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"Unselige Identitätspolitik" beklagt

Queeres Netzwerk Sachsen wirft Kassenärztlicher Vereinigung "hetzerische Meinungsmache" vor

Im Magazin der regionalen Ärzte-Vereinigung schreibt sich der Vorstand über Transgeschlechtlichkeit und Pubertätsblocker als "ideologische Verblendung" und "Auswuchs des Zeitgeistes" in Rage und fordert Gegenwehr.


Ausschnitt aus dem Titelbild des aktuellen Magazins der Pflicht-Vereinigung für Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten

  • 21. Dezember 2022, 16:33h 17 4 Min.

Das Queere Netzwerk Sachsen hat in einem Offenen Brief (PDF) an die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KVB) und die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) scharfe Kritik am Editorial der gerade veröffentlichten Dezember-Ausgabe des Magazins der KVS (PDF) geübt.

Der Vorstandsvorsitzende Dr. Klaus Heckemann beklagt in dem Heft, durch "mediale Beeinflussung des 'noch Sagbaren'" werde "der öffentliche Meinungskorridor in einer Art und Weise immer weiter eingeengt, die zumindest für mich absolut inakzeptabel ist". Es sei eine "Ideologiegetriebenheit zu beobachten, die zuweilen auch pseudoreligiöse Züge annimmt. Ein Beispiel ist hier die Genderproblematik, wo gegen den erklärten Willen der Mehrheit (auch der Frauen!) über Sprache das Denken manipuliert werden soll. Ebenso gilt das für die unselige Identitätspolitik, die die Gesellschaft weiter auseinandertreibt (und damit besser regierbar macht?)."

Als Ärzte müsse man im eigenen Zuständigkeitsbereich dagegenhalten und sich äußern, "wo Schaden an Leib und Leben als 'unvermeidbarer Kollateralschaden' von den besonders 'Woken' ohne Skrupel hingenommen wird." Konkret benennt Heckemann zwei Beispiele, die es als "von Klebern und Blockern" auch in die Überschrift des Editorials und auf das Titelbild der "KVS Mitteilungen" geschafft haben. Bei den "Klebern" empört sich Heckemann über "Klimaterroristen" und die Aussagen einer Notärztin, wonach die Verzögerung eines Spezialwagens der Feuerwehr durch eine Blockade am tödlichen Ausgang eines Fahrradunfalls nichts verändert hätte.

Vereinigungschef: Pubertätsblocker "Auswüchse des Zeitgeistes"

Das zweite Beispiel, "dass wir der ideologischen Verblendung entgegentreten müssen", sei das Regenbogenportal der Bundesregierung. Womit es um die (Pubertäts-)Blocker geht, die Heckemann nicht direkt anspricht. Stattdessen fügt er einen Screenshot ein von einer Unterseite der Regierungswebseite, wie sie im Oktober u.a. von CDU und AfD skandalisiert wurde (queer.de berichtete). Ex-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hatte etwa dazu gemeint, die Bundesregierung empfehle "sehr jungen, unsicheren Menschen Pubertäts-Blocker". Stattdessen handelte es sich um einen Ausschnitt aus einem nüchternen Infotext zu dem Thema, der in leichter Sprache verfasst wurde. Der Text trägt den Titel "Jung und trans-geschlechtlich" und weist darauf hin, dass junge Menschen bei Unsicherheit über ihr Geschlecht zunächst Pubertätsblocker nehmen können. Diese werden von Ärzten verschrieben.

Der frühere Chef des bulgarischen RKI-Pendants habe ihn den Screenshot geschickt, so Heckemann, und dazu kommentiert: "Ist das wahr? Wenn es wahr ist, dann sind die Politiker Verbrecher." Heckemann macht sich das zu eigen: "Ich glaube, eine weitere Kommentierung sollte zumindest gegenüber Medizinern nicht nötig sein."


Ausschnitt aus dem Editorial

Zum Schluss appelliert der KVS-Chef und Allgemeinmediziner an die "lieben Kolleginnen und Kollegen", "diesen Auswüchsen des Zeitgeistes mutig entgegenzutreten". Ansonsten könnte man sich in einer "Gesellschaftsform wiederfinden, die sich nicht so sehr von der unterscheidet, die wir im Osten 1989 überwunden hatten."

Queeres Netzwerk "erschüttert"

"Wir sind erschüttert darüber, dass dieser offensichtlichen Meinungsmache im Magazin der KV Sachsen so prominent Raum geboten wird", kommentiert dazu Leo Lentz vom Queeren Netzwerk Sachsen. "Solche Aussagen kennen wir sonst eher von Stammtischen oder durch Hetze von rechts." In dem Offenen Brief wird gefragt: "Wie kann es sein, dass eine Person seine persönliche Agenda in Ihrem Magazin verbreiten kann und einen Appell an Ärzt*innen richtet, der in der Konsequenz gesundheitsschädlich für Menschen in Sachsen ist?"

Lentz verweist darauf, dass junge trans* Personen schon früh Diskriminierung ausgesetzt sind. "Diese beginnt meist in der Schule, geht im Arbeitsalltag weiter und macht auch oft in der Familie nicht halt." Trans* Personen seien angewiesen auf Gutachter*innen, Therapeut*innen und Ärzt*innen und deren Wissen über ihre spezifischen Bedarfe. "Laut der sächsischen Lebenslagenstudie von lsbtiq* Personen (2022) geben zwei Drittel aller trans* Personen an, dass sie nicht die gleichen Chancen auf eine adäquate ärztliche Versorgung in Sachsen haben." Nur jede fünfte Person nehme gleiche Chancen im Zugang zu Krankenkassenleistungen wahr.

"Anstatt sich also über Identitätspolitik auszulassen und Aufklärung über geschlechtliche Vielfalt als Verbrechen darzustellen, braucht es dringend von der Medizin und den sächsischen Ärzt*innen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den gesundheitlichen Risiken und Bedürfnissen transgeschlechtlicher Personen", so Lentz. "Wir brauchen eine adäquate, individualisierte, flächendeckende und frei zugängliche Gesundheitsversorgung für trans* Personen. Dazu gehört auch die Sensibilisierung von Fachpersonal in den medizinischen Bereichen."

Der Dachverband der sächsischen queeren Organisationen und Vereine forderte eine Stellungnahme der angeschriebenen Kassenärztlichen Vereinigungen, wie es zu diesem Editorial kommen konnte, ob die getätigten Aussagen so unterstützt und welche Konsequenzen daraus gezogen werden. (cw)

-w-

#1 PolitikverdrossenAnonym
  • 21.12.2022, 18:17h
  • Wird es bald eine sächsische transgender Jagd nach texanischem Vorbild geben?
    Leider durchaus denkbar.
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#2 Pride
  • 21.12.2022, 18:18h...
  • Die Ärzt*innenschaft sollte doch auf Bodenhaftung des Grundgesetzes kommen. Gegen deren ideologische, religiöse und identitätspolitische Verblendung steht die unabänderliche Realität der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, daß es mehr als zwei, eben viele Geschlechter gibt, die jeweils das Recht der eigenen geschlechtlichen Identitätsbestimmung haben, entgegen einer wie auch immer gearteten ärztlichen Fremdbestimmung. Vielleicht könnte doch auch noch eine sprachlichgendergerechte Verpflichtung deren Denke auf Verfassungstreue bringen.
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#3 RosmullahAnonym