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28. Dezember 2022

Being Peter Berlin: Der Schöpfer der Ikone wird 80

Armin Hagen von Hoyningen-Huene hat sich in den 1970er Jahren mit der Kunstfigur Peter Berlin eine zweite Identität erschaffen und damit enormen Einfluss auf schwule Ästhetik ausgeübt.


Sein Markenzeichen waren Selbstporträts mit eigens geschneiderter Erotikkleidung: Peter Berlin (Bild: Pro-Fun Media)

Das Verhältnis von Körper und Identität ist vertrackt, es bringt uns mitunter auf die ausgefallensten Ideen. In Spike Jonzes Film "Being John Malkovich" etwa entdeckt ein Marionettenspieler zufällig den Zugang zu einem verborgenen Schacht. Ein unheimlicher Sog befördert ihn schnurstracks in das Körperinnere von John Malkovich und lässt ihn für genau 15 Minuten die Welt so erleben, als wäre er der berühmte Star. Kurz darauf drängt auch die neugierige Gattin des Marionettenspielers durch den geheimnisvollen Tunnel in des Schauspielers Leib – und entdeckt dabei ihre lesbische Seite.

Spätestens an dieser Stelle ist klar: Dieser Film ist ein durchgeknalltes, jedoch höchst interessantes Gedankenexperiment, das sich um fundamentale Fragen nach Geschlecht und Begehren dreht – und um die Möglichkeit, seine Identität neu zu erfinden. Kaum zu glauben, dass die verrückte Ausgangssituation im weiteren Handlungsverlauf noch getoppt wird. Was passiert eigentlich, wenn der Titelheld selbst durch diesen Tunnel schlüpft, von dessen Existenz er bis dahin nicht den leisesten Schimmer hat?

Wir erleben, dass Malkovich den Trip als ein Labyrinth der Selbstfixierung erlebt, als einen Mikrokosmos, der ausschließlich aus Abziehbildern seiner selbst besteht: Er findet sich wieder in einem betriebsamen Restaurant, bis auf den letzten Platz belegt mit Malkovich-Doubles jeglichen Alters, jeglicher Körperform – und jeglichen Geschlechts. Ob Gäste oder Servicepersonal, sie alle tragen seine Gesichtszüge, sie alle plappern drauf los und können doch nichts anderes sagen als: "Malkovich! Malkovich!"

Universum der Selbstbezüglichkeit

Auf die filmische Metapher werden wir zurückkommen. Eins schon mal vorweg: Die reale Geschichte der Kunstfigur Peter Berlin führt uns ein mindestens genauso verblüffendes und vielleicht sogar noch ausgefeilteres Universum der Selbstbezüglichkeit vor Augen. Erschaffen und gelebt hat sie der am 28. Dezember 1942 in Litzmannstadt – dem heutigen Lódz – geborene Armin Hagen Freiherr von Hoyningen-Huene. Auch seine Biografie dreht sich um die Suche nach Identität und Begehren. Sie ist an sich schon bemerkenswert, noch mehr allerdings im kulturellen wie auch historischen Kontext.

In einem Interview mit der österreichischen Tageszeitung "Der Standard" aus dem Jahr 2019 erinnert sich Hoyningen-Huene: "Es war nie mein Wunsch, eine Kunstfigur zu werden. Ich habe mich einfach geil angezogen." Und obwohl er nie das Gefühl hatte, "besonders schön" zu sein und lediglich versucht habe, aus sich "das Beste zu machen", erschuf er im Lauf der Jahre die markante Rolle der schwulen Ikone Peter Berlin. In diese schlüpfte er, wann immer ihm danach war – ohne sich je in ökonomische Abhängigkeit zu begeben.

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Erste sexuelle Erfahrungen in Berlin


Peter Berlin feiert am 28. Dezember 2022 seinen 80. Geburtstag (Bild: Pro-Fun Media)

Der von ihm gewählte namentliche Bezug zur deutschen Metropole ist eine Reminiszenz an den Ort, an dem Armin einst seine ersten sexuellen Erfahrungen mit anderen Männern sammelte – und mit dessen Historie seine eigene Geschichte eng verbunden war. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war der Vater an der Front umgekommen, die Mutter ohne Hab und Gut mit ihren drei kleinen Kindern aus dem Baltikum zu Verwandten nach Berlin geflohen.

