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Kinostart

Warum "Oskars Kleid" trotz des Deadnamings sehenswert ist

Die mit Florian David Fitz, Senta Berger und Burghart Klaußner hochkarätig besetzte Tragikomödie "Oskars Kleid" ist der erste deutsche Mainstream-Film über ein trans Kind – und eine Überraschung.


Der Film von Hüseyin Tabak hat starke Momente, wenn nicht über Lili (Laurì) gesprochen wird, sondern das trans Mädchen selbst im Mittelpunkt steht (Bild: Warner Bros. Pictures Germany)

Ja, natürlich, mit dem Titel geht's schon los. Da wird ein Mainstream-Film mit den bekanntesten deutschen Schauspieler*innen gedreht, der erste, der das Leben eines trans Kindes zum Thema macht, und er macht sich des Deadnamings schuldig: Der Filmtitel nutzt den Namen des Kindes, den es selbst ablehnt. "Ich heiße nicht Oskar, ich heiße Lili", sagt das Kind unmissverständlich.

Fettnäpfchen, Anfängerfehler oder unverzeihliche Grenzüberschreitung? Auf jeden Fall genauso unglücklich wie unnötig, aber natürlich verlockend. Ein Jungenname und ein Kleid, das beschwört Bilder herauf, das macht neugierig, das ist vielleicht auch ein wenig absurd und lächerlich. Aber: Die Titel-Diskussion wird der Tragikomödie nicht gerecht. Denn die ist eine echte Überraschung.

Lilis Kleid kommt sofort in den Müll

Tatsächlich beginnt alles mit dem gelben Kleid, das die neunjährige Lili trägt (ganz wunderbar von Laurì gespielt, die ihr Spielfilmdebüt gibt). Der Polizist Ben (Florian David Fitz) ist zwar von Mira (Marie Burchard) getrennt, im Handy ist sie aber immer noch als "Schatz" eingespeichert. Als die hochschwangere Mira verletzungsbedingt bis zur Geburt ins Krankenhaus muss, holt Ben seine Kinder zu sich. Als er Lili, die er zu diesem Zeitpunkt noch bei ihrem Taufnamen nennt, in ihrem Kleid sieht, entfährt ihm nur ein verwirrtes "Lass den Scheiß!".

Lili hat kinnlange Haare und setzt sich beim Pinkeln hin. Irgendwann erfährt Ben, was alle schon wissen: dass Lili seit fünf Monaten Mädchenkleidung trägt und ein trans Kind ist. Ihr Vater hat dafür überhaupt gar kein Verständnis. Das Kleid kommt in die Mülltonne. Ben sucht nach Informationen, schaut ein Internetvideo, in dem von trans als "Mode" die Rede ist: "Trans ist die neue Magersucht." Ben will dagegen arbeiten, baut mit Lili und ihrer Schwester Erna (Ava Petsch) ein Baumhaus. Was möglichst "Männliches" eben.

Senta Berger als bemühte Großmutter


Poster zum Film: "Oskars Kleid" startet am 22. Dezember 2022 im Kino

"Oskars Kleid" verfolgt über weite Strecken eine klare Rollenverteilung: Der Vater Ben kommt gar nicht mit seiner trans Tochter klar, während die Mutter Mira und ihr neuer Partner Diego (Juan Lo Sasso) Lili bedingungslos unterstützen. Das sind klassische Antagonist*­innen, zumal sich der Konflikt weit über Lili hinaus erstreckt. Ben hat immer noch Gefühle für seine Expartnerin, und seine Wut auf ihren neuen Freund liefert ein Paradebeispiel für toxische Männlichkeit.

Wer dabei allerdings deutlich zu kurz kommt: Lili. Zu wenig erfahren wir über ihre Gefühle und die Verwirrung, die ihr ablehnender Vater in ihr auslöst. Dabei sind gerade die Momente stark, in denen nicht über sie gesprochen wird, sondern sie selbst im Mittelpunkt steht.

