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William Beckford

Eine schwule Italienreise im 18. Jahrhundert

Nach der Erstveröffentlichung vom Autor zurückgezogen und eingestampft, fast 250 Jahre später nun erstmals ins Deutsche übertragen: William Beckfords "Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten" ist ebenso schillernd wie dekadent.


William Beckford (1760-1844) auf einem Porträt des Malers Joshua Reynolds aus dem Jahr 1782

Der Reisebericht ist aus der Mode gekommen. Die Welt ist erkundet, die geheimen Winkel, die versteckten Paradiese gibt es nicht mehr. Beziehungsweise ist diese Sichtweise auf das Reisen auch exotizistisch überkommen. Der stoische und furchtlose Entdecker, der auszieht, um der Wildnis zu trotzen und ihr ihre Geheimnisse abzuringen – nein danke. Doch die gegenwärtliche Alternative, der gesponserte Instagram-Post über Wasserfontänen und Sportwagen in Dubai, ist auch Grund genug für depressive Verstimmungen. Wie Sibylle Berg schreibt: "Italien ist immer noch reizend; wenn man die 40 Prozent jugendlicher Arbeitsloser wegdenkt, kann man noch ans Mittelmeer, Sie wissen schon. Die Boat-People."

Der Schritt in die Vergangenheit, zu einem queeren Autoren frei von Machismo-Weltentdecker-Gehabe, liegt bei diesen Gegenwartsaussichten nahe: 1782, der junge, extrem wohlhabende Brite William Thomas Beckford bricht auf zu seiner "Grand Tour". Unter den Adeligen und Intellektuellen der Zeit gehört es zum guten Ton, dass junge Männer mit Erreichen der Volljährigkeit eine ausgedehnte Europareise unternahmen. Hauptziel dabei: Italien. Um nach seiner Rückkehr Zeugnis des Erlebten abzulegen, schreibt Beckford einen Reisebericht in Briefform, adressiert an eine nicht näher benannte Person in der Heimat England.

Homosexuelle Aufregung

Die Originalausgabe des Berichts wurde kurz nach der Veröffentlichung wieder vom Verkauf zurückgezogen und bis auf wenige Exemplare vernichtet. Wie im Pressetext zur erstmaligen deutschen Übersetzung, die der Aufbau Verlag gerade veröffentlicht hat, zu lesen ist, seien homosexuelle Anspielungen der Grund dafür gewesen. Wer aber knisternd erotische Schilderungen in der schwulen italienischen Sonne des 18. Jahrhunderts erwartet, wird von "Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten" (Amazon-Affiliate-Link ) drastisch enttäuscht werden. Alles Erotische kommt eher in homöopathischen denn homosexuellen Dosen vor.

Das Queerste an den Beckfordschen Ausführungen ist wahrscheinlich die extravagante Ausdrucksweise des Verfassers. In sich ausladend drehenden sprachlichen Schnörkeln ist kein Baum, keine Straßenkreuzung, keine Fährfahrt einfach "beschreiben", sondern immer durch demonstrative Überladung geradezu überschrieben. Es entsteht kein direktes Bild dessen, was Beckford auf seinen Reisen sieht, sondern eine stark überformte Traum- oder Wunschvorstellung dessen. Durch die überbordende Sprache werden die beschriebenen Landschaften verkünstlicht und wirken oft wie in Plastik gegossene Karikaturen.

Übersetzung verstärkt den Camp-Charakter


"Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten" ist im Imprint "Die andere Bibliothek" des Aufbau Verlags erschienen

Die Übersetzung des Textes von Wolfram Benda verstärkt den Künstlichkeitscharakter noch dadurch, dass sie bewusst nicht der heutigen Zeit entspricht. Anstatt den alten Text in ein Deutsch der Jetzt-Zeit zu bringen, wird durch zahlreiche sprachliche und orthographische Anachronismen markiert, dass vermeintlich "authentisch" übertragen wird. Wie eine Übersetzung eines Zeitgenossen Beckfords, so als wäre die frische deutsche Originalausgabe auch ein Dokument aus den 1780er Jahren. Der Effekt dieser stilistischen Entscheidung ist vornehmlich ein hohes Maß an Manieriertheit, was aber der Wirkung nur zuträglich ist und "Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten" zu einem umso stärkeren Camp-Dokument macht.