Armin lernte in der Nacht vor dem Mauerbau im August 1961 einen Ost-Berliner kennen, der ihn für einen One-Night-Stand mit nach Hause nahm. Aufgrund der politischen Zuspitzung fuhr am anderen Morgen die S-Bahn nicht, Armin kam so spät zurück, dass er sich erklären musste: Er outete sich notgedrungen gegenüber der Mutter, doch diese kam mit den gleich­geschlechtlichen Neigungen ihres Sohns nicht zurecht. Armin musste ausziehen, er bezog ein Zimmer zur Untermiete in Charlottenburg.

Nun war er auf sich alleine gestellt. Trotz relativer Armut und des Bruchs mit seiner Familie genoss er eigenen Aussagen zufolge die Freiheit, verbrachte unbeschwerte Jahre und blieb noch lange im Westteil der Stadt. Er arbeitete für das High-Society-TV-Magazin "Die V.I.P.-Schaukel", als Fotograf von Prominenten wie Brigitte Bardot oder Klaus Kinski und jobbte als Illustrator und Schneider.

Die Figur von Peter Berlin füllte sich in den USA mit Leben

In den früheren 1970er Jahren wanderte er in die USA aus und ließ sich in San Francisco nieder. Armin bemerkte, dass es "in Amerika für viele etwas ganz Neues war, dass sich jemand so anzieht" – so sexuell betont, wie er es aus der West-Berliner Subkultur der 1960er Jahre kannte. Die Aufmerksamkeit, die er erlangte, spornte ihn dazu an, all sein Potential, all seine Reize bis über die Grenzen hinaus auszuschöpfen.


Peter Berlin mit Kippe (Bild: Pro-Fun Media)

Die Figur von Peter Berlin nahm Konturen an und füllte sich mit Leben. Armin stattet sie üppig und mit äußerster Kreativität aus. Dabei versucht er, selbst die exzentrischsten Einfälle immer noch zu übertreffen. In eng anliegenden Baumwollhosen, unter denen sich seine Genitalien in aller Deutlichkeit abzeichnen, stolziert er die Castro Street auf und ab. Sein Körper ist bis in die kleinste Muskelfaser durchgestylt, noch bevor Bodybuildung zum Trend wird. Er trägt so auffällige Fetisch-Outfits, dass er bald als Touristenattraktion gilt. Laut Armistead Maupin, dem Autor der "Stadtgeschichten", war Peter Berlin zu der Zeit aus dem Stadtbild San Franciscos schon nicht mehr wegzudenken.

Überregional bekannt wird er 1972 mit dem ersten seiner beiden Pornofilme "Nights in Black Leather". Im Magazin "Advocate" erscheint über Monate hinweg eine ganzseitige Anzeige, die Armin selbst gestaltet hat – mit ihm als Posterboy in einer Pose, die heute als legendär gilt. Er erhält Fanpost aus aller Welt, ist nun eine internationale Berühmtheit. Zu diesem Zeitpunkt hat er die 30 bereits überschritten. "Peter Berlin war niemals jung", wird Armin später sagen. "Aber ich habe immer jünger ausgesehen."

Stolz auf die blaublütige Herkunft

Armin ist Zeit seines Lebens zumeist Armin, er führt ein bürgerliches und bescheidenes Leben, dennoch bleibt er sich seiner blaublütigen Herkunft bewusst. Auf seinen aristokratischen Namen ist er sogar stolz: "Er zeigt, dass ich nicht aus der Gosse komme", sagt er. Und fügt, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, hinzu: "Ich liebe die Gosse. Aber nur, wenn ich die freie Wahl habe, sie aufzusuchen." Dazu schlüpft er immer wieder in die Rolle von Peter Berlin, um nachts – und manchmal auch schon tagsüber – in aufreizender Montur durch die Straßen und Hinterhöfe des Castro Districts zu streifen.

Tief in das Labyrinth des Alter Egos von Armin Hagen von Hoyningen-Huene dringt ein aufschlussreicher Dokumentarfilm aus dem Jahr 2005 vor: "That Man – Peter Berlin" ("Die Peter-Berlin-Story") von Jim Tushinski. Eindrucksvoll führt dieser die Arbeitsweise von Armin und den Entstehungsprozess von Peter Berlin vor Augen – an dessen Ende ein selbstreferenzielles Geflecht steht, das der Schlüsselszene von "Being John Malkovich" verblüffend ähnlich ist, nur eben auf einer hypersexualisierten Ebene, in der die Realität die Fantasie noch übertrifft: Wir sehen Peter Berlin als Modell in seinem Studio posieren; wir sehen ihn zudem im Spiegel; wir sehen die Wand hinter dem Spiegel, die lückenlos von Fotos behängt ist, und auf allen ist wiederum Peter Berlin abgebildet, auf vielen auch doppelt oder dreifach, und irgendwie hat er es auch hinbekommen, dass seine Doubles auf den Bildern körpersprachlich kommunizieren. Er selbst hat den Auslöser für die Aufnahmen betätigt und den Hintergrund für die Mehrfachbelichtungen markiert. Er selbst hat die Settings konzipiert sowie die Outfits entworfen und genäht. Die Motive sind allesamt eigenen sexuellen Fantasien entsprungen, die er durch seine Arbeit noch übertrumpft.

