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Folge 1 von 53

Schwule Symbole im Film: Augen, Nase und Mund

Andere Menschen nehmen wir vor allem mit den Augen wahr – unserem "Fenster zur Seele". Mit unserem Mund können wir uns mit anderen austauschen und sie sogar wild küssen.


Ein Blickkontakt aus Leidenschaft in der Serie "Looking" (2014-2015)

Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de

Augen – Das Fenster zur Seele

Das Auge ist ein archetypisches Symbol für das "Fenster zur Seele" eines Menschen. Die von den Augen ausgehende Faszination spiegelt sich in Redewendungen über "leuchtende" und "strahlende" Augen wider. Wir können "den Blick auf jemanden werfen", mit unseren Blicken aber auch "töten". Die Jugendsprache weist mit Wörtern wie "Augensex" und "Blickficken" (= anstarren) noch deutlicher auf den Zusammenhang von Augen- und Sexualkontakt hin. Die Augen eines Menschen sind faszinierend und der intensivste Ausdruck seiner selbst.

Filmtitel – Abschiedsblicke und Augenblicke

Die Augen und die Blicke schwuler Männer werden manchmal als Filmtitel verwendet und sind dann die erste Information zu einem Film, wie in "Fortune and Men's Eyes" (1971, dt. Titel: "Menschen hinter Gittern"), "Abschiedsblicke" (1986), "Caught Looking" (1992), "Precious Moments. Kostbare Augenblicke (2003), "Mit geschlossenen Augen" (2007), "Der Junge mit den strahlenden Augen" (2009) und der Serie "Looking" (2014-2015). "Schau mir in die Augen, Kleiner" (2007) ist eine Dokumentation über die Geschichte des schwul-lesbischen Films. Der Filmtitel "Cuando nadie nos ve" (2012) lässt sich mit "Wenn niemand uns sieht" übersetzen.

Die US-Serie "Queer Eye" (2003-2007) – ursprünglicher Titel "Queer Eye for the Straight Guy" – war kommerziell erfolgreich, obwohl 100 Folgen lang nur das Stereotyp geboten wurde, dass Schwule einen besseren Blick für Mode und Körperpflege haben. Damit wurde aus einem Körperorgan der Homosexuellen der Inbegriff einer besseren Wahrnehmung für andere Menschen.


In "Queer Eye" wurde ein Körperorgan zum Klischee und Sinnbild einer "anderen" Wahrnehmung

Mit Blicken lieben

Bildende Künstler*innen und Dichter*innen haben sich mit den Augen in sehr vielfältiger Weise beschäftigt. Wenn der homosexuelle Maler Claude Zoret in "Michael" (1924) über eine Frau sagt: "Es sind ihre Augen, die ich nicht packen kann!", lässt sich dies so interpretieren, dass er sich, im Gegensatz zu seinem Zögling Michael, der die Augen malt, nicht in eine Frau verlieben kann.

Das, was wir zuerst im Leben sehen, prägt uns. In "From Beginning to End" (2009) ist das Erste und vermutlich Letzte, was Thomas in seinem Leben sieht, sein Bruder (und späterer Lebenspartner), womit das Thema der Prägung eines Menschen in schwuler Form variiert wird.

Wenn bei den "Simpsons" satirisch auf Homoerotik angespielt wird, geschieht dies nicht selten über Komplimente zu den Augen. Dann sagt Homer zu anderen Männern "Ich habe mich in Ihren Augen verloren" (12/4) oder schwärmt von den "wunderschönsten braunen Augen" (16/6) und betont, "wie sehr ich die wasserblaue Tiefe Ihrer Augen genieße" (19/2). Auch ein König Julio macht einem Hofnarren "schöne Augen" (20/20) und Bart wird von Milhouse als ein "Blickfang" bezeichnet (12/11; OF: "eye candy").

Zuzwinkern ist ein deutliches erotisches Signal an einen anderen Mann oder an die Zuschauer*innen, wie man es u. a. in den Filmen "Late Summer" (2001), "Das 10 Gebote Movie" (2007), "Another Gay Sequel" (2008) und "Cottageboy" (2013) findet.

Mit Blicken töten

Auch Hass geht über die Augen. Einen gut gefilmten Blickkontakt in den ersten Minuten von "Beauty" (2011) bezeichnete die Presse zu Recht als einen "gierigen, hungrigen Blick" (siehe Rezension mit Trailer in "Kinozeit"). Der ältere Familienvater François wirft ihn dem jüngeren Christian zu, den er später vergewaltigen wird.

Außerhalb von Sprichwörtern und realistisch anmutenden Spielfilmen wird in Filmen mit schwulen Blicken auch tatsächlich getötet. Im homophoben Trash-Film "666: Beware the End is at Hand" (2007) ist es der Teufel selbst, der seinen Geliebten durch einen einzigen Blick tötet. Ein Jahr später gibt es einen Geist mit schrecklichen roten Augen, der noch "In the Closet" (2008) lebt, aber bald rausgelassen wird. In dem homoerotischen Science-Fiction-Film "1313. Bermuda Triangle" (2012) passieren Morde und manche magischen Dinge in Verbindung mit Blitzen, die manchmal aus den Augen der Männer kommen. Auch die Arte-Kompilation "Die Augen im Film" (hier online) zeigt einige (heterosexuelle) Filmszenen über Augen die töten (2:10 Min.) oder hypnotisieren (3:50 Min.) können.


Ein schwuler Teufel, der mit seinen Augen mordet, in "666: Beware the End is at Hand" (2007)

Trauern und Tränen

Es gibt viele Filme, in denen Schwule weinen. Von einem Symbol kann man dann sprechen, wenn mit einem weinenden Schwulen das klischeehafte Bild transportiert wird, dass es sich bei Schwulen um besonders sensible und verletzliche Menschen handle, und die Körperflüssigkeit damit zum Ausdruck einer schwulen Persönlichkeitsstruktur wird. Bei dem schwulen weinenden Waldemar in der Sex-Klamotte "Liebesgrüße aus der Lederhose" (6. Teil, 1982) deutet sich dies an.

Nach der Arte-Kompilation "Tränen im Film" (hier online) können Tränen "wie Regentropfen" (0:40 Min.) wirken und kommen mit dieser Assoziation in so unterschiedlichen Filmen wie Xavier Dolans "Herzensbrecher" (1:50 Min.) und Pedro Almodóvars "High heels" (1991, 2:00 Min.) vor.

