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Literarischer Klassiker

"The Faggots & Their Friends Between Revolutions" wird zur Oper

Larry Mitchells Buch gehört zum internationalen queeren Literaturkanon. Der Komponist Philip Venables entwickelt derzeit aus dem Stoff eine barocke Opernfantasie, die 2023 u.a. in Bregenz aufgeführt wird.


Illustration von Ned Asta aus dem Buch "The Faggots & Their Friends Between Revolutions" von Larry Mitchell (Bild: Bregenzer Festspiele / Ned Asta)

Für die queere Community der USA ist 1977 ein Schicksalsjahr. Der schwule Bürgerrechtskämpfer Harvey Milk wird in den City Council von San Francisco gewählt – und mit ihm der Feuerwehrmann Dan White, der ihn im Jahr darauf aus homophoben Motiven ermorden wird.

In Florida erlässt der Bezirk Miami Dade County eines der landesweit ersten Antidiskriminierungsgesetze zum Schutz von Lesben und Schwulen. Doch schon wenige Monate später wird dieses wieder gekippt – nach einer beispiellosen Hetzkampagne mit der ehemaligen US-Schönheitskönigin Anita Bryant an der Spitze, die sich damit von ihrer hässlichen Seite zeigt.

Inmitten dieser Phase der Ambivalenz und der Unsicherheit erscheint Larry Mitchells ambivalentes Buch "The Faggots & Their Friends Between Revolutions" – Spiegelbild einer unsicheren Zeit für queere Menschen in den USA. Mitchell hat dafür eine hybride literarische Form gefunden: eine parabelartige Erzählung, die sich zwischen den Genres der Dystopie und des politischen Manifests bewegt und in der Beschreibung queeren Lebens vor Humor, Weisheit, Ideenreichtum und Respektlosigkeit nur so sprüht. Einerseits. Andererseits gibt es in dieser Welt eine äußerst düstere Kehrseite. Das bunte queere Leben spielt sich in geheimen Nischen ab, umgeben von einem brutalen Regime, genannt "die Männer". Deren Angehörige sind nicht einfach nur heterosexuell und weiß, sondern auch frauenverachtend und homophob. Sie herrschen über ein in Verfall begriffenes Imperium namens "Ramrod": So nennt man im Englischen auch einen Stock zum Laden von Feuerwaffen.

Keine deutsche Übersetzung erschienen


"The Faggots & Their Friends Between Revolutions" erschien 1977 im Eigenverlag

Bis zum heutigen Tag wurde "The Faggots & Their Friends Between Revolutions" nicht ins Deutsche übersetzt. Das Wort "Faggot" gilt im angelsächsischen Raum als umstritten, hierzulande wird es meist mit "Schwuchtel" übersetzt. Ursprünglich sollte es zur Beleidigung und Ausgrenzung von schwulen Männern dienen, wobei Mitchell offensichtlich die Strategie einer positiven Selbstaneignung verfolgte – so wie das mit dem Wort "queer" im Lauf der Jahrzehnte gelang. Jedoch hat sich diesbezüglich im angelsächsischen Raum "Faggot" nie durchgesetzt. Der Terminus gilt auch heute noch überall, wo Englisch gesprochen wird, eher als herabwürdigend, mitunter selbst im Gebrauch innerhalb der Community, auch wenn letztlich der jeweilige Kontext entscheidend ist.

In dem Buch stellt sich jedenfalls an keiner einzigen Stelle auch nur der leiseste Verdacht ein, Mitchell habe einen Ton angeschlagen, der als Zynismus oder sonst irgendeinen Ausdruck von Selbstverachtung gedeutet werden könnte. Das ist an sich bemerkenswert und lässt sich einerseits mit der Neigung zum Humorigen und Anarchischen erklären, die dem Autor zueigen ist. Andererseits bereitete Mitchell das Spiel mit dem Verpassen von Etiketten und der Mythologisierung subkultureller Stämme offenbar großes Vergnügen.

So werden in der Geschichte nicht nur die "Faggots" und die "Fairies" und "Queens" mit ihren jeweiligen Eigenheiten vorgestellt, sondern auch die "Faggatinas" und die "Dykalets", deren Bezeichnungen der Phantasie des Autors entstammen. Wie auch jene des "Gay as Goose"-Stammes und des "House of the Heavy Horney Hunks". Die einen knüpfen Netzwerke oder organisieren Widerstand gegen das Regime, die anderen engagieren sich kulturell und machen Straßentheater. Manche wiederum ziehen sich in die Vorstädte oder in eine gemeinsam bewohnte Kommune zurück, um ihre Vorlieben und Leidenschaften zu pflegen. Die Held*innnen tragen so schöne Namen wie Heavenly Blue, Moonbeam oder Loose Tomato, die Bösewichte heißen Warren-And-His-Fuckpole oder Mildred Munich.

