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Opernhäuser

Bunt, tiefsinnig und sexy: Die Zukunft der Oper ist queer

Mit seiner Vorstellung von Queerness hat der schwule Intendant Barrie Kosky die Komische Oper Berlin in die erste Liga befördert. Wie geht es nach seinem Fortgang mit der Kunstgattung Oper weiter?


Szenefoto von Koskys Inszenierung der "Schönen Helena" an der Komischen Oper Berlin (Bild: IMAGO / DRAMA-Berlin.de)
  • Von Axel Krämer
    14. Januar 2023, 02:38h, noch kein Kommentar

Die Zurückhaltung ist vorbei, nach dem Ausklingen der Pandemie drängt das Publikum in die Theaterhäuser zurück. Das lässt sich zumindest an der Komischen Oper Berlin beobachten, die ohnehin zu jenen Musiktheatern zählt, die sich um Publikumserfolg und Auslastung vorerst keine Sorgen machen müssen. Die meisten Vorstellungen, gleich welchen Genres, sind bereits Wochen im Voraus gut gebucht. Auch an interessiertem Nachwuchs fehlt es nicht, weder im künstlerischen Team noch im Publikum. Das ist keine Selbstverständlichkeit – und war es auch nicht, bevor Covid vor mehr als zwei Jahren das allgemeine Bühnengeschehen zum Erliegen brachte.

Die Komische Oper Berlin hat sich konzeptionell längst ein stabiles Fundament erarbeitet. Zu verdanken ist dies in erster Linie dem schwulen Ex-Intendanten Barry Kosky, der im Juli vergangenen Jahres offiziell seinen Abschied vom Haus feierte, und zwar mit einer schon jetzt legendären Glamourshow, die einen Großteil seines zehnjährigen Wirkens in Berlin zu einem Bühnenstück verdichtete: Die "All-Dancing, All-Singing Yiddish Revue" war mindestens genauso queer wie jiddisch, auf alle Fälle jedoch bunt, divers und sexy.


Barrie Kosky war bis Sommer 2022 Intendant der Komischen Oper Berlin (Bild: Jan Windszus Photography)

Mit just diesen drei Vokabeln ließe sich Koskys Handwerk schlagwortartig zusammenfassen, zumindest auf den ersten Blick. Erst auf den zweiten offenbart sich das Entscheidende an seiner Arbeit: Unter der glitzernden Oberfläche macht der gebürtige Australier mit jüdischen Wurzeln lehrreiches, emanzipatives und subversives Theater, ohne sich dabei seinem Publikum mit erhobenem Zeigefinger aufzudrängen. Dieses bleibt mit ihm stets auf Augenhöhe, darf Koskys spezielle Sicht auf die Welt als Angebot annehmen oder auch ausschlagen – und nimmt sich am Ende möglicherweise selbst nicht mehr ganz so ernst.

Das Tiefsinnige mit dem Schillernden verbunden

Kosky verstand es, das Tiefsinnige mit dem Schillernden zu verbinden, ob er nun eine heitere Operette wie Paul Abrahams "Ball im Savoy" inszenierte oder Arnold Schönbergs ansonsten eher schwer zugängliche Zwölftonoper "Moses und Aron". Auf die Frage, was auf seine Arbeit am meisten Einfluss ausgeübt habe, antwortete er in einem Interview: "Franz Kafka und die Muppet Show." Letztere sei eine Metapher für die Diversität des Lebens. Sich selbst identifizierte er mal mit Miss Piggy, mal sah er sich als Frosch Kermit, der mit seinem melancholischen Song "It's not easy being green" das Gefühl zum Ausdruck brachte, einer Minderheit anzugehören.

Es wäre allerdings ein Fehler, Kosky auf Etiketten persönlicher Betroffenheit wie "schwul" oder "jüdisch" zu reduzieren. Bei seiner Arbeit geht es ihm vielmehr darum, das Bereichernde gesellschaftlicher Vielfalt hervorzuheben und Theater für alle anzubieten. Im Vorwort des 2019 erschienenen schwulen Opernführers Casta Diva schreibt Kosky: "Queer ist Oper für mich vor allem auch deshalb, weil sich ihre gayness nicht nur auf (Homo-)Sexualität reduzieren lässt, sondern stets auch aufs Engste verbunden ist mit einer Reihe von Identitätsfragen" – etwa in Verbindung mit Nationalität, Gender oder sozialer Zugehörigkeit. Darum entfalte die "Queerness der Oper" ihre Attraktivität für alle Menschen, die für die Schönheit des Andersartigen offen seien – beziehungsweise für das, was sie als das Andersartige sehen.