Man kann eindeutig von einem Symbol sprechen, wenn Tränen als emotionalisierendes Element nur sinnbildlich gemeint sein können. Auf diese Weise sind die Tränen in den Filmtiteln "The Tears of Aids" (1996) und "Don't Ever Wipe Tears Without Gloves" (2012, hier Trailer) der Inbegriff der Trauer um die Opfer von HIV und Aids.

Eine besondere Aufmerksamkeit verdient der Film "Boys don't cry" (1999). Im Titel zitiert er vordergründig die alte pädagogische Weisheit "Jungen weinen nicht", die im Kontext des Films aber erkennbar in Frage gestellt wird. Die wenigen Worte über Weinen hinterfragen geschlechtsspezifisches Rollenverhalten und sind ein gekonntes Plädoyer für einen anderen Umgang mit den Gefühlen.


Ein kreativer Umgang mit Tränen in "Boys don't cry" (1999)

Redensarten

Bei einer "Liebe auf den zweiten Blick" geht es um eine Liebe zu einer Person, die man bereits kennt. Der Film "Auf den zweiten Blick" (2016, hier Trailer) schildert, wie sich ein Schwuler nach 15 Jahren neu verliebt, und verbindet dies gekonnt und augenzwinkernd mit einem Besuch bei einem Augenarzt.

Am Ende von "The Journey of Jared Price" (2000) outet sich Jared vor seiner Oma als schwul, was dieser jedoch schon bewusst war. Dabei betont sie, dass sie zwar nichts mehr sehen könne, deshalb aber schließlich noch lange nicht blind sei. In ähnlicher Form wird auch in "Außerirdische" (1993) Blindheit als ein Symbol für "nicht erkennen können" aufgegriffen. Sensibilität ist bei Wortspielen mit Blindheit wichtig, weil ein unreflektierter Umgang mit symbolischen Redensarten, wie "blinde Wut" als Zeichen von Reflexionsunfähigkeit, blinde Menschen beleidigen kann.

In mehreren Folgen von "Queer as Folk" (Folgen 1/21-22) überlegen Brian und Michael, in eine andere Stadt zu ziehen, und es wird die Frage aufgeworfen, ob man nur nach vorne oder auch zurückblicken solle und ob man sich ohne Reue noch einmal umsehen könne. In Verbindung mit einer Referenz auf die Bibel, in der sich Lots Ehefrau nach der Zerstörung von Sodom und Gomorrha noch einmal umblickt und zu einer Salzsäule erstarrt, wird das Thema später noch einmal aufgegriffen.


Ein Symbol, das sich in einem Sprichwort erhalten hat: Liebe "Auf den zweiten Blick" (2016)

Pornos mit Bezug auf die Augen

Schwule Pornotitel beziehen sich nicht nur auf ein erotisch-sexuelles Begehren, das sich auf die Augen bezieht ("Eye Contact", "Puppy Eyes", "Some like it blue eyes"), sondern manchmal stehen hungrige oder "queere Augen" auch pars pro toto für den schwulen Mann ("Hungry eyes", "Queer eye for the GI"). Augen stehen zudem für das Verbot und die Intimität von Sex ("For your eyes only", "Forbidden for your Eyes") und für ständige Beobachtung ("The Night has Eyes"), in mystischer Form werden ihnen auch besondere Fähigkeiten ("Xray Eyes") oder Geheimnisse ("I saw it in your Eyes") zugeschrieben. Auf dem Cover des Pornos "The Devil's Deal" hat der schwule Teufel rote, durchdringende Augen.

Das erotische Spiel mit der sexuellen Orientierung – in Verbindung mit dem großen kommerziellen Erfolg der oben genannten Serie "Queer Eye for the Straight Guy" – führte offenbar zu Titeln wie "Straight Eye for the Gay Guy". Dazu gehört auch das recht kuriose Genre im Porno-Segment mit dem Namen "Straight Guys for Gay Eyes", bei dem die Zielgruppe durch den Untertitel "Straight Porn for Gay Men" erklärt wird.

Mindestens vier schwule Porno-Labels (u. a. "Eye Candy Films") beziehen sich mit ihrem Namen auf die Ausstrahlungskraft von Augen. Mehrere Porno-Darsteller verbinden in ihrem Namen das Wort für Augen mit anderen Wörtern, die ebenfalls eine symbolische Bedeutung haben ("Green Eyes", "Eye Kandi", "Hawk Eyes" und "Bright Eye").


Ein Porno, der auf den wichtigen Augenkontakt Bezug nimmt: "Eye Contact"

Nase und Riechen – Parfüm, Poppers, Persönlichkeit

Es gibt Menschen, bei denen "die Chemie stimmt", und andere, die sich "nicht riechen" können. Neurobiologisch hat der Geruchssinn eine große Bedeutung, da die Nase Tausende von Aromen unterscheiden kann und der Körper über ein ausgeprägtes Geruchsgedächtnis verfügt. Im Film steht der unterschätzte und schlecht visualisierbare Geruchssinn selten im Mittelpunkt. "Das Parfüm" (2014) ist eine Ausnahme und zeigt, wie Parfüm erotisch wirkt, die Persönlichkeit unterstreicht und der Tarnung dient. Die Symbolik des →Nasenblutens (Folge 4) wird später noch aufgegriffen werden.

Parfüm war früher weiblich und schwul

Ein nach Parfüm riechender Schwuler hat nicht automatisch eine symbolhafte Bedeutung. Diese liegt jedoch dann vor, wenn zwischen dem Parfüm und seiner Homosexualität ein Zusammenhang hergestellt wird. Vor allem in älteren Filmen, wie u.a. in "Das Haus am Eaton Place" (Folge 1/5, 1971, 37:20-38:45, 39:25 Min.), wird das Benutzen von weiblich konnotiertem Parfüm durch Männer, wie hier Baron von Rimmer und sein Diener Alfred, mit Homosexualität gleichgesetzt.

In zwei älteren Filmen, die mit zwei bekannten Schauspielern in Verbindung stehen, kommt es zu einer klischeehaften Darstellung von parfümierten Schwulen. In "Die Spur des Falken" (1941) wird Joel Cairos Homosexualität durch sein nach Gardenien riechendes Parfüm angedeutet, das Samuel Spade (D: Humphrey Bogart) an seiner Visitenkarte riecht (s. "The Celluloid Closet", 1995, hier online, 19:05-20:10 Min.). In "Diamantenfieber" (1971) entlarvt James Bond (D: Sean Connery) seine beiden schwulen Gegenspieler auch durch den Geruch ihres Parfüms, das er als "zu süß und zu schwul" diskreditiert.

