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Zunehmende Repressionen

Leben ohne Regenbogen: Queere Russ*innen kämpfen mit Repression

Im Windschatten des Krieges gegen die Ukraine geht Russland zuhause verstärkt gegen gesellschaftliche Vielfalt vor. Ein neues Gesetz macht etwa homosexuellen Menschen normales Leben fast unmöglich. Jurist*innen und Betroffene befürchten: Das ist erst der Anfang.


Queere Russ*innen werden in ihrem Heimatland immer mehr zu Feind*innen abgestempelt (Bild: Human Rights Watch)
  • Von Hannah Wagner, dpa
    2. Dezember 2022, 10:05h, 6 Kommentare

Das knallpinke Tuch bindet sich Sabrina erst auf den kahl rasierten Kopf, als sie im Café am Tisch sitzt. Sie hat auch kleine Strasssteinchen zum Aufkleben dabei, aber letztlich landen die doch nicht in ihrem Gesicht, sondern wieder im Rucksack. Sabrina muss später noch in die Uni. Die 21-jährige Moskauerin ist nichtbinär. Diese Identität sowie den weiblichen Vornamen nennt sie allerdings nur vor ausgewählten Leuten. Im Alltag gibt sie sich oft als der junge Mann aus, für den die meisten sie äußerlich halten – aus Sicherheitsgründen. Menschen wie Sabrina sind in Russland starken Repressionen und immer wieder auch Gewalt ausgesetzt. Ein neues Gesetz dürfte das noch drastisch verschlimmern.

Das neue Gesetz über "LGBT-Propaganda", das das russische Parlament kürzlich verabschiedet hat und vor der Unterzeichnung durch den Präsidenten steht, ist eine weitreichende Verschärfung einer bereits vor Jahren erlassenen Regelung. Bislang machte sich strafbar, wer Homosexualität angeblich vor Minderjährigen "bewarb". Schon das wurde international heftig kritisiert. Nun drohen für jegliche positive Darstellung hohe Geldstrafen, auch das Thema Transgeschlechtlichkeit wird nun erfasst. Das Gesetz zielt auf Medien-, Literatur- und Filminhalte, Werbung und persönliche Beiträge in sozialen Netzwerken. Menschenrechtler*innen, aber auch Künstler*innen und Verlage schlagen Alarm.

"Man beleidigt uns, man vergewaltigt uns, man bringt uns um"

Sabrina ist es gewohnt, sich zu verstecken. Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit selbst sind in Russland zwar nicht strafbar, doch die Gesetzeslage ist ein Nährboden für Hetze und Übergriffe. "Man beleidigt uns, man vergewaltigt uns, man bringt uns um", sagt Sabrina. An der Uni sprechen alle Dozent*innen sie mit dem männlichen Vornamen an, der in ihrem Pass steht. In diesem Artikel geschrieben sehen möchte Sabrina den nicht. Selbst ihre Mutter glaubt noch immer, sie habe einen Sohn.

"Manchmal fühle ich eine Art Verlorenheit, Hoffnungslosigkeit", sagt die Studentin. Kraft geben ihr Besuche in Nachtclubs, die sich gezielt an ein queeres Publikum richten. Dort kann sie High Heels tragen, Rock und Make-up. Doch ob diese Orte das neue Gesetz unbeschadet überleben werden, ist mehr als fraglich. "Wir haben gedacht, entschuldige, aber: Was für eine Scheiße!", erinnert sich Sabrina an den Tag, als die Staatsduma für die Regelung stimmte. Einige Bekannte hätten aus Angst umgehend das Land das verlassen.

"Alle sind gerade in heller Panik"

Weil das Gesetz so offen formuliert ist, könnte es theoretisch auf alle möglichen Handlungen angewendet werden, erklärt der Jurist Wladimir Komow von der Organisation "Delo-LGBT+" – ob auf schwule und lesbische Liebesgeschichten in Kinofilmen oder auf Fotos in sozialen Netzwerken. Er geht davon aus, dass vor allem in der ersten Zeit in hoher Anzahl Privatpersonen verurteilt werden, um ein Exempel zu statuieren. "Alle sind gerade in heller Panik. Der erste Teil ist also schon erreicht", fügt seine Kollegin Jekaterina Seleznewa hinzu.

Filme und Bücher mit entsprechenden Inhalten werden wohl nicht mehr veröffentlicht werden, mutmaßt sie. Clubs werden abtauchen, um nur noch für Eingeweihte auffindbar zu sein. "Es wird Kassen wie auf dem Schwarzmarkt geben."

Die Jurist*innen sitzen in ihrem kleinen Bürozimmer in einem Hinterhofhaus, draußen dämmert es. Beide vertreten queere Menschen vor Gericht – beispielsweise, wenn diese erpresst, ausgeraubt oder zusammengeschlagen wurden. An der Wand hängt ein Plakat mit Regenbogen-Farben. Im öffentlichen Raum ist dieses Symbol der queeren Community schon lange nicht mehr sichtbar.

"Es wird ein Feindbild geschaffen"

Dass die Repressionen ausgerechnet nun so zunehmen, bringen Komow und Seleznewa auch mit dem von Kremlchef Wladimir Putin vor mehr als neun Monaten angeordneten Krieg gegen die Ukraine in Zusammenhang. "Es wird ein Feindbild geschaffen und dann kann man sagen: 'Schaut, wir haben diesen Feind besiegt, und das heißt, wir können auch andere Feinde besiegen'", meint Seleznewa. Putin selbst lässt keine Gelegenheit aus, sich über Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit als Zeichen "liberaler westlicher Verkommenheit" lustig zu machen. Das Herumhacken auf Minderheiten bringt ihm wieder Beifall von Traditionalisten ein.

