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Jahresrückblick, Teil X

Diese Nachricht hat uns im Jahr 2022 besonders betroffen gemacht: Der Tod von Malte C.

Am 27. August wurde Malte C. auf dem Münsteraner CSD niedergeschlagen. Sechs Tage später erlag er seinen schweren Verletzungen. In dem Jahr, das sein Jahr hätte werden sollen, mussten wir seinen Tod vermelden. Ein Portrait


Malte C. am 27. August beim Münsteraner Christopher Street Day (Bild: privat)

Malte C. hatte ein super lustiges Lachen. Eines, das andere ansteckte und sie unwillkürlich dazu bringen konnte, mitzulachen. Das hat mir Felix Adrian Schäper erzählt. Er ist Vorstand im Trans*-Inter*-Münster e.V. und hat Malte einige Jahre begleitet.

Sein ganzes, viel zu kurzes Leben lang war er eigentlich auf der Suche gewesen. Erst das Coming-out als lesbisch. Dann die Feststellung, dass es das wohl nicht so richtig war – das, was ihm auf der Seele lag. Und sich jetzt noch ein mal vor allen outen, dieses Mal als trans? Konnte er das? Schon wieder sagen, dass er anders war? Wer würde ihm denn dann überhaupt noch glauben?

Zwei mal out zwischen Ruhrgebiet und Münsterland

Viele transgeschlechtliche Personen durchlaufen solche zweifachen Coming-outs. Sie machen dabei manchmal die Erfahrung, nicht so richtig ernst genommen zu werden. Ähnliches gilt auch für Menschen, die mit dem Fetalen Alkoholsyndrom geboren worden sind. Auch Malte hatte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Und wenn die anderen einen nicht so recht ernst nahmen – wie sollte man denn dann selber herausfinden, wer man eigentlich ist?

Als Malte 19 Jahre alt war, zog er bei der Pflegefamilie aus, bei der er bislang gelebt hatte. Ein Stück mehr Eigenständigkeit, aber eben auch nur ein Stück. Es folgten betreute Wohngruppen in Marl, in Dorsten. Nördliches Ruhrgebiet. Es ist eine Gegend, die halb zu der weltweit bekannten Metropolregion gehört – aber eben auch halb zum Münsterland. Hier liegen Städtchen und Städtchen und noch mehr Dörfer im weiten Umkreis derGroßstadt, die für den hier gedrehten Ulk-"Tatort" bekannt ist. Oder, weil es hier so viele Fahrräder gibt.

Mit 21 Jahren dann nahm Malte erstmals Kontakt zu dem in Münster sitzenden Trans-Verein mit seinen Selbsthilfegruppen auf. War er es denn wirklich? Trans? Herausfinden, dachte Malte wohl irgendwann, konnte er das nur, indem er sich erst ein mal auf den Gedanken einließ. Die immerzu schwarzen, weiblichen Klamotten der Vergangenheit wichen allmählich dem Ausprobieren. Dem Versuch, zu erspüren, was der neue Stil mit ihm und seinen Gefühlen machte. Schwarz wich schließlich Farben. Es schien das Richtige zu sein.

Quälendes Warten auf das eigene Leben

Als die nach wie vor obligatorische Begleittherapie begann, die absolvieren muss, wer in Deutschland eine Transition machen will, hatte Malte das Gefühl, dass es nun voran ging. Endlich. Doch die Freude wich bald Ernüchterung. Denn auch die psychologische Psychotherapeutin, die Malte begleitete, wollte sich in seinem Fall zunächst ganz sicher sein. Also schoben sich die nächsten Schritte wieder nach hinten. Vor allem die Indikation zu einer Hormonersatztherapie.

Mit der bekommt man bei Endokrinolog*innen "Testo", wie das männliche Sexualhormon in Trans-Kreisen gern genannt wird. In dieser Zeit, erinnert sich Schäper, erlitt Malte auch wieder einen Rückschritt beim Versuch, ein glücklicheres Leben zu führen. Und fiel wieder voll in die Depression zurück. Traurig sei er wegen der Zurücksetzung gewesen, aber auch ärgerlich.

