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Interview

Was queere Menschen heute aus den 1920er Jahren lernen können

Regisseur Ludwig Obst und Drag-Performer*in Queen of Virginity über das queere Cabaret "Lila Lied", das an die erste deutsche Homosexuellenbewegung erinnert und an diesem Wochenende zurück nach Berlin kehrt.


Regisseur Ludwig Obst steht auch selbst auf der Bühne (Bild: Callum Leo Hughes)

Eine Hymne für das Anderssein aus den 1920ern Jahren: "Wir sind nun einmal anders als die andern, die nur im Gleichschritt der Moral geliebt", heißt es im Refrain von Mischa Spolianskys "Lila Lied". Das Stück ist titelgebend für das queere Cabaret von Sänger und Darsteller Ludwig Obst, das am ersten Dezember-Wochenende seine Wiederaufführung im Berliner Ballhaus Prinzenallee feiert. Eine Würdigung der queeren Ikonen des Jahrzehnts wird hier mir persönlichen Erfahrungen der Darsteller*innen verknüpft.

Wir haben uns mit dem deutsch-polnischen Regisseur Ludwig Obst und der libanesischen Drag-Performer*in Queen of Virginity über das Stück unterhalten.

Anita Berber, Paul O'Montis, Claire Waldoff – das alles sind queere Ikonen aus den 1920er Jahren. Was ist deine liebste Ikone?

Queen of Virginity: Da bin ich etwas voreingenommen, ich spiele ja Marlene Dietrich. (lacht) Bei meiner Recherche habe ich aber gemerkt, wie unterschiedlich wir sind. Deswegen würde ich Anita Berber sagen, weil sie ein revolutionäres Bad-Ass ist.

Wieso die 1920er als Inspiration für das Stück?

Ludwig Obst: Dieses Jahrzehnt hat mich schon immer fasziniert. Als ich Spolianskys "Lila Lied" entdeckt habe, wusste ich noch nichts von seinem damaligen Stellenwert als Hymne der ersten Homosexuellenbewegung. Vor etwa drei Jahren habe ich von der Stadt Berlin ein Recherche-Stipendium erhalten, um nach hiesigen Künstler*innen der queeren und feministischen Subkultur zu forschen.

Diese Recherchen sind oft auf die Zeit der Weimarer Republik fokussiert. Auch wenn sich das gerade ändert, sind Subkulturen schlecht dokumentiert – entweder weil sie erst gar nicht in den Archiven auftauchen oder aktiv zerstört wurden: Viele Dokumente aus dem Institut für Sexualwissenschaft von Magnus Hirschfeld waren zum Teil die ersten Werke, die am Bebelplatz 1933 von den Nazis verbrannt wurden.

Aus dieser Forschung heraus entstand die Idee, ein Stück zu gestalten und das gewonnene Wissen weiterzureichen – auch weil ich überrascht davon war, wie wenig ich über all diese inspirierenden Menschen wusste.

Wenn du das Cabaret in drei Worten beschreiben müsstest…

Ludwig Obst: Relevant, informativ, unterhaltend.

Queen of Virginity: Modern – wir untersuchen, inwiefern diese prominenten Charaktere noch in unserem alltäglichen Leben stattfinden. Persönlich, da das Stück sehr tief in intime Geschichten der Darsteller*innen eintaucht. Und fesselnd, wegen der Lichtgestaltung, dem Gesang und Tanz und wegen der Kostüme.

Auf welche Kostüme dürfen sich die Zuschauer*innen denn freuen?

Ludwig Obst: Es gibt wunderbare Kleidungsstücke von Vanessa Vadineanu. Das Bühnenbild ist eher schlicht: Wir haben Kettenvorhänge, die das Licht reflektieren lassen, und den Lichtkasten mit dem Titel des Stücks – ansonsten ist die Bühne leer. Dafür sind die Kostüme extravagant. Es sind keine originalgetreuen Kostüme der 1920er. Genau wie im Stück, möchten wir die 1920er nicht reproduzieren, sondern uns von ihnen inspirieren lassen.


