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Ende 1972 erschienen

Der erste homoerotische Aktbildband nach Stonewall

Vor 50 Jahren kam in New York der Bildband "Man" heraus. Er zählt zu den ersten homoerotischen Männeraktfotobüchern überhaupt. Die Aufnahmen schuf der legendäre Gründer von Colt Studio, Jim French.


Das Ende 1972 herausgekommene Buch "Man" präsentiert künstlerisch inszenierte Fotografien nackter Männer im Studio, in Wohnungen und in der Natur (Bild: Jim French)

Cover des Bildbands

Der Bildband "Man – Photography By Jim French" ist das erste Männeraktfotobuch, das seit dem Erstarken der queeren Bewegung nach den Stonewall-Aufständen 1969 erschienen ist. Der Fall des Verbots der medialen Wiedergabe frontaler Nacktheit in den Vereinigten Staaten im Jahr 1967 schuf die Voraussetzung für seine Veröffentlichung. Die durchgehend schwarzweißen Aufnahmen stammten von Jim French, der in den 1960er Jahren unter dem Künstlernamen Kurt Lüger mit Publikationen maskuliner Aktzeichnungen hervorgetreten war und 1967 in New York das äußerst erfolgreiche Colt Studio gründete.

Hervorzuheben ist, dass French ursprünglich eine professionelle Ausbildung als Künstler erfahren hatte: Von 1950 bis 1954 besuchte er die Philadelphia Museum School of Art, die heutige University of the Arts in Philadelphia. Das Ende 1972 herausgekommene Buch mit seinen unpaginierten Bildseiten präsentiert denn auch künstlerisch inszenierte Fotografien nackter Männer im Studio, in Wohnungen und in der Natur. Die Männer werden meistens allein abgelichtet, nur ein einziges Paar kommt vor. Das Buch erschien im Selbstverlag bei "Jim French, Box 187 Village Station, New York City". Im Gegensatz zu späteren Bildbänden von Jim French erfährt man die Namen der Modelle, die Orte der Aufnahmen und die Datierung der Fotografien hier noch nicht.

Außergewöhnliche Vielfalt männlicher Kunstfotografie

Während das Titelblatt einen porträthaften Oberkörper-Bildausschnitt zeigt, überrascht das Eröffnungsbild, die erste Fotoseite im Buch, mit einer Outdoor-Aufnahme, einem nackten Männerkörper, der in eine Felsspalte geschmiegt ist und seinen linken Arm elegisch an die Felswand drückt. Sein Blick richtet sich aus dem zurückgeneigten Kopf nach oben. Durch die ähnlichen Grauwerte der Haut und des hellen Gesteins erscheinen Mensch und Fels als einheitlich, gleichsam als eins. Ein Mann, wie Gott ihn schuf, in der von Gott geschaffenen schönen Natur. Eine lyrisch-leidenschaftliche Stimmung stellt sich ein, die durch die Geste des Arms, die aus einem Foto von Wilhelm von Gloeden – das antike Arkadien suggerierend – stammen könnte, noch unterstrichen wird.



Zugleich ist die Botschaft des Eröffnungsfotos klar: Der Szene ist nicht mehr indoor aufgenommen, der Fotograf geht raus aus dem Studio, wo die homoerotischen Halbaktaufnahmen der prüden Jahrzehnte zuvor wegen ihrer Kriminalisierung entstehen mussten. Er geht auch weg von den Muscle Beaches mit ihren künstlich aufgeblasenen Muskelbergen. Er geht bewusst hinein in die Natur, wo die Schönheit des klassischen Männerkörpers erst richtig zur Entfaltung kommt.

Auf den folgenden Seiten wechseln die Aktdarstellungen in den großen Linien von Landschaften in den Bergen und am Wasser mit solchen im Studio und in wohnlichen Innenräumen ab. Mal werden die Männer in Großaufnahme gezeigt, mal in weit entfernten Dimensionen so klein wiedergegeben, dass sie – einem Suchbild gleich – beim Betrachten erst entdeckt werden müssen. Meistens stehen sie, manchmal liegen oder sitzen sie. Bei den Bildausschnitten wechseln Ganzkörperaufnahmen mit Brustporträts oder Kniestücken, also Darstellungen vom Kopf bis zu den Knien, ab.



