), Schweden (1), Großbritannien (1), Estland (1) und die Schweiz (1) – wobei die beiden letztgenannten zum ersten Mal seit Erfassungsbeginn in 2008 genannt werden. Die in Estland und der Schweiz getöteten Personen waren beide Schwarze trans* Frauen, die aus Jamaika und Brasilien nach Europa migriert waren. Beide wurde in ihren eigenen Wohnungen erstochen.
Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2008 sind bereits rund 4.400 Morde gezählt worden – allerdings liegt die Dunkelziffer laut den Aktivist*innen um ein Vielfaches höher.
BVT*: "Das gesellschaftliche Klima wird feindlicher"
"Die Zahlen des Trans Murder Monitorings sind erschreckend", erklärte Cuso Ehrich aus dem Vorstand des Bundesverband Trans* (BVT*) zum Transgender Day of Remembrance. "Weder in der eigenen Wohnung noch im öffentlichen Raum können sich trans* und nicht-binäre Personen sicher fühlen. Trans* und queerfeindliche Gewalt nimmt zu und das gesellschaftliche Klima wird feindlicher."
Seit der Vorstellung der Eckpunkte des Selbstbestimmungsgesetzes im Juni 2022 habe transfeindliche Berichterstattung in Medien zugenommen, kritisierte Ehrich. "Personengruppen grundsätzliche Rechte zu verweigern und ihre Existenz in Frage zu stellen, verschlimmert die menschenrechtliche Lage von trans*, nicht-binären und gender-nonkonformen Personen, besonders derer, die aufgrund mehrerer Faktoren marginalisiert werden. Viele Aspekte der politischen und medialen Diskurse sind Teil des gesellschaftlichen Nährbodens, der trans*feindliche Angriffe erst ermöglicht."
Der TDOR solle Raum zum Trauern geben, "aber auch wachrütteln und uns verbinden", sagte Robin Ivy Osterkamp aus dem Vorstand des BVT*. "Wir brauchen starke Bündnisse und Verbündete, die Gewalt intersektional betrachten und gegen mehr als nur ein Machtverhältnis arbeiten. Um gemeinsam entschlossen für die Personen zu kämpfen, die noch am Leben sind. Um Lebensumstände und Menschenrechtslagen so weit zu verbessern, dass jede trans*, nicht-binäre und gender-nonkonforme Person die Anerkennung, Ressourcen und Unterstützung erhält, die sie braucht und sich wünscht."
Berliner Justizsenatorin hisst Transflagge
Als Zeichen der Solidarität hisste Berlins Justizsenatorin Lena Kreck (Linke) bereits am Freitag vor ihrem Amtssitz die Transflagge. "Der Transgender Day of Remembrance ist eine Mahnung, transfeindlicher Gewalt entschieden entgegenzutreten", sagte Kreck. "Für die Gewaltprävention vor Ort sind die Bezirke entscheidende Partner. Ich freue mich daher, dass bereits vier Berliner Bezirke eigene LSBTI*-Beauftragte benannt haben."
/ schlueter_paulDie Senatorin für Justiz, Vielfalt und Antidiskriminierung Dr. Lena Kreck hisst anlässliche des #Transgender Day of Remembrance die Trans*-Flagge vor der Senatsverwaltung. #TransRightsAreHumanRights pic.twitter.com/owDDHrt8FN
Paul Schlüter (@schlueter_paul) November 18, 2022
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Zum TDOR forderten die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) von der Bundesregierung ein "offensiveres Vorgehen gegen LSBTIQ-feindliche Hassgewalt". "Die im Aktionsplan der Ampel-Regierung vorgeschlagenen Maßnahmen zum Schutz von LSBTIQ vor Gewalt, Übergriffen und Anfeindungen sind unverbindlich und zum Teil nur mit Prüfaufträgen verbunden", kritisierte der stellvertretende Bundesvorsitzende Thomas W. Schmitt. "Ausgerechnet bei diesem wichtigen Punkt geht es wieder nur um mehr Arbeitskreise, Dialoge und Berichte."
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Das Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg beklagte zum TDOR "radikale Züge" in der Debatte um Trans-Rechte in Deutschland."Wenn Gegner_innen des Selbstbestimmungsgesetzes sogar die Existenz von trans Menschen negieren, ist dies eine Form von Gewalt, die auf zwei Ebenen wirkt", kritisierte Janka Kluge, Mitglied des Sprechendenrats. "Zum einen wird hierdurch die Schwelle für transfeindlich motivierte Gewalt herabgesetzt. Zum anderen ist dies eine eigene Form von psychischer Gewalt an trans Personen, die bei vielen Menschen zu seelischen Verletzungen führt – im schlimmsten Fall bis zum Suizid." (mize)














