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Schwulenbewegung
50 Jahre IHB: "Erkennt eure Situation! Emanzipiert euch!"
Heute vor genau 50 Jahren – am 30. November 1972 – wurde die "Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld" gegründet. Wir sprachen mit Detlef Stoffel, einem der Gründer.

Die singende Besetzung eines Infotisches der IHB: "Nein, ich stehe nicht auf Frauen, sondern Männer find' ich scharf – ich bin schwul, ja ich bin schwul, und ich frag' nicht, ob ich darf"
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30. November 2022, 06:26h 14 Min.
Seit den Siebzigerjahren hat Detlef Stoffel die Schwulenbewegung in Bielefeld stark mitgeprägt. Am 30. November 1972 gründete er gemeinsam mit Albert Broermann und anderen die Initiativgruppe Homosexualität Bielefeld (IHB). Der Aufruf zum ersten Treffen ist erhalten und beginnt mit den auffordernden Worten: "Isoliert? Frustriert? Allein? Erkennt eure Situation! Emanzipiert euch! Wir wollen raus aus der Isolation, unsere Lage begreifen, uns selbst befreien."

Detlef Stoffel (links) in den Siebzigerjahren mit einem Rosa-Winkel-Button in einem Bürgergespräch
Einige Jahre später war Detlef Stoffel eine von drei Personen, die den Dokumentarfilm "Rosa Winkel? Das ist doch schon lange vorbei..." (1976) produzierten, den ersten Film über die Verfolgung von Schwulen in der NS-Zeit. Ein Jahr später gründete Detlef den ersten Bielefelder Naturkostladen "Löwenzahn", der für einige Jahre ein schwules Projekt war und auch der Vernetzung der IHB diente. 2012 erschien über ihn die Dokumentation "Detlef. 60 Jahre schwul". Vor einigen Wochen bekam er den "BIE Queer Award" für sein Lebenswerk.
Zum Jubiläum der IHB hat Erwin In het Panhuis mit Stoffel gesprochen.

Die Einladung für den 30. November 1972, die zur Gründung der IHB führte
Die Gründung der IHB am 30. November 1972 stand doch bestimmt in Verbindung mit Rosa von Praunheims Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt", oder?
Nein, und das wundert mich im Nachhinein selber. Selbst von der ersten deutschen Schwulendemo in Münster hatten wir nur gehört, aber dorthin keine persönlichen Kontakte. Im Juli 1971 war ich in Berlin und hätte die Möglichkeit gehabt, den Film zu sehen, aber mein damaliger amerikanischer Freund wollte den Film partout nicht sehen. In Bielefeld wurde ich von Albert Broermann angesprochen, ob wir schwulenpolitisch nicht aktiv werden wollen. Mit Geburtshilfe von der Zentralen Studentenberatung der Uni Bielefeld haben wir über die Uni einen Raum bekommen. Zur ersten Versammlung kamen dann rund 40 Menschen. Das war der Beginn der IHB.
Gab es auch eine formale Vereinsgründung?
Am Gründungstag selbst war eine mögliche Vereinsgründung kein Thema. Weil sich vor allem Schwule aus der sehr linken politischen Richtung engagieren wollten und andere dann wegblieben, hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir so etwas Bürgerliches wie einen Verein gar nicht wollten. Es blieb deshalb bei einer Initiativgruppe ohne Vereinsgründung.
Wann hast du den Praunheim-Film denn dann zum ersten Mal gesehen?
Möglicherweise habe ich den Film im Zusammenhang mit der Gründung der Deutschen Aktionsgemeinschaft Homosexualität (DAH) Ende 1972 gesehen. Spätestens am 15. Januar 1973 habe ich ihn im Fernsehen gesehen. Im Gegensatz zur ersten Fernsehaufführung im Januar 1972 lief er in diesem Jahr mit einer anschließenden Diskussion, die ich fast noch spannender als den Film fand. Der Moderator und Fernsehjournalist Reinhard Münchenhagen hätte sich bei dieser Diskussion eigentlich neutral verhalten müssen. Weil er sich jedoch so deutlich für die Schwulen positionierte, war er für eine Zeitlang der Liebling der Szene und sollte deshalb später auch die Veranstaltung in der Bonner Beethovenhalle von 1980 moderieren.
