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Jahresrückblick, Teil VI

Höhepunkte des Jahres 2022

Ein ereignisreiches Jahr auch für queere Menschen geht zu Ende. Wir stellen die zehn besten Geschichten und Entwicklungen von 2022 vor.


Es geht voran: In der Schweiz und drei weiteren Ländern wurde 2022 die Ehe für schwule und lesbische Paare geöffnet (Bild: IMAGO / Geisser)

Bundesregierung hat ersten Queerbeauftragten

Das ist eine echte Veränderung: Erstmals gibt es mit Sven Lehmann einen Beauftragten für Queerpolitik in der Bundesregierung. Die neue Position ist nicht nur Symbolik: Der Kölner Politiker ist etwa gut darin, der Öffentlichkeit queere Projekte vorzustellen und auch zu sagen, warum diese wichtig sind. Dass er Schnappatmung bei den Homo-Hasser*innen der AfD verursacht und auch die queerfeindlichen Kräfte in der Union reizt, ist ein Nebeneffekt, der zeigt, welch weiten Weg wir noch vor uns haben.

Vier Länder öffnen die Ehe

Die Ehe für alle ist weiter auf dem Vormarsch: In Chile, der Schweiz, Slowenien und sogar in der kommunistischen Diktatur Kuba durften dieses Jahr erstmals gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Damit ist die Ehe für alle in 32 Staaten der Welt etabliert.

Dazu kommt Mexiko, wo dieses Jahr der letzte der Bundesstaaten die Ehe geöffnet hat. Allerdings sind dort die Ehe-Gesetze teilweise diskriminierend – so erlauben nur 21 der 31 Bundesstaaten und Mexiko-Stadt gleichgeschlechtlichen Ehe-Paaren die Adoption, während heterosexuelle Ehe-Paare landesweit dieses Recht haben.

Zudem hat Andorra dieses Jahr die Ehe-Öffnung beschlossen. Diese tritt Mitte Februar 2023 in Kraft.

Vier Länder legalisieren Homosexualität

Es gibt nicht nur vier weitere Länder, in denen Homosexuelle heiraten dürfen. Vier Länder haben auch ihr Verbot von Homosexualität abgeschafft – davon allerdings mit Antigua und Barbuda, Saint Kitts and Nevis und Barbados drei kleine Inselstaaten in der Karibik. Immerhin hat auch der Tigerstaat Singapur nach jahrelangen Diskussionen sein Homo-Verbot abgeschafft. Der Erfolg wird allerdings dadurch abgeschwächt, dass Singapur gleichzeitig ein Ehe-Verbot für Schwule und Lesben in die Verfassung einfügte.

Leider gab es auch eine negative Entwicklung: Indonesien will außerehelichen Sex ab 2025 verbieten. Bislang waren gleichgeschlechtlicher Sex nur in der Provinz Aceh untersagt. Innenpolitisch sorgte dort die Regierung mit immer queerfeindlichen Tönen schon seit Jahren für Warnung von Menschenrechtsorganisationen. Möglicherweise könnten aber Proteste noch etwas an diesem Vorhaben ausrichten.

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Massen-Coming-out in der katholischen Kirche


Mitglieder von #OutInChurch zeigen Flagge bei der Vollversammlung des Synodalen Wegs (Bild: Markus Gutfleisch)

Die Bewegung #OutinChurch ist eines der einschneidensten Momente in der neueren Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland: Erstmals zeigt sich eine große Zahl von queeren Kirchen-Mitarbeitenden öffentlich und fordert von der Glaubensgemeinschaft, endlich wie alle anderen Menschen behandelt zu werden. Dass viele Bischöfe die queeren Mitglieder unterstützen ("Liebe kann nicht Sünde sein" ) ist ermutigend, dass es nach wie vor erheblichen Widerstand gibt, ist aber keine Überraschung.

Nun muss sich die Kirche überlegen: Will sie weltoffen sein und auf Werte wie Gleichberechtigung setzen oder an Diskriminierungen festhalten und einen großen Teil ihrer Schäfchen verlieren. Da der Vatikan bisher keinen Millimeter von seiner queerfeindlichen Haltung abrücken will, erscheint allerdings eine Reform aussichtslos, solange sich die hiesige Kirche nicht emanzipiert.

Queerste Winter-Olympiade aller Zeiten

Noch nie waren so viele offen queere Athlet*innen bei den Olympischen Winterspielen dabei – und das, obwohl das Event in einer LGBTI-feindlichen Diktatur ausgetragen wurde. Ein gutes Zeichen, dass sich queere Menschen nicht mehr verstecken müssen, wenn sie Profisportler*in werden wollen. Ein Wermutstropfen ist, dass das Coming-out bei Männern immer noch schwieriger zu sein scheint, denn eine große Mehrheit der offenen Athlet*innen sind Frauen.