Und wenn Malte ärgerlich war, konnte er dieses Gefühl manchmal auch einfach so hinaus schleudern. So auch, als Querdenker*innen in Dorsten wenige Tage vor Weihnachten eine weitere ihrer Protestversammlungen gegen Coronamaßnahmen ankündigten, die doch die Leben von Menschen schützen sollen. Malte las davon in einer Lokalzeitung, teilte den Artikel via Social Media – und machte seinem Ärger im beigefügten Kommentar Luft.

Malte C. 😡 fühlt sich wütend (21. Dezember 2021)

Borrrr ich Kriege das kotzen !!!!! 😠😡

Irgendwann war das Warten vorüber gewesen. Das auf die Indikation, das auf den nächsten freiwerdenden Termin in der Endokrinologie. Auf die ganzen unnötigen Abläufe in einem Gesundheitssystem, das trans Personen meistens mehr kontrollieren als sie bei einer selbstbestimmten Veränderung ihres Lebens unterstützen soll.

Ein ganz neuer Mensch

Und plötzlich lachte Malte wieder mehr. Nicht wie während der bitteren Wartezeit. Rasend schnell veränderte sich sein Körper unter dem Einfluss des Sexualhormons: Muskeln wuchsen und nahmen den Platz ein, an dem vorher Fettpolster für runde Formen gesorgt hatten. Barthaare sprossen. Rasch fiel Maltes Stimme in der Tonlage herab.

Um den Prozess noch zu unterstützen, ging der junge Mann nun regelmäßig ins Fitnessstudio, stellte seine Ernährung um. Es war das erste mal, dass er mit etwas anfing und wirklich kontinuierlich dabei blieb, hieß es später. Maltes Zufriedenheit wuchs und wuchs. Und auch in der Werkstatt, in der er arbeitete, lief es nun besser für ihn, kam er besser mit den anderen zurecht.

Anfangs, als sie sich kennengelernt hatten, war Malte schüchtern gewesen, unsicher, sagt Schäper. Doch nun erwuchs ein ganz neuer Mensch aus ihm. "Schiss" hatte er vorher immer gehabt, eines der vielen im Transitionsprozess anfallenden Telefonate zu absolvieren. Früher habe er dafür Unterstützung gebraucht. Völlige Überforderung.

Und nun schien alles anders. Jetzt konnte er viele der Angelegenheiten selbständig erledigen. Zum Beispiel die Anrufe, die für die Beantragung der Kostenübernahme seiner Mastektomie anstanden, der Modellierung einer männlichen Brust.

Malte C. 😃 fühlt sich überglücklich (03. Januar 2022)

OMG ich kann es nicht glauben 😍😏😞 heute den Brief mit Verzögerung bekommen die Kosten Übernahme für die mastektomie 😍 jz nur noch in Düsseldorf anrufen und ein Termin machen ich kann es nicht fassen 🎉 diesen Monat spätestens Anfang Februar kann ich schon starten mit der op das wurde mir schon zu gesagt 😍😏👌

Sein Glück teilte Malte mit der Welt, gerne über das Internet. Er beschrieb, wie sich seine Stimme verändert hatte, posierte mit neuer Frisur, präsentierte die Muskelberge, die ihm wuchsen, seinen kräftigen Rücken.

Wenn es positives Feedback gab, freute sich Malte. Doch das Netz ist ein unbarmherziger Ort – gerade für zarte Pflanzen. "Wenn es negative Kommentare gab, rief er mich manchmal an und fragte 'was wollen die?'", erinnert sich Schäper.

Er konnte nicht verstehen, wieso man ihm so gemeine Sachen sagte. Und grübelte über die Bedeutung der Worte herum. Die ätzenden Kommentare einfach zu löschen und sich von ihnen nicht beeindrucken zu lassen, dazu musste man ihn erst ermuntern.