Die IHB hat 1974 Kontakt mit Schülerzeitungen aufgenommen. Im Oktober 1975 erschien in der Bielefelder Schülerzeitung "ff" (Auflage: 2.000 Exemplare) der Artikel "Sex macht Spass" des späteren Männerschwarm-Gründers Joachim Bartholomae in Verbindung mit einem zweiseitigen schwulen Science-Fiction-Comic über das Jahr 2000, den du aus dem Englischen übersetzt hast. Darin geht es um die Zukunft unseres Planeten: Dieser ist übervölkert, alle Männer sind "gay" bzw. "queer" und die Heterosexuellen müssen sich in "Klos oder Parks verstecken, um bumsen zu können". Das führte zu einem großen Skandal. Was waren die Hintergründe?
Jugendliche und junge Erwachsene über Homosexualität (und ihre Unterdrückung) zu informieren, gehörte sehr früh zu den Arbeitsschwerpunkten der IHB. Einige der Redakteur*innen mussten auch nicht lange gebeten werden, sie nahmen das Thema offen und engagiert auf. Aus den USA hatte ich das "Gay Liberation Book" mit dem Comic mitgebracht, den ich, nicht zuletzt wegen seiner Ironie, für absolut geeignet für die Zielgruppe hielt.

Der Comic über das Jahr 2000 in der Übersetzung von Detlef Stoffel
Die Umkehrung der Realität hielt und halte ich für ein gutes Mittel, eine Situation zu verdeutlichen, und schließlich gibt es ja auch ein Happy End. Insgesamt halte ich die Aktion für ein Musterbeispiel dafür, wie aus konservativer Sicht eine Diskussion unterdrückt werden sollte und wie man darauf reagieren kann. Es ist interessant, wie lange und ausführlich öffentlich darüber berichtet wurde.
Stand denn dein Film "Rosa Winkel? Das ist doch schon lange vorbei..." aus dem Jahr 1976 in Verbindung mit dem Praunheim-Film?
Ja, er war eine direkte Reaktion auf den Praunheim-Film. Das lag allerdings nicht daran, dass wir – also eine Uni-Gruppe von drei Personen – den Praunheim-Film schlecht fanden. Praunheim hatte als Zielgruppe für seinen Film aber nur die Schwulen, und wir wollten die breite Öffentlichkeit und vor allem Schüler und Studierende erreichen. Wir wollten über die Schwulenverfolgung im Faschismus aufklären, darauf hinweisen, dass bestimmte Strukturen immer noch vorhanden sind, und dass es Menschen gibt, die sich dagegen wehren. Mit dieser Konzeption wurde er von der Uni Bielefeld auch finanziert.
Mit dem ausführlichen Begleitbuch bedeutete dieser Film insgesamt zwei Jahre Arbeit. Claus Pfitzer, mit dem ich immer noch in Kontakt stehe, war für die Grafik des Films und des Begleitbandes zuständig und hat damit seine Diplomarbeit an der Fachhochschule für Design gemacht. Später gab es dann leider noch eine uniinterne Diskussion darüber, ob der Film auch wissenschaftlichen Anforderungen gerecht wird und die Fördergelder zurückgefordert werden sollten. Es gab auch eine Diskussion um eine angeblich fehlende Objektivität, weil der Film ja Stellung bezieht und Partei ergreift.
Hat dein "Rosa Winkel"-Film – wie von dir gewünscht – denn auch Schüler*innen erreicht?