Eine nicht abwertende Szene ist in Truman Capotes "Eine Leiche zum Dessert" (1976) zu finden, worin der gute Geruch eines Mannes ("Chanel Nr. 5") dem schwulen Diamond positiv auffällt. In neueren Filmen scheint es kein Problem mehr darzustellen, wenn sich schwule Männer Parfüm schenken ("Alkali, Iowa", 1995) oder auch mal das Parfüm eines anderen Mannes verwenden ("Edge of Seventeen", 1998; "Breakfast on Pluto", 2005).


Humphrey Bogart schnuppert an der Visitenkarte eines Schwulen in "Die Spur des Falken" (1941)

Schwule "Tatort"-Folgen – Lavendel und Homosexualität

In "Das Glockenbachgeheimnis" ("Tatort"-Folge 423, 1999) riecht der Brief des schwulen Paul Rochus nach Lavendel, was an die stereotypen Klischees der Sechziger- und Siebzigerjahre erinnert. Die "Tatort"-Folgen "Liebeswirren" (Folge 705, 2008) und "Tote Männer" (Folge 737, 2009) handeln beide vom Outing eines bisexuellen Familienvaters. In Folge 705 riecht ein Sohn an seinem Vater das Rasierwasser von dessen Freund und tötet ihn; in Folge 737 riecht eine Frau an ihrem Mann etwas, das kein Frauenparfüm ist, und tötet ihn ebenfalls (s. "Das große queere 'Tatort'-Lexikon auf queer.de Teil 1 und 2).

Im Gegensatz zu Parfüm, bei dem heute zwischen "weiblichen" und "männlichen" Düften unterschieden wird, geht es beim Rasierwasser, also einem Produkt für Männer, nicht um Geschlechterrollen. Aber es sind drei Beispiele dafür, wie die schwierige Inszenierung von Gerüchen, die die Zuschauer*innen schließlich nicht sehen und nicht hören können, in schwulen Kontexten möglich ist und wie sich stereotype Vorstellungen verändern können.

Poppers

Das Riechen an der vor allem von Schwulen verwendeten aphrodisierenden und schmerzhemmenden Droge Poppers unterstreicht zwar, wie in dem Film "Cruising" (1980), die sexuelle Ekstase, ist jedoch nicht unbedingt ein Symbol. Anders gelagert ist das kleine Poppers-Fläschchen in "The Score" (1974), das als Phallus-Symbol inszeniert und im Rahmen eines erotischen Spiels in den Mund eingeführt wird.


Phallisches Fläschchen in "The Score" (1974)

Körpergeruch

Erst seit einigen Jahren wird der männliche Körpergeruch für einen anderen Mann in Filmen als erotisch und begehrenswert dargestellt – dann riechen Männer heimlich oder auch offen an der Kleidung anderer Männer. Zu den vielen Filmen, in denen solche Szenen vorkommen, gehören "Hustler White" (1996), "Edge of Seventeen" (1998), "No Night is too Long" (2002) und "Le fil" (2009).

Manchmal wird zwar auch am Körper gerochen, der Geruch wird aber nur selten kommentiert. "You smell really nice", heißt es in "Davy and Stu" (2006). In "It's consuming me" (2012, hier online) wird durch "your smile, your skin, your smell, your feets, your hands" auch der Geruch des Mannes als Teil seiner Persönlichkeit deutlich. In "Queer as Folk" (2/19) möchte Justin duschen, als er von Ethan kommt, Brian will ihn jedoch davon abhalten, weil er ihn vorher noch riechen möchte. Etwa drei Minuten lang ist eine Szene in der Mini-Serie "Angels in America" (2003, online unter "Seks Scent") mit Patrick Wilson und Ben Shenkman. Es geht darum, wie ein Mann riecht und schmeckt – im Gesicht und am Geschlecht. In diesem und den anderen genannten Filmen wird der Körpergeruch nicht nur zum Ausdruck von Identität und Intimität, sondern seine Thematisierung zeigt auch die physische und psychische Nähe zum begehrten Mann auf.


Schuhe, die nach dem Geliebten riechen, in "Le fil" (2009)

Körpergeruch als einziges Thema

Zwei schwule Filme heben die Bedeutung des Geruches schon im Titel hervor. "Scent" (= "Duft"; 2009, hier Trailer) handelt nur davon, dass ein junger Mann überall in der Stadt nach dem Geruch seines Freundes sucht. Dabei korrespondiert auf dem Poster zum Film die Flüchtigkeit des Geruches mit der der Passanten, die im Hintergrund nur flüchtig zu sehen sind.


"Scent" (2009) über den flüchtigen Geruch von Menschen

Nicht nur bei diesem Film fällt auf, dass die Männer beim Riechen fast immer intuitiv ihre Augen schließen, um das Gegenüber oder zumindest die Erinnerung an ihn ohne die Ablenkung anderer Sinne wahrnehmen zu können, was unabhängig davon ist, welcher Geruch als erotisch empfunden wird. In "The Smell of Us" (2014, "Der Geruch von uns", hier Trailer) ist die Geschichte von einem sich prostituierenden Skateboarder in Paris.

Pornos – wie Männer riechen


Erotisches Parfüm im Porno "Parfums érotiques"

Jean Daniel Cadinot hat bei seinem schwulen Porno "Parfums érotiques" versucht, die aphrodisierende Wirkung von Parfüm auch über das Cover des Filmes zu transportieren.
Bedeutsamer als Parfüm ist für die meisten Pornos jedoch der Körpergeruch, der vor allem für Männlichkeit steht ("Man Scent"), und daher ist es treffend, wenn "Smell of a Man" den Untertitel "Bedevil your Senses! Aromas unleashed" trägt. Die schwule Lederszene scheint besonders geruchsaffin zu sein, wobei sich der Geruchssinn nicht nur auf Leder ("Alex's Leather Dream", "The Flavor of Leather", "Sniffing Leather"), sondern im Kontext von Körpergeruch auch auf Socken und Turnschuhe bezieht ("I know what you sniffed last summer").

Reden – Wie hört sich schwul an?