Wie steht es mit der Queerness nach Koskys Abgang?

Der Erfolg gibt Kosky recht: Vor seinem Amtsantritt als Intendant und Chefregisseur im Jahr 2012 musste das Ensemble häufig vor fast leeren Rängen spielen. Nicht lange danach konnte das Haus den Ansturm kaum mehr bewältigen. Die Komische Oper Berlin erregte weltweit Aufsehen. Doch wie steht es nach seinem Abgang um deren Queerness?

Sorgen sind diesbezüglich erst mal nicht angebracht, Kosky bleibt dem Haus als künstlerischer Berater des künftigen Intendanten-Duos Susanne Moser und Philip Bröking weiterhin erhalten. Darüber hinaus wird er pro Saison zwei neue Stücke inszenieren. Einige seiner älteren Werke werden vermutlich noch jahrelang im Spielplan zu finden sein. So oder so sieht es danach aus, als hätte sich Koskys Verständnis von Queerness fest in der DNA des Hauses verankert. Sein ehemaliger Referent Rainer Simon, einer der dreißig Autoren des "Casta Diva"-Opernführers, ist nun in die Leitungsebene des Hauses aufgestiegen. Künftig ist er für die Außenspielstätten des Ensembles zuständig, das aufgrund der bevorstehenden Sanierung für eine Übergangszeit aus dem Stammhaus ausziehen muss.

"Schall und Rausch"-Festival im SchwuZ

Zu Simons ersten Handlungen zählt die Organisation eines neuen Festivals für "brandneues Musiktheater", dessen Startschuss in diesem Februar fällt. Bei positiver Resonanz wird es jährlich wiederholt. Dabei soll nicht weniger als die Zukunft der Gattung Oper ausgelotet werden. "Schall und Rausch" nennt sich das Spektakel vom 17. bis 26. Februar 2023, das schwerpunktmäßig im queeren Club SchwuZ stattfindet und mit neuen Formen des Musiktheaters experimentieren möchte. Das Spektrum umfasst Themen wie Gender, Feminismus, neue Liebesrituale oder Migrationsgeschichte. Musikalisch will man sich auch gegenüber Pop, Punk und improvisierenden Rhythmen öffnen.


Tianzhuo Chen tritt mit "Trance" beim Festival "Schall & Rausch" auf (Bild: Maximilian Probst / Komische Oper)

Mit dabei sind u.a. die aktivistische Sängerin Malonda, die sich neben ihrem Lesbischsein mit dekolonialen Identitätsfragen auseinandersetzt, oder Albertine Sages aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich mit feministischer Theorie, Bisexualität und den Irrwegen der menschlichen Psyche beschäftigt. Das "Kammerkonzert Baroque Prince" wiederum versucht sich mit einem Programm, "bei dem Händels Geist in Prince' Musik schlüpft und Benjamin Britten mit Björk durchmischt wird, um zu einem opulenten und poppigen Klangerlebnis zu verschmelzen". Im Ankündigungstext zur Veranstaltung heißt es, in "guter Komische-Oper-Tradition" werde der "Spagat zwischen Experiment und Pop, Theorie und funkelnder Oberfläche" gewagt.

Und das klassische Repertoire?

So vielversprechend das alles auch klingt: Wenn von Operntradition die Rede ist, kommt man nicht um das klassische Repertoire herum. Gerade Kosky hat in seiner Programmatik großen Wert darauf gelegt, historische Werke aufzuführen und dabei für die Gegenwart einen roten Faden aufzunehmen – ein roter Faden freilich, den er mit seinem Vermächtnis als Fährte in die Zukunft ausgelegt hat. Vom Barock über die Epoche der Wiener Klassik, der Romantik und der Operette bis zur atonalen Oper des 20. Jahrhunderts: In fast allen Musikdramen lassen sich stets Brennpunktthemen ausmachen, von denen sich auch ein heutiges Publikum angezogen fühlt. Allerdings ist das kein Selbstläufer, der ohne ein beherztes Zutun der Regie funktioniert.