Die Versuche, den Film in Schulen zu zeigen, scheiterten, selbst an den Schulen, wo die Initiative zur Aufführung von den Schüler*innen selbst ausging. Das war leider typisch für die Siebzigerjahre. Die Premiere des Films haben wir am 6. November 1976 im Audimax der Uni Bielefeld gefeiert, und der Film kam grundsätzlich gut an. Ich kann mich auch noch erinnern, wie meine Mutter den Film gegenüber einem Kritiker sogar lautstark verteidigte und "Erst mal besser machen" quer durch das Audimax rief. Vor einem Jahr haben wir den Film im Rahmen einer Ausstellung hier in Bielefeld noch einmal gezeigt. Zwei Schüler von der Schülervertretung waren total begeistert. Davon war ich eher überrascht, weil der Film ja heutigen Sehgewohnheiten nicht mehr entspricht.
Im Jahr 1977 hast du den Naturkostladen "Löwenzahn" mitgegründet, der sich zu einem schwulen Kollektiv entwickelte. In dem von ihm herausgegebenen Buch "Linksruck. Politische und kulturelle Aufbrüche in Bielefeld" (2016) betont der Autor Fabian Schröder, dass Löwenzahn "als 'Unkraut' diffamiert" wird, aber ja auch eine "Pionierpflanze" ist. Gleichzeitig wolltet ihr ja eine alternative Ernährung und eine Offenheit gegenüber der Herkunft von Lebensmitteln bieten. Gibt es Parallelen zwischen eurem Engagement für Naturkost und dem für die Schwulenpolitik?
Diese Überlegungen finde ich sympathisch, sie treffen aber auf den Bielefelder "Löwenzahn" nicht zu. Bio wurde erst sehr viel später schick und in der Anfangszeit war Naturkost sehr weit von Glamour entfernt. Schwule waren, was Naturkost angeht, eher zurückhaltend bis abweisend. Bei Mode sind Schwule vielleicht Trendsetter, aber für Naturkost waren sie das ganz bestimmt nicht!
Aber "Löwenzahn" war tatsächlich schwulenpolitisch aktiv und ein wichtiger Treffpunkt. Unsere "Heterosexuell? Nein danke!"-Buttons trugen wir – zusammen mit unseren pinken Overalls – auch im Laden. Im "Löwenzahn" haben wir auch Werbung für unsere Demo "Wir sägen am Sexualstrafrecht" am 3. Oktober 1981 gemacht.

"Löwenzahn" mit Werbung für die Demo "Wir sägen am Sexualstrafrecht" am 3. Oktober 1981
Über unsere Forderung, das Sexualstrafrecht abzuschaffen, gab es anschließend eine Auseinandersetzung im "Bielefelder Stadtblatt", die, im Rückblick gesehen, aber auch ein Beispiel für eine gute Streitkultur war. Später gab es unter dem Namen "Löwenzahn" drei Geschäfte und einen Großhandel. Der Großhandel wurde 2000 verkauft, und die drei Geschäfte waren schon vorher von den jeweiligen Mitarbeitenden übernommen worden.
Auch die schwule WG in der Gerichtsstraße war ja ein Treffpunkt der IHB.
Ja. Diese Wohngemeinschaft bestand von 1972 bis 1986, und ich habe dort die gesamte Zeit gewohnt. Am Anfang gehörte auch Albert Broermann, der zweite Gründer der IHB, dazu, er ist später dann aber nach Berlin gezogen und dort schon früh gestorben. Die Fernsehdokumentation "Schauplatz Gerichtsstraße. Schwulengruppe Bielefeld", die am 30. Januar 1979 im WDR gezeigt wurde, gibt die Situation in der WG zwar nicht falsch, aber an einigen Stellen fast zu harmonisch wieder. In dieser Ausführlichkeit (45 Minuten) wurde damit zum ersten Mal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über eine Schwulengruppe berichtet.

Ein etwas zu harmonisches Bild aus der schwulen Wohngemeinschaft
In dieser WG fanden auch die Gruppentreffen der IHB statt. Wöchentliche Treffen waren über eine gewisse Zeit auch im Frauenzentrum möglich, wenn die Frauen ihre Räume nicht brauchten, was auf eine gute Vernetzung hinweist. Bis Mitte der Siebzigerjahre gab es gelegentliche Gruppentreffen der IHB auch in einem Nebenraum von "Muttis Bierstube", die es übrigens immer noch gibt. Der IHB wurde dieser Raum im Lauf der Schülerzeitungsaktion allerdings fristlos gekündigt, da man mit "Kinderverderbern" nichts zu tun haben wollte.
