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Theater

"As You Fucking Like It" am DT Berlin: Alles Sein im rosa Schein

Mit seiner Inszenierung am Deutschen Theater in Berlin unterzieht Bastian Kraft das Shakespeare-Stück "Wie es euch gefällt" einer queeren Lesart und rückt Rosalinde ins Zentrum des lustvollen Verwirrspiels.


Spiel mit Geschlechterrollen: Caner Sunar im Kleid, Regine Zimmermann mit Bart (Bild: Arno Declair)

Im C/O Berlin, einem privaten Ausstellungshaus für Fotografie, sind derzeit drei Ausstellungen unter dem Titel "Queerness in Photography" zu sehen. Im Fokus steht dabei die fotografische Darstellung von Identität, Geschlecht und Sexualität. Die Fotografie hat seit jeher Menschen nicht einfach nur abgebildet, sondern auch ihre gesellschaftspolitische Position maßgeblich geprägt, indem sie Personen aufgrund von äußeren Merkmalen, Verhalten oder Kleidung visuell kategorisiert hat.

In der Ausstellung "Under Cover: A Secret History of Cross-Dressers" sind unter anderem auch Fotoaufnahmen aus Theatern in Kriegsgefangenenlagern während des Ersten Weltkriegs zu entdecken. An Sonn- und Festtagen fanden in den Lagern Theateraufführungen statt, solange sich genug Gefangene fanden, die bereit waren, an ihnen mitzuwirken. Die Kriegsgefangenen waren dabei für alle künstlerischen Bereiche verantwortlich – Regie, Text, Ausstattung und Spiel. Da es keine Frauen in den Lagern gab, mussten eben auch sämtliche weiblichen Rollen von den Männern übernommen werden.

Cross-Dressing auch bei Shakespeare

Auch im elisabethanischen Theater, in dessen Zeit William Shakespeares Schaffen fällt, wurden weibliche Figuren von Männern verkörpert. Denn Frauen waren auf der Bühne unerwünscht. Ihre Rollen übernahmen die sogenannten boy actors, die sich für ihre Darstellung auch des Cross-Dressings bedienten. Dabei ging es nicht nur um die entsprechende Kleiderwahl, sondern auch das Aneignen von Körpersprache und Gestik, die als weiblich galten. Gesellschaftlich kultivierte Identitäten wurden dem Körper aufgeprägt: Männer sollten traditionell potent und stark wirken, Frauen demgegenüber sanftmütig und zart. Umgangsformen, Körperhaltungen, Kleidung, Accessoires verstärkten, betonten oder konstruierten gar diese geschlechtsspezifischen Identitäten – übrigens bis in die heutige Zeit hinein.

Mit "Wie es euch gefällt" hat Shakespeare eine Komödie geschrieben, die mit den Geschlechterrollen lustvoll spielt und zeigt, dass die Grenzen zwischen männlich und weiblich fließend sind: Im Zentrum steht Prinzessin Rosalinde, die sich als junger Mann verkleidet, mit Ganymed einen falschen Namen annimmt und in den Wald von Arden flieht. Dort trifft sie auf ihren angebeteten Orlando, der sie nicht erkennt. Als Ganymed überredet sie ihn zu einem Spiel: Er solle so tun, als sei Ganymed Rosalinde, und ihr Herz zu gewinnen versuchen. Der Plan geht auf, Orlando umwirbt die unerkannt bleibende Prinzessin. Schlussendlich kehren sie an den Hof zurück, und dem Verwirr- und Verwandlungsspiel wird ein Ende gesetzt: Rosalinde gibt sich zu erkennen und tritt mit ihrem Orlando vor den Altar. Die Ehe stellt die Ordnung wieder her.

Maskierte Spiele mit Geschlechtlichkeit


Regine Zimmermann, Helmut Mooshammer, Caner Sunar, Lisa Hrdina in "As You Fucking Like It" (Bild: Arno Declair)

Am Deutschen Theater Berlin steht der Klassiker nun wieder auf dem Spielplan – in neuer Fassung und mit neuem Titel: "As You Fucking Like It" nennt Regisseur Bastian Kraft seine Inszenierung, in der er Shakespeares Original einer queeren Lesart unterzieht und die Protagonistin Rosalinde von vier Darsteller*innen spielen lässt. Premiere war am 18. November in den Kammerspielen, in der – krankheitsbedingt – der Regisseur höchstselbst für den erkrankten Schauspieler Helmut Mooshammer einspringen musste.

Um Verwandlungen und maskierte Spiele mit Geschlechtlichkeit drehte sich auch schon Krafts letzte Inszenierung am DT Berlin: Mit der Uraufführung von "ugly duckling" erschuf er 2019 einen imposanten und berührenden Theaterabend, der auf die gegenwärtige Berliner Drag-Szene blickt. Die Produktion steht übrigens weiterhin auf dem Spielplan. Nun also Shakespeare, der schon mit dem Stücktitel, "Wie es euch gefällt", seine eigene Überzeugung zum Ausdruck brachte, dass dem Publikum hier etwas gegeben wird, was ihm gefallen wird. Mit der Hinzufügung des Wortes "fucking" bezieht Kraft bereits im (englischen) Titel eine klare Haltung gegenüber der Handlung des Stücks: Zwar dürfen die Figuren beispielsweise unter dem Deckmantel der Verkleidung homoerotische Erfahrungen sammeln, aber am Ende setzt der Akt der heterosexuellen Eheschließung dem bunten Treiben ein Ende.

