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Transfeindliche Berichterstattung
Wie Julian Reichelt noch immer via "Bild" Hetze verbreiten kann
Die "Bild" nutzt einen konstruierten Aufreger über die Antidiskriminierungsbeauftragte Ataman und kombiniert sie mit der Zitatemaschine Julia Klöckner (CDU), um in der Kontroverse um Trans-Rechte Täter-Opfer-Umkehr zu betreiben.
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15. Dezember 2022, 13:04h 6 Min.
Eigentlich ist Julian Reichelt ja nicht mehr Chef bei "Bild". Nachdem er sich vom Axel-Springer-Verlag partout nicht in seinen Umgang mit weiblichen Untergebenen reinreden lassen wollte, hatte der ihn vergangenes Jahr schlussendlich vor die Tür gesetzt.
Doch augenscheinlich kann Reichelt, der aus seiner rechtsaußen angesiedelten Gesinnung inzwischen kaum noch einen Hehl macht, noch immer die Agenda bei der großen Boulevard-Zeitung diktieren. "Gaga-Vorschlag der Anti-Hass-Beauftragten" hieß es am Mittwoch bei "Bild" über einen Ausspruch Ferda Atamans zu Anfeindungen, denen trans Personen im Netz ausgesetzt sind. Die hätten demnach das Bundesverdienstkreuz verdient.
Die kaum als tatsächlicher Vorschlag gemeinte Bemerkung der Antidiskriminierungsbeauftragten hatte zunächst eigentlich niemanden weiter interessiert. Außer den "Pleiteticker", der vom "Achtung, Reichelt"-Team betrieben wird und auf dem Tags zuvor über den "irren Ataman-Satz" berichtet worden war.
Vom "Pleiteticker" zur "Bild"
Ataman, die "umstrittene Antidiskriminierungsbeauftragte", heißt es im Reichelt-Blog, habe "erneut mit fragwürdigen Aussagen auf sich aufmerksam gemacht". Demnach sagte sie während einer Veranstaltung der queeren "Prout at Work Foundation": "Was trans Personen aktuell erleben müssen, ist furchtbar. Ich finde, jede trans Person, die sich in sozialen Medien aufhält, sollte ein Bundesverdienstkreuz bekommen."
Den offenbar eher als Nebenbemerkung vorgebrachten Ausspruch ließ sich das "Achtung, Reichelt"-Team für seinen "Pleiteticker" extra von Atamans Büro bestätigen, um das dann berichten zu können. So klang es noch ein bisschen offizieller, als wenn Reichelts Mitarbeiter*innen einfach nur so berichtet hätten, was Ataman gesagt hatte.
Daraufhin griff die "Bild"-Zeitung auf ein altbewährtes Mittel zurück, das da lautet: Wenn man aus den eigenen queerfeindlichen Ressentiments eine Nachricht machen will, so frage man Julia Klöckner (CDU). Und so hieß es am Mittwoch bei "Bild", Ataman "irritiert mit dem Wunsch nach einem Bundesverdienstkreuz für alle Trans-Menschen, die in sozialen Medien aktiv sind". Doch zur ehemaligen Landwirtschaftsministerin später.
Bestätigte Ataman-Sprecher Vorschlag?
Inzwischen hatte sich das genaue Ataman-Zitat noch gewandelt. Nun soll die Beauftragte für Antidiskriminierung gesagt haben: "Trans* Personen werden in sozialen Medien dermaßen extrem mit Hass und Hetze konfrontiert, dass jede*r von ihnen, der*die im Netz bleibt und trotzdem Gesicht zeigt, ein Bundesverdienstkreuz verdient hätte. Meine Meinung."
Die Aussage habe, erfährt man bei "Bild" immerhin, während einer Podiumsdiskussion stattgefunden. Und: "Ein Ataman-Sprecher bestätigte den Vorschlag." Doch tat er das wirklich, oder hatte das Büro von Ataman nur den Ausspruch bestätigt?
Nun wirkte es jedenfalls so, als hätte Ataman wirklich die Verleihung eines Bundesverdienstkreuzes vorgeschlagen und nicht mit einer Metapher versucht, das Ausmaß der gegenwärtigen Welle transfeindlicher Äußerungen und Anfeindungen im Netz zu verdeutlichen.
Klöckner: "Gespannt, was Bundespräsidialamt sagt"
Auftritt Julia Klöckner. Die hatte noch im Oktober einen Text über trans Menschen im Regenbogenportal der Bundesregierung als "irre" bezeichnet (queer.de berichtete). Im Februar versuchte sie in Bezug auf eine Akzeptanzkampagne in Rheinland-Pfalz gegenüber "Bild", queere Menschen gegen die Betroffenen der Flutkatastrophe vom Sommer 2021 auszuspielen (queer.de berichtete).
Zum Ataman-Ausspruch sagte sie der Boulevard-Zeitung nun: "Wenn Frau Ataman nun das Kriterium, im Netz bepöbelt zu werden, als ein neues Kriterium vorschlägt, dann bin ich sehr gespannt, was das Bundespräsidialamt dazu sagt. Dann müssen für die Verleihungen Nachtschichten eingelegt werden." Und so war aus dem Geraune auf einem Reichelt-Blog eine Meldung in "Bild" geworden. Menschen würden doch, so Klöckner und "Bild"-Autor Carl-Victor Wachs unisono, "unabhängig von ihrem Geschlecht bepöbelt".