Zwischen dem "Löwenzahn", dieser Wohngemeinschaft und der Bielefelder Schwulenbewegung gab es viele Überschneidungen. Dazu gehört übrigens auch Peter Struck, der in dieser WG wohnte, im "Löwenzahn" arbeitete und heute der Geschäftsführer der Aids-Hilfe Bielefeld ist.
Und als IHB habt ihr euch auch mal 1979 für einen Tag eine Bielefelder Straßenbahn gemietet und mit eurem öffentlichen Auftreten viele Bielefelder ganz schön schockiert
Die Art, wie wir mit einer angemieteten Straßenbahn öffentlich aufgetreten sind, war schon mehr Konfrontation als Information. Aber Konfrontation ist nicht nur etwas Negatives, sondern sie war damals auch ein Vehikel für Sichtbarkeit, um so überhaupt ins Gespräch und in die Medien zu kommen. Nicht nur Rosa von Praunheim, sondern ein Teil der Szene war in den Siebzigerjahren auf Konfrontation und Provokation aus.

"Die Schwulen sind da!" als provokatives Transparent in der Straßenbahn
Unter Berücksichtigung der historischen Hintergründe der Straßenbahn-Aktion, die übrigens in dem "Schauplatz"-Beitrag des WDR gut beleuchtet werden, wird auch deutlich, wie schwierig die früheren Verhältnisse waren und dass gerade eine Industriestadt wie Bielefeld keine guten Voraussetzungen bot, um schwulenpolitisch überhaupt irgendetwas zu bewegen. Bielefeld war in den Siebzigerjahren allerdings auch ein wirklicher Hotspot für alternative Bewegungen, zum Beispiel mit den meisten alternativen Theatergruppen. In den Siebzigerjahren gab es die Grünen als Partei noch nicht, und die SPD war schwulenpolitisch sehr konservativ.
Über "Löwenzahn" und die Schwulenbewegung verbindet dich viel mit Corny Littmann, dem Hamburger Theaterintendanten und ehemaligen Präsidenten des FC St. Pauli. Wie war euer Verhältnis nach dem Eklat bei dem Podiumsgespräch in der Bonner Beethovenhalle 1980? Er war als Grüner und Realo auf dem Podium, du warst als Fundi im Publikum mit Trillerpfeife und Stinkbomben.
Corny Littmann habe ich in Theaterzusammenhängen immer respektiert und seine Präsidentschaft im Fußballverein finde ich richtig gut. Seine Tätigkeit bei den Grünen habe ich kritisiert, weil ein Teil der Grünen anfangs nicht so homofreundlich war, wie sie immer taten. Außerdem war ich damals der Meinung, dass eine Revolution außerhalb von Parteien stattfinden müsse.

Der "Heterosexuell? Nein danke"-Button aus dem Besitz von Detlef Stoffel, den er im "Löwenzahn" und in der Beethovenhalle 1980 trug. Er ist eine schwule Parodie auf die "Atomkraft? Nein danke!"-Parole
Politisch lagen wir beide also tatsächlich recht weit auseinander, was aber auf der persönlichen Ebene keine besondere Rolle spielte, auch wenn wir uns über das, was in der Beethovenhalle geschah, auch später nie ausgetauscht haben. 1980 war ich gegen jede Form von Gewalt, aber schon radikaler eingestellt als heute. Viele von uns – nicht nur wir in Bielefeld – wollten nicht von Realos auf diese Weise vereinnahmt werden. Die Stinkbomben, Trillerpfeifen und auch Schriftliches ("Was wollen wir Schwulen eigentlich?") waren darauf eine Antwort, die auch aus Bielefeld kam.
Welche Gründe führten zur Auflösung der IHB?