Dass der konservative Teil des Stammpublikums gegen zeitgenössische Interpretationen – bisweilen als "Regietheater" gescholten – immer wieder Sturm läuft, sollte man mit Gelassenheit nehmen. Schlimmer wäre, wenn die Kunstgattung Oper endgültig museal erstarren und eine nachwachsende Generation keinen Sinn mehr in ihr erkennen könnte. Berührungsängste unter jungen Menschen sind ohnehin groß, entsprechend ausgeprägt ist auch der Dünkel in Teilen des Opernbetriebs und des Stammpublikums. Beidem muss Rechnung getragen werden, wenn auch noch in zehn oder zwanzig Jahren Oper aufgeführt werden soll. Kosky hat mit seiner Arbeit dafür den Weg geebnet, nicht nur an seinem Berliner Haus. Zuletzt erregte er mit einer genderkritischen Inszenierung von Puccinis "Turandot" im Amsterdamer Musiktheater Aufsehen.

Die Oper der Zukunft

Ideen für die Zukunft der Oper finden schon seit einiger Zeit Gehör und haben eine ähnliche Stoßrichtung wie das Konzept des "Schall & Rausch"-Festivals. Mitunter wird gefordert, das klassische Repertoire zurückzudrängen und mehr Neuproduktionen auf den Spielplan zu bringen. Tatsächlich bemühen sich die meisten Opernhäuser und Festivals inzwischen um die Uraufführung zeitgenössischer Kompositionen. Nicht selten sind sie dabei erfolgreich. Zu den gelungensten Beispielen zählt etwa die vergangenen Oktober an der Deutschen Oper Berlin umjubelte Premiere von "Negar" des iranischen Komponisten Keyvan Chemirani. Die Handlung spielt im heutigen Teheran und führt eine verbotene Subkultur vor, in der sich zwei Frauen ineinander verlieben.


An der Deutschen Oper Berlin premierte im Herbst 2022 das Stück "Negar" über verbotene lesbische Liebe im Iran (Bild: Eike Walkenhorst)

Auf dem kommenden Bregenzer Festival wird wiederum ein Kultbuch der queeren Literatur veropert: "The Faggots & Their Friends Between Revolutions". Solche Neuproduktionen sind von unschätzbarem Wert. Andererseits schärfen gerade die Klassiker des Repertoires unser Bewusstsein für das Verhältnis von Kontinuität und Wandel, von historisch gewachsenen Identitäten. Händels "Orlando" ist ein Beispiel dafür, dass auch schon vor Jahrhunderten die Frage virulent war, was einen Mann zum Mann macht. Voraussetzung für ein Gelingen ist, dass wir uns mit dem Inhalt kritisch beschäftigen – und die Musik nicht von der Handlung abspalten oder uns mit der kultischen Verehrung von Stars begnügen. Wobei sich Vergnügen und ernsthafte Auseinandersetzung keineswegs ausschließen.

Abschied von der "Werktreue"

Das klassische Opernrepertoire ist für die queere Community von widersprüchlicher Bedeutung: Einerseits lassen sich der Kunstgattung Oper seit ihrer Entstehung vor über 400 Jahren queere Wurzeln nachweisen. Andererseits sind nahezu alle Werke in vordemokratischen, patriarchalen Gesellschaften entstanden und spiegeln häufig ein Verständnis von Geschlecht und Sexualität wider, das uns die Zehennägel aufrollen lässt. Genau daran kann sich eine kluge Regie abarbeiten. Man muss dabei gar nicht mal so weit gehen wie der katalanische Regisseur Calixto Bieito mit seiner legendären Version von Verdis "La Traviata": In einer Umkehrung der Machtverhältnisse lässt dieser die Protagonistin Violetta zur selbstbestimmten Sexarbeiterin werden, die ihre männlichen Kunden hemmungslos ausnützt und eine lesbische Geliebte hat.

Bei einem erheblichen Teil des Publikums stoßen derlei Eingriffe in den Handlungsbogen immer noch auf große Empörung. Dabei wird unter anderem übersehen, dass "Frauen bis vor wenigen Jahrzehnten von Beruf wie Bildung ausgeschlossen und deshalb auf Unterwürfigkeit, Liebe und Haushalt festgelegt waren", wie der Opernkritiker Reinhard J. Brembeck in einem Beitrag der "Süddeutschen Zeitung" kritisierte. Das sei "all diesen Opern als Fluch eingeschrieben". Unreflektiert lässt sich eine wie auch immer beabsichtigte "Werktreue" kaum ertragen, wobei der korrigierende Eingriff in die jeweilige Handlung längst nicht so radikal ausfallen muss wie bei Bieito.

Eine queere Perspektive auf Oper, die den zugrunde liegenden heteronormativen Machtstrukturen auf den Zahn fühlt, nützt der ganzen Gesellschaft und wirkt wie ein Gegengift bei toxischem Männlichkeitskult. Was an der Komischen Oper Berlin funktioniert, könnte auch an anderen Häusern ein neues Publikum mobilisieren.