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IDFA 2022
Fünf queere Dokus, auf die wir uns freuen!
In Amsterdam endete am Sonntag das größte Dokumentarfilmfestival der Welt. Diese Filme mit queeren Inhalten sind hoffentlich demnächst auch im deutschsprachigen Raum zu sehen.

Szene aus dem Film "Blue ID", der beim 35. International Documentary Film Festival Amsterdam mit dem Publikumspreis ausgezeichnet wurde (Bild: IDFA)
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22. November 2022, 08:30h - 4 Min.
Zum 35. Mal fand in diesem Jahr bereits das International Documentary Film Festival Amsterdam statt, und einmal mehr überwältigte das größte Dokumentarfilmfestival der Welt sein Publikum mit einem üppigen Programm, das weit mehr als 200 Produktionen umfasste. Die Themenvielfalt reichte von Kriegstraumata und Fluchterfahrungen über Tages- und Gesellschaftspolitik bis hin zu intimen Familiengeschichten und gleich mehreren Auseinandersetzungen mit der Kunstwelt ("White Balls on Walls" über das Amsterdamer Stedeljik Museum sowie "Apolonia, Apolonia", hochverdienter Gewinner der International Competition).
Wie in jedem Jahr lag aber auch in diesen November wieder einer der Schwerpunkte auf Filmen mit queeren Inhalten, von denen etliche zu den Höhepunkten des Festivals gehörten. Fünf davon, die hoffentlich demnächst auch im deutschsprachigen Raum zu sehen sein werden, stellen wir hier vor.
Much Ado About Dying

Szenenfoto aus "Much Ado About Dying" (Bild: IDFA)
Viel persönlicher und intimer kann ein Film kaum sein: Regisseur Simon Chambers, selbst queer, kehrt nach London zurück, weil sein schwuler Onkel – früher als Lehrer und Schauspieler tätig – immer verwahrloster und pflegebedürftiger wird. Wie ein Tagebuch begleitet "Much Ado About Dying" das Lebensende dieses wunderbar schrulligen, lebensfrohen Alten namens David Newlyn Gale – und dass Chambers dabei nicht immer den richtigen Weg findet, sich selbst in den Film zu integrieren, nimmt man ihm nicht krumm. Denn einen rührenderen Protagonisten als seinen dauernd singenden Onkel, der im Pflegeheim mit seinem Betreuer flirtet und noch auf dem Sterbebett "You Sexy Thing" von Hot Chocolate rezitiert, kann man sich gar nicht vorstellen. Dafür gab's den IDFA-Regiepreis im internationalen Wettbewerb!
Anhell69

Szenefoto aus "Anhell69" (Bild: IDFA)
Viele der in Amsterdam gezeigten Filme hatten ihre Weltpremiere zuvor schon bei anderen Festivals, darunter auch dieses Werk von Theo Montoya, das bereits in Venedig zu sehen war und beim DOK Leipzig prämiert wurde (queer.de berichtete). Der junge kolumbianische Regisseur verwebt dabei auf faszinierende und zutiefst erschütternde Weise Erinnerungen an die eigene Jugend im erzkatholischen und gefährlichen Medellín (in der er selbst exkommuniziert wurde, als er in der Beichte gestand, zu Jesus Christus gewichst zu haben) mit seinem früheren Konzept für ein queeres Horror-B-Movie über Sex mit Geistern sowie vor allem dem Gedenken an zahlreiche jung aus dem Leben gerissene Freund*innen.
Blue ID
Welch speziellen und guten Geschmack das IDFA-Publikum hat, beweist die Tatsache, dass der Publikumspreis in diesem Jahr an "Blue ID" (aka "Mavi kimlik") von Burcu Melekoglu und Vuslat Karan ging. Der Film, der in Amsterdam seine Weltpremiere feiert, begleitet den jungen trans Mann Rüzgar Erkoçlar von der ersten Testosteronspritze 2012 bis zum Erhalt seines blauen Personalausweises, der ihn in der Türkei als Mann ausweist. Dass "Blue ID" dabei immer wieder zwischen den Zeitebenen springt, ist eher unnötig und verwirrend. Doch Rüzgars Geschichte geht einem enorm nahe, und die Tatsache, dass er sich nicht nur mit Familie, Freunden und dem näheren Umfeld auseinandersetzen muss, sondern – dank einer Vergangenheit als semi-prominente TV-Schauspielerin – auch mit der Öffentlichkeit, macht sie im Kontext der homo- und transphoben türkischen Gesellschaft besonders beeindruckend.
Silent Love

Szenenfoto aus "Silent Love" (Bild: IDFA)
Noch ein Film, der schon auf anderen Festivals gefeiert wurde: "Silent Love", inszeniert von Marek Kozakiewicz, erzählt von der lesbischen Polin Agnieszka, die nach dem Tod ihrer Mutter in die Heimat zurückkehrt, um das Sorgerecht für ihren noch minderjährigen Bruder zu bekommen. Dass sie dafür die Beziehung zu ihrer in Deutschland gebliebenen Partnerin Majka verheimlichen muss und mitunter hilflos Zeugin wird, wie Schule und Gesellschaft in Polen jungen Menschen Geschlechterbilder und Beziehungskonzepte eintrichtern, in denen Homosexualität nicht einmal eine Option zu sein scheint, macht die Tragik dieses zarten, stillen Films über die Kraft der Liebe aus.
Kenya

Szenenfoto aus "Kenya" (Bild: IDFA)
Ein Film wie seine Protagonistin: aufrecht und unerschütterlich, vom Schmerz gezeichnet, aber doch voller Lebenskraft. In Mexico City, wo trans Frauen allgemein und Sexarbeiterinnen im Besonderen immer wieder Opfer von Gewalt werden, hat Kenya mit angesehen, wie ihre Freundin Paola von einem Freier ermordet wurde. Nun kämpft sie – begleitet von Regisseurin Gisela Delgadillo und ihrer Kamera – gemeinsam mit ihren "Schwestern" für Gerechtigkeit. Und dafür, dass Paolas Familie sie als Frau beerdigt.
Links zum Thema:
» Homepage des IDFA
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
22:45h, Arte:
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