Weil es nie einen Verein gab, gab es auch keine Vereinsauflösung, aber Anfang bis Mitte der Achtzigerjahre schlief die Initiative ein. Das hatte unterschiedliche Gründe: Zum einen hatte Aids vieles verändert, und auch viele der Aktivisten in Bielefeld sind viel zu früh gestorben. Zum anderen gab es eine neue Generation von Aktivisten, die sich in neuen Zusammenhängen, zum Beispiel im "Palais Schamlos" und der Schwulentheke im AJZ (Autonomes Jugendzentrum) und in der Aids-Hilfe bewegten. Mit dem Schwulenreferat der Uni, der HUK und der DeLSI (Demokratische Lesben- und Schwulen-Initiative) – der Schwulen- und Lesbengruppe der DKP – fächerte sich die Szene dann noch weiter auf. Ich war dann nicht mehr dabei, weil ich mit meiner Arbeit im "Löwenzahn" mehr als ausreichend beschäftigt war.
Das Biopic "Detlef. 60 Jahre schwul" (2012) enthält viel historisches Material auch über die IHB, bietet im Bonus-Material den gesamten "Rosa Winkel"-Film und versucht, 60 Jahre deines Lebens zu beleuchten. Wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis?
Ich persönlich hätte diese Dokumentation vielleicht etwas dokumentarischer gestaltet, halte sie aber in dieser Form, wie sie Jan Rothstein und Stefan Westerwelle gemacht haben, für sehr gelungen. Beide haben für diesen Film einen sehr hohen persönlichen Aufwand getrieben.

Detlef Stoffel in der Dokumentation "Detlef. 60 Jahre schwul" aus dem Jahr 2012 (Bild: Pro-Fun Media)
Wie erfolgreich war der Film?
Es gab eine Filmförderung des Landes NRW, ohne die der Film gar nicht hätte realisiert werden können. Einen großen Gewinn hat der Film danach jedoch nicht abgeworfen. Auf der Berlinale waren alle Aufführungen ausverkauft, aber wie alle Dokumentationen hatte es der Film im Kino eher schwer. Die Anzahl der verkauften DVDs kenne ich zwar nicht, aber im Handel werden die DVDs nach wie vor verkauft.
Das Verhältnis zu deiner Mutter nimmt in der Doku einen großen Raum ein.
Ja, der Film spitzt es zu, dass ich in der Zeit, in der der Film gedreht wurde, mit der Pflege meiner Mutter überfordert war. Bis sie 2018 im Alter von 98 Jahren starb, hat sie zuletzt sieben Jahre bei mir im Haus und dann noch zwei Jahre in einem Pflegeheim gewohnt. Meine sozialen Kontakte neben meiner Mutter kommen in der Doku ein wenig zu kurz. Gerade in dieser für mich belastenden Zeit hat es mir gutgetan, viel zu reisen und den Film in verschiedenen Städten vorzustellen.
Wie kam es zu der für einen solchen Film ungewöhnlichen Szene, in der man dich mit Erektion beim Ficken sieht?
Zu meinem sozialen Leben gehören auch meine sexuellen Kontakte, die ich außerhalb einer festen Partnerschaft lebe. Stefan Westerwelle kam mit der Idee auf mich zu, eine Sexszene mit reinzunehmen und diese auch deutlich zu zeigen. Ich habe mich nicht aufgedrängt, mich aber auch nicht gesperrt. Mein Partner, mit dem ich mich einige Jahre lang zum Sex getroffen habe, hatte nach einigen Überlegungen ebenfalls zugestimmt.
Heute muss ich über diese kurze Szene eher lachen, weil ich meine Brille dabei aufhabe und sie nicht wirklich erotisch rüberkommt. Unser Sex war viel wilder und schöner als es in dem kurzen Ausschnitt wirkt. Für mich war die Filmaufnahme vor allem mit viel Stress verbunden, und ich habe dadurch Respekt vor den Darstellern in Pornos bekommen. Zu dieser kurzen Sexszene habe ich nur wenige Rückmeldungen bekommen. Elmar Kraushaar meinte anerkennend, dass mir die beiden Filmemacher ja schon sehr nahegekommen seien.
