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Kinostart
Warum "Oskars Kleid" trotz des Deadnamings sehenswert ist
Die mit Florian David Fitz, Senta Berger und Burghart Klaußner hochkarätig besetzte Tragikomödie "Oskars Kleid" ist der erste deutsche Mainstream-Film über ein trans Kind – und eine Überraschung.

Der Film von Hüseyin Tabak hat starke Momente, wenn nicht über Lili (Laurì) gesprochen wird, sondern das trans Mädchen selbst im Mittelpunkt steht (Bild: Warner Bros. Pictures Germany)
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21. Dezember 2022, 01:16h 4 Min.
Ja, natürlich, mit dem Titel geht's schon los. Da wird ein Mainstream-Film mit den bekanntesten deutschen Schauspieler*innen gedreht, der erste, der das Leben eines trans Kindes zum Thema macht, und er macht sich des Deadnamings schuldig: Der Filmtitel nutzt den Namen des Kindes, den es selbst ablehnt. "Ich heiße nicht Oskar, ich heiße Lili", sagt das Kind unmissverständlich.
Fettnäpfchen, Anfängerfehler oder unverzeihliche Grenzüberschreitung? Auf jeden Fall genauso unglücklich wie unnötig, aber natürlich verlockend. Ein Jungenname und ein Kleid, das beschwört Bilder herauf, das macht neugierig, das ist vielleicht auch ein wenig absurd und lächerlich. Aber: Die Titel-Diskussion wird der Tragikomödie nicht gerecht. Denn die ist eine echte Überraschung.
Lilis Kleid kommt sofort in den Müll
Tatsächlich beginnt alles mit dem gelben Kleid, das die neunjährige Lili trägt (ganz wunderbar von Laurì gespielt, die ihr Spielfilmdebüt gibt). Der Polizist Ben (Florian David Fitz) ist zwar von Mira (Marie Burchard) getrennt, im Handy ist sie aber immer noch als "Schatz" eingespeichert. Als die hochschwangere Mira verletzungsbedingt bis zur Geburt ins Krankenhaus muss, holt Ben seine Kinder zu sich. Als er Lili, die er zu diesem Zeitpunkt noch bei ihrem Taufnamen nennt, in ihrem Kleid sieht, entfährt ihm nur ein verwirrtes "Lass den Scheiß!".
Lili hat kinnlange Haare und setzt sich beim Pinkeln hin. Irgendwann erfährt Ben, was alle schon wissen: dass Lili seit fünf Monaten Mädchenkleidung trägt und ein trans Kind ist. Ihr Vater hat dafür überhaupt gar kein Verständnis. Das Kleid kommt in die Mülltonne. Ben sucht nach Informationen, schaut ein Internetvideo, in dem von trans als "Mode" die Rede ist: "Trans ist die neue Magersucht." Ben will dagegen arbeiten, baut mit Lili und ihrer Schwester Erna (Ava Petsch) ein Baumhaus. Was möglichst "Männliches" eben.
Senta Berger als bemühte Großmutter

Poster zum Film: "Oskars Kleid" startet am 22. Dezember 2022 im Kino
"Oskars Kleid" verfolgt über weite Strecken eine klare Rollenverteilung: Der Vater Ben kommt gar nicht mit seiner trans Tochter klar, während die Mutter Mira und ihr neuer Partner Diego (Juan Lo Sasso) Lili bedingungslos unterstützen. Das sind klassische Antagonist*innen, zumal sich der Konflikt weit über Lili hinaus erstreckt. Ben hat immer noch Gefühle für seine Expartnerin, und seine Wut auf ihren neuen Freund liefert ein Paradebeispiel für toxische Männlichkeit.
Wer dabei allerdings deutlich zu kurz kommt: Lili. Zu wenig erfahren wir über ihre Gefühle und die Verwirrung, die ihr ablehnender Vater in ihr auslöst. Dabei sind gerade die Momente stark, in denen nicht über sie gesprochen wird, sondern sie selbst im Mittelpunkt steht.
Stattdessen steckt die Tragikomödie noch weitere Konfliktfelder ab, etwa als Ben die Kinder zu seinen Eltern bringt. In der gutbetuchten Altbauwohnung ist es bürgerlich-muffig, doch Senta Berger ist eine bemühte und liebevolle Großmutter, die Lilis Kleid bügelt, während Burghart Klaußner einen konservativen Professor gibt. Auch Lilis Grundschule und ihre Lehrkräfte spielen eine Rolle. Ein Besuch in der Synagoge vervollständigt das Bemühen, möglichst alle Gesellschaftsbereiche abzuklappern.
"Oskars Kleid" markiert keinen Meilenstein
Das ist manchmal etwas zu viel des Guten, und insbesondere im letzten Drittel von "Oskars Kleid" wird es allzu verwirrend und wild. Doch insgesamt ist das Drehbuch von Hauptdarsteller Florian David Fitz berührend und realistisch. Es verzichtet auf schwülstige Toleranzbotschaften (danke!) oder tränenreiche Gesinnungswandel. Stattdessen inszeniert Regisseur Hüseyin Tabak einen überforderten Vater, der erst einmal feindselig abblockt, dann auftaut ("Ich arbeite dann, versprochen!") und schließlich zugibt, einfach nur Angst zu haben.
Selbstverständlich könnte die Tragikomödie noch tiefgründiger sein, noch differenzierter, noch korrekter und zudem auf einige Klischees verzichten. Und ja, der Film macht Fehler, etwa Bens unsäglicher Ausraster bei einem Therapeuten. Doch "Oskars Kleid" ist überraschend unverkrampft und – von kalkulierten, billigen Lachern abgesehen, aber die gehören wohl zur deutschen Komödie dazu – durchaus unterhaltsam. Der Film markiert sicher keinen Meilenstein – will das aber auch gar nicht. Vielleicht ist das seine größte Stärke.
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Oskars Kleid. Tragikomödie. Deutschland 2022. Regie: Hüseyin Tabak. Cast: Florian David Fitz, Lauri, Ava Petsch, Senta Berger, Burghart Klaußner, Kida Khodr Ramadan, Marie Burchard, Juan Lo Sasso Lauffzeit: 102 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 6. Verleih: Warner Bros. Pictures Germany. Kinostart: 22. Dezember 2022
Links zum Thema:
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Do, 00:00h, WDR:
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Ich finde es auch enttäuschend, dass wieder mal Crossdressing als das eine Merkmal für eine Transperson dargestellt wird. Es gibt soviele Weise auf die es sich diese Persönlichkeit zeigt, aber nein: "Steckt den Jungen in einen Fummel!". (Warum wird fast immer bei Transpersonen die Entwicklung vom Junge/Mann zum Mädchen/Frau thematisiert????)
Wir brauchen gerade im Mainstream viel mehr subtile Muster der bunten Gesellschaft.
Mit mehr Fokus auf Lili und ihre Altergenossen wäre der Film spannender gewesen, wie gehen Freunde und Schulkameraden damit um und wie begegnen sie ihr. Und verarbeitet Lili deren Reaktionen.
Aber der ganze Film scheint doch eher unglücklich inszeniert: Fitz als toxischer Mann, die Ehefrau, die in der 2. Beziehung Multi-Kulti geht.
Der Film zeigt ein Deutschland irgendwie zwischen Berliner-Wunschdenken und ZDF-Rosamunde Pilcher.