Stattdessen steckt die Tragikomödie noch weitere Konfliktfelder ab, etwa als Ben die Kinder zu seinen Eltern bringt. In der gutbetuchten Altbauwohnung ist es bürgerlich-muffig, doch Senta Berger ist eine bemühte und liebevolle Großmutter, die Lilis Kleid bügelt, während Burghart Klaußner einen konservativen Professor gibt. Auch Lilis Grundschule und ihre Lehrkräfte spielen eine Rolle. Ein Besuch in der Synagoge vervollständigt das Bemühen, möglichst alle Gesellschaftsbereiche abzuklappern.

"Oskars Kleid" markiert keinen Meilenstein

Das ist manchmal etwas zu viel des Guten, und insbesondere im letzten Drittel von "Oskars Kleid" wird es allzu verwirrend und wild. Doch insgesamt ist das Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz berührend und realistisch. Es verzichtet auf schwülstige Toleranzbotschaften (danke!) oder tränenreiche Gesinnungswandel. Stattdessen inszeniert Regisseur Hüseyin Tabak einen überforderten Vater, der erst einmal feindselig abblockt, dann auftaut ("Ich arbeite dann, versprochen!") und schließlich zugibt, einfach nur Angst zu haben.

Selbstverständlich könnte die Tragikomödie noch tiefgründiger sein, noch differenzierter, noch korrekter und zudem auf einige Klischees verzichten. Und ja, der Film macht Fehler, etwa Bens unsäglicher Ausraster bei einem Therapeuten. Doch "Oskars Kleid" ist überraschend unverkrampft und – von kalkulierten, billigen Lachern abgesehen, aber die gehören wohl zur deutschen Komödie dazu – durchaus unterhaltsam. Der Film markiert sicher keinen Meilenstein – will das aber auch gar nicht. Vielleicht ist das seine größte Stärke.

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Infos zum Film

Oskars Kleid. Tragikomödie. Deutschland 2022. Regie: Hüseyin Tabak. Cast: Florian David Fitz, Lauri, Ava Petsch, Senta Berger, Burghart Klaußner, Kida Khodr Ramadan, Marie Burchard, Juan Lo Sasso Lauffzeit: 102 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: Warner Bros. Pictures Germany. Kinostart: 22. Dezember 2022
-w-

#1 nochvielzutunAnonym
  • 21.12.2022, 09:07h
  • Immerhin hat es das Thema ja in einen Mainstreamfilm geschafft.
    Ich finde es auch enttäuschend, dass wieder mal Crossdressing als das eine Merkmal für eine Transperson dargestellt wird. Es gibt soviele Weise auf die es sich diese Persönlichkeit zeigt, aber nein: "Steckt den Jungen in einen Fummel!". (Warum wird fast immer bei Transpersonen die Entwicklung vom Junge/Mann zum Mädchen/Frau thematisiert????)
    Wir brauchen gerade im Mainstream viel mehr subtile Muster der bunten Gesellschaft.
    Mit mehr Fokus auf Lili und ihre Altergenossen wäre der Film spannender gewesen, wie gehen Freunde und Schulkameraden damit um und wie begegnen sie ihr. Und verarbeitet Lili deren Reaktionen.
    Aber der ganze Film scheint doch eher unglücklich inszeniert: Fitz als toxischer Mann, die Ehefrau, die in der 2. Beziehung Multi-Kulti geht.
    Der Film zeigt ein Deutschland irgendwie zwischen Berliner-Wunschdenken und ZDF-Rosamunde Pilcher.
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#2 MinuschAnonym
  • 21.12.2022, 10:01h
  • Danke für das Review des Films!

    Allerdings verstehe ich auch nach dem Lesen nicht, was an dem Film sehenswert oder "eine Überraschung" sein soll.

    Im Gegenteil: Das alles klingt sehr altbacken und typisch für einen (deutschen) "Toleranzfilm*".