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Detlefs Urkunde "BIE Queer Award" für sein Lebenswerk
Du hast am 16. September 2022 – gemeinsam mit Felix Konstantin – den "BIE Queer Award" für dein Lebenswerk erhalten. Ist ein solcher Preis nicht mit dem Gefühl verbunden, dass das aktive Leben jetzt eigentlich vorbei ist?
Ich habe mich über diesen Preis sehr gefreut und habe es mir verkniffen, bei der Verleihung irgendeine ironische Bemerkung über das Ende meines aktiven Lebens zu machen. Ich fand es allerdings schade, dass die Organisator*innen die Verleihung fast außerhalb der Öffentlichkeit stattfinden ließen. Gerade weil mir das Thema Sichtbarkeit immer am Herzen liegt, hätte ich gegenüber der Presse mehr die Werbetrommel gerührt. Nicht wegen Felix oder mir, sondern weil der Preis und die Gruppe "BIE Queer" eine größere Öffentlichkeit verdient hätten, denn eine Preisverleihung macht ja schließlich nicht nur den Preisträger, sondern auch die Organisation dahinter bekannter. "BIE Queer" organisiert auch den jährlichen Bielefelder CSD, und es gefällt mir, wie sie den CSD nicht kommerziell aufziehen, auch wenn er mit 2.000 bis 3.000 Menschen immer recht übersichtlich ist.
Mit der Veranstaltung "Die Schwulen sind da!" – in Anlehnung an euer früheres Transparent – wird am 1. Dezember die Gründung der IHB in Bielefeld groß gefeiert.
Der Oberbürgermeister hat mir schon beim CSD-Empfang in diesem Jahr eine Teilnahme zugesagt, und ich freue mich über die politische Unterstützung. Mit dem Termin können wir die Gründung der IHB am 30. November und den Welt-Aids-Tag am 1. Dezember miteinander verbinden.
Was passiert jetzt mit dem Archiv der IHB, das sich ja in deinem Besitz befindet?
Als Archiv würde ich etwas bezeichnen, das geordnet und strukturiert ist. Ich habe aus den Zeiten der IHB noch rund 10 bis 15 Ordner in meiner Wohnung und drei Umzugskartons im Keller stehen. Das Stadtarchiv Bielefeld würde den Bestand wohl übernehmen. Dafür muss aber geklärt sein, ob das Material nur aufbewahrt oder auch (digital) zur Verfügung gestellt wird. Das Archiv der Uni war bisher nicht im Gespräch, es gibt aber einen Mitarbeiter der Uni, der im Rahmen des Uni-Arbeitsbereiches "Digital History" damit begonnen hat, meine Unterlagen zu digitalisieren, was mich sehr freut.

Aus dem Archiv des Centrums Schwule Geschichte: Eine Dokumentation über einen Auftritt der Theatergruppe "Brühwarm" in Bielefeld, eine Ausgabe der Zeitschrift der IHB und der Begleitband zum Film "Rosa Winkel?" (1976)
Auch mit dem Centrum Schwule Geschichte in Köln war ich schon im Gespräch, als wir in Bielefeld vor kurzem dessen Ausstellung über die Geschichte des § 175 gezeigt haben. An das Schwule Museum in Berlin habe ich auch schon gedacht, das in seinem Keller viele Kartons von vielen Menschen hat und gleichzeitig wenig Potenzial, dieses Material aufzuarbeiten.
Letztendlich geht es mir darum, den Bestand an eine Institution abzugeben, die am ehesten eine Gewähr dafür bietet, dass dieser auch digital erschlossen und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden kann. Das Material der IHB ist ja schließlich nicht nur meine persönliche Geschichte, sondern auch ein Teil der Schwulengeschichte Deutschlands.
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Mehr zum Thema:
» Brühwarm von Bielefeld zur Beethovenhalle (31.10.2012)
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