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Heimkino

Lane liebt Bertie, Bertie liebt Lane – und auch Fred

Marion Hills Drama "Ma Belle, My Beauty" ist ein wunderbar erwachsener Film, der die Komplexität von polyamourösen Beziehungen ernst nimmt und davon mit größter Selbstverständlichkeit erzählt.


Ein Kuss im Garten: Die Beziehung von Lane und Bertie steht im Zentrum des Films (Bild: Salzgeber)
  • Von Barbara Schweizerhof
    24. Dezember 2022, 02:21h - 5 Min.

Die südfranzösische Landschaft hat etwas unmittelbar Sinnliches an sich, mit ihren duftenden Lavendelfeldern, den Olivenhainen, den Weinbergen, den felsigen Städtchen mit ihren lauschigen Wochenmärkten und der vielen, vielen Sonne. Kaum eine Landschaft erscheint deshalb geeigneter als Hintergrund für eine Geschichte über die Komplexität von polyamourösen Beziehungen. Dass es Liebesverbindungen zwischen mehr als zwei Personen gibt, kommt im Kino bislang meist nur als Gag oder einem koketten Augenzwinkern vor. In "Ma Belle, My Beauty" (Amazon-Affiliate-Link ) ist das endlich einmal anders. Schon mit der ersten Szene wird deutlich, dass die aus New Orleans stammende Independent-Filmerin Marion Hill in ihrem Regiedebüt das Thema nicht auf die leichte, komödiantische Schulter nehmen will.

Um das gut renovierte Bauernhäuschen inmitten von Weinbergen möchte man die Sängerin Bertie und ihren Mann, den Musiker Fred, schon beneiden. Aber sobald man die beiden bei der gemeinsamen Probe hört, ist zu spüren, dass zwischen ihnen etwas nicht mehr ganz stimmt. Aus Gesprächen mit Freund*innen, Nachbar*innen und Kolleg*innen ergibt sich nach und nach ein Bild von dem, was die beiden zusammen- und hierher gebracht hat. Sie leben noch nicht lange in Frankreich und sie sind auch noch nicht lange miteinander verheiratet.

Fred hat mit alten Freunden eine Band gegründet und Bertie hat dafür das heimatliche New Orleans verlassen. Nun ist vor Kurzem ihre Mutter gestorben, und sie scheint ihren professionellen Antrieb verloren zu haben. Sie verpasst Proben und singt nicht mehr mit der gleichen Leidenschaft wie früher. Aber Fred, so stellt sich heraus, hat eine eigene Idee von dem, was Berti fehlen könnte. Und in Gestalt von Lane reist diese Idee bald in persona an.

Eine komplizierte Dreierbeziehung


"Ma Belle, My Beauty" ist im November 2022 auf DVD und digital erschienen

Mit ungewöhnlicher Selbstverständlichkeit und zugleich großer Beiläufigkeit wird enthüllt, dass Lane zusammen mit Fred und Bertie zuvor in New Orleans in einer polyamourösen Beziehung lebte. Nun löst ihr Erscheinen zunächst mehr Spannung aus als Freude – jedenfalls bei Bertie.

In Szenen, die einerseits die lokale Lebenslust feiern, mit Markteinkäufen, abendlichen Gartenfesten und fröhlichem Zusammensein bei Wein, gutem Essen und lockeren Gesprächen, zeichnet sich ab, wie kompliziert die Dreierbeziehung und vor allem ihr Ende tatsächlich war. Bertie fühlte sich von Lane verlassen, sie klagt sie an, von ihr "geghostet" worden zu sein. Lane hält die wahren Gründe ihres Weggehens verdeckt. Und Fred agiert zwischen den beiden Frauen vor allem zurückhaltend.

Wie überhaupt die Männerfigur in diesem Liebesdreieck kaum mehr als den Hintergrund bildet. Marion Hill, die selbst auch das Drehbuch geschrieben hat, weist ihm die Rolle eines sympathischen Kerls zu, der frei von Eifersucht die Bisexualität seiner Frau anerkennt, ohne sich bedroht zu fühlen. Natürlich ist sein Plan, Bertie mit Hilfe von Lane wieder musikalisch in Stimmung zu bringen, von einem gewissen Egoismus geprägt. Aber andererseits verbindet ihn mit Lane auch durchaus eine kameradschaftliche Freundschaft.