Der komplette Cast auf der Bühne (Bild: Callum Leo Hughes)

Queen of Virginity: Das ist ein wiederkehrendes Motiv in der Show: Wir imitieren die Persönlichkeiten nicht, sondern rücken vereinzelte Momente ihrer Karriere ins Scheinwerferlicht, die uns berührt haben. Damit sollten die Zuschauer*innen rechnen.

Neben der losen Orientierung am Berlin der "Goldenen Zwanziger" bindet ihr autobiografische Inhalte der Performer*innen ein: Wie lässt sich das kombinieren?

Queen of Virginity: Im Entwicklungsprozess sind wir simultan die Reise angetreten, eigene Ähnlichkeiten und Unterschiede zu den Ikonen herauszufinden. Wir setzen uns damit auseinander, wie die Charaktere in uns selbst und unserem Alltag stattfinden.

Bei meiner Recherche bemerkte ich etwa Marlene Dietrichs interessante Beziehung zu dem Begriff Heimat: Sie verließ Berlin, um in den USA zu arbeiten, bis sie in Paris verstarb. Dennoch war es ein unbedingter Wunsch für sie, in Berlin begraben zu werden. Deswegen setzte ich mich mit meiner eigenen Geschichte und dem Gefühl des Zuhause-Ankommens auseinander.

Am Freitag schon geht es los mit der ersten Aufführung: Wie laufen die letzten Proben vor dem Wochenende?

Ludwig Obst: Sehr gut! Es ist eine sehr angenehme Situation, weil wir das Stück schon gespielt haben – im SchwuZ und als Gastspiel in Frankfurt/Oder. Wir hatten viele intensive Proben im Mai und im September, dieses Mal konnten wir die Zeit vor den Aufführungen stärker für Werbung nutzen.

Wie hat sich das Schauspieler*innen-Ensemble gefunden?

Ludwig Obst: Die Auswahl habe ich getroffen, was für mich ein Experiment war: Zuvor hatte ich mit niemandem aus dem Cast vor oder hinter der Bühne zusammengearbeitet. Manche Leute wie Hassan kannte ich davor bereits sowohl als bekannte*n Freund*in, aber auch als Performer*in. Bei anderen Rollen hatte ich eine genaue Vorstellung und die Darsteller*innen gezielt kontaktiert. Ich denke, das hat gut funktioniert.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Stück
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In eurem Stück thematisiert ihr stark die Überschneidung von Diskriminierungsformen. Es ist schwierig bei Stücken, die intersektionale Themen anschneiden, eine Waage zu halten zwischen Selbstermächtigung und -ausbeutung auf der Bühne, wenn etwa die Charaktere nur auf die sie marginalisierenden Eigenschaften reduziert werden. War das Gegenstand eures Diskurses?

Queen of Virginity: Die Gefahr des Othering – etwa für mich als Schauspieler*in mit migrantischem Hintergrund – ist in der Theaterbranche definitiv ein Risiko. Der Unterschied in dieser Produktion ist: Wir haben die Macht darüber, uns selbst so zu repräsentieren, wie wir es möchten. Wir sind autonom.

Die Texte haben wir selbst geschrieben, uns wurde nicht gesagt, welche Rolle wir zu spielen haben. Zwei PoC-Darstellende spielen hier weiße Charaktere – das Narrativ umzudrehen, ist für mich ein Power-Move.

Ludwig Obst: Die Idee ist es, Kategorisierungen zum Inhalt zu machen: Welche Kategorien lege ich mir selbst auf, welche geben mir andere? Das Solo von Maïmouna Coulibaly beispielsweise ist von Valeska Gert, die eine einflussreiche Tänzerin und Schauspielerin von 1910 bis in die 1970er Jahre hinein war. Sie wurde bekannt, weil sie Uglyness auf der Bühne gezeigt hat – was als Frau progressiv war, aber sie konnte es sich leisten, weil sie weiß war. Maïmouna bereitet sich auf ihren großen Burlesque-Auftritt vor, hat einen umgekehrten Striptease als wunderschönes Kostüm an – und als sie fertig ist, gibt sie den Zuschauer*innen die große Nummer nicht. Damit setzt sie sich aktiv über die Erwartungshaltung des Publikums hinweg.

Inwiefern kann ein von einem schwulen Regisseur inszeniertes Stück dem männlichen Blick entweichen?