Jim French als Meister der Beleuchtung

Die Fotografien bestechen zugleich durch ihre Schärfe und Lichtführung. So nutzte French für den zwischen zwei Felsen Stehenden (siehe Aufmacherbild oben) den natürlichen Lichteinfall der Sonne, der den Körper insbesondere auf den Armen und im Beckenbereich aufhellt. Zugleich setzte er mittels Scheinwerfer Lichtakzente auf dem Rücken und den Pobacken. Immer wieder gelingt es dem Fotografen, ausgefeilte Beleuchtungskonzepte umzusetzen und auch den Streuschirm derart zu verwenden, dass beispielsweise eine seitliche Beleuchtung Plastizität hervortreten lässt, zugleich aber Schatten aufgehellt werden. Typisch für ihn ist auch die Gestaltung von Gegenlicht-Effekten mit – vom Objekt verdeckten – Lichtquellen. Was in "Man" zum Vorschein kommt, wird sich in den folgenden Jahrzehnten noch intensivieren: Jim French entwickelt in seinem fotografischen Werk eine wahre Meisterschaft der inszenierenden Beleuchtung des Männerkörpers.

Moderne Antikenrezeption

Schon in der Serie modern interpretierter Zeichnungen der antiken Götter Apollo, Bacchus, Mars, Neptun, Vulkan und Zeus, die French 1969 mit dem Copyright "Colt" signierte, lässt sich eine besondere Affinität zur Kunst der griechischen und römischen Antike erkennen. Auch der unter einem hoch auskragenden Felsdach in einer höhlenartigen Nische stehende Mann wirkt aus der Ferne wie eine griechische Statue. Man denke bei der hier gezeigten Pose mit dem ausgreifenden Spielbein und dem harmonisch ausgleichenden Kontrapost etwa an antike Statuen Polyklets wie den Diademträger oder den Speerträger oder auch an den Antinoos vom Belvedere.



Was auf den ersten Blick auf dem Foto nicht erkennbar ist: Das Modell tätschelt mit seiner rechten Hand den Kopf eines Hundes, der neben ihm sitzt. Das Tier hat ein dunkles Fell, sodass es vor dem Hintergrund der Höhlenöffnung nicht auffällt. Jim French bietet im Buch in gewitzter Weise die Auflösung an, denn die Illustration auf der nächsten Bildseite zeigt eine Nahaufnahme von Mann und Hund.

Erster Bildband mit männlichen Vollakten

War das Eröffnungsbild von "Man" programmatisch in der Natur angesiedelt, so zeigt das letzte Bild des Buches folgerichtig einen Mann, der aus der Natur zurückkehrend durch eine Tür in ein Hausinneres hineinschreitet. In der gehenden Figur visualisiert der Rückenakt ein Bewegungsmotiv, das im Buch keine weitere Parallele hat und daher beinahe energisch und mitreißend wirkt.



Man muss sich das noch einmal vergegenwärtigen: "Man" von Jim French entstand wenige Jahre, nachdem die Darstellung des völlig nackten Mannes in den (Print-) Medien durch die Gerichte der Vereinigten Staaten erstmals erlaubt worden ist. Das Buch war in den USA und in Europa einer der ersten homoerotischen Fotobände der Nachkriegszeit mit völlig nackten Männern, wenn nicht sogar der erste. Zwar gab es die zwischen 1952 und 1962 im liberalen Klima der Schweiz entstandenen vier Fotokunstbücher der Reihe "Der Mann in der Photographie", die von der Homosexuellen-Vereinigung "Der Kreis" in Zürich verlegt wurden, aber die vier Bände zeigten nie das Geschlecht. Ebenfalls 1972 entstand das Fotobuch "HE" von Roy Blakey, das ebenfalls dem männlichen Akt gewidmet war (freundlicher Hinweis von Marc Rohrmüller), allerdings nahm Blakey alle Aufnahmen ausschließlich im Studio auf.

Folgeband "Another Man" 1974


Cover des Folgebands "Another Man"

Der Aufnahmen des 28 x 35 cm großen Bandes leben von der Vielfalt der Aufnahme-Locations und der Varietät der Motive und Kameraeinstellungen. Die Auswahl und die Anordnung der Illustrationen im gedruckten Werk zeigen sich wohldurchdacht. Gleiches gilt für den Folgeband "Another Man", der aufgrund des großen Erfolgs von "Man" bereits zwei Jahre später veröffentlicht wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jim French bereits den Verlag State Of Man für seine Buchveröffentlichungen gegründet.

