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Kinostart

Was aus dem schönsten Jungen der Welt wurde

Björn Andrésen spielte den Tadzio in Viscontis Klassiker "Tod in Venedig". Der neue Dokumentarfilm "The Most Beautiful Boy in the World" zeigt, wie der Teenager unter dem Image litt – und es ihn bis heute verfolgt.


Björn Andrésen am Set von "Tod in Venedig" (Bild: missingFILMs)

Dem Prädikat Kinderstar haftet immer etwas Negatives bis Mitleidiges an: Die traurigen bis zweifelhaften Karrieren von Britney Spears oder Michael Jackson sprechen Bände und sind zugleich Abschreckung. Dass sich das Phänomen nicht auf die USA beschränkt, beweist Björn Andrésen.

Er wurde als unbekannter 15-Jähriger von Luchino Visconti entdeckt. Der italienische Regisseur suchte in halb Europa nach der idealen Besetzung für seinen neuen Film. Er wollte Thomas Manns tragische, homoerotische Novelle "Der Tod in Venedig" fürs Kino adaptieren. Für die Rolle des Tadzio, in dem der alternde Schriftsteller Gustav von Aschenbach die vollkommene, aber schließlich unheilbringende Schönheit entdeckt, reiste er nach Ungarn, Polen und Russland.

Von der Schönheit ist nicht viel geblieben

Doch erst in Schweden wurde er fündig. Da steht er plötzlich vor dem Regisseur: Björn mit seiner langen blonden Löwenmähne, den vollen Lippen und dem Lächeln auf Befehl, das dennoch so authentisch, charmant und ein klein wenig gewitzt daherkommt, wenn er seine Augen dabei zusammenkneift.


So sieht Björn Andrésen heute aus (Bild: missingFILMs)

Archivaufnahmen zeigen diese Begegnung, den Castingprozess, die Begeisterung Viscontis. Sofort wusste er, dass er in dem Teenager seinen Tadzio gefunden habe, schwärmt der Regisseur. Die grauen Augen, sein Charisma – Björn sei der ideale Todesengel, dem Aschenbach folgt, weil er die Schönheit sucht, und in dem er den Tod findet. Viscontis Urteil: Sein Darsteller ist der schönste Junge der Welt. Ein Kompliment, das Björn Andrésen verfolgen und das er verfluchen wird.

Der schwedische Dokumentarfilm "The Most Beautiful Boy in the World" von Kristina Lindström und Kristian Petri porträtiert Andrésen und begleitet den heute 67-Jährigen in seinem eintönigen Alltag. Rein äußerlich ist auf den ersten Blick nicht viel von der Schönheit geblieben. Vielmehr sieht Andrésen zottelig und verlottert aus, abgemagert und unglücklich. Erst nach einiger Zeit wird deutlich, dass der Schauspieler, der an seinen großen Jugenderfolg nie mehr anschließen konnte, noch immer die Attraktivität von damals in sich trägt.

Überfordert von seitenlangen Liebesbriefen


Poster zum Film: "The Most Beautiful Boy in the World" startet am 29. Dezember 2022 im Kino

Die Doku nutzt nicht nur Archivmaterial vom Casting und den Originalfilm, sondern auch private Aufnahmen von Andrésens Großmutter. Sie wollte ihren Enkel im Film sehen und meldete ihn zum Vorsprechen an. Beim Dreh in Venedig war sie dabei und bekam sogar eine kleine Rolle, auf die sie mächtig stolz war. Dazu kommen Gesprächspartner*­innen und Weggefährten aus aller Welt, um zu illustrieren, wie überfordert Björn von seinem Weltruhm war, von den Fans, den seitenlangen Liebesbriefen.

Björn Andrésen reist für den Film nach Venedig, Japan und Paris, um sich an die Zeit nach der Premiere zu erinnern. In Japan wurde er zum ersten westlichen Idol, nahm sogar Liebeslieder auf Japanisch auf. Nach Paris wurde der hübsche Heranwachsende von Männern eingeladen, die ihn als Trophäe sahen, so erinnert er sich. Etwas befremdlich ist, dass Andrésen häufig nicht selbst mit den Interviewten spricht, sondern zum Beiwerk des Gesprächs verkommt.

Eine neue Schublade für Andrésen

Anders ist das nur, wenn er mit seiner Tochter und seiner Partnerin spricht. Überhaupt nimmt die Familiengeschichte sehr viel Raum ein. Dass er seinen Vater nie kennenlernte und seine Mutter früh verstarb, führte dazu, so die These der Doku, dass der Kinderstar niemanden hatte, mit dem er über die negativen Seiten des Ruhms sprechen konnte. Doch es wirkt, als hätte man für Andrésen jetzt eine andere Schublade gefunden – die des alternden, depressiven Mannes, der seine Vergangenheit nicht bewältigt hat. Zwischen dem und dem schönsten Jungen der Welt gibt es nichts, auch weil die Doku viele Jahrzehnte seines Lebens gänzlich ausspart.

"The Most Beautiful Boy in the World" macht die Überforderung des Teenagers genau wie den belastenden unablässigen Fokus auf sein Aussehen nachvollziehbar. Über 50 Jahre nach den Dreharbeiten prägt ihn noch immer das Gefühl von damals, einsam und unglücklich zu sein. Ein Schicksal, mit dem Björn Andrésen sich nahtlos einreiht in die Riege der Kinderstars.

Infos zum Film

The Most Beautiful Boy in the World. Dokumentarfilm. Schweden 2020. Regie: Kristina Lindström, Kristian Petri. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 0. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 29. Dezember 2022
-w-

#1 56James35Anonym
  • 29.12.2022, 15:06h
  • Oder besser: was man aus ihm gemacht hat.
    Dieser Dokufilm ist nicht nur wegen "dem schönsten Jungen der Welt" interessant sondern auch wegen Visconti, der diesen jungen Mann vor Beutetieren schützen musste.
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#2 DannyMarc
  • 29.12.2022, 18:00h
  • Unfassbar, dass sowas damals möglich war! Das nur anzusehen ist so unangenehm und einfach nur falsch.
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#3 queergay
  • 30.12.2022, 02:09h
  • Luchino Visconti (1906-1976) thematisierte in seinen Filmen gerne Vergänglichkeit und äußeren Verfall des Menschen. Auffallend ist dabei schon, daß zumindest zwei Hauptdarsteller in seinen Filmen als Schönlinge in jungen Jahren - wie Björn Andrésen und Helmut Berger - später dann im Alter selber die Tragik des Alterungsprozesses intensiv erleben und erleiden.
    Ähnliches gilt mittlerweile aber auch für Alain Delon (87) und Claudia Cardinale (84) aus dem Visconti-Film "Der Leopard" von 1963. Man sehe sich nur mal Fotos von damals und heute an.
    Helmut Berger (78) spielte in Viscontis "Ludwig II." von 1973 und in Viscontis "Gewalt und Leidenschaft" von 1974.
    Grundsätzlich gilt: Aus schönen Jungen (Mädchen) werden nicht mehr schöne alte Männer (Frauen). So ist das Leben.
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