Das neue Gesetz sei Teil der Etablierung von staatlicher Zensur, sagt Komow – und glaubt kaum, dass es dabei bleibt: "Dieser Schritt ebnet den Weg zur Einführung einer staatlichen Zensur auch in anderen Bereichen." Dass der Kreml es beim Gesetz belässt, bezweifelt auch der schwule Filmemacher Konstantin. Der 39-Jährige ist vor zwei Monaten nach Montenegro geflohen, als in Russland Hunderttausende Männer für die Front eingezogen wurden. Nun traut er sich auch wegen der neuen Gesetzeslage nicht mehr zurück.

"Die Stigmatisierung eines einzelnen Teils der Gesellschaft wird unweigerlich das immer weitreichendere Ausschließen derjenigen nach sich ziehen, die nicht richtig lieben, nicht richtig sprechen, nicht richtig denken", meint Konstantin. "Ich denke, dass uns Dinge erwarten, die noch menschenverachtender sein werden." Auch andere haben keine Hoffnung auf eine baldige Verbesserung der Lage. "All dieser Hass wird erst aufhören, wenn wir einen neuen Präsidenten haben", sagt Sabrina. Sie will nach ihrem Uni-Abschluss im kommenden Jahr auswandern – am liebsten nach Deutschland.

#1 SebiAnonym
  • 02.12.2022, 12:40h
  • "Man beleidigt uns, man vergewaltigt uns, man bringt uns um"

    "Alle sind gerade in heller Panik"

    Wir brauchen endlich ein Asylrecht, wo Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung oder der geschlechtlichen Identität als genereller Asylgrund anerkannt wird. Damit wenigstens die Leute, die fliehen können und hier landen, endlich ein Leben in Frieden und Sicherheit führen können.
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#2 MandalorianAnonym
  • 02.12.2022, 12:45h
  • Ich hoffe die Verabschiedung des Gesetzes wird zum Anlass genommen neue Sanktionen gegen Russland ins Spiel zu bringen.
    Auch wenn es auf EU Ebene, aufgrund von Ungarn und Polen, und deutscher Ebene, aufgrund von opportunistischem Kalkül, nicht zur Umsetzung kommt. So wäre ein deutliches Zeichen und eine offizielle Ächtung solcher Gesetzesvorhaben angebracht.
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#3 PolitresignierterAnonym
  • 02.12.2022, 13:19h
  • Antwort auf #1 von Sebi
  • Stimme dir bzgl. einer dringend nötigen Anpassung des Asylrechts zu - insbesondere in Richtung Berücksichtigung der Menschenrechte.
    Bleibt allerdings die schwierige Frage: Welche Regierung, bzw. welche Parteien sollen das um- und dann auch durchsetzen? SPD, Grüne, FDP - nope. Der schwarzblaubraune Block eh nicht. Und solange bei den Linken Figuren Queerfeind*innen und Putinkuschler*innen wie Wagenknecht willkommen sind, auch da nicht (wobei diese Partei eh egal ist, da wohl kaum jemand von den vorig genannten zustimmte).
    Scheiß Situation. Mal wieder. Bzw.: Immer noch.
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#4 MuschebubuAnonym
  • 03.12.2022, 18:17h
  • Antwort auf #3 von Politresignierter
  • Das Asylrecht ist schon weit gefasst, eine Änderung bedarf es deshalb allenfalls in der Rechtsanwendung und das kann jede Regierung sofort tun, wenn sie denn möchte. Frage ist, möchte sie!?

    Auch hier wieder, was haben wir der Mehrheitsgesellschaft eigentlich getan? Was meint man, nehmen wir ihnen weg? Nichts! Einfache Erklärung wie immer, wir sind in Krisenzeiten und es braucht einen Sündenbock und Ablenkung vom eigenen Unvermögen. Was wäre das für eine Welt, wo man mal eigene Fehler eingestehen würde? Es könnte alles so einfach sein, wenn man wollte. Statt uns mit den wichtigen Problemen, Hunger, Klima, mangelnde Bildung usw. zu beschäftigen, wird irgendwelchen vermeintlichen Nazis nachgejagt und vermeintlich Satan und wem weiß ich
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#5 queergayProfil
  • 04.12.2022, 02:22hNürnberg
  • Entsprechend der queerfeindlichen Regierungswortwahl sollte man die Problematik direkt so benennen: Das neue Gesetz in Russland betreibt "Anti-LGBTIQ-Propaganda" und ist ein Zeichen "anti-liberaler Politiker-Verkommenheit" in russischen Regierungskreisen.
    Staatliche Zensur, Bevormundung und Unterdrückung - wie in alten Sowjetzeiten - kann niemals besser sein als ein Leben mit Regenbogen für alle. Queerer Fortschritt und Aufschwung ist auf jeden Fall traditionalistischer Denk-Dekadenz im Sinne Putins vorzuziehen.
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#6 queergayProfil
  • 04.12.2022, 02:50hNürnberg
  • Vielleicht hilft auch gutes Zureden gegenüber dem russischen Staatspräsidenten Putin und anderen Politikern in der Regierungsverantwortung.
    Manche meinen ja, man müsse da mehr Nachsicht walten lassen und Verständnis aufbringen, wenn die russische Regierung mit der LBGTIQ-Thematik eventuell überfordert ist.
    Freundschaft mit Putin - ein schöner Traum. Darf ich den notfalls hegen und befürworten?
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