Die Zunge ist ein Symbol der Sprache im Guten wie im Bösen, was sich auch in vielen Sprichwörtern zeigt, wie "die Zunge im Zaum halten" und "in fremden Zungen reden". Zusammen mit der Zunge kann ein Mund vieles zum Ausdruck bringen – oder auch einfach nur schweigen. In sozialen Gruppen schafft Sprache Identität, Gemeinschaft und Heimat. Eine andere Sprache zu sprechen verweist hingegen auf Disharmonie und Missverständnis. Wenn keine gemeinsame Sprache gefunden wird, ist eine Situation nicht lösbar. Die Zunge kann auch ein phallisches Symbol sein.

Wie Schwule reden

Manchmal wird zwischen der Art, wie Schwule angeblich reden, und ihrer sexuellen Orientierung ein Zusammenhang hergestellt. Dazu gehören eine betont weiche Aussprache, Vokaldehnung ("Deetleef"), Sprechen im Falsett, nasales Sprechen und Lispeln. Manchmal werden Schwule in diskreditierender Form auch als "Detlef" oder "Herbert" bezeichnet. Solche Klischees sind vor allem in älteren Filmen zu finden, wie beim schwulen Fotografen in "Schlüsselloch-Report" (1973) und dem schwulen Bruder von Zorro in "Zorro mit der heißen Klinge" (1981). Das Lispeln des schwulen Julio in den "Simpsons" (19/10; 21/5) wurde vom lispelnden schwulen Agador aus "Birdcage" (1996) übernommen. Hank Azaria, der in "The Birdcage" die Figur des Agador verkörperte, wurde deshalb auch der Synchronsprecher von Julio. Dass diese Klischees noch nicht ganz tot sind, beweist der schwule Paul Rochus, den man in einem "Tatort" (Folge 423) von 1999 noch mit nasaler Stimme vernehmen kann. Der Rückgriff auf stereotype Formen des Sprechens sind auch in "Der Schuh des Manitu" (2001) und "(T)Raumschiff Surprise – Periode 1" (2004) deutlich erkennbar.

Mit Klischees lässt sich auch kreativ und selbstbewusst umgehen. So behandelt der Kurzfilm "Alfalfa" (1978) eine Art queeres Alphabet und ist nach Hermann Huber ("Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 203) ein "herrlicher Animationsfilm über die Dehnbarkeit […] schwuler Sprache". Die Dokumentation "Do i sound gay?" (2014, hier online) setzt sich mit solchen in heutigen Filmen seltener gewordenen stereotypen Klischees auseinander. Das Plakat dieses Films verbindet in gelungener Form das Motiv der Zunge (Symbol des Sprechens) mit dem Motiv des Regenbogens (Symbol der Homosexualität). Das Herausstrecken der Zunge ist meistens ein Zeichen von Ablehnung, hier jedoch als Ausdruck von Frechheit und Schalkhaftigkeit zu verstehen.

Schwule haben offenbar auch eine besondere Affinität zum Wort "fabulous". Die Serie "Absolutely Fabulous!" (seit 1992) genießt unter Schwulen einen Kultstatus und die Dokumentation "Fabulous! The Story of Queer Cinema" (2006) ist daran angelehnt. Im Kurzfilm "Recruiting" (2005) mit seinem absurden Humor in Bezug auf Klischees wird ein Mann wegen des Wortes "fabulous" für schwul gehalten.


Die Dokumentation "Do i sound gay?" (2014) mit einem symbolisch durchdachten Filmcover (Ausschnitt)

Schweigen über Homosexualität – als Filmtitel

Angesichts der Visualität des Mediums ist es erstaunlich, wie viele Filme sich mit dem Schweigen über Homosexualität und der Unfähigkeit, über das Schwulsein zu sprechen, beschäftigen. In mehreren Filmen ist dies, zumindest von den Filmtiteln her, das zentrale Thema, wie bei "The Silent Pioneers" (1985), "Don't tell Anyone" (1998), "Just say love" (2009), "A Silent Truth" (2012), "Was Du nicht sagst" (= bzw. "Tell no one", 2012) und "Sag nicht, wer du bist!" (2013) von Xavier Dolan. Vermutlich sollte auch in "Speechless" (2012) zwischen der Homosexualität des Protagonisten und seiner Unfähigkeit, nach traumatischen Erlebnissen sprechen zu können, ein Bezug hergestellt werden.

Um die Bedeutung des Filmtitels "Die verlorene Sprache der Kräne" (1991) und eines im Film sichtbaren Krans zu verstehen, muss man den zugrundeliegenden gleichnamigen Roman von David Leavitt lesen (hier Rowohlt-Ausgabe, 1995, S. 68-71, 217-221). Darin erzählt Jerene im Rahmen ihrer Dissertation über verloren gegangene Sprachen auch von dem "Kran-Kind" Michael, das, in den ersten Jahren emotional stark vernachlässigt, in der Nähe einer Baustelle wohnte und versuchte, die Bewegungen und die "Sprache" eines Baukranes nachzuahmen. Dies findet seine Parallele in Philips Coming-out vor seinen Eltern, die mehr oder weniger als Gefühls-Autist*­innen beschrieben werden.


"Sag nicht, wer du bist!" (2013) von Star-Regisseur Xavier Dolan

Schweigen über Homosexualität – als Bild

Während das Schweigen über Homosexualität als Text recht gut dargestellt werden kann, ist dies als in visueller Form wesentlich schwieriger. Es ist mutig, mehr als eine Minute lang zwei Männer zu zeigen, die sich anschweigen, und dadurch trotzdem die Dramatik einer Situation einzufangen, wie z. B. in der Schlussszene des Films "Die Lederjungen" (1964, hier online, Szene ab 1:44:50) über den schwulen Pete und seinen Hetero-Kumpel Reggie.

Eine große Bedeutung hat der "Verlust der Sprache" Gustav Aschenbachs im Kontakt mit Tadzio in der Novelle "Der Tod in Venedig", was auch in Viscontis Verfilmung von 1971 deutlich spürbar ist. Weite Teile des Films "Twentynine Palms" (2003) sind in der Wüste angesiedelt – wo die karge Landschaft mit einem wortkargen David korrespondiert, der sich auch über die an ihm verübte Vergewaltigung mit niemandem austauschen kann. Das Filmposter von "Poster Boy" (2004) zeigt die Hauptfigur Henry Kray mit einem Pflaster auf dem Mund. Er muss sich genau überlegen, ob er sich als Sohn eines konservativen US-Senators outen möchte.