Ludwig Obst: Mir war es wichtig, dass ich als Regisseur nicht der Autor bin, der den Darstellenden alles vorschreibt, sondern ihnen größtmöglichen eigenen Handlungsspielraum einzuräumen. Ausgehend von meinen Rechercheergebnissen konnte jede*r mit dem historischen Material machen, was immer beliebt.

Du stehst regelmäßig unter dem Namen Queen of Virginity als Drag-Performer*in auf der Bühne: Einen wie großen Raum nimmt das im Stück ein?

Queen of Virginity: Von Anfang bis Ende bin ich in meinem Drag-Outfit. Es gibt nur eine Szene am Ende, in der ich out of Drag bin. Für den Wechsel habe ich nur zehn Minuten Zeit, das muss also alles ziemlich schnell gehen. (lacht)


Queen of Virginity im "Lila Lied" (Bild: Callum Leo Hughes)

Aber generell unterscheide ich nicht, was ich inner- oder außerhalb des Drags bin. Im Drag fühle ich mich wie eine stärkere Version meiner selbst. Ich bin in dieser Produktion Queen of Virginity.

Berlin wird heutzutage – und auch im Kontext der 1920er – als queere Utopie hochstilisiert. Wie würdest du das einschätzen?

Queen of Virginity: Berlin als queere Utopie – ja und nein. Das hängt stark davon ab, mit welcher Intention du in diese Stadt kommst: ob du dir hier eine Heimat aufbauen willst oder anderorts verwurzelt bist und immer an diesen Ort zurückkehren kannst. Natürlich bietet Berlin viele (queere) Möglichkeiten, sich selbst auszuprobieren, aber es gibt auch gefährliche Ecken: sei es auf den Straßen, im Nachtleben und auch in queeren Kontexten, über die viel zu selten gesprochen wird. Ich lehne das Narrativ von Berlin als sicherer Ort ab, weil es so viele Probleme von queeren Menschen ignoriert, mich eingeschlossen.

Ludwig Obst: Ich denke, dass es viele Sachen gibt, die ganz toll in dieser Stadt sind. Die meisten Leuten ziehen hierher, weil sie das möchten. Es ist ein Traum, dass wir ein Stück – mit internationalem Cast und in englischer Sprache, was eher die Ausnahme ist – durch öffentliche Förderung finanzieren können, dafür ist Berlin glaube ich schon einzigartig. Damit können wir ein internationales und migrantisches Publikum erreichen.

Aber was das Leben hier angeht, gibt es auch hier auf der Straße viele Orte, an denen queere Menschen nicht sicher sind. Deswegen ist der Begriff der Utopie mit Vorsicht zu genießen. Genauso wie die 1920er für die Menschen nicht perfekt waren: Die Künstler*innen haben in prekären Situationen gelebt.

Das Stück wird in englischer Sprache, aber mit deutschen und polnischen Übertiteln aufgeführt: Wieso das?

Ludwig Obst: Die polnischen Übertitel sind persönlich bedingt: Einerseits, weil ich polnische Wurzeln habe, andererseits wurde der Komponist des titelgebenden "Lila Lied" in Białystok geboren. Damals ein Teil von Russland, 2019 gab es dort auf einen Pride Ausschreitungen gegen Demonstrierende. Für mich ist das Aufwachsen in Deutschland ein Privileg, diese Attacken waren für mich wie ein Weckruf, das Stück machen zu wollen. Es ist ein Traum von mir, das Stück eines Tages nach Polen zu bringen.

Das queere Cabaret "Lila Lied" wird am Freitag und Samstag, 2. und 3. Dezember 2022, jeweils um 20 Uhr, und am Sonntag, 4. Dezember, um 11 Uhr m Ballhaus Prinzenallee (Prinzenallee 33, Berlin-Wedding) aufgeführt. Tickets sind für 15 Euro auf tickettailor.com erhältlich.

11 Kommentare

#1 SebiAnonym
  • 02.12.2022, 09:33h
  • -----------
    Eine Hymne für das Anderssein aus den 1920ern Jahren: "Wir sind nun einmal anders als die andern, die nur im Gleichschritt der Moral geliebt"
    ----------

    Ist für mich keine Hymne von uns, denn der Text "anders als die, die im Gleichhschritt der Moral lieben" bedeutet ja, dass wir unmoralisch seien.