Vimeo / Gorilla Factory Productions | Trailer zu "That Man – Peter Berlin" und Möglichkeit, die Doku online anzuschaun
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Wir erleben Peter Berlin – oder auch Armin, so genau lässt sich das nicht immer sagen – in einem gut gealterten und heiteren Zustand, wie er mit über 60 sein Leben Revue passieren lässt. Er räkelt sich auf einem Sofa in seinem Apartment in San Francisco, dessen Einrichtung man unbedingt unter Denkmalschutz stellen sollte, denn auch dort sind Fotos und Zeichnungen von ihm an den Wänden bis knapp unter die Decke dicht aneinandergereiht: Der Begriff der "Petersburger Hängung" gewinnt in diesem Zusammenhang eine buchstäblich neue Bedeutung.

Es geht um das Posieren, Anmachen und Beobachten

Peter Berlin machte sich selbst auch zum Protagonisten seines zweiten Pornofilms "That Boy" aus dem Jahr 1974, bei dem er gleichwohl als Produzent, Regisseur, Kameramann, Cutter und Kostümbildner fungierte. Wobei, was heißt hier Pornofilm? Ein paar wenige Szenen lassen sich tatsächlich als pornografisch bezeichnen. Vor allem er selbst ist es, der sich drastisch in Szene zu setzen weiß und dabei alle Register zieht. Es sind gewiss auch alle körperlichen Details zu sehen, auf die es ankommt. Dabei ist mitunter Geduld gefragt. In einer Szene von "That Boy" entblößt sich Peter Berlin: Er zieht erst langsam seine Jeans aus, darunter trägt er eine weiße Unterhose, unter der wiederum ein hauchdünner schwarzer Lederslip erscheint. Als er diesen auszieht, kommt schließlich noch ein hautenger Nylonschlüpfer zum Vorschein. Das entbehrt nicht eines gewissen Humors.

Wer sich harte Penetrationsszenen erhofft, wird nicht auf seine Kosten kommen. In beiden Peter-Berlin-Filmen geht es mehr um das ausgedehnte und verfeinerte Vorspiel – um das Posieren, Anmachen und Beobachten. Also genau um das, auf was er selbst auch in der Realität stets am meisten Wert legte. All die Prahlereien von Leuten, die mit ihm angeblich penetrativen Sex gehabt haben wollen: laut Peter Berlin "alles Lügen".

In einer Szene aus "Nights in Black Leather" kommt es nach einer ausgedehnten Anbahnungsszene zu einem Dialog, bei dem Peter Berlin konkret zum handfesten Sex aufgefordert wird. "Keine Lust", antwortet der, "ich möchte jetzt lieber alleine sein." Ein bemerkenswerter Satz in einem Pornofilm! Wer an dieser Stelle keinen Humor erkennt und enttäuscht ist, weil es genital-anal niemals wirklich zur Sache geht – der hat Peter Berlins Art, sexuell zu kommunizieren, missverstanden. "Meine Sexualität war sehr visuell", sagte er einmal. Er stand darauf, "dass man sich geil macht und zum Orgasmus bringt, ohne dass man sich überhaupt anfassen muss." Damit war er seiner Zeit, als es noch keinen virtuellen Sex gab, weit voraus. Gleichwohl war Sexualität für ihn "das größte Geschenk", das ihm das Leben bereithielt.

Keine Zusammenarbeit mit Warhol oder Gaultier


Armin Hagen Freiherr von Hoyningen-Huene hat sich nicht zur Marionette seiner erfolgreichen Kunstfigur machen lassen (Bild: Pro-Fun Media)

Es ist Jim Tushinski und seiner Filmdokumentation zu verdanken, dass er das Publikum aus dem Labyrinth der Selbstbezüglichkeit, in das er es mit seinem Peter-Berlin-Porträt zunächst gelockt hatte, auch wieder herausführt. Armin Hagen von Hoyningen-Huene, das wird am Ende deutlich, hat sich nicht zur Marionette seiner erfolgreichen Kunstfigur machen lassen. Als typischen Selfmademan, der auf Geld und Macht aus war, kann man ihn jedenfalls nicht bezeichnen. Sein Narzissmus beschränkte sich auf ein selbstgenügsames Niveau des sexuellen Vergnügens und neigte nie zum Größenwahn. Angebote zur Zusammenarbeit mit Andy Warhol oder Jean-Paul Gaultier, die ihm eine finanziell einträgliche Karriere ermöglicht hätten, schlug er mangels Ehrgeiz aus. Auch blieb er – anders, als man annehmen könnte – für zwischenmenschliche Beziehungen aufgeschlossen, die bis tief unter die Ebene des Oberflächlichen reichten. Armistead Maupin schätzte ihn als "vielfach interessierten Gesprächspartner".

