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Interview
"Ich staune, wie viele Menschen ihre Queerness gar nicht mitbekommen"
Im Drama "Call Jane" spielt Sigourney Weaver die lesbische Anführerin einer geheimen Frauen-Organisation, die in den 1960er Jahren sichere Abtreibungen anbietet. Wir sprachen mit Regisseurin Phyllis Nagy.

Virginia (Sigourney Weaver, r.) hilft auch Joy (Elizabeth Banks) bei ihrer Abtreibung (Bild: DCM / Wilson Webb)
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1. Dezember 2022, 02:50h 6 Min.
Erste große Erfolge feierte Phyllis Nagy, die in New York geboren wurde und mit 30 Jahren nach London zog, mit Theaterstücken, etwa am Royal Court Theatre unter der Leitung von Stephen Daldry. 2005 schrieb und inszenierte sie den Fernsehfilm "Mrs. Harris" mit Annette Bening und Ben Kingsley, der für elf Emmy Awards nominiert wurde.
Für ihr Drehbuch zu Todd Haynes Highsmith-Verfilmung "Carol" wurde sie für den Oscar nominiert. Nun meldet sich die lesbische Filmemacherin mit ihrer ersten Kino-Regie zurück, dem Abtreibungsdrama "Call Jane", das am 1. Dezember 2022 in Deutschland startet.
Ms. Nagy, man kennt Sie vor allem als Theater- und Drehbuchautorin; für die lesbische Liebesgeschichte "Carol" waren Sie für den Oscar nominiert. Wie kommt es, dass Sie nun ausgerechnet bei "Call Jane", Ihrem Kinodebüt als Regisseurin, nicht selbst das Skript verfasst haben?
Ein Drehbuch zu schreiben und es dann selbst zu verfilmen, ist eine ganz großartige Erfahrung. Bei meinem ersten Film, der TV-Produktion "Mrs. Harris", durfte ich die schon machen. Aber es ist auch gar nicht so einfach, ein eigenes Projekt überhaupt auf den Weg zu bringen. Schon gar nicht als Frau. Deswegen habe ich schon vor einer Weile beschlossen, dass ich auch gerne mal jemand anderes Skript inszeniere, wenn ich das Gefühl habe, dass dahinter jemand steht, der für seine Geschichte brennt, und ich mich davon angesprochen fühle. Nur Regie zu führen war bei "Call Jane" auch ein Weg, meine kreativen Batterien wieder aufzuladen.
Sie fanden die Erfahrung erholsam?
Zumindest kostete sie mich nicht so viel Kraft und Energie wie das Schreiben. Das ist nämlich unglaublich anstrengend, und manchmal verfluche ich, dass ich offenkundig das Zeug dazu habe. Denn das bedeutet für mich, dass ich es tun muss. Mich zur Abwechslung mal auf etwas anderes konzentrieren zu können, war also auf jeden Fall inspirierend.
Als Auftragsregisseurin hat man aber natürlich nicht alle Fäden in der Hand. Wie erging es Ihnen damit bei "Call Jane"?
Mir war natürlich klar, worauf ich mich einlasse. Dass Elizabeth Banks die Hauptrolle spielt, stand beispielsweise schon fest, bevor ich an Bord kam. Wäre das jemand anders gewesen, hätte ich mich vielleicht nicht darauf eingelassen. Doch ich kannte Elizabeth ein bisschen und hatte das Gefühl, dass sie gut in diese Rolle passt. Man kennt sie zwar vor allem aus komödiantischen Rollen, aber ich habe größten Respekt vor Leuten, die gut in Comedy sind. Und in Elizabeth erkannte ich eine Unbeugsamkeit und einen Mangel an Sentimentalität, die ideal waren für ihre Figur in "Call Jane".
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Der Film basiert auf wahren Begebenheiten: In den 1960er Jahren gab es in Chicago ein Frauen-Netzwerk namens The Janes, an das man sich wenden konnte, wenn man eine – damals fast überall in den USA verbotene – Abtreibung brauchte. Wie viel wussten Sie darüber?
Nicht allzu viel. Selbst im Kontext der damaligen Frauenbewegung ist die Organisation nicht wirklich eine, über die man etwas in amerikanischen Schulbüchern finden würde. Aber je mehr ich mich in die Materie vertieft und das Drehbuch noch weiterentwickelt habe, desto faszinierter war ich.