Das Schweigen im Privatleben: Ein zugeklebter Mund auf dem Plakat für "Poster Boy" (2004)

"Don't ask, don't tell" – Schweigen auch im Privaten

Für die Streitkräfte in den USA gab es von 1993 bis 2010 eine Regelung für den Umgang mit Homosexualität, die als "Don't ask, don't tell" bekannt ist. Danach durften Militärangehörige über ihre Sexualität nicht reden und über ihre sexuelle Orientierung auch nicht befragt werden. Die Formulierung ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen und wurde für viele Schwule und Lesben kennzeichnend für den Umgang mit ihrer Homosexualität in ihrem Privatleben.

Es gibt mehr als 50 Spielfilme, Dokumentationen oder Folgen von Serien, die die Bezeichnung dieser Regelung als Titel oder einen daran angelehnten Titel tragen. Um das Sprechverbot in der Armee zu verdeutlichen, wird auf dem Cover von "Don't Ask Don't Tell" (2002) ein Zeigefinger vor dem Mund als Symbol für das Sprechverbot gezeigt. Die beiden Filme "Ask Not" (2008) und "Don't Ask, Don't Tell" (2011) werden mit dem Motiv von Armeeangehörigen mit einem Klebestreifen auf dem Mund beworben, der das Verbot noch deutlicher zum Ausdruck bringt. Das Filmcover von "Outrage. Do ask. Do tell" (2009) zeigt als Bildmotiv zwei schwule Männer vor dem Weißen Haus (als Symbol der politischen Macht). Der Filmtitel variiert so die Formulierung der Armee-Regelung. Aus dem ursprünglichen Sprechverbot wird damit die politische Forderung, über Homosexualität reden zu dürfen.


Das Schweigen in der Armee: Ein zugeklebter Mund in "Don't Ask, Don't Tell" (2011)

Endlich Reden über Homosexualität

In der Dokumentation "Word Is Out: Stories of Some of Our Lives" (1977) ist die Homosexualität nicht nur "out" im Sinne von rausgekommen, sondern die Schwulen und Lesben sind damit "out ot the closet". Die älteren Schwulen und Lesben, die in "The Silent Pioneers" (1985) porträtiert werden, sind in der Öffentlichkeit sonst kaum wahrnehmbar und werden deshalb als "leise" bezeichnet. Den Titel des Films "Tongues Untied" (1989), einer Dokumentation über afroamerikanische Schwule, kann man mit "Gelöste Zungen" übersetzen. Nach Aussage des Regisseurs Marlon Riggs sollte dieser Film "das brutale Schweigen dieser Nation in Fragen sexueller und rassischer Unterschiede zerstören" (Wikipedia), womit er Schweigen im Sinne von Ignorieren meint.

Einige Kurzfilme sind beachtenswert, wenn es um den Versuch geht, die Sprachlosigkeit zu überwinden. So singt der junge Olle in "Lucky Blue" (2007) im Rahmen einer Karaoke-Veranstaltung "Words don't come easy to me" (nach dem Lied "Words" von F. R. David, 1982), was auch auf seine Homosexualität bezogen ist. Der Kurzfilm "Ha(r)d to say" (2012, hier online) verzichtet, dem Thema entsprechend, auf Dialoge, was dem Zuschauer am Anfang des Films auch mitgeteilt wird. In "Uitgesproken" (2013, hier online) merken zwei Freunde, wie wichtig es ist, sich auszusprechen. Ein junger Mann führt in "The Language of Love" (2013, hier online) laute Selbstgespräche in einem Prüfungssaal, weil sein bester Freund nicht mehr mit ihm spricht. Hier macht schon der Filmtitel deutlich, dass Kommunikation nicht unbedingt in herkömmlicher Sprache stattfinden muss.


Eine Aussprache über Homosexualität ist möglich: "Uitgesproken" (2013)

Was der Mund sonst noch alles kann

Der Mund mit der Zunge und den Lippen kann wesentlich mehr als nur reden, singen und küssen. Er ist zu einer Vielzahl von weiteren symbolischen Handlungen fähig, die auch in Filmen gezeigt werden. Dazu gehört zwar nicht das Ausspucken von Sperma nach dem Oralverkehr wie in "Tonight It's Me" (2014), schon aber das Anspucken als Form der Missachtung wie in "Oscar Wilde" (1997). Wenn man mit der Zunge die Wange nach außen drückt, lässt sich, wie in "Cottageboy" (2013), Oralverkehr andeuten. Wenn man sich über die Lippen leckt, kann dies erotisches Interesse signalisieren, wie in "Der junge Törless" (1966), als sich Törless mit Basini alleine im Schlafsaal befindet.

Die Lippen eines Mannes können sehr sinnlich sein. Roter Lippenstift verstärkt seine Wirkung und signalisiert Liebe und Leidenschaft. Sehr beeindruckend ist die Anfangssequenz von "The Rocky Horror Picture Show" (1975, hier Trailer), in der man nur die rot gefärbten Lippen des bisexuellen Protagonisten in Nahaufnahme sieht – sogar ausnahmsweise ohne das dazugehörige Gesicht.


Die Lippen eines bisexuellen Transvestiten in "The Rocky Horror Picture Show" (1975) sind Kult

Pornos zum Thema Schweigen und Reden

Auch einzelne Pornotitel nehmen die Unfähigkeit bzw. das Verbot, über schwulen Sex zu sprechen, im Titel auf ("Code of Silence", "The Silence of the Twinks"). Die oben beschriebene Armee-Regelung "Don't ask, don't tell" wird auch in Pornos aufgegriffen und dabei variiert ("Please don't tell", "Don't ask, don't tell, don't stop!").

In "Stepfather's Secret" geht es ebenfalls um Geheimniswahrung und um den Sex mit dem Stiefvater. Das Thema wurde bildnerisch mit den berühmten drei Affen ("nichts sehen, nichts hören, nichts sagen") umgesetzt, die nach einem japanischen Sprichwort ein Symbol des Schlechten sind, hier aber ironisch zu verstehen sind. Das "Geheimnis" besteht hier offenbar im Inzest-Tabu und damit in einer sexuellen Phantasie, die in der Realität wohl ein Missbrauch wäre. Weil es in diesem Artikel jedoch um Symbole geht, kann das vielschichtige Verhältnis zwischen sexueller Phantasie und Realität an dieser Stelle nicht vertieft werden. Verschiedene Formen von Gesprächen werden von den Titeln einzelner Pornos aufgegriffen und auch auf der Bildebene dargestellt. Als sogenannter "dirty talk" wird üblicherweise ein sexuell expliziter Dialog vor oder während des Sexes angesehen, was in dem Film "Dirty Talks" mit Bildern des Schmutzes hinterlegt ist. Als sogenannter "pillow talk" wird eine entspannte, intime Unterhaltung nach dem Sex bezeichnet, die bei dem Porno "Pillow Talkin'"durch ein Kopfkissen (= "pillow") illustriert wird.