Täter-Opfer-Umkehr mit Vollbrecht
Der "Bild"-Kollege gibt seinen Leser*innen auch gleich, und damit endet die Meldung, ein Beispiel mit auf den Weg: "die Biologie-Doktorandin Marie-Luise Vollbrecht (32)". Denn was "Ataman nicht ausspricht: Auch Vertreter der Trans-Community gehen andere Menschen wegen unliebsamer Meinungen an." "Wiederholt" hätte Vollbrecht bloß erklärt, es gebe "nur zwei biologische Geschlechter". Dafür sei sie "von Hass überrollt" worden – ein Hass, der "bis zum körperlichen Angriff geht".
Kein Wort dazu, dass Vollbrecht eben nicht nur ihren Job als Biologin macht, sondern immer wieder öffentlich gegen transgeschlechtliche Menschen polemisiert, ihnen ihre Geschlechtszugehörigkeit abspricht sowie die Akzeptanz transgeschlechtlicher Personen als unvereinbar mit feministischen Ideen darstellt und so eine ganze Community aus Social-Media-Fans unterhält. Nebenbei wird mit dem Ausdruck "Meinung" die bloße Existenz von trans Personen, wegen der sie den Anfeindungen ausgesetzt sind, zur Meinung herabqualifiziert. So, als könnte man eben einfach anderer Meinung sein.
Bis zum körperlichen Angriff?
Doch welcher körperliche Angriff ist gemeint? Am Sonntag war Vollbrecht in Leipzig bei einer Veranstaltung im "Conne Island" über "Die neue Pseudolinke" zu Gast. Gemeint war damit natürlich die komplette politische Linke, die sich von querfrontlerischen Bemühungen wenig beeindruckt zeigt. Gegen die Veranstaltung der transfeindlichen Gruppierung hatte entsprechend die Linksjugend Leipzig Ost zum Protest aufgerufen. Im Vorfeld will Vollbrecht dann geschubst worden sein. Zudem habe sie einen Ellenbogen in die Rippe bekommen.
Über den Protest berichtet hatte dann eine gewisse Judith Sevinç Basad. Die positioniert sich immer wieder als Feministin, ist Autorin eines Beitrags des im queeren Querverlag erschienenen Sammelbandes "Freiheit ist keine Metapher" – und inzwischen ehemalige "Bild"-Kolumnistin.
Von dort war sie weggegangen, weil der Springer-Konzern ihrer Meinung nach vor "woken" Trans-Aktivist*innen "eingeknickt" sei, wie die aktuelle Berichterstattung wieder eindrucksvoll belegt. Und wo tat Basad die Nachricht kund, die sonst kein Medium vermeldete? Auf dem Reichelt-Blog "Pleiteticker", für das sie inzwischen arbeitet. Denn Feminismus ist natürlich immer auch eine Sache von starken Prinzipien.

Unter dem Titel "Nach Böhmermanns 'TERF'-Beitrag: Trans-Aktivisten treten schwangere Frau" erzählte Basad dort nicht nur von der Attacke auf Vollbrecht, bei der diese auch noch "geschlagen" worden sein soll, sondern auch von einem Tritt gegen eine Schwangere. Via überhaupt nicht weit hergeholtem Framing wurde so noch die in "Gender Critical"-Kreisen große Aufregung über Jan Böhmermanns Beitrag im ZDF Magazin Royale bemüht, um noch irgendwie ein bundesweites öffentliches Anliegen in die Sache zu mogeln.
Überhaupt ist in dem Stück von Reichelt-Mitarbeiterin Basad viel von Angriffen "auf Frauen" durch transgeschlechtliche Aktivist*innen die Rede. Doch aus der im Titel angekündigten Attacke auf die Schwangere wurde im Text dann nicht viel mehr als "Eine schwangere Frau soll sogar getreten worden sein." Beobachtet haben will das eine Studentin.
Weiterhin sollen "mehrere Frauen" an dem Abend attackiert worden sein. Eine sei mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen worden. Es seien Schneebälle geflogen und Frauen mit Aussprüchen wie "Terf ficken" bedroht worden. Ein Mann wurde zudem attackiert, ein weiterer mit Pfefferspray angegriffen. Und dann gab es natürlich noch den Übergriff auf Marie-Luise Vollbrecht. Zwei Tage später, am Mittwoch, legte Basad übrigens unter dem Titel "Aus Worten werden Taten, Jan Böhmermann!" nach.

Chaotische Szenen müssen sich also vor dem Veranstaltungsort, dem Leipziger "Conne Island", abgespielt haben. Grund genug für die "Leipziger Internet Zeitung", bei der Polizei auch in Hinblick auf die Attacke auf Vollbrecht nachzufragen.
Deren Sprecher Olaf Hoppe erwiderte demzufolge: "Den Einsatzkräften unseres Reviers Leipzig-Südost und der Inspektion Zentrale Dienste wurden vor Ort keine Auseinandersetzungen, wie […] geschildert, bekannt." Zwar könne man nicht ausschließen, dass es im Nachgang der Veranstaltung noch zu Übergriffen gekommen sei. Eine "größere Dimension", wie die "Hinweise auf Twitter durchaus eingeordnet werden könnten", werde jedoch ausgeschlossen.
Wenn also mal wieder wenig Substanz zu einer queerfeindlichen Nachricht in der "Bild"-Zeitung aufgeblasen wird, ist es gut möglich, dass man beim Nachverfolgen der Quelle auf die Kanäle und Medien des Julian Reichelt stößt.