    Die Figuren und ihre Positionen scheinen sehr klar (fast schon klischeehaft) gezeichnet und schwarz-weiß voneinander abgegrenzt. Wie das Review erwähnt: "Bemühen, möglichst alle Gesellschaftsbereiche abzuklappern."

    Dass sich die Handlung auf den Vaters, und seinen WIderwillen ein guter Mensch zu sein, konzentriert Problematik konzentriert, hilft auch nicht gerade. Zitat: "Wer dabei allerdings deutlich zu kurz kommt: Lili."

    Es wäre schön, und ich glaube für die Akzeptanz von trans Personen deutlich föderlicher, wenn ein Spielfilm die Transidentiät auch mal nicht als Problem (für das cis Umfeld) darstellen würde. Stattdessen die trans Person(en) in den Mittelpunkt zu rücken und vielleicht sogar - Achtung! - deren Leben jenseits von Ablehnung, Hass und Transfeindlichkeit zeigt.

    Aber soweit sind wir vielleicht noch nicht. :)

    * Keine Ahnung ob das ein echter Begriff ist, aber ich meine diese Filme, in denen die der Mehrheitsgesellschaft zugehörige Hauptfigur im Laufe des Films lernt, dass Personen mit anderer Hautfarbe/Religion/Sexualität/Geschlecht/Alter auch nur Menschen sind.
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#3 Ith_Anonym
  • 21.12.2022, 10:23h
  • "das ist vielleicht auch ein wenig absurd und lächerlich"

    ... und solange Leute so denken, ohne sich dabei zu schämen, weil "alle wissen", wie normal und okay das ist, auf eine männlich gelesene Person im Kleid so zu reagieren, wird transfeindliches Verhalten gegenüber Trans-Frauen gesellschaftlicher Konsens bleiben. Dass man okay sein könnte, also irgendwer Leuten fürs Lachen auf die Fresse gibt, weil trans-Personen keine Witzfiguren sind, und das zur-Witzfigur-Erklären bereits Teil einer Abwertung, ist nichtmal theoretisch vorstellbar.

    Aber genau da knüpft man mit so einem Titel schließlich an, und genau das soll es auslösen.
    Es ist das (übliche) Signal: Hier machen Cissen auf Anfänger-Wissensniveau einen Film für Cissen, die komplette Themenvollnoobs sind, über trans*. Und weil es anfängerfreundlicher sein muss als jede ZDF-Reportage, in der entgendert wird, ist es leider, ganz großes leider, sehr notwendig, so viel Transfeindlichkeit wie nötig abzugrasen.
    Deshalb muss das arme Protagonisten-Wesen jede mögliche Verletzung erfahren, die keinen transfeindlichen Zusehenden jemals schmerzen wird, sehr wohl aber die allermeisten Trans-Personen, die sich das anschauen.

    Und natürlich ist und bleibt das ständig psychisch zerfetzte Protagonisten-Kind auch nur deswegen Teil der "Guten", weil es sich niemals gegen diese Gewalt wehren wird, außer vielleicht auf die devote Weise, die einem Kind zusteht, mit ein bisschen verbalem Widerspruch. Und die Message wird natürlich auch sein, dass die ganze Transfeindlichkeit, die da abgeklappert wurde, überhaupt keinen Schaden anrichtet. Wie bei so einer Komödie, wo Leute zur allgemeinen Belustigung Unfälle erleben, die im realen Leben ins Krankenhaus führen, aber weil es ein Film ist und das halt so muss, passiert natürlich niemandem was. Was das Fazit hinterlässt: Transfeindliches Verhalten tut ja niemandem weh.
    Also, zumindest niemandem, der ein vollwertiger Mensch ist.

    Danke für die kritische Rezension. Sie bestätigt leider, was Betroffene beim Titel schon wussten: Für uns dreht man sowas nicht.
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