Männer in Kleidern, Frauen in Hosen

Der Zuschauer*innenraum ist zu Beginn in pinkes Licht getaucht, und auch auf der Bühne bewegen sich mit den vier Rosalinden vier Individuen, die in pinke Kostüme getaucht sind – die beiden Männer in Kleidern, die beiden Frauen in Hosen (Kostüme: Jelena Miletić). Nacheinander treten sie vor einem geschlossenen Vorhang auf, hinter dem sich immer noch ein weiterer Vorhang und eine weitere Rosalinde befindet (Bühne: Peter Baur). All die anderen Figuren – ebenfalls verkörpert von dem vierköpfigen Ensemble – erscheinen in vorproduzierten Videos, die auf eine Videowand projiziert werden.

Die Filme allerdings sind ohne Audiospur, die Texte werden von den Schauspieler*innen auf der Bühne lippensynchron mitgesprochen und gespielt. So entsteht eine unterhaltsame und bis in die Nuancen feingearbeitete Interaktion zwischen Bühnenspiel und filmischer Ebene. Die Maskenbildner*innen haben dabei beeindruckende Arbeit geleistet: Die Schauspieler*innen sind in ihren fantasievollen und völlig unterschiedlichen Kostümen und Masken kaum wieder zu erkennen. Die Figuren werden dabei so überzeichnet gespielt, dass die Geschlechterklischees von ganz allein ad absurdum geführt werden, ohne dass es einen moralischen Zeigefinger seitens der Regie benötigt.

Auch Shakespeare himself tritt auf

Dazu gibt es einen schwungvollen Soundtrack (Musik: Pollyester), der mit "Blue – the dawn is growing blue" (aus dem Film "Solo Sunny") vor allem die Szenenübergänge und kleineren Umbauten auf der Drehbühne so lustvoll gestaltet, dass man das bunte Treiben auf der Vorder- und Hinterbühne zwischen Garderobenständern und Schminktischen nur zu gerne beobachtet. In knapp 100 Minuten schafft es das Ensemble so einmal durch die Verwirr- und Verwechselkomödie hindurch und lässt nebenbei noch Shakespeare himself auftreten und über Gwyneth Paltrows Oscar-Gewinn nachdenken, die ein Kindheitsidol für Schauspieler Caner Sunar darstellte.

Es ist gewiss kein großer Theaterabend, an dem das Ensemble zu künstlerischen Höchstleistungen getrieben wird. Aber Kraft schafft es, wie zuvor schon bei "ugly duckling", eine überaus charmante Inszenierung vorzulegen, die das Publikum abholt – ob queer oder cis hetero – und eine wohlige Sogkraft entwickelt. Gewiss wird auch diese Produktion ihr Publikum finden und sich über die queere Community hinaus herumsprechen. Denn am Ende sind es eben auch die heterosexuellen cis Männer, die vom Sturz des Patriarchats und der Geschlechterzuschreibungen profitieren können.

Wie die Ausstellung wirft auch diese Inszenierung nachdrücklich die Frage auf, ob sozial konstruierte Geschlechter heutzutage überhaupt noch zeitgemäß sind. Denn noch immer werden Geschlechterdifferenzen hartnäckig und kontinuierlich reproduziert – auch häufig noch im Theater. "Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler", heißt es in ebendiesem Shakespeare-Stück. Am Ende liegt es an uns, die Gesellschaft und ihre Räume als Bühne zu begreifen und zu nutzen. Ob in pinkem Kleid oder ohne – wie es euch eben verdammt nochmal gefällt!

Infos zum Stück

As You Fucking Like It nach William Shakespeare. Regie Bastian Kraft. Bühne: Peter Baur. Kostüme: Jelena Miletić. Musik; Pollyester. Video: Jonas Link. Licht: Thomas Langguth. Dramaturgie: Franziska Trinkaus. Cast: Regine Zimmermann, Helmut Mooshammer, Caner Sunar, Lisa Hrdina. Dauer: 100 Minuten (ohne Pause). Deutsches Theater Berlin. Schumannstraße 13A, 10117 Berlin-Mitte- Nächste Vorstellungen: 8.12.2022 (20.30 Uhr), 9.12. (19.30 Uhr), 25.12. (19.30 Uhr), 31.12. (20 Uhr), 2.1.2023 (19.30 Uhr), 8.1. (19.30 Uhr) und 28.1. (19.30 Uhr)
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#1 WunderbarAnonym
  • 06.12.2022, 11:57h
  • Also, ich als CisFrau genieße queere Kunst und Darsteller enorm.
    Also homosexuelle Männer, die die Travestie beherrschen und ihre Rollen auf der Bühne hervorragend darstellen. ( Das hat nun nichts mit Trans zu tun).
    Ich habe in meinem Leben überwältigende schöne, auch unterhaltsame Travestiekünszler gesehen, die unübertroffen waren / sind, in ihrer Kunst.
    Unvergessen waren für mich Darstellen auf der Bühne über Bette Davis und Joan Crawford. Unfassbar, manchmal dachte ich sogar, es wären die beiden von den Gräbern auferstanden, so überzeugend wurde es dargestellt. Ich genieße es!
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