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- 07. März 2006 3 Min.
Hat "Brokeback Mountain" aufgrund der Abneigung der Academy-Mitglieder gegen Homo-Themen den Sieg an "L.A. Crash" abgeben müssen?
Von Dennis Klein
(queer.de) - Oscar-Beobachter und Buchmacher waren sich einig: "Brokeback Mountain" würde quasi im Vorbeigehen den Oscar als bester Film erhalten. Als am Ende das zunächst wenig beachtete Rassismus-Drama "L.A. Crash" den Preis gewann, waren viele Schwule geschockt. War die Niederlage des Homofilms Diskriminierung?
Die Verbitterung in der Community ist in den USA groß. So vermutet bei einer noch andauernden Umfrage des Homo-Magazins "The Advocate", an der bislang knapp 2.000 User teilgenommen haben, die Mehrheit Schwulenfeindlichkeit als Ursache für die Niederlage. Demnach glauben 63 Prozent, dass "Brokeback" den Preis wegen der Homophobie der Academy-Mitglieder nicht erhalten habe. Bereits vor der Oscar-Verleihung geisterten nie bestätigte Gerüchte durch die Szene, viele der Wahlberechtigten hätten sich aus Ekel den Film erst gar nicht angesehen. Die größte Homo-Gruppe des Landes ist allerdings andere Meinung: "Ich glaube, das lag nicht am Thema", so Joe Solmonese, Präsident der "Human Rights Campaign". Schließlich habe auch "Crash" von einem "umstrittenen Thema wie Gleichgültigkeit und Intoleranz" gehandelt. "Ich war aber natürlich enttäuscht", fährt Solomonese fort.
Viele erklärten den Erfolg von "L.A. Crash" auch mit der nicht repräsentativen Aufbau der Academy-Mitglieder: Die sind meist älteren Semesters und Städter. Der "Brokeback"-Autor Larry McMurtry, der selbst einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch erhielt, erklärt den Sieg der urbanen Story um Rassismus so: "Die von der Academy kommen nicht vom Land. Es ist in unserem Geschäft ja nicht einmal einfach, eine ländliche Geschichte überhaupt zu drehen." Außerdem seien Filme mit einem großen Aufgebot an Darstellern mit gleichberechtigten Rollen wie im Episodenfilm "L.A. Crash" stets beliebt unter Schauspielern - und die stellen die Mehrheit der Juroren. Dazu kommt, dass ein Film, der in Los Angeles spielt, bei der Oscar-Verleihung Heimvorteil genießt.
Auch europäische Leitartikler versuchen, das überraschende Ergebnis zu erklären: "Das episodische Rassendrama hat mehr mit den aktuellen Alltagsproblemen zu tun als 'Brokeback Mountain', der stille Western über die Liebe zweier Cowboys", meint der "Kölner Stadt-Anzeiger". Die spanische "El Periódico de Catalunya" aus Barcelona sah die Wahl von "L.A. Crash" als politische Entscheidung: "Der Oscar ging an einen Streifen, der von allen Bewerbern am wenigsten unbequem war." Neben "Brokeback" und "L.A. Crash" war auch George Clooneys "Good Night, and Good Luck", der die repressive Stimmung und Pressezensur der 50er Jahre zum Thema hatte. Außerdem war Steven Spielbergs "München" im Rennen, das in den USA wegen der zu menschlichen Darstellung der palästinensischen Terroristen kritisiert wurde. Trotz des Sieges des scheinbar "bequemsten" Filmes, loben viele Kommenatoren das Gesamtensemble der Nominerungen für den besten Film: "Die Politik der Bush-Administration weckt offensichtlich schlummernde Tugenden der Supermacht, allen voran die Selbstkritik", meint etwa die "Volksstimme" aus Magdeburg.
Wer gewinne, sei sowieso ein Roulettespiel, so der Filmprofessor Richard Walter von der University of California in Los Angeles zur Nachrichtenagentur AP. Er leitet dort das Seminar für Drehbuchautoren. Immerhin hat es in der Vergangenheit ähnlich große Überraschungen gegeben - zuletzt 1999, als der kleine Film "Shakespeare in Love" die haushoch favorisierte Materialschlacht "Saving Private Ryan" in die Schranken wies.
Der Professor hat einen weiteren Erklärungsversuch anzubieten: Vielleicht war "L.A. Crash" einfach nur der bessere Film. "Manchmal geben Leute vor, einen Film mehr zu mögen als sie es eigentlich tun", erklärt Walter. "Der Film war wirklich nicht so überragend. Was die Macher versucht haben, war großartig, sogar sensationell. Aber an der Ausführung hat es gemangelt. Man nimmt dem Film die Liebesgeschichte nicht wirklich ab."
Jeder kann sich ab Donnerstag eine eigene Meinung bilden: Dann läuft "Brokeback Mountain" in den deutschen Kinos an. "L.A. Crash" ist schon seit Anfang Januar auf DVD erhältlich.
7. März 2006
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Da wirds ja richtig kompliziert mit der Homophobie.....