"Call Jane" beruht auf wahren Begegebenheiten (Bild: DCM / Wilson Webb)
Parallel zu "Call Jane" feierte in Sundance auch der Dokumentarfilm "The Janes" (in Deutschland zu sehen bei Sky/Wow) Premiere, wenig später kam Audrey Diwans "Das Ereignis" in die deutschen Kinos. Warum ist das Thema Abtreibung aktuell auf der Leinwand so präsent?
Zunächst einmal will ich festhalten: Für mich ist das Thema von "Call Jane" nicht Abtreibung, sondern es geht um Schwesternschaft, um weiblichen Zusammenhalt, um Frauen, die gemeinsam daran arbeiten, ein Problem aus der Welt zu schaffen. Und davon abgesehen, sprechen wir von drei thematisch leicht ähnlichen Filmen in zwölf Monaten. Wie viele Filme über weiße Männer in der Midlife-Krise sehen wir jedes Jahr? Da sprechen wir doch auch nicht gleich von einem Trend oder fangen sofort an, sie miteinander zu vergleichen. Nur wenn es mal mehr als eine Geschichte über Frauen, People of Color oder queere Menschen gibt, steht immer gleich die Frage im Raum: Ist da jetzt nicht ein bisschen viel? Darüber ärgere ich mich immer wieder sehr. Ganz unabhängig davon, dass ich "Das Ereignis" wirklich ausgesprochen gut finde und auch "The Janes" mit Interesse geguckt habe. Schon weil mir die Dokumentation gezeigt hat, wie richtig wir bei "Call Jane" mit allem lagen.
Basiert die von Sigourney Weaver gespielte Figur, die quasi die Anführerin der Janes ist, auf einer realen Person?
Nicht konkret. Dass diese Figur lesbisch ist, war zum Beispiel unsere Idee. Wobei ich mitunter staune, wie viele Menschen ihre Queerness scheinbar gar nicht mitbekommen. Dabei ist sie, wie ich finde, absolut greifbar.
Trotzdem ist "Call Jane" natürlich nicht wirklich ein queerer Film. Oder würden Sie sagen, dass Sie als queere Regisseurin automatisch queere Filme drehen?
Hm, das ist eine gute Frage. Vermutlich ist dem tatsächlich so. Eine Freundin sagte zum Beispiel nach der virtuellen Premiere von "Call Jane" vergangenen Januar danach zu mir, wie auffällig sei, dass ich Frauen anders betrachten würde als die meisten anderen Filmemacher*innen. Und sie hat Recht. Das ist nichts, was ich bewusst tue, und hat auch nichts mit einer Sexualisierung der Figuren zu tun. Aber natürlich sind mein Blick und meine Sensitivität geprägt davon, wer ich bin. Dass ich eine queere Frau bin, die aus der Arbeiterklasse stammt, schlägt sich sicherlich in jeder Geschichte nieder, die ich erzähle.
Für "Carol" galt das natürlich allemal. Sind Sie eigentlich manchmal genervt davon, dass die Leute auch sieben Jahre später über kaum etwas anderes sprechen wollen als über diesen Film?
Nein, das nervt mich kein bisschen. Das Einzige, was mich immer wieder verblüfft, ist die Tatsache, wie viele Menschen fragen, ob ich nicht eine Fortsetzung schreiben könne. Dieses Bedürfnis kann ich nicht so wirklich nachvollziehen. Das kann doch niemand wirklich wollen, schließlich sind für Carol und Therese die 1960er Jahre nicht mehr weit – und die würden für die beiden alles andere als ein Zuckerschlecken. Und es will doch auch niemand sehen, wie Therese Carol irgendwann verlässt, weil sie ihr zu alt geworden ist. Auch eine Vorgeschichte, etwa die Geschichte von Carol und Abby, muss doch nicht sein. Ich wünschte mir manchmal, dass die Leute sich einfach freuen über das, was es gibt, statt immer bloß mehr und mehr von allem zu fordern.
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Call Jane. USA 2022. Regie: Phyllis Nagy. Cast: Elizabeth Banks, Sigourney Weaver, Kate Mara, Chris Messina. Laufzeit: 122 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: DCM. Kinostart: 1. Dezember 2022
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Liegt vielleicht ganz einfach daran, dass viele Menschen sich einfach nicht als "queer" identifizieren.
Ich bin zum Beispiel ein schwuler Mann. Punkt. Ich bin nicht queer, LGBTI oder sonstwas, sondern einfach nur schwul.
Ich finde es gut und wichtig, dass wir LGBTI alle zusammen kämpfen, denn wir sitzen alle im selben Boot. Aber ich sehe keinen Anlass, mich mit irgendeinem Oberbegriff zu bezeichnen, wenn es doch einen viel genaueren und spezifischeren Begriff gibt.