Queer-feministischer Hochglanzporno mit GEZ-Gebühren


Dieses Jahr brachte unter anderem auch einen queer-feministischen Hochglanzporno, der von unseren Fernsehbeiträgen bezahlt wurde

Jan Böhmermanns "ZDF Magazin Royale" zeigte mit dem "ersten öffentlich-rechtlichen Porno in der Geschichte des deutschen Fernsehens", dass Gruppensex-Filme nicht schmuddelig sein müssen. Im "queer-feministischen Hochglanzporno" wird spielerisch mit Verhütungsmitteln umgegangen, die Darsteller*innen fragen freundlich, ob alles okay beim Gegenüber ist und haben sichtlich Freude an ihrem Treiben. "Wenn Pornos durch andere Gelder finanziert würden, wären wir viel freier", erklärte Regisseurin Paulita Pappel.

Auch sonst gehört das "ZDF Magazin Royale" zu den Highlights des deutschen Fernsehens – und bezieht auch Stellung für queere Rechte. In einer Sendung von Anfang Dezember rechnete Böhmermann etwa mit transfeindlichen Kräften wie Alice Schwarzer oder Beatrix von Storch ab.

Lebensrettendes Musikvideo

Eine Studie brachte ans Tageslicht, dass es sich lohnt, queere Jugendliche zu unterstützen: Ein schwules Musikvideo über die gebührenfreie US-Nummer der Telefonseelsorge hat demnach hunderten Menschen das Leben gerettet. Die Studie zeigt, wie wichtig es ist, queerfeindlichen Kräften wie der AfD entgegenzutreten, denen zu viel Sichtbarkeit queerer Menschen ein Graus ist. Wenn wir dem nachgeben, würde das unzählige Menschenleben kosten.

Endlich Coming-outs im Profifußball

Sogar in der konservativen Welt des Profifußballs bewegt sich etwas: In England hat sich erstmals seit mehr als drei Jahrzehnten ein Profifußballer als schwul geoutet. Der erst 17-Jährige Jake Daniels sprach im Mai über seine sexuelle Orientierung. Die Reaktion zeigt, dass heutzutage keine Alibi-Frau und Co. mehr notwendig sind. So gab es viel Lob von Promis auch der deutsche Startrainer Jürgen Klopp lobte die neue Offenheit. Jetzt muss die Botschaft nur noch die Bundesliga erreichen.

Bewegung bei Artikel 3

Wir haben das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) und Artikel 3 des Grundgesetzes – beide Gesetze schützen Minderheiten vor Diskriminierung. Doch während das AGG sexuelle Identität ausdrücklich schützt, schweigt sich die deutsche Verfassung darüber aus. Diese Diskriminierungshierarchie muss endlich ein Ende haben, fordern LGBTI-Aktivist*innen schon seit Jahren. Und nun dreht sich der Wind: Während die FDP schon vor Jahren ihren Widerstand gegen diese "Gute Diskriminierung, schlechte Diskriminierung"-Ungleichbehandlung aufgegeben hat, bewegt sich nun auch etwas in der Union. Besonders lobenswert ist der Einsatz des neuen NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, dessen Landespartei sonst kein großer Fan der LGBTI-Gleichbehandlung ist. Auch dass die Lesben und Schwulen in der Union jetzt eine offizielle Parteiorganisation sind, dürfte den Druck auf die CDU erhöhen. Da in Bundestag und Bundesrat eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist, sind queere Menschen auf das Wohlwollen der Union angewiesen.


Hendrik Wüst (2.v.l.) beim CSD Köln (Bild: Twitter / Staatskanzlei NRW)

queer.de gewinnt gegen Teenstar

Ein Höhepunkt in eigener Sache: Der queerfeindliche Verein Teenstar wollte queer.de einen Artikel aus dem Jahr 2019 untersagen, in dem wir wahrheitsgemäß über eine Warnung des LSVD Sachsen vor den "Homo-Heilern" berichteten. Doch vor Gericht blitzte Teenstar ab. "Der dreijährige Streit vor Gericht hat gezeigt, dass es sich lohnt, sich zu wehren", so queer.de-Geschäftsführer Micha Schulze nach dem Erfolg. "Der durchschaubare Versuch von Teenstar, mit Abmahnungen und Klagen eine legitime und notwendige Berichterstattung zu verhindern, ist auf kompletter Linie gescheitert."

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