"Another Man" enthielt dann acht zusätzlich eingestreute Farbseiten; auch das Titelblatt, auf dem der männliche Körper in das sphärische Licht der Sonnenstrahlen getaucht ist, erfuhr diese Auszeichnung. Eine Besprechung dieses Buches in der Ausgabe Januar 1974 der Zeitschrift "In Touch For Men" von Bill Sheffler enthält interessanterweise den Hinweis, dass Sheffler, selbst ebenfalls ein schwuler Fotograf und Verleger, Anfang 1972 an der editorischen Arbeit von "Man" mitgewirkt hatte: "I was privileged", schrieb Sheffler, "to assist French in various technical matters. The work was, at times, extremely frustrating as we struggled to solve problems in order to achieve the level of excellence that French demands of himself and those who work with him." Und er erwähnte den großen Erfolg der Publikation: "When it was released late in 1972, this volume of photographs immediately took its place at the forefront of the library of photographic art of the male nude and its success far exceeded its publisher's expectations."

Zeitgenössische Wahrnehmung und Besprechungen

"Man" wurde in der schwulen Welt weithin euphorisch aufgenommen. So brachte die Zeitschrift "Drummer" in der Ausgabe vom 15. Dezember 1972 eine Strecke von "well-chosen photographs" aus dem Buch, die unter anderem die Aufnahme mit der Rundbogentür enthielt, eine Aufnahme, in der der Standort des Mannes als die ambivalente Situation eines Homosexuellen vor der Entscheidung für ein Coming out interpretiert werden konnte. Gehe ich raus oder bleibe ich drin? "Drummer" berichtete jedenfalls zur "extraordinary work" von Jim French: "During the five years he has free-lanced for Colt Studios, he has submitted many great photographs. His book is a collection from the very best."



Die Zeitschrift gab auch Hinweise zu den Aufnahme-Locations: "The locales range from Hawaii to Long Island and contain twenty-five different models to enhance the book, the mood of virility." Einige der gedruckten Fotografien in "Man" dürften gemäß ihres Settings auch an schwulen Hotspots wie den Piers am Hudson-River in Lower Manhattan oder auf Fire Island entstanden sein.

Aufnahme in den kunsthistorischen Kanon

Einige der Aufnahmen aus "Man" wurden schließlich 1979 in dem bahnbrechenden Werk "Der männliche Akt. Ideal und Verdrängung in der europäischen Kunstgeschichte" von Margaret Walters reproduziert, der ersten wissenschaftlichen Abhandlung, die künstlerische Darstellungen des nackten Mannes seriös und ernsthaft untersuchte. Ihr Urteil: Jim Frenchs Fotografien behandelten "den männlichen Akt mit Takt, Sympathie und Phantasie", und sein Bildband sei ein Manifest gegen das gedankenlose Vorurteil, dass nur Frauen schön sein könnten (S. 244).



Auf diese Weise fanden die homoerotischen Fotografien von Jim French schon wenige Jahre nach ihrer Entstehung Eingang in den kunsthistorischen Kanon zum Männerakt. Dies ist ein Grund mehr, an das Erscheinen des Bandes "Man" im Jahr 1972 zu erinnern und dieses Jubiläum 50 Jahre später zu feiern. Es bleibt in diesem Zusammenhang die Hoffnung, dass die wissenschaftliche Erforschung des Gesamtwerks von Jim French nicht mehr lange auf sich warten lässt. Diese ist tatsächlich erst in Ansätzen geleistet worden. Doch lassen gerade die ersten Einzeluntersuchungen, die etwa den Gebrauch von Kleidungsstücken in der von French geschaffenen Pornografie in den Blick nehmen, erkennen, welch vielfältiges Potpourri an höchst aufschlussreichen neuen Erkenntnissen die Analyse dieses exzeptionellen, über mehr als 40 Jahre entstandenen schwulen Kulturerbes verspricht.

#1 CisFrauAnonym
#2 queergayProfil
  • 26.12.2022, 20:37hNürnberg
  • Würde gerne eine Neuauflage dieses Aktbildbandes 50 Jahre später mit denselben Männern in Händen halten und betrachten...natürlich nur soweit diese Männer noch in dieser Welt erreichbar sind und mitmachen möchten.
    Das wäre doch ein großes Wiedersehensfest und ein tolles Präsent Weihnachten 2023.
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