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Roman
Ein schwuler 30-Jähriger nähert sich seinem schwierigen Vater
In seinem lakonisch geschriebenen und oft witzigen Roman "Daddy Issues" vermischt der kroatische Autor Dino Pešut sehr geschickt mehrere Themen, die im Grunde nicht queer, sondern universell sind.

Dino Pešut wurde 1990 im kroatischen Sisak geboren und studierte Drehbuch, Dramaturgie und Szenisches Schreiben in Zagreb. Seine Theaterstücke wurden mehrfach ausgezeichnet und an zahlreichen europäischen Bühnen aufgeführt (Bild: TEXT/RAHMEN)
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4. Dezember 2022, 07:40h - 3 Min.
Die Nachricht, dass mein Vater schwer krank ist, nehme ich beinahe gleichgültig auf. Sie irritiert mich nur ein wenig, wie irgendwelche Straßenarbeiten oder die Nachricht, dass unser alter Nachbar endlich gestorben ist, oder der Tratsch über ein dysfunktionales Pärchen aus meinem Freundeskreis, das eben doch ein Baby erwartet. Ich bemerke eine immer größere Diskrepanz, einen Abgrund zwischen dem, was ich fühlen sollte, und dem, was ich fühle. Oder präziser, was ich nicht fühle. Er hat mich nur kurz angerufen, er wolle nicht lange stören.
So beginnt Dino Pešuts neuer Roman "Daddy Issues", (Amazon-Affiliate-Link ) der die Geschichte eines 30-jährigen schwulen Mannes, der nach einem gescheiterten Versuch in Berlin zu leben, wieder zurück ins kroatische Zagreb gezogen ist. Dort arbeitet er an der Rezeption eines Hotels.
Die Nachricht, dass sein Vater eine potentiell unheilbare Krankheit hat, weckt den namenlosen Hauptcharakter aus seinem eintönigen Leben wieder auf: Er führt in Zagreb ein unspektakuläres, beinahe gelangweiltes Leben, hat einige Dates, etwa Vanja, ein hübscher 27-Jähriger. Doch die Nachricht, dass sein Vater nicht mehr lange zu leben hat, ändert fast alles in seinem Leben, es kommt zu einer Wiederannäherung:
Ich würde ihm gerne über mich erzählen. Ihm sagen, was es Neues gibt. Doch er weiß nicht mal, was es Altes gab. Er hat sich nie damit beschäftigt. Er hat nie gefragt und nie etwas verlangt. Deswegen schulde ich ihm wohl nichts. Vielleicht spürt er, dass er kein Recht hat, etwas von mir zu verlangen. Wir haben uns nie über Liebe unterhalten, über Sex. Ich weiß nicht, ob er mal verliebt war, ob er wenigstens einmal gefickt hat, nachdem Mama gestorben ist. (…) Vielleicht möchte ich ihm gerne erzählen, dass mir Vanja gut gefallen hat. Vielleicht könnten wir uns darüber unterhalten, doch das geht nicht. Die zugeschnürte Kehle. Wir sind beide, jeder aus seinem Grund, kurz davor, uns zu übergeben.
Spannende Geschichte eines jungen Kroaten

"Daddy Issues" ist im Wiener Buchverlag TEXT/RAHMEN erschienen
In einem Interview sagte Autor Dino Pešut, dass der Roman zwar ein paar Versatzstücke aus seinem Leben enthalte, aber mehr nicht: "Der Hauptcharakter ist mir in gewisser Weise nah. Ich bin queer, wuchs in einer Arbeiterklasse-Familie in einer kleinen Stadt auf und wohne jetzt in einer Welt junger Kreativer. Ich habe zudem ein wenig aus dem Leben meines Vaters geklaut. Der Rest ist Fiktion."
Der Roman, dessen Geschichte erstmal unspektakulär daherkommt, ist sehr lesenswert durch die Art, wie er geschrieben ist. Pešut schreibt in einem lakonischen, oft witzigen Tonfall und vermischt dabei sehr geschickt mehrere Themen, die im Grunde nicht queer, sondern universell sind. Welches Verhältnis hat man zu seinem Vater, was macht es mit einem, wenn dessen Lebensweg zu Ende geht? Wie beeinflusst einen Klasse, Herkunft, Schwulsein, Erwartungsdruck der Eltern?
All diese Themen spricht Pešut mal mehr, mal weniger direkt an und liefert eine spannende Geschichte eines jungen Kroaten, der seinen Platz in der Welt sucht. Ein ideales Buch für die dunkle Jahreszeit.
Dino Pešut: Daddy Issues. Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. 220 Seiten. Buchverlag TEXT/RAHMEN. Wien 2022. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-903365-05-6). E-Book: 9,90 €
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