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Theater
Homophobie und Klassismus auf der Jugendbühne
Édouard Louis' Roman "Das Ende von Eddy" kommt in Köln als multimediale Inszenierung auf die Bühne: schnell, laut, kurzweilig, inhaltlich aufs Wesentliche reduziert – und nicht nur für Jugendliche sehenswert.

Thaddäus Maria Jungmann als Eddy Bellegueule am Kölner Comedia Theater (Bild: Christopher Horne)
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22. Dezember 2022, 04:46h - 3 Min.
Bunte Smileys und eine verpixelte Kirsche zieren die weißen Pollunder der zwei Darsteller*innen. Dabei ist "Das Ende von Eddy" weder zum Lachen noch wirklich süß. Der Debütroman des Franzosen Édouard Louis beschreibt autofiktional, wie Eddy als schwuler Sohn armer Eltern in der nordfranzösischen Provinz aufwächst: Es ist diese knallharte, ehrliche Verschränkung von Klassismus und Homophobie, die den Roman so erfolgreich machte.
Das gefeierte Erstlingswerk erschien vor mittlerweile fast zehn Jahren (Buchkritik von Markus Kowalski). Von seiner Brisanz hat es nichts verloren, wie die Inszenierung am Kölner Comedia Theater zeigt. Zwei Stimmen aus dem Off lesen zunächst Ausschnitte aus dem Originaltext vor, während die Darsteller*innen Thaddäus Maria Jungmann und Sibel Polat den Text in Körpersprache übersetzen: Sie verrenken sich, sie fallen hin – und sie rennen, so weit es geht, bis zur Erschöpfung. Beide sind eine ideale Besetzung, da sie die Kombination aus Performance und Schauspiel großartig beherrschen.
Aquas "Barbie Girl" als Statement zum femininen Jungen

Premiere von "Das Ende von Eddy" war am 21. Dezember 2022 (Bild: Christopher Horne)
Als Eddy fliehen sie vor ihrem Zuhause, vor dem Umfeld, den Erwartungen, dem Druck, der Scham, den Beleidigungen und der Gewalt. Satzfetzen sind zu hören. "Der ist doch nicht normal", "Tussi", "Ist das ein Kerl?", "Das können wir uns nicht leisten." Schließlich übernehmen die Darsteller*innen den Text, der bei einer einstündigen Inszenierung natürlich aufs Wesentliche reduziert werden muss. Keine einfache Aufgabe, doch sie gelingt.
Untermalt wird das von einem kräftigen und lauten elektronischen Klang- und Soundteppich (Musik: Marco Mlynek), der nie nur dahinplätschert, sondern genau die richtigen Akzente setzt. Aquas "Barbie Girl" ist als Statement zum femininen Jungen, der laut seinen Eltern "mit dem Getue aufhören soll" vielleicht etwas platt, aber auch passend (kennt das junge Publikum den Song überhaupt noch?).
Visuell und ästhetisch auf hohem Niveau
Im Hintergrund laufen auf einem Dutzend Bildschirmen aufwendig und hochwertig gedrehte Alltagsszenen, alte Werbespots oder eine Bildstörung (und wieder: Weiß die Generation TikTok überhaupt, was das Flackern soll, fragt ein Millennial) – eine wunderbare kommentierende zweite Ebene dessen, was auf der Bühne geschieht.

Sibel Polat in "Das Ende von Eddy" (Bild: Christopher Horne)
Eine Aktualisierung erfährt die Inszenierung von Regisseur Constantin Hochkeppel, wenn Darstellerin Sibel Polat im "Tagesschau"-Stil Zahlen und Fakten zu Kinderarmut in Köln und NRW vorträgt. Vielleicht gibt es kaum Geschichten wie die von Eddy in Köln, doch Armut ist verbreitet genug.
Édouard Louis gehört mittlerweile zu den wichtigsten französischen Gegenwartsautor*innen Frankreichs. Erst kürzlich erschien sein Werk "Anleitung ein anderer zu werden", in dem er den Wandlungsprozess und seinen Erfolg selbstkritisch reflektiert. Auch auf deutschen Bühnen werden seine Romane mittlerweile häufig gespielt.
"Das Ende von Eddy" am Kölner Comedia Theater braucht sich vor Inszenierungen an größeren Häusern nicht zu verstecken. Die Produktion ist visuell und ästhetisch auf hohem künstlerischem Niveau, ohne seine jugendliche Zielgruppe aus den Augen zu verlieren – doch auch für Erwachsene ist die Adaption mehr als sehenswert.
Das Ende von Eddy. Physical Theatre nach dem Roman "En finir avec Eddy Bellegueule" von Édouard Louis. Inszenierung: Constantin Hochkeppel. Besetzung: Thaddäus Maria Jungmann, Sibel Polat. Comedia Theater, Vondelstraße 4-8, 50677 Köln. Nächste Aufführungen: 22.12.2022 (11 Uhr), 02.05.2023 (19 Uhr), 03.05.2023 (11 Uhr), 03.05.2023 (19 Uhr), 04.05.2023 (11 Uhr)
Links zum Thema:
» Mehr Infos zum Stück auf der Homepage des Comedia Theaters Köln
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