    Nur weil wir gleichgeschlechtlich lieben oder eine andere Geschlechtsidentität haben, heißt das noch lange nicht, dass wir unmoralisch sind.
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#2 RosmullahAnonym
  • 02.12.2022, 09:45h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • Ist ja wohl klar, dass damit die Moral der damaligen Zeit gemeint ist. Moral ist subjektiv und ändert sich stark im Laufe von Zeit und abhängig vom Ort. Was du vermutlich meinst ist, dass gleichgeschlechtliche Liebe ethisch einwandfrei ist und das stimmt natürlich, unabhängig davon welche moralischen Vorstellungen auch immer gerade vorherrschen sollten.
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#3 SebiAnonym
  • 02.12.2022, 09:52h
  • Antwort auf #2 von Rosmullah
  • Die 1920er waren (zumindest bis 1926/27) offener und liberaler (und auch für LGBTI sicherer) als die heutige Zeit.

    Gerade auch was Crossdressing und Transidentität betraf, aber erst recht auch in Bezug auf Schwule und Lesben.
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#4 GuteAlteZeitAnonym
#5 antosProfil
  • 02.12.2022, 18:17hBonn
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • >Wir sind nun einmal anders als die andern, die nur im Gleichschritt der Moral geliebt<

    Dass >wir< unmoralisch seien? Nein, ich denke, das ist anders zu verstehen. Gemeint ist hier eher, das >wir< das Besondere, An- und Aufregende sind, die wertvollen Ausnahmemenschen, die sich nicht in den öden >Gleichschritt< der >spießigen< Moralarmee einreihen und die deswegen nun einmal mehr erfahren/wissen - sozusagen das volle, nicht moralisch reglementierte Menschsein ausleben. Aussagen dieser Art waren damals eine gewollt stolze [folgen sollte: Pride], pointierte Geste der Selbstermächtigung gegen die rundherum erfahrene rechtliche und soziale Abwertung.
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#6 PrideProfil
  • 02.12.2022, 21:40h...
  • Antwort auf #5 von antos
  • Die Selbstermächtigung, wie Du sonst im Allgemeinen so schön schreibst, bzw. die freie Entfaltung der Persönlichkeit muß jedoch auf Gegenseitigkeit beruhen und braucht daher ein moralisches Reglement wie z.B. das Grundgesetz.
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#7 lllkvvjAnonym
  • 02.12.2022, 23:43h
  • Antwort auf #4 von GuteAlteZeit
  • Klingt auf jeden Fall extrem spannend und hoch-interessant...
    Das Lila Lied alleine hat so vieles:
    "Wir, hört geschwind, sind wie wir sind,
    Selbst wollte man uns hängen.
    Wer aber denkt, daß man uns hängt,
    Den müßte man beweinen.
    Doch bald gebt acht, es wird über Nacht
    Auch unsre Sonne scheinen.
    Dann haben wir das gleiche Recht erstritten,
    Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten."
    Fast sieges-sicher - später kam das dritte reich.
    "Wir sind nun einmal anders, usw." - da gibt es heute Leute , die diesen Satz aus dem Lila lied als Diskriminierung wegsperren wollen würden =P
    Hoffentlich nicht: "Was queere Menschen aus dem queer-Feminismus zu lernen haben mit 1920er."
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#8 QuatschProfil
  • 03.12.2022, 01:45hBerlin
  • Antwort auf #3 von Sebi
  • Das ist absolute Geschichtsklitterung. Die Freiheit in den 1920ern hatten nur ganz wenige und sie wurde höchstens in einigen Cabarets ausgelebt. Da hast heute weit mehr
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#9 Felix-baerlinAnonym
  • 03.12.2022, 04:36h
  • Antwort auf #3 von Sebi
  • Ich denke, da irrst du dich.

    Für die Subkultur in Berlin mag das vielleicht stimmen. Jedoch war Deutschland insgesamt ein Christliches, noch vom Kaiser geprägtes und militaristisches Land. Die heteronomativen und patriarchalen Bedingungen waren im Alltag viel enger und wirkmächtiger als heute.

    Noch was anderes: Wann wird das Stück wieder aufgeführt? Z. B. in 2023?
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#10 RosmullahAnonym