Es hätte sein Jahr werden sollen

Doch der Gegenwind brachte Malte nicht davon ab, in seinem Ringen um mehr Selbständigkeit, um sein eigenes Leben, weitere Wegmarken zu erreichen, Hürden zu nehmen. Auch, wenn das Angst machen konnte. Etwa Anfang des Jahres 2022, als Malte nach den Wohngruppen zum ersten Mal eine eigene, kleine Wohnung bezog. Und jetzt, mit 25 Jahren, erstmals im Alltag wirklich auf sich allein gestellt war.

Malte C. 😏 fühlt sich nachdenklich (24. Februar 2022)

Meine neue Küche wurde gestern fertig aufgebaut 😍👌 nun ja heute war der Umzug alles zu meiner Wohnung gebracht . Ich bin sehr traurig und etwas verblüfft nun seit langem eine eigene Wohnung und alleine zu sein etwas komisch . Klar freue ich mich sehr aber es ist gerade echt komisch unrealistisch und traurig einsam zu gleich.

Die Wohnung aber war nur der Auftakt zu einem großen Jahr, das seines hätte sein sollen. Das, in dem Maltes Leben so richtig beginnt. Nach über 26 Lebensjahren. Inzwischen hatte Malte auch das Kickboxen angefangen. Notfalls würde er sich damit besser verteidigen können.

Doch wenn er nicht gerade dem Sport nachging, bastelte, malte und zeichnete Malte. Die Farben der Trans-Flagge, Rosa, Blau, Weiß, ließen sich meist in seinen Bildern finden. Es ist nur ein weiterer von vielen Hinweisen darauf, wie sehr die Transition in dieser Zeit anwesend gewesen sein muss in seinen Gedanken. Und wie sehr er darauf hoffte, durch sie Ruhe in seinem Suchen zu finden, sein ganz eigenes Glück im Leben.

Es fehlten jetzt noch letzte Veränderungen in Maltes Auftreten, am Körper. Veränderungen, durch die alle den jungen Mann als den erkennen würden, der er war. Mit einer flachen, männlichen Brust. Ohne die alten Brüste, die es umständlich und schmerzhaft unter der Kleidung vor den Blicken der Anderen zu verstecken galt. Januar wurde es dann zwar, wie anfangs erhofft, nicht. Und auch der Februar war für den endgültigen OP-Termin nicht zu halten. Doch trans Personen sind Warten und Verzögerungen schmerzhaft gewohnt. Im April endlich fuhr Malte zur Operation in die Klinik. Am 05.04. war es so weit.

Malte C. 😃 fühlt sich überglücklich (05. April 2022)

Ich habe es geschafft!
Bin so übertrieben glücklich endlich 🎉😍 kann es garnicht richtig realisieren wahrhaben
Alles gut verlaufen , 😞 mein Ergebnis folgt

Schließlich ist es der 27. August. Die Sonne strahlt über Münster. Das warme, trockene Wetter sorgt für gute Stimmung auf dem Christopher Street Day, der gerade als Demonstration durch die Straßen zieht. Stolz trägt Malte ein Banner des Trans*-Inter*-Münster e.V., desjenigen Vereins, der ihn so sehr in seiner Selbstwerdung unterstützt hatte. Ein T-Shirt trägt der junge Mann nicht. Er will allen den großen Schritt zeigen, den er in diesem Jahr gegangen war. Die Narben an seiner Brust, sie sind eigentlich noch frisch.

Am frühen Freitagmorgen, dem 2. September, erlag der 25-jährige, transgeschlechtliche Malte C. einem Schädel-Hirn-Trauma (queer.de berichtete), das er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, verursacht durch einen oder mehrere Schläge des Deutschen Jugendmeisters im Boxen von 2017, Nuradi A.