Die Beziehung der Frauen steht im Zentrum

Die Spannung des Films wird von der komplizierten und wechselvollen Beziehung der beiden Frauen im Zentrum bestimmt. Zuerst sieht man Bertie als die sensible, aber solide Künstlerin, die Lanes Besuch mit Misstrauen begegnet. Was will Lane von mir?, scheint sie sich zu fragen. Deren direkte Versuche, die Beziehung wieder aufleben zu lassen, weist sie brüsk zurück. Woraufhin Lane, die auf den ersten Blick als die selbstsicherere und offensivere daherkommt, sehr schnell mit der um einige Jahre jüngeren Israelin Noa anbändelt, die in der Gegend zu Besuch und offen für ein unverbindliches Techtelmechtel ist. Das wiederum scheint Bertie mehr zu erzürnen, als sie zugeben möchte.


Fred, Bertie, Lane und waren ein Trärchen (Bild: Salzgeber)

Regisseurin Marion Hill will sich nicht zufrieden geben mit sinnlicher Atmosphäre und Affären im Milieu von aufgeklärten, fortschrittlich gesinnten und toleranten Menschen. Sie geht noch einen Schritt weiter, insistiert gleichsam darauf, tiefer in die Gefühlswelten hinter den behaupteten Lebensentwürfen ihrer Protagonistinnen einzudringen. Und nach und nach entdeckt man, dass die Machtverhältnisse zwischen Bertie, Fred und Lane eigentlich andere sind als auf den ersten Blick gedacht. Immer mehr zeichnet sich ab, dass Berti weniger die Verlassene und Verletzte ist, sondern im Grunde die, die im Zentrum die Fäden in der Hand hält und sowohl Fred als auch Lane auf ihre Weise manipuliert. Nicht aus einem intriganten Plan heraus, sondern in instinktiver Bedürftigkeit. Lane wiederum, die nach außen so viel weniger verletzlich, sondern sportlich-stark und unabhängig wirkt, erweist sich am Ende als die emotional abhängigere, als diejenige, die dem Spiel Bertis nur schwer entkommen kann.

Ein wunderbar glaubwürdiger Film

Hill packt ihren Film voll Stimmungen und Blicke; ihr Südfrankreich ist ein von der Realität leicht enthobener, idyllischer Ort, der sich mittels der betont bodenständigen Kameraarbeit und einem großen Gespür für Ausstattung aber absolut wirklich anfühlt. Man glaubt auf der eigenen Haut zu spüren, welche Temperatur auf der Leinwand herrscht. Die Verbindung von sinnlicher Realität, schön beiläufig gehaltenen Dialogen und dem mutigen Blick auf die echte Komplexität von Beziehungen, macht "Ma Belle, My Beauty" zu einem wunderbar glaubwürdigen Film. Nichts muss erst erklärt oder gelabelt werden. Hill verzichtet ganz auf die übliche Dramaturgie des Geheimnisse-Lüftens, der Vorbereitung und Durchführung von Coming-outs oder Ähnlichem.

"Ma Belle, My Beauty" ist in dieser Hinsicht ein entschieden erwachsener Film, dessen Figuren mit ihrer jeweiligen sexuellen Identität völlig einverstanden und im Reinen sind. Aber allein daraus, davon erzählt Hill ohne Scheu, ergibt sich eben noch kein gelingendes Liebesglück, weder zu zweit noch zu dritt. Menschen sind widersprüchlich, und ihre Entfaltung beginnt erst richtig da, wo ihre Beziehungen sich an den eigenen Neigungen ausrichten.

Dieser Text erschien erstmals bei sissymag.de, dem Online-Magazin für nicht-heteronormative Kultur.

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Infos zum Film

Ma Belle, My Beauty. Drama. USA 2021. Regie; Marion Hill. Cast: Idella Johnson. Hannah Pepper, Lucien Guignard, Sivan Noam Shimon. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: englisch-französische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 16. Verleih: Salzgeber

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