Ein Porno über das Schweigen: "Stepfather's Secret"

Küssen – Geste für Liebe und Verrat

Ein Kuss ist meistens eine Geste der Zuneigung bzw. Liebe, der Hochzeitskuss ein Bekräftigungs-Ritual. In den Märchen "Dornröschen" und "Schneewittchen" wird mit dem Kuss die Seele erweckt und im "Froschkönig" führt er zur Wandlung. Eine symbolhafte Bedeutung hat auch der "Judaskuss" für Verrat und der "Schandkuss" für ein Teufelsritual. In manchen Kulturen ist der öffentliche Kuss ein Skandal, weil er als einleitender Akt zum Sex wahrgenommen wird. In der chinesischen Literatur steht der Kuss pars pro toto für Sex. Das französische Verb "baiser" ("küssen") steht umgangssprachlich für "ficken".

Steht der schwule Kuss pars pro toto für schwulen Sex?

Wer schwule Küsse in einem Film ablehnt oder sie sogar abstoßend findet, hat möglicherweise schwulen Sex vor Augen. In diesem Fall wäre der abgelehnte schwule Kuss ein Symbol, weil er pars pro toto für schwulen Sex steht. Der erste Mainstream-Film, in dem sich zwei Männer aus Leidenschaft küssen, ist wohl Jean-Luc Godards "Masculin féminin" (1966, hier online, Szene bei 1:17:00 Min.), wo der Kuss in Verbindung mit dem Ort einer öffentlichen Toilette durchaus als Vorspiel für weitergehenden Sex wahrnehmbar ist. Küsse unter Männern waren in der Filmgeschichte lange tabuisiert und sind deshalb in frühen Filmen, wie Andy Warhols Undergroundfilm "Kiss" (1963) und Derek Jarmans "Sebastiane" (1976), etwas ganz Besonderes.


Wohl der erste schwule Filmkuss aus Leidenschaft: Szene aus Jean-Luc Godards "Masculin féminin" (1966)

Diskussionen über frühe Kuss-Szenen

Wegen der als anstößig empfundenen Kussszene zwischen Peter und Murray in "Sunday, Bloody Sunday" (1971, hier online, mit Kussszene) wollten einige Kinobesitzer den Film erst nach der Entfernung dieser Szene zeigen. Der Film wurde für vier Oscars nominiert, ging aber leer aus. Auch über die schwulen Küsse in "Nijinsky" (1980) und "Making Love" (1982) wurde viel diskutiert. Einen der ersten schwulen Küsse im deutschen Fernsehen gab es in der "Lindenstraße" 1987. Sie war – nach der Serie "Kein schöner Land" (1985) – die zweite deutsche Fernsehserie, in der ein gleichgeschlechtlicher Kuss zu sehen war. Nach einem zweiten Kuss 1990, der vom WDR als "legendär" bezeichnet wird (hier online), erhielten die Schauspieler der "Lindenstraße" sogar Morddrohungen.

Im "Tatort" gab es den ersten schwulen Kuss wohl erst 1999 zu sehen – in einer Schwulenbar in Nahaufnahme (Folge 423). Auch die Art, wie Journalist*innen über einen weiteren, angeblich ersten schwulen "Tatort"-Kuss (Folge 844) berichteten, spiegelt die Beachtung wider, die ein öffentlicher Kuss unter Männern selbst im Jahr 2012 noch haben konnte. Vermutlich war dieser Kuss in Nahaufnahme nur möglich, weil er von einem Hetero-Polizisten ausging, der mit diesem Kuss sein Leben retten wollte. Weil Küsse unter Männern im "Tatort" so wenig selbstverständlich sind (s. a. Folgen 742, 1128), ist es naheliegend, dass in einem "Tatort" von 2017 darüber diskutiert wurde, ob ein schwuler Polizist auf der Dienststelle seinen Freund küssen dürfe (Folge 1011).

Für einige Schauspieler wird durch das Küssen eines anderen Mannes offenbar eine Grenze überschritten: In "Hundstage" (1975) sollte Al Pacino (Wikipedia) und in "Das Leben. Ein Sechserpack" (1993) sollte Will Smith (Wikipedia) einen anderen Mann küssen. Sie weigerten sich jedoch und die jeweiligen Drehbücher wurde umgeschrieben. Um heterosexuelle Zuschauer*innen zu "schonen", wurde in "Another Country" (1984) und "Philadelphia" (1990) schon von vornherein bewusst auf Küsse zwischen Männern verzichtet. Nicht küssen zu wollen kann auch eine persönliche Grenze der Filmfiguren sein, wie für den Stricher Pierre, der in "Ich küsse nicht" (1991) diese Worte zu seinen Freiern sagt.

Schwule Küsse bei den "Simpsons"

Bei den "Simpsons" ist der erste Kuss zwischen zwei Männern schon der bedeutendste: Der Kuss, den Homer von seinem schwulen Sekretär Carl bekommt (Folge 2/2, hier online, 1:00 Min.), soll 1990 der erste schwule Kuss in einer Zeichentrickserie gewesen sein. Mit der Stimme des schwulen Schauspielers Harvey Fierstein in der Originalfassung wurde die Authentizität der schwulen Figur Carl bewusst untermauert. Wenn schwule Männer wie Grady (Folge 14/17) oder Smithers (Folge 9/8, 22/1) heterosexuellen Männern einen Kuss geben, scheint dies unproblematisch zu sein. Hier deutet sich die Bestätigung der oben beschriebenen "Pars pro toto"-Theorie an. Wenn Kritik an Männer-Küssen nur dann geäußert wird, wenn beide Männer schwul sind, aber nicht, wenn einer von ihnen heterosexuell ist, geht es offenbar gar nicht um die Küsse selbst, sondern nur um die darauf aufbauenden Phantasien.

