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Community in Angst

Israel: Designiertes Regierungsmitglied will CSD Jerusalem verbieten

Mit der neuen Rechtsregierung von Benjamin Netanjahu könnte der Druck auf die queere Community steigen. Außerdem gibt es Warnungen, dass sich Israel aus der Gemeinschaft der Demokratien verabschieden könnte.


Homo-Hasser Avi Maoz soll Teil der neuen Regierung von Benjamin Netanjahu werden (Bild: אלדד / wikipedia)

  • 6. Dezember 2022, 10:27h 7 3 Min.

Die geplante neue Rechtsregierung von Benjamin Netanjahu könnte nach Ansicht des Vorsitzenden der israelischen Rechtsanwaltskammer, Avi Chimi, die Demokratie gefährden. Der Jurist bezog sich in der Zeitung "Haaretz" auf tiefgreifende Schritte zur Schwächung des Justizsystems, die Mitglieder der sich abzeichnenden neuen Regierung angekündigt haben. Auch LGBTI-Aktivist*­innen zeigen sich besorgt.

Bei der Wahl am 1. November holte das rechts-religiöse Lager des langjährigen früheren Ministerpräsidenten 64 von 120 Sitzen. Netanjahu – gegen den ein Korruptionsprozess läuft – kehrt damit nach anderthalb Jahren in der Opposition wahrscheinlich an die Macht zurück. Mit mehreren anderen Parteien hat er sich im Grundsatz schon geeinigt. Er hat bis Sonntag Zeit für die Regierungsbildung, kann aber noch zwei Wochen Verlängerung beantragen.

Für Sorge unter queeren Aktivist*­innen sorgt insbesondere Avi Maoz, das einzige Mitglied der LGBTI-feindlichen Noam-Partei. Er soll künftig für externe Programme an israelischen Schulen zuständig sein. Zahlreiche Schulleiter*­innen und Kommunen haben bereits klargestellt, dass sie sich gegen Beschneidungen liberaler Inhalte stemmen werden.

CSD Jerusalem als "beleidigende Provokation"

Außerdem sorgte Maoz auch mit seiner Forderung nach einem Verbot des CSDs in der israelischen Hauptstadt Jerusalem für Unruhe. Der 66-Jährige erklärte, er würde "rechtliche Möglichkeiten prüfen", die Demonstration zu verbieten, weil diese eine "beleidigende Provokation" für Gläubige sei. Zwar stellte der designierte Ministerpräsident Netanjahu klar, dass der CSD weiterhin erlaubt bleibe. Dennoch rechnet die Community mit Einschränkungen ihrer Freiheit.

Israel ist derzeit das einzige Land in der Region, in denen queere Menschen weitgehend akzeptiert und CSDs möglich sind. In den letzten Jahren kam es zugleich immer wieder zu Gegenprotesten und Gewalt. 2015 ermordete ein fanatischer jüdischer Aktivist eine 16-jährige CSD-Teilnehmerin mit einem Messer (queer.de berichtete). 2019 wurde erneut ein Mann mit einem Messer festgenommen (queer.de berichtete).

Regierung könnte Höchstgericht umgehen

Auch weitere Einschränkungen für die Zivilgesellschaft könnten mit der neuen Regierung auf Israel zukommen: Erwartet wird, dass die Regierung eine sogenannte Überwindungsklausel auf den Weg bringen wird. Damit könnte eine Mehrheit im Parlament Gesetze durchsetzen, auch wenn das Höchste Gericht diese als illegal einstuft. "Dies bedeutet, dass die Regierung nicht gezügelt oder kontrolliert werden kann", warnte Rechtsanwaltskammer-Chef Chimi. "Sie kann tun, was sie will." Israel könne in diesem Fall nicht mehr als Demokratie eingestuft werden.

Vor einer Vereidigung der neuen Regierung soll noch eine Gesetzesänderung durchgesetzt werden, die es dem Vorsitzenden der strengreligiösen Schas-Partei, Arie Deri, ermöglichen soll, trotz einer Verurteilung wegen Steuervergehen Innenminister zu werden.

Auch andere Ministerposten sollen mit umstrittenen Politikern besetzt werden. Die bisherigen Koalitionsvereinbarungen gewähren Bezalel Smotrich von der Religiös-Zionistischen Partei nach Medienberichten weitreichende Befugnisse, die den israelischen Siedlungsausbau im besetzten Westjordanland sowie Ost-Jerusalem erleichtern sollen.

Itamar Ben-Gvir, der wegen Unterstützung einer terroristischen Organisation verurteilt wurde, soll Minister für Nationale Sicherheit werden. Sollte der rechtsextreme Politiker versuchen, den Status quo auf dem Tempelberg in Jerusalem zu ändern und etwa Jüd*innen dort das Gebet erlauben, ist mit einer weiteren Eskalation in den Beziehungen mit den Palästinenser*innen und Jordanien zu rechnen. (dpa/dk)

-w-

#1 PetterAnonym
  • 06.12.2022, 16:45h
  • Warten wir mal ab. Nicht nur Schulleiter und Kommunen haben klar gesagt, dass sie das nicht akzeptieren werden, sondern auch weite Teile der Gesellschaft lassen sich ihre Freiheiten nicht nehmen.

    Und sollte die Regierung wirklich eine "Überwindungsklausel" planen, womit man das höchste Gericht umgehen kann, wäre das tatsächlich das Ende der Rechtsstaatlichkeit. Aber das würde massive Proteste hervorrufen, wie sie Israel wahrscheinlich noch nie gesehen hat. Das wird kaum jemand hinnehmen. Ich frage mich auch, ob man für diese Änderung nicht auch das höchste Gericht bräuchte, wenn nicht, wird es Zeit, das zu ändern.

    Fazit:
    Es gibt Staaten, wo jetzt alle Alarmglocken bei mir schrillen würden. Aber bei Israel habe ich die Hoffnung, dass die Bürger, aber auch Verwaltung, Justiz, andere Parteien, Unternehmen, etc. das nicht so hinnehmen werden. Das würde nicht nur Gesellschaft und Wirtschaft massiv schaden, sondern auch Israels Ansehen komplett zunichte machen. Das wird nicht so einfach werden, wie sich das manche vielleicht vorstellen.
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#2 Schon
  • 06.12.2022, 18:57hFürth
  • Israel und Italien zeigen eindrucksvoll, wie schnell erkämpfte Freiheiten wieder geraubt werden können, wenn man Rechtsradikale nicht ernst nimmt oder akzeptiert, das Parteien mit ihnen Koalieren. Ein Nazi bleibt ein Nazi, auch wenn er kuschelt und relativiert.
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#3 stephan
  • 06.12.2022, 20:05h
  • Maoz sei ins Stammbuch geschrieben, dass jede Form von organisierter Religiosität eine Beleidigung der Vernunft und eine Herabwürdigung jedes denkenden Menschen darstellt. Wer mit Religion irgendetwas begründet, hat arge Probleme mit dem Denken!
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