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Interview

"Viele Katarer schämen sich für den mangelnden Respekt ihrer Regierung vor Menschenrechten"

Ist die Debatte um die Fußball-WM in Katar eine Chance, die Situation queerer Menschen in arabischen Ländern zu verbessern? Das haben wir den syrisch-stämmigen schwulen Autor Khaled Alesmael gefragt.


Khaled Alesmael wurde als Sohn eines syrischen Vaters und einer türkischen Mutter in Syrien geboren. 2014 floh er von Damaskus nach Stockholm, heute lebt er in London (Bild: Ben Wilkin)

Khaled Alesmael ist Journalist und Buchautor. Seine eigene Flucht aus Syrien verarbeitete er 2018 zu dem viel beachteten Roman "Selamlik", in seinem im Oktober erschienenen neuen Buch "Ein Tor zum Meer" erzählt er in zehn auf Interviews und Chats basierenden Texten von individuellen Schicksalen schwuler Männer aus Syrien, Jemen, Ägypten, Irak, Marokko und dem Libanon.

Um Katar geht es dabei nicht, dennoch lassen sich viele Aspekte, die die zehn "Briefe von arabischen Homosexuellen" in "Ein Tor zum Meer" verhandeln, auf die dortige Situation übertragen. Khaled Alesmael hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, seine Stimme für totgeschwiegene queere Minderheiten in arabischen Kulturen zu erheben. Weil er glaubt, dass die weltweite öffentliche Thematisierung homophober Unterdrückungsmechanismen zu deren Beseitigung beitragen kann. Die "One Love"-Debatten begrüßt er grundsätzlich, sorgt sich aber um deren einseitige Auslegung.

Khaled, wie hast du die Debatten im Vorfeld der Fußball-WM um die Aussagen des katarischen WM-Botschafters, der Homosexualität als "geistigen Schaden" bezeichnete, oder über die fragwürdigen "Alle sind willkommen"-Bekenntnisse erlebt?

Es gibt ein arabisches Sprichwort: Wer ein Kamel beherbergt, muss sein Tor höher machen. Meiner Meinung nach missachtet die katarische Regierung diese kulturelle Redensart, die die Großzügigkeit der Araber zum Ausdruck bringen soll. Das Narrativ der katarischen Behörden ist, dass der Westen die Kultur von Katar zu respektieren hat. Dabei respektieren die katarischen Behörden ihre eigene Kultur von Gastfreundschaft und Großzügigkeit nicht einmal selbst. Jedenfalls haben sie sich bei der WM dafür entschieden, ihr Tor kleiner zu machen. Es ist nicht das erste Mal, dass sie das tun. Sie haben ihr Tor auch für die Syrer verkleinert, die während der Flüchtlingskrise von 2015 im Mittelmeer ertranken.

Sind Boykotte ein wirksames Mittel des Protests?

Schwer zu sagen. Generell bereitet es mir Sorgen, dass in den medialen Diskussionen über Katar zu wenig oder gar nicht zwischen Bevölkerung und Behörden getrennt zu werden scheint. Das bringt letztendlich die Gefahr mit sich, dass dadurch neue Fronten von Hass oder Rassismus entstehen. Ich spreche in dem Zusammenhang deshalb sehr bewusst nur von der katarischen Regierung und ihren Behörden und vermeide deren Gleichsetzung mit der Bevölkerung. Denn ich denke schon, dass es viele Katarer gibt, die sich für den mangelnden Respekt vor Menschenrechten ihrer Regierung schämen, insbesondere die sehr versteckte Gay-Community dort.


Khaled Alesmaels Roman "Ein Tor zum Meer" ist im Oktober 2022 im Albino Verlag erschienen

Für dein Buch "Ein Tor zum Meer" hast du schwule Männer aus arabischen Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas interviewt. Katar spielt dort keine Rolle, aber hast du trotzdem mit schwulen Männern von dort über ihre Situation kommuniziert?

Ja, durch meine Arbeit bekomme ich fast täglich Nachrichten von Menschen aus aller Welt, und ich habe auch mit Leuten aus Katar gechattet. Allerdings würde ich auf diese Fälle in der Öffentlichkeit momentan nicht näher eingehen, um die Leute zu schützen.

Es ging und geht bei dieser WM viel um Solidaritätsgesten durch Sportler. Denkst du, dass Zeichen wie die viel diskutierte "One Love"-Armbinde dazu beitragen können, die Situation unterdrückter Communitys in Katar zu verbessern?

Ich würde den Blick ein wenig weiten und vor allem die allgemeinen Chancen in den Fokus rücken, die die Fußball-WM bietet, um ein Licht auf schwules Leben im arabischen Raum zu werfen – natürlich in der Hoffnung, dass sich etwas zum Guten verändert.

Und was hältst du von Aktionen wie der Hand-vor-den-Mund-Geste, mit der die deutsche Nationalmannschaft vorm Spiel gegen Japan gegen das FIFA-Verbot der "One Love"-Binde protestiert hat?

Ich halte das für eine immens wichtige Geste und hätte mir gewünscht, dass viele weitere Teams diesem Beispiel folgen. Darüber hinaus kann ich mir aber auch sehr gut den Stress vorstellen, den die Mannschaft im Moment des Protests empfunden haben muss. Aber letztendlich ist die LSBTQI*-Gemeinschaft auf Mitwirkung angewiesen. Wir sind darauf angewiesen, dass wir für uns selbst und für die Gesellschaft sichtbar werden und einander beistehen gegen fehlende Akzeptanz. Wo eine Öffentlichkeit erreicht und dieses Privileg genutzt wird, um auf Missstände aufmerksam zu machen, finde ich das also erst mal begrüßenswert – egal, ob die Fußballer Solidaritätsgesten machen oder ich meine Fähigkeit zu schreiben nutze, um in meinen Büchern individuelle Schicksale aufzuzeichnen und nachvollziehbar zu machen.

Khaled Alesmaels Roman "Selamlik" und sein neues Buch "Ein Tor zum Meer" sind im Albino Verlag erschienen und unter anderem erhältlich im Salzgeber.Shop.

#1 PetterAnonym
  • 10.12.2022, 11:54h
  • "Generell bereitet es mir Sorgen, dass in den medialen Diskussionen über Katar zu wenig oder gar nicht zwischen Bevölkerung und Behörden getrennt zu werden scheint."

    Vermutlich, weil es diese Trennung eben in der Form nicht gibt.

    Ja, es gibt sicher Katarer (zuvordert sicher auch die LGBTI vor Ort, aber sicher auch andere), die nicht damit einverstanden sind. Aber es gibt sicher auch genug Bürger, die das alles gut finden.

    Und vielleicht gibt es sogar in den Behörden auch Leute, die nicht einverstanden sind und vielleicht sogar innerhalb ihrer Grenzen versuchen, ihr Möglichstes zu tun.

    Insofern sollte man nicht zwischen Bevölkerung und Behörden unterscheiden, sondern zwischen den Leuten, die diese Politik unterstützen und denen, die sie ablehnen.

    Und dass das so ist, dürfte jedem klar sein. Das braucht einem also keine Sorgen zu bereiten.
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#2 MuschebubuAnonym
  • 10.12.2022, 18:41h
  • Nö, die Geste war nichts! Eine Geste wäre es gewesen, wenigstens vor dem Anpfiff alle die Binde oder am besten das Original anzuziehen, dann gerne ohne weiter. Aber den Mund zu halten? Haben doch den Mund vorher auch nicht aufbekommen.
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