Beckfords Reisebericht erscheint in der Reihe "Die andere Bibliothek". Dort wurde vor einiger Zeit auch "Der fremde Ferdinand" veröffentlicht, ein sehr bemerkenswertes Buch über den schwulen Bruder der Brüder Grimm. Anspruch der Buchreihe ist es, besonders bibliophile Bücher herauszugeben, die nicht nur als reine Lektüre, sondern auch visuell von außergewöhnlicher Qualität sind. In diesem Sinne sind den Briefen Beckfords noch eine Vielzahl an Bildern und Abbildungen angefügt. Eine wirklich zusätzliche Perspektive eröffnet aber erst der umfangreiche Anmerkungsapparat, den Übersetzer Benda zusammengestellt hat. Darin wird all die Zeitgeschichte nachgeliefert, an der der junge Beckford kein Interesse hat und die in seinen Briefen ausgespart ist. Etwas zu schweigsam ist der Band allerdings den auch sehr fragwürdigen Seiten Beckdorfs gegenüber. So sollte eine zeitgenössische Ausgabe seiner Werke etwa zum gegen Beckford erhobenen Vorwurf der Pädophilie deutlich Stellung beziehen.

Mehr Schein als Sein

Auf lange Strecke – immerhin 26 Briefen mit einem Umfang von über 250 Seiten – wirkt die reizvolle Idee, die Künstlichkeit der Erfahrung in flamboyanter Sprache einzufangen, dann aber etwas ermüdend. Beckfords Reiseberichte bieten sehr viel Oberfläche. Es reihen sich Naturbeschreibungen an Naturbeschreibungen, die jedoch nicht in die Tiefe gehen und immer nur einen neuen Eindruck hinzufügen. Zwischendrin blühen regelmäßig schöne und unterhaltsame Beobachtungen auf. Etwa ist eine gerade einmal sechszeilige Beschreibung der Niederländer, die Beckford vornimmt, nachdem er sie in Den Haag beobachtet hat, und in der er aufgrund der "Austernartigkeit" ihrer Blicke vermutet, ob nicht ganz Holland von den Fischen abstammt, ein wirklich lustiger Moment.

Insgesamt sind aber die Menschen über weite Strecken abwesend in Beckfords Bericht. Wenn dann bei den Ortsbeobachtungen auch keine nennenswerte Einsicht rumkommt außer "Beckford was here", wirkt der Oberflächenschein, so kunstvoll er auch gemacht und übersetzt ist, stumpf und einschläfernd. Leider gleichen die Briefe an vielen Stellen den simplen Urlaubsschnappschüssen, die man sich in einer nicht enden wollenden Diashow bei besonders unnachgiebigen Verwandten anschauen muss. Denn auch wenn kunstvolle Verzerrungen gezeigt werden, schlussendlich langweilen die Bilder der schönsten Stadt, wenn keine Menschen darauf zu sehen sind. So schön die Aussicht auch ist, in die unschuldigeren Vergangenheiten zu schauen, und so sehr die Idee einer schwulen Perspektive auch reizt, William Beckfords "Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten" kann nur unter Vorbehalten für die Reiseberichtdurstigen empfohlen werden.

Infos zum Buch

William Beckford: Träume, Gedankenspiele und Begebenheiten. Eine empfindsame Reise. Übersetzt von Wolfram Benda. 352 Seiten. Die Andere Bibliothek. Band 454. Berlin 2022. Gebundene Ausgabe: 44 € (ISBN 978-3-8477-0454-6)

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