Küsse unter schwulen Männern sind bei den "Simpsons" erst ab 2003 zu sehen. Sie sind als Zungenküsse wahrnehmbar und können auch wegen der jeweils agierenden Männer als Provokation empfunden werden, z. B. ein Kuss zwischen einem schwarzen und einem weißen Mann (16/10) oder zwischen den US-Präsidenten Abraham Lincoln und George Washington (20/4). Diese Küsse sind zwar deutlich in Szene gesetzt und haben als politisch-gesellschaftliche Satire auch eine über den Kuss hinausgehende Bedeutung. Sie sind jedoch – mit Ausnahme eines Kusses von zwei Polizisten im "Simpsons"-Kinofilm – nie als private Momente oder als Vorspiel zu weiteren sexuellen Handlungen zu erkennen.


Der schwule Carl gibt Homer einen Kuss auf den Mund ("Simpsons", 2/2)


Küssen als Symbol der Liebe


Schwule Küsse sind in mehr als 2000 Filmen zu sehen und heute mehr oder weniger selbstverständlich darstellbar. Dabei geht es fast immer um die klassische Bedeutung von Liebe und Intimität. Wenn die Titel schwuler Filme schon auf einen Kuss verweisen, kann man auch daran die wichtige Bedeutung erkennen, wie z. B. "The Kiss on the Cliff" (1993), "Ein Kuss im Schnee" (1997), "Kiss me, Guido" (1997), "Der Kuss" (2007) und "Heimliche Küsse" (2016). Von den vielen Filmen, die in die symbolische Kategorie von Liebe und Leidenschaft fallen, gehört "Formula 17" (2004), der sich ausführlich und humorvoll mit dem Küssen unter Schwulen auseinandersetzt. Bai ist promisk, hat aber Probleme mit dem Küssen. Er sucht einen Psychiater auf und bekommt für Kussübungen sogar eine Plastikpuppe. Später küsst er seinen Freund in einer Weise, die für beide Männer etwas ganz Besonderes darstellt. Der Kurzfilm "Luigi e Vincenzo" (2013, hier online), der mit dem Motiv des Küssens auch beworben wird, gehört zu den wenigen schwulen Filmen, in denen sich zwei ältere Schwule küssen. Manchmal werden die Küsse unter Schwulen ähnlich wie die von Heterosexuellen inszeniert.


Die zwei Italiener "Luigi e Vincenzo" (2013) lieben sich und küssen sich

Der Kuss als "Beweis" und die Möglichkeit der Positionierung

Manchmal gibt es Unterschiede in der Form der Inszenierung, wenn sich Schwule aus Lust und Leidenschaft küssen. Wenn sich zwei Heterosexuelle küssen, denken viele wohl: "Die haben eine Beziehung." Wenn sich zwei Schwule küssen, denken viele wohl: "Die sind schwul." Es ist ein Unterschied, auch wenn in beiden Fällen aus einer Geste ein Symbol für Liebe und Sexualität wird. In Filmen wie "Something for Everyone" (1970, s. mein Artikel auf queer.de mit Link zur Online-Fassung) und "Mein wunderbarer Waschsalon" von Stephen Frears (1985, hier Kussszene online) lässt sich lange daran zweifeln, ob die Protagonisten überhaupt schwul sind. Der Kuss ist eine Bestätigung bzw. eine Art "Beweis" der angenommenen homosexuellen Orientierung. Der Mainstreamfilm "Chuck & Larry" (2007, hier online, Szene bei 2:15 Min.) zeigt die andere Seite dieser Medaille: Die beiden heterosexuellen Freunde Chuck und Larry möchten heiraten und ein eingeforderter Kuss zwischen den beiden Männern wird auch hier als "Beweismittel" für ihre Homosexualität angesehen.

Mit der Inszenierung von Küssen lässt sich ein emanzipatorisches Statement für Homosexualität verbinden. In "Billy Elliot" (2000) gibt der schwule Michael seinem Heterofreund Billy einen Kuss, muss sich dafür aber nicht entschuldigen, sondern wird Jahre später auch von Billy geküsst. In "Beginners" (2010) küssen sich zwar zwei Männer, aber im Parallelschnitt sieht man auch, wie ein Mann zärtlich seine Frau küsst und ein Vater seinen Sohn. Ein Kuss ist hier also weder schwul noch schlimm, sondern bringt unterschiedliche Formen der Liebe zum Ausdruck.

In einigen Filmen hat der erste schwule Kuss, ähnlich wie der erste Sex, die Bedeutung einer Initiation. Er ist eine Form der Initialzündung und ein Vorverweis auf ein Coming-out, wodurch das Leben eine neue Richtung bekommt wie in "Irgendwie sowas" (2006), "Jitters – Schmetterlinge im Bauch" (2010), "Ruben" (2012), "Aus der Haut" (2016) und "The Pass" (2016). In "Oranges" (2004, hier online, 7:15 Min.) schmeckt der erste Kuss nach Orange und damit nach einer → Frucht (Folge 7), die ein eigenes, später noch zu behandelndes Symbol darstellt.


Der Kuss verdeutlicht in "Mein wunderbarer Waschsalon" (1985) die Liebe zwischen den beiden Männern

Der Kuss – eine Angriffswaffe von Heterosexuellen

Mit einem sogenannten Luftküsschen können Schwule durch heterosexuelle Männer provoziert werden. Auf diese Weise wird der Kuss in seiner pervertierten Form nicht nur zur Kritik am Lebensstil, sondern zu einer Waffe, mit der die Identität des Gegenübers angegriffen wird. Das wird besonders deutlich, wenn mehrere dieser Küsse aneinandergereiht werden, wie in der Dokumentation "The Celluloid Closet" (1995, hier online, 1:19:00-1:19:35) mit Ausschnitten aus "Der Sergeant" (1968), "Blick von der Brücke" (1962) und "Die Letzten beißen die Hunde" (1974). Ein jugendlicher Halbstarker mit seinem Kuss in "Agostino" (1962) und einer mit Luftküsschen in "Stand up" (2011) können noch ergänzt werden.

An dieser Stelle ist ein Zitat von Oscar Wilde zu nennen: "Yet each man kills the thing he loves, […] The coward does it with a kiss" ("Jeder tötet, was er liebt. Der Feigling mit einem Kuss"; aus: "The Ballad of Reading Gaol"). Dieses Zitat wird in verschiedenen Biopics wie "Oscar Wilde" (1997) genannt und ist als Lied auch in Rainer Werner Fassbinders "Querelle" (1982) zu hören.