Robert Mapplethorpe freundete sich mit Armin an, lange bevor er sich einen Namen als Fotograf machte. Ihm gelang es, ein paar seltene Aufnahmen zu machen, auf dem nicht Peter, sondern Armin abgebildet ist. Nackt in seinem Studio auf dem Boden sitzend, die Beine angezogen und mit den Armen umschlungen schaut er schüchtern in die Kamera und zeigt sich so verletzlich und nahbar, wie es Peter niemals zugelassen hätte.

Mehr als 20 Jahre hatte Armin ein enges Liebesverhältnis zu seinem Partner James, der, wie viele seiner langjährigen Freunde, schließlich an Aids erkrankte. Vor der Kamera berichtet Armin, wie er James im finalen Stadium auf dessen Wunsch Sterbehilfe leistete. Eine äußerst berührende Szene.

Inspiration für die nachwachsende queere Generation

Seit einigen Jahren hat sich Armin Hagen von Hoyningen-Huene aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, Peter Berlin hat er längst für tot erklärt. Doch sein Einfluss auf schwule Ästhetik bleibt unbestritten, die Bilder und Filme von ihm sind unwiderruflich ins kulturelle Gedächtnis eingebrannt. Zuletzt fiel sein Name im Zusammenhang mit dem letzten Pornfilmfestival in Peters früherer Heimatstadt. In einem Interview des Berliner Stadtmagazins "Siegessäule" erklärt Filmemacher*in Toni Karat, dass die Idee zu dem Dokumentarfilm "Narcisism – The Auto-Erotic Images" von Peter Berlin inspiriert wurde. Dabei posieren die Protagonist*Innen vor dem Spiegel und kommunizieren mit dem eigenen Körper. Sie werden dazu ermuntert, eine positive Sichtweise auf ihr Selbstbild zu entwickeln. Karat, nach eigenen Angaben nichtbinär, setzt sich dabei auch mit dem eigenen Lesbischsein auseinander. Narzissmus wird hier zur Selbstermächtigung von "weiblich sozialisierten Menschen oder Randgruppen, die nicht der Norm entsprechen".

Augenscheinlich fühlt sich eine nachwachsende queere Generation von Peter Berlins Leben und Schaffen auf eine Weise beflügelt, wie es sich Armin Hagen Freiherr von Hoyningen-Huene nie hätte erträumen lassen.

-w-

#1 Owen WilsonAnonym
  • 28.12.2022, 09:50h
  • Peter Berlin is Owen Wilson. Oder auch umgekehrt. Wert weiß das schon. Prächtig sind sie beide in jeder Hinsicht.
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#2 LothiAnonym
  • 28.12.2022, 10:44h
  • Eines würde mich hier schon interessieren. Im Artikel steht sinngemäß geschrieben: Peter Berlin posierte schon mit Muskeln bevor der Bodybuilder Hype so richtig los ging. Stimmt so nicht. Schon in den 50er Jahren hat doch dieser amerikanische Fotograph junge muskulöse Männer abgelichtet. Sein Name fällt mir jetzt nicht ein. Auch Arnold Schwarzenegger begann schon recht jung sich für Magazine in Pose zu stellen. Genaue Daten habe ich hier nicht. Aber definitiv war Peter Berlin nicht der 1.
    Doch very sexy und erotisch war er damals ohne jeden Zweifel. Ein blonder Freund von mir aus vergangener Zeit war sehr stolz darauf P.Berlin ähnlich zu sehen mit all seiner Körperpracht.
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#3 Rhubarb
  • 28.12.2022, 11:17h
  • Danke für das schöne Portrait! Konnte grade den Film auf Vimeo ansehen, wirklich eine interessante Persönlichkeit mit Charisma, der es wahrscheinlich geschafft hätte, vom Mainstream stärker wahrgenommen zu werden. Aber das war wohl nicht sein Ding, oder vielmehr die Kompromisse, die er hätte eingehen müssen, das "Arbeiten an der Karriere" mit Dinnerpartys und Netzwerken.
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