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Südamerika

Venezuela: Angekettete Aktivist*innen erkämpfen Trans-Rechte

Nach Protesten in der Hauptstadt Caracas sollen trans Menschen ab Montag ihren Namen auf amtlichen Dokumenten vereinfacht ändern können. Queere Exil-Venezolaner*innen sind jedoch skeptisch.


Vier angekettete LGBTI-Aktivist*innen zwangen die venezolanischen Behörden offenbar zu Zugeständnissen

Venezuela gilt als hartes Pflaster für LGBTI. Keine Ehe für alle, kein Diskriminierungsschutz und auch kein Selbstbestimmungsgesetz für trans Menschen. Wer im Militärdienst seine Homosexualität offen zeigt, kommt ins Gefängnis. "Que no se te note," "dass man es dir bloß nicht ansieht", so lautet die Überlebensstrategie vieler queerer Menschen.

Umso überraschender die neueste Meldung aus dem Land. Wie die venezolanische Zeitung "El Nacional" berichtet, sollen die Ämter nächste Woche trans Menschen ermöglichen, ihren Namen auf amtlichen Dokumenten anzupassen.


Protest in Caracas

Dem vorausgegangen waren Proteste queerer Aktivist*innen vor der Ombudsstelle in der Hauptstadt Caracas. Vier Personen hatten sich vor der Behörde angekettet, während der Aktion kamen im Laufe der Tage immer mehr Protestierende hinzu, bis die Behörde reagierte.

Wir haben zwei Exil-Venezolaner*innen um eine Einschätzung der Ankündigung gebeten.

Azula Luzardo: Venezuela "nicht sicher"

Azula Luzardo ist trans nichtbinär und stammt aus Zulia, einem nördlichen Bundestaat in Venezuela. Seit 2017 lebt und arbeitet Azula als Künstlerin in Buenos Aires. Wie viele andere sah sie sich wegen fehlender Perspektiven und zunehmender Unsicherheit gezwungen, ihr Heimatland zu verlassen. Gemäß Netzwerk Fluchtforschung haben seit 2015 mehr als drei Millionen Venezolaner*innen ihr Land verlassen, 130.000 davon leben in Argentinien.


Azula Luzardo

Azula ist die erste Migrantin in Argentinien, die ein "x" als Geschlechtseintrag auf dem argentinischen Personalausweis erkämpft hat. "In Venezuela kannst du als LGBTIQ+ nicht sicher auf die Straße gehen. Es fehlt praktisch an allem. Während viele lateinamerikanische Länder die Ehe für alle bereits vor Jahren eingeführt haben, diskutiert die venezolanische Gesellschaft immer noch darüber. Dieses Grundrecht scheint das Wichtigste zu sein, dabei gibt es noch so viel anderes, wie eben beispielweise das Recht seine eigene Identität zu leben."

Uranga: "Die Behörden entscheiden nach Lust und Laune"

Azula verfolgte die Geschehnisse in ihrem Heimatland direkt bei den Aktivist*innen auf Social Media, sie sieht die Meldung mit Skepsis. Sie glaubt nicht, dass das Verprechen der Behörden wirklich eingehalten wird. Seit 1999 gebe es ein Gesetz, dass es in der Theorie erlaube, den eigenen Geschlechtseintrag und Namen anzupassen, aber es wurde seither kein einziges Mal umgesetzt. Die Aktivist*innen forderten die Einhaltung des Gesetzes, sie hatten eine Liste mit 270 Unterschriften dabei, die das gleiche fordern. Azula sagt uns, die Behörden würden wahrscheinlich nur zehn Dokumente ändern, um die Situation zu beruhigen. "Offiziell heißt es zwar, dass die vereinfachte Änderung des Namens für trans Menschen gelten würde, das bedeutet leider nicht viel, weil die Meldung von offizieller Seite kommt. So tickt der venezolanische Oficialismo."


Uranga ist ebenfalls skeptisch und sieht in der Ankündigung eine Farce. Uranga ist an Wochenenden Dragqueen und unter der Woche Anwalt. Sie kommt aus der Hauptstadt Caracas und lebt seit 2018 in Argentinien. Uranga ist nach Buenos Aires migriert, weil sie in Venezuela keine berufliche Perspektive sah. "LGBTIQ+-Rechte existieren nicht, der Staat überwacht alle wirtschaftlichen Aktivitäten und auch die komplette Kommunikation. Ich wusste: Entweder ich bleibe ein Leben lang ungeoutet oder ich wandere aus. In Venezuela wächst du mit dem Bild auf, dass du als queere Person als Friseur*in arbeitest oder dann irgendwann mal sowieso an Aids stirbst. Andere Optionen hast du nicht. Schwule sind Clowns, sie werden lächerlich gemacht, keine*r nimmt dich ernst."


Uranga in Drag (l.) und im Büro (r.)

Zwar gebe es Gesetze, die Grundrechte auf dem Papier garantieren würden, eingehalten werden sie aber nicht. "Die Behörden entscheiden nach Lust und Laune und wie es ihnen gerade dienlich ist. Beispielweise gibt es sogenannte 'Verstöße gegen die öffentliche Moral', trans Menschen, Schwule, Lesben, Sexarbeiter*innen, queere Menschen werden, wenn sie zum Beispiel protestieren oder anders Aufmerksamkeit erregen, unter Umständen angeklagt, weil sie die ominöse öffentliche Moral verletzen", so Uranga. "Danach wirst du erst mal für ein Tage weggesperrt, ohne dass du je vor Gericht kommst oder dir ein fairer Prozess garantiert wird. Es gibt unfassbare Fälle von massiven Gewaltanwendungen gegenüber LGBTIQ+-Personen seitens der Behörden. Das Problem ist: In Venezuela werden vielfach nicht einmal die Grundbedürfnisse gedeckt, Anliegen der LGBTIQ+-Community stehen somit überhaupt nicht auf der Prioritätenliste, das ist keine Entschuldigung aber nun mal leider Realität."