https://queer.de/?44211
Princess Charming
Wendung im Konflikt um Übergriffsvorwürfe
Nach dem Vorwurf eines sexuellen Übergriffs zieht Wiki ihr anfängliches Geständnis zurück. Der Grund: Der Mitschnitt der Situation. In dem erkennen die einen eine Widerlegung der Vorwürfe – andere aber sehen sie bestätigt.

Streit um einen mutmaßlichen sexuellen Übergriff im Kadidatinnenpool von "Princess Charming" (Bild: RTL / René Lohse)
- Von
28. Dezember 2022, 15:07h 5 Min.
Im Streit um einen mutmaßlichen Übergriff während der ersten "Princess Charming"-Staffel ist es zu einer Wendung gekommen. Die damalige Teilnehmerin Jo hatte der Mitbewerberin Wiki auf der Plattform Instagram einen sexuellen Übergriff vorgeworfen, was diese in der Folge auch eingestanden hatte (queer.de berichtete).
Dann ließen der Sender RTL und die Produktionsfirma Seapoint anhand des vorhandenen Videomaterials ein strafrechtliches Gutachten anfertigen, auf Grundlage dessen die Verantwortlichen die Situation für einvernehmlich erklärten. Jos Vorwürfe wurden so zu "nachweislich falschen Darstellungen" (queer.de berichtete).
In der vergangenen Woche berichtete nun der "Spiegel" über die Vorwürfe und das Video. Dadurch wurde auch bekannt, dass Kandidatin Wiki ihr Bekenntnis zum Übergriff inzwischen zurückgezogen hat. Der Grund: Auch ihrer Ansicht nach belege der Mitschnitt, dass die Situation einvernehmlich sei. Und: Wiki veröffentlichte das Video, mit dem sie sich augenscheinlich rehabilitiert sieht, im Netz.
Geständnis aus feministischen Prinzipien?
Wikis erstes öffentliches Geständnis sei erfolgt, erzählte sie dem "Spiegel", weil sie nach dem feministischen Prinzip habe handeln wollen, wonach man Betroffenen Glauben schenke. Nachdem sie jedoch von den "Princess"-Verantwortlichen das in der fraglichen Nacht entstandene Videomaterial gezeigt bekommen habe, sei sie zu der gegenteiligen Auffassung gelangt.
Augenscheinlich ließen die Verantwortlichen Wiki dabei nicht nur das Material sichten, sondern stellten es ihr auch digital zur Verfügung. Kurz nach Erscheinen des "Spiegel"-Artikels reaktivierte Wiki, die ihren Account bei Instagram in der Zwischenzeit stillgelegt hatte, ihren Kanal, veröffentlichte die zusammengeschnittenen Szenen bei Youtube und verwies in einem neuen Instagram-Video darauf. Die Fakten seien anders als das, was Jo in die Öffentlichkeit trage, so Wiki. Unklar ist, ob sie dies mit Erlaubnis der Rechteinhaber*innen tat.
Widerlegt Video Übergriffsvorwurf?
Doch was auf dem Material zu sehen ist, darüber gibt es unterschiedliche Interpretationen. So schreiben die beiden "Spiegel"-Journalist*innen Anton Rainer und Lara Schulschenk, der Clip zeige eine "für Außenstehende grundlegend andere Situation". Weder seien Abwehrversuche auf dem Video zu erkennen, noch das Festhalten der Hände, wie es Jo in ihrem ersten Instagram-Clip beschrieben hatte. Schilderungen von Zärtlichkeiten suggerierten: Hier hat kein Übergriff stattgefunden.
Eine Sichtung des Materials von queer.de kommt zu einem anderen Schluss. So zeigen die Bilder durchaus die Situation des Festhaltens der Hände über dem Kopf. Was sie nicht zeigen, ist, dass das Festhalten gegen Widerstand durchgesetzt würde.
In ihrem ursprünglichen Statement hatte Jo darüber hinaus nichts von Abwehrversuchen erzählt, die die "Spiegel"-Journalist*innen in den Sequenzen vermissen. Und dennoch ist auf dem Video durchaus auch eine als Abwehrversuch interpretierbare Bewegung zu erkennen.
Auch Nutzer*innen bei Instagram und Youtube sahen in den Bewegtbildern jedenfalls Unterschiedliches. Und ob ein Video überhaupt in der Lage ist, die gemachten Vorwürfe zu bestätigen oder zu widerlegen, darüber herrscht ebenfalls keine Einigkeit. Vielmehr scheint das Urteil wie so oft davon abzuhängen, welche sexualmoralischen Standpunkte und Vorstellungen darüber vorherrschen, wie sexuelle Übergriffe ablaufen und wie sich Betroffene dabei verhalten.
"Zeigt Übergriff, wie ich ihn erinnere"
Auch Jo hat sich das Video inzwischen angesehen. Der "taz" sagte sie: "Es zeigt den Übergriff an mir genau wie ich ihn erinnere".
An Wikis Verhalten übt sie aufs Neue Kritik. Dass die das Material nämlich heranziehe, um ein Narrativ von "Fakten" aufzubauen und zu suggerieren, dass Jos Wahrheit eine Lüge sei, sei fatal – sowohl für sie als auch für andere Betroffene. Die Interaktion sei so lange mit ihrem Einverständnis erfolgt, bis sich Wiki "mit nacktem Unterkörper auf mich legt und meine Hände über dem Kopf hält".
Und noch etwas anderes haben die Kolleg*innen der "taz" herausgefunden. Zwar ist auf dem Video, in dem viele relevante Momente nur verdeckt zu beobachten und akustisch schlecht oder gar nicht zu verstehen sind, kein Kussversuch von Wiki zu sehen. Von dem hatte Jo ursprünglich berichtet.
Und dennoch ist Jo am folgenden Tag in einer der bei "Princess Charming" obligatorischen Interviewsituationen danach gefragt worden, warum sie Wiki denn nicht habe küssen wollen. Das habe RTL der Zeitung auf Anfrage bestätigt. Unklar bleibt, woher die Interviewenden von einem möglicherweise im Raum stehenden Kuss oder einem Kussversuch erfahren haben. Oder war das einfach ihre Interpretation von Wikis Verhalten?
Nicht hörbares "Nein" kein Beweis
Auch auf Instagram kritisierte Jo den Versuch, anhand von Körpersprache auf das Vorliegen von Konsens schließen zu wollen. Dass Wiki in dem Video etwas anderes erkenne als sie selbst, zeige ihr noch ein mal, dass es expliziten verbalen Konsens bedürfe, etwa, wenn man jemanden küsst, sich untenrum nackt zu jemandem ins Bett oder auf jemanden drauf lege. Körpersprache werde eben subjektiv interpretiert.
Das explizite, verbale Nein hab, abseits davon, vorgelegen, wiederholte sie ihre Schilderungen aus dem November. Dass dieses auf dem Video aber nicht zu hören sei, sei kein Beweis des Gegenteils.
Die Veröffentlichung des Videomaterials sei darüber hinaus nicht mit Jo abgesprochen gewesen und ohne ihr Einverständnis erfolgt. Auch diese Veröffentlichung sei übergriffig. Sie zwinge sie zur Sichtung des Materials, da ihr durch sie "die Macht über meine eigene Geschichte erneut genommen" werde.