Die "queeren Männer" waren die Angepassten

Der Begriff "queer" entspricht in der Erzählung bei weitem nicht dem, was aus heutiger Sicht darunter verstanden wird. Von dem Versuch einer positiven Selbstaneignung kann hier keine Rede sein: Im Unterschied zu den "Faggots" sind für Mitchell "die queeren Männer" die angepassten und unterwürfigen Schwulen, die um keinen Preis auffallen und sich nicht wirklich mit anderen Angehörigen der Community identifizieren wollen. "Mit all den Tricks, die ihre Väter ihnen beigebracht haben, schaffen sie es, Teil der Männer zu sein". Aber auch wenn die "queeren Männer" keine Freunde der "Faggots" sind: "Selbst ein schwaches Glied in der Kette ist ein Glied in der Kette", wie es am Ende jenes Kapitels heißt, in dem sie eingeführt werden.

Die weiblichen Subkulturen hingegen werden literarisch nicht so stark ausdifferenziert. Zu ihnen gehören die "Frauen, die Frauen lieben", die "Freundinnen der Faggots" und die "starken Frauen". Ungeachtet dessen spielen Frauen eine entscheidende Rolle in dem Werk. Wir erfahren, dass ihr Verhältnis zu den Faggots lange sehr problematisch war, auch wenn sie sich von ihnen in ästhetischen Angelegenheiten – wie etwa der Gestaltung der Frisur oder der Inneneinrichtung – stets gerne beraten ließen. "Doch sie trauten den Faggots nicht, weil sie Faggots nur als Männer kannten, und Männern konnten sie nicht trauen."

Schließlich bringen die Frauen den "Faggots" bei, sich nicht mehr alles gefallen zu lassen und Kampfesmut zu entwickeln. Es sind die Frauen, die die "Faggots" auf die Idee einer Revolution bringen. Doch was heißt hier Revolution? Eigentlich geht es um eine Rückeroberung, denn ursprünglich lebten alle Geschlechter in Harmonie, bis "die Männer" in einer ersten Revolution "die großartigen Kulturen der Frauen" zerstörten und gleichwohl einen Teil ihrer selbst bekämpften.

Die Idee entstand in der Castro Street

Die Idee zu dieser Geschichte kam Mitchell spontan, an einem Abend in den frühen 1970er Jahren. Er war zu Besuch in San Francisco, hatte sich einen Joint reingezogen und beobachtete das Treiben im Szeneviertel rund um die Castro Street. Seiner ersten Eingebung zufolge wollte er ein Kinderbuch schreiben, doch während seiner mehr als einjährigen Arbeit an dem Werk verwarf er den Gedanken wieder.

Larry Mitchell wohnte damals in Lavender Hill, einer queeren Kommune, die sich rund 350 Kilometer nordwestlich von New York City befand und so legendär wurde, dass die Filmemacher Robert Hazen und Austin Bunn im Jahr 2013 den Dokumentarfilm "Lavender Hill: A Love Story" produzierten. Mitchell war einer von jenen, die die Gemeinschaft 1973 gegründet hatten – weitere elf gehörten dazu.


Ausschnitt aus dem Poster zum Film "Lavender Hill: A Love Story"

Der Film enthält zahlreiche Originalaufnahmen aus der Anfangszeit. Das Haus wurde mit eigenen Händen erbaut, ohne Stromanschluss oder fließendes Wasser. Die Zimmer hatten keine Türen. Das ganze Gebäude war so hellhörig, dass kaum ein Rückzug möglich war und stets alle jedes Wort verstanden. Es wurde diskutiert, es wurde mit Drogen, Sex, Pronomen und Kleidung experimentiert – und selbstverständlich wurde auch ausgelassen gefeiert.

Entwicklung von Überlebensstrategien

Lavender Hill hielt sich mit rund zehn Jahren ungewöhnlich lange stabil, ganz ohne Dogmen und Sektierertum, während die meisten anderen Kommunen aus dieser Zeit nach bereits einem Jahr Auflösungserscheinungen zeigten. Sie waren ausnahmslos aus Frust entstanden, nachdem sich in der Beklemmung der heteronormativen Gesellschaft ein Gefühl von Isolation, Einsamkeit und Entfremdung breitgemacht hatte. Doch innerhalb eines Systems der Unterdrückung erwies sich der Weg zu einer alternativen Lebensform als gar nicht so einfach.

