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"Wildhood": Two-Spirit liebt Ausreißer
Der queere Coming-of-Age-Film von Brettan Hannam begleitet einen Teenager auf dem Weg durch die kanadische Prärie – und sorgt für wichtige Sichtbarkeit indigener Kultur und Geschichte.

Szene aus "Wildhood": Pasmay hilft Link nicht nur bei der Entdeckung seiner Wurzeln und seiner wahren Identität, sondern weckt auch noch ganz andere Gefühle in ihm (Bild: Salzgeber)
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11. Dezember 2022, 04:10h 4 Min.
"Sie ist tot. Tot für mich und tot für dich, verstanden?" Den Zeigefinger drohend erhoben, warnt er seinen Sohn, nicht weiter in der Vergangenheit zu graben. Der trinksüchtige und gewalttätige Vater hatte Link jahrelang angelogen, seine Mutter sei bereits verstorben. Im affektiven Rausch der Gefühle bricht dieser aus der Wohnung aus, seinen Halbbruder Travis an der Hand, sperrt seinen Vater ein und möchte mit dessen Truck fliehen. Als er bemerkt, dass die Schlüssel sich noch im Haus befinden, brennt er das Auto nieder. Die lodernden Flammen in der Nacht spiegeln sich in Travis' ungläubigen Augen wieder.
Das Inbrandsetzen ist ein symbolischer Akt der Abkapselung von der Vergangenheit. Link flieht vor der tyrannischen und patriarchalen Gewalt seines Vaters, der Beengtheit des eigenen Containers, dem Stehlenmüssen. Er begibt sich auf die Suche nach seiner totgeglaubten Mutter, die dem kanadischen Mi'kmaq-Stamm angehört. Damit erkundet Regisseur*in Brettan Hannam im queerem Coming-of-Age-Drama "Wildhood" das Motiv des Nicht-Ankommens und Dazwischen-Seins.
Eine Reise zu familiärer und queerer Heimat

Poster zum Film: "Wildhood" läuft im Dezember 2022 in der Queerfilmnacht sowie ab 16. Dezember 2022 auf DVD
Link weiß durch seine kantige Art die (durchaus dürftige) Handlung auf den Schultern zu tragen. Das Temperament ist von Ambivalenzen bestimmt: die jähzornig-impulsive Ader als Auswirkung der häuslichen Umstände, seine simultane Eigeninitiative und das Verantwortungsbewusstsein, das in der komplexen Beziehung zu seinem Halbbruder Travis (wunderbar naiv gespielt von Avery Winters-Anthony) zur Geltung kommt, seine Reise zu familiärer und queerer Heimat. Phillip Lewitsky gelingt in seiner Darstellung die schmale Gratwanderung zwischen Verletzlich- und Unnahbarkeit, immer wieder verliert sich die Kamera in seiner undurchdringlichen Mimik.
Ein Einblick in solcher Intensität bleibt den Zuschauer*innen bei der Nebenfigur Pasmay (Joshua Odjick) vorenthalten. Zwar werden immer wieder Impressionen seiner eigenen Lebensgeschichte aufgegriffen, die Motive für die Hilfsbereitschaft, mit denen er den Brüdern begegnet, bleiben jedoch ungeklärt. Auf welcher Suche befindet sich die Person, was hat sie bereits gefunden? Aufgrund dieser Schleierhaftigkeit fällt es schwer, eine emphatische Reaktion für die queere Liebesgeschichte aufzurufen, die sich allmählich zwischen den beiden Protagonisten anbandelt.
Erfrischend unspektakuläre Selbstrepräsentation
Was Regisseur*in, Drehbuchautor*in und Produzent*in Bretten Hannam durch autobiografische Einflüsse überzeugend gelingt, ist eine erfrischend unspektakuläre Selbstrepräsentation: Pasmay muss als Two-Spirit nicht erst eingeführt werden, macht sich nicht die Mühe, sich den Zuschauer*innen zu erklären: Er nimmt selbstverständlich die eigenständige Geschlechtlichkeit außerhalb von binären Zuschreibungen an, die sich aufgrund der unterschiedlichen kulturellen Identität der kanadischen Indigenen vom Begriff der Nonbinarität abgrenzt.

Pasmay muss sich als Two-Spirit nicht erklären (Bild: Salzgeber)
Ganze Passagen widmen sich der Übertragung von Assoziationen in indigene Sprache – oder aber der Film verwehrt sich aktiv dem Auftrag eines Lexikons, indem er dem Publikum die Übersetzung vorenthält. Die Reise in "Wildhood" mündet in eine beeindruckende Endszene, die Pasmay tanzend in der Kleidung für die Powwow-Festlichkeiten zeigt, und sich das farbenfrohe Kostüm von der schroffen Meeresküste abhebt. Ein starker Moment, der ein beflügelndes Freiheitsgefühl auslöst und selbstermächtigend wirkt.
"Wildhood" weiß mit seiner wundervollen Filmsprache zu verzaubern: Die Kamera verliert sich in der lila Wolkenfront des Horizonts, in der sonnengetränkten Weite der Felder, in der Bewegung des Wassers. Sie verlässt die Figuren nicht, bewegt sich nah an ihren Gesichtern, während die Wellen und Grashalme die Linse berühren. Der Name ist Programm.
Ansehnliche Schauplätze, wenig Handlung
Schnell klammert sich der Film aber auch narrativ an schwachen Grashalmen entlang: Ihm fehlt es an Profil neben der ästhetischen Sammlung ansehnlicher Schauplätze. Eine leichtfertig gestohlene Akte, ein zufällig am Autofenster entdecktes Symbol, eine vorgefertigte unpersönliche Geburtstagskarte: All diese leicht erreichbaren Informationen sorgen plötzlich für einen erstaunlichen Fortschritt, während viele andere Szene gar keine Progression intendieren, sondern dem Prozess der Fortbewegung prosaisch frönen. Diese Unausgeglichenheit ist für das visuell ansprechende Roadmovie handlungstechnisch nicht ausreichend.
Der Wunsch, "Wildhood" würde mehr Zeit für wirkliche Erzählung einräumen, bleibt unerfüllt: Das Moment der Suche wird nicht aufgedröselt, sondern in ein rastloses Ende überführt, das viele Fragen offen lässt. Damit stilisiert Hannam "Wildhood" zu einem stetigen Ausdruck von Fragen, die der Film selbst nicht beantworten kann – und das auch nicht will.
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Wildhood. Drama. Kanada 2021. Reige: Bretten Hannam. Cast: Phillip Lewitski, Joshua Odjick, Avery Winters-Anthony, Michael Greyeyes. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: Originalfassung in Englisch und Mi'gmaq mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Im Dezember 2022 in der Queerfilmnacht sowie ab 16. Dezember 2022 auf DVD
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