Als Malte einigen CSD-Teilnehmerinnen zur Hilfe gekommen war, die von Nuradi A. am Rande der Demonstration queerfeindlich angegangen worden waren, hatte ein Freund noch versucht, ihn zurück zu halten. Doch Malte ließ sich nicht mehr zurück halten. Dafür, sich zurück halten zu lassen, war er wohl inzwischen viel zu selbstbewusst geworden.

#1 SebiAnonym
  • 30.12.2022, 17:29h
  • Vielen Dank für diesen ausführlichen Nachruf und die ausführliche Würdigung seines Lebens.

    Das war auch für mich eine Nachricht, die mich besonders betroffen, besonders traurig und besonders wütend gemacht hat.

    Der Hass und die Gewalt müssen endlich aufhören!

    Daran sollten, nein, daran müssen Gesellschaft, Politik und Medien gemeinsam arbeiten.
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#2 Ith_Anonym
  • 30.12.2022, 23:29h
  • "Dafür, sich zurück halten zu lassen, war er wohl inzwischen viel zu selbstbewusst geworden."

    Und ich bin spätestens nach der Geschichte und der Presse, die gar nicht genug betonen konnte, dass sein Tod nichts mit seinem Trans-Sein zu tun hatte, sondern mit ganz normaler Zivilcourage, hätte jedem Menschen exakt genauso passieren können, und überhaupt, trans*-männlich zu sein ist ja gar kein Grund für das Erleben von Gewalt, ist ein Nebenumstand, hat mit der ganzen Sache nichts zu tun, also so wirklich gar nichts, das ist alles willentliches Reininterpretieren...

    ... einfach nur noch ein bisschen realistischer.
    Und bin mit den Cissen einfach nur fertig.

    Danke für die Würdigung und den Rückblick. Schade, dass jemand erst sterben muss, bevor es zählt. Und zum Trans* Day of Visibility, wo wir uns dafür feiern, vorerst noch zu leben, sind wir auf der Demo dann eh wieder bloß die drei Dutzend Leute, die es betrifft.
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#3 MinuschAnonym
#4 PrideProfil
#5 Ith_Anonym
  • 31.12.2022, 13:53h
  • Antwort auf #4 von Pride
  • Da dein Sinn für Pietät sich nahtlos in deine sonstige, mehrfach demonstrierte Haltung gegenüber Queer-Themen einfügt, die dich nicht betreffen, wie z.B. der gesamte Themenkomplex "trans*", kann ich dazu nur antworten: Danke.

    Wenn Menschen wie du mich nicht mehr als Störfaktor betrachten, wird das entweder bedeuten, dass wir in einer Gesellschaft angelangt sind, die ich aus heutiger Sicht bloß als unrealistische Utopie betrachten würde, oder dass von mir wirklich so überhaupt gar nichts mehr übrig ist.

    Also, wie du siehst, du brauchst nicht auf eine als unangebracht empfundene Verallgemeinerung verweisen, um zu kläffen, weil du dreisterweise gemeint sein "könntest". Du bist nicht versehentlich mit-gemeint. Du bist gemeint.
    Muss dir nicht gefallen. Es zwingt dich niemand, mich zu lesen.
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#6 PrideProfil
  • 31.12.2022, 14:28h...
  • Antwort auf #5 von Ith_
  • Hättest vielleicht gerne, daß ich Dich nicht lese. Hast mir jedenfalls noch nie eine direkte Kririk anbringen können. Und Du bestätigst es denn auch mit Deinem ersten, direkten Kommentar mir gegenüber.
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#7 HexeAnonym
  • 01.01.2023, 20:00h
  • Ahhhh... Die queere Community, die Wahlfamilie streitet sich unter den Nachruf eines unserer verstorbenen Geschwister. Reisst euch Mal am Riemen. Das ist würdelos.
    Es geht hier nicht um eure Egos.

    Danke für den Nachruf. Malte und Ella dürfen nicht vergessen werden.
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