Mitchell war vor allem interessiert an der Entwicklung von Überlebensstrategien unter den gegebenen Bedingungen, die nun mal nicht günstig waren. Die Erfahrungen, die er in Lavender Hill sammelte, inspirierten ihn wesentlich zu seinem Buch. Dazu zählten vor allem die Ideen von Freundschaft und Solidarität, von gegenseitiger praktischer Hilfe, seelischer Unterstützung und körperlicher Intimität. Häufig entstanden dabei nonkonformistische und polygame Formen sexueller Beziehungen. Und obwohl Mitchell all das noch vor dem Aufkommen von Aids zu Papier brachte, entfalteten die Erkenntnisse seines Buchs vor allem in Zeiten krankheitsbedingter Stigmatisierung, organisierter Selbsthilfe und Safer Sex ihre ganze Kraft – als Anleitung und Anstoß zur Selbstermächtigung.

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In den USA ein queeres Kultbuch


"Faggot Wisdom" aus dem Buch

The Faggots & Their Friends Between Revolutions" wurde rasch zum Kult. Mangels Aussicht, einen Verlag zu finden, gründete Mitchell 1977 "Calamus Books" und brachte sein Werk selbst heraus. Noch bevor es 1988 restlos vergriffen war, kursierten zahlreiche Fotokopien des mit knapp über hundert Seiten recht übersichtlichen Büchleins innerhalb der sich immer besser vernetzten Community. Später machte es im Internet als PDF-Datei die Runde. Im Jahr 2019, also inmitten der toxischen Amtszeit von Donald Trump, brachte der Verlag Nightboat Books eine Neuauflage (Amazon-Affiliate-Link ) heraus, mit erhellenden Essays der trans Aktivistin Tourmaline und des New Yorker Comedian Morgan Bassichis, die beide darüber berichten, wie das Buch ihr Leben veränderte – um im Blick zurück erstaunt festzustellen, wie zeitlos und universell es ist.

Aphorismen aus "Faggots & Friends" tauchen immer wieder in sozialen Netzwerken oder auf Bannern bei Kundgebungen auf: "Ein Mann, der einen Tag lang ein Kleid trägt, lernt mehr, als wenn er ein Leben lang in einem Anzug herumläuft." Oder: "Männer brauchen die Faggots, um zu wissen, wer sie nicht sind." Und: "Die Bösartigkeit der Männer nimmt zu, sobald ihre Panik größer wird."

Untrennbar verbunden ist das Buch mit Ned Astas Illustrationen, einer Mitbewohnerin von Mitchell aus der Kommune von Lavender Hill. Für die Gestaltung von "Faggots & Friends" hat sie kleine Meisterwerke erschaffen, die sich an Jugendstil-Buchillustrationen orientieren und gleichwohl an die erotischen Zeichnungen von Andy Warhol erinnern.Es war nur eine Frage der Zeit, bis das Werk auch musikalisch adaptiert würde. Bassichis hat daraus bereits 2017 ein Kammermusical für das "New Museum" in Manhattan geschrieben.

Aufführungen in Bregenz im Juli 2023

Der in Berlin lebende Komponist Philip Venables entwickelt derzeit aus dem Stoff eine barocke Opernfantasie, die im nächsten Jahr von dem Regisseur Ted Huffman auf drei großen Festivals aufgeführt wird – unter anderem bei den Bregenzer Festspielen im Juli. Venables arbeitet bereits seit fünf Jahren an dem Stück, das von modernen und barocken Instrumenten begleitet werden soll. Der aus New York stammende Huffman hat u.a. bereits an der Deutschen Oper Berlin Benjamin Brittens "A Midsummer Night's Dream" und an der Kölner Oper "Salome" von Richard Strauss inszeniert.

Bislang ist "The Faggots & Their Friends Between Revolutions" im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt. Das könnte sich nun ändern. Die Aufführungen in der Bregenzer Werkstatt am 27. und 28. Juli 2023 werden in der englischen Originalsprache aufgeführt – mit deutschen Übertiteln. Darauf darf man gespannt sein. Vielleicht traut sich dann auch mal ein deutscher Verlag an eine Übersetzung des Kultbuches.

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-w-

#1 undineAnonym
  • 04.12.2022, 21:03h
  • Naja, ganz unbekannt ist das Buch nicht. Ist es doch fast so etwas wie die "Bibel" der Radical Faeries, dieser einzigartigen schwul-spirituell-alternativen Bewegung, die auch in Europa und Deutschland Ableger gefunden hat. Ich jedenfalls habe mein Exemplar im Schrank und liebe es und bin gespannt auf die 'Veroperung' <3
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