Der von Oscar Wilde beschriebene Kuss hat zumindest eine Nähe zum sogenannten "Judaskuss", worunter in der christlichen Tradition ein geheuchelter Kuss verstanden wird, hinter dem sich eine schlechte Absicht verbirgt. In "Judas Kiss" (2011) bezieht sich der Filmtitel offenbar auf den angedeuteten sexuellen Missbrauch des schwulen Protagonisten durch seinen Vater, der sich gegenüber seinem Sohn in bestimmten Situationen auch zärtlich zeigt. Ein "Judaskuss" findet sich in vielen Filmen mit einem Mafia-Hintergrund wieder, in denen ein Kuss als Todesdrohung verwendet wird. Eine solche Szene gibt es – satirisch gebrochen – auch bei den "Simpsons", wo Homer den Bürgermeister an die Mafia verrät (10/09), was – im Gegensatz zu dem Mafia-Kuss in "Der Pate II" (1974) – aber offenbar auch schwul assoziiert werden soll. Bei den "Simpsons" werden andere Männer auch mit Luftküsschen von Homer (14/2), Lenny und Carl (10/15) provoziert.


Homers "Judaskuss" bei den "Simpsons" (10/9)

Der Kuss – eine Verteidigungswaffe von Homosexuellen

Seit den Siebzigerjahren sind vor allem in den USA Kiss-ins als Form des gewaltfreien Protestes bekannt. Diese Art der Provokation ist als Ausdruck einer emanzipatorischen Haltung zu verstehen. Es gibt einige Filme, in denen inszenierte Küsse nicht Ausdruck von Liebe sind, sondern als mutiges Statement wie eine Selbstverteidigungswaffe eingesetzt werden. In "Merry Christmas, Mr Lawrence" (1983, hier Szene online) stellt der Kriegsgefangene Jack Cellier (D: David Bowie) den Lagerleiter Yonoi öffentlich mit zwei Küssen bloß. Es ist zwar ein persönlicher Angriff, der sich jedoch nicht gegen Homosexualität richtet, sondern gegen Doppelmoral und Heuchelei, gegen die es sich nach wie vor zu kämpfen lohnt. Schwule küssen sich in "In schlechter Gesellschaft" (2000, hier online, Auszug) vor Sicherheitsbeamten und in "The Prom Queen" (2000) vor jugendlichen Halbstarken. Diese Küsse sind selbstbewusste Reaktionen auf vorangegangene Provokationen. Allenfalls der aufgezwungene Kuss von Simon in "Lilies" (1996), der damit Bilodeau bei seinem Coming-out zu "helfen" beabsichtigt, kann kritisch gesehen werden. In diese Kategorie von Filmküssen gehören auch die kurzen Filmszenen, die seit 2008 in einer permanenten Wiederholungsschleife im Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen zu sehen sind und gleichgeschlechtliche Paare beim Küssen zeigen (Wikipedia).


Jack Cellier (D: David Bowie) stellt in "Merry Christmas, Mr Lawrence" (1983) den Lagerleiter bloß

Weitere Bedeutungen wie soziales Statement und Friedenszeichen

Küsse zwischen Männern können viele weitere Bedeutungen haben, wie z. B. der Bestätigungskuss nach der Trauung im Standesamt und der → Bruderschafts-Kuss (Folge 16), der in einem späteren Kapitel noch aufgegriffen wird. In "One on One" (2010, hier online, ab 1:25 Min.) ist Trevor verärgert, dass ihn sein Freund Alex auch im Sportverein unerwartet küsst: "Ich bin hier, um Basketball zu spielen, und nicht, um ein soziales Statement abzugeben. […] Versprich mir, mit diesem Bürgerrechtsgetue aufzuhören!" Das Gegenteil deutet sich im Kurzfilm "Tre Somre" (2006) an, wenn Thomas seinen Freund um einen Kuss bittet: "A little kiss – as a symbol of our mutual secret."

Trotz der homoerotischen Momente ist der Kuss, den Matthew am Ende von Bernardo Bertoluccis "Die Träumer" (2003, hier Szene online) seinem Freund Theo gibt, dennoch etwas anderes: Er ist ausdrücklich ein Zeichen des Friedens, mit dem er ihn von einer geplanten gewalttätigen Auseinandersetzung auf der Straße abzuhalten versucht. In "Una última voluntad" (2007, hier online) soll ein Mann von Soldaten erschossen werden und hat den letzten Wunsch, noch einmal geküsst zu werden. Der Soldat, der ihn küsst, ist später der einzige, der nicht auf ihn schießt. Der Kuss in "Work it out" (2001, hier online) ist ein Entschuldigungskuss, der wohl gleichzeitig ein Friedenskuss und ein Liebeskuss ist. Im Genre-Mix-Film "Sauna the Dead. A fairy tale" (2016) geht es um ein schwules Märchen, in dem ein Kuss scheinbar einen Bann löst und Zombies für immer verschwinden lässt.

Manchmal steht das Küssen eines Sterbenden oder Toten symbolisch für dessen Begleitung in die Welt der Toten. In "Platt gemacht" ("Tatort"-Folge 742, 2009) küsst Dr. Norbert Ellermann die Leiche des ermordeten Andi Lechner. Dabei geht es aber vermutlich nur um eine innige Zuneigung, die damit zum Ausdruck gebracht werden soll.


Ein Kuss als Zeichen des Friedens in "Die Träumer" (2003)

Küsse in Pornos

In Schwulenpornos sind Küsse meistens und nicht überraschend Ausdruck purer Erotik ("Hot Kisses", "Guys Kissing" und "Goodbye Kisses"). Einige Titel steigern die Erotik von Küssen durch Assoziationen zu Städten ("Kiss and Tel Aviv") und Ländern, wobei Frankreich als Land der Liebe gilt ("French Kisses"). Durch symbolhafte Andeutungen können Küsse schon im Titel auf eine spannungssteigernde Gefährdung hindeuten ("Shadow Kiss", "Spider's Kiss").

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#1 Gayboy1978
  • 01.01.2023, 09:05hWetzlar
  • Sehr interessanter Artikel. Dankeschön Zum Thema Parfum: Es war doch immer schon so, dass auch Männer, ob LGBTQ oder Hetero, gut riechen möchten. Verstehe gar nicht, warum da so ein Klischee draus gemacht wurde. Aber irgendwie auch ein lustiges
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#2 FrühlingAnonym
  • 03.01.2023, 01:38h
  • Danke für den sehr interessanten und gut geschriebenen Artikel!
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