Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?44362

Folge 3 von 53

Schwule Symbole im Film: Arme und Beine

Zu den verschiedenen Gliedmaßen des Körpers lassen sich verschiedene symbolische Bedeutungen aufzeigen. Damit bekommen auch die Themen "Arme" und "Beine" endlich Hand und Fuß.


Der sogenannte Colliergriff bei Bruno Ferrari (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977)

Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de

Arme und Hände – Finger als Phallus

Arme und Hände sind ein Symbol für die Fähigkeit, das Leben zu gestalten, sich zu verwirklichen, etwas zu schaffen, aber auch zu zerstören. Viele zwischenmenschliche nonverbale Äußerungen geschehen über die Hände – von der Gebärdensprache bis zu den Handsignalen von Sportler*innen und Polizist*innen. Sie sind Teil unserer nonverbalen Kommunikation, die oft durch Blicke und Gesten ergänzt wird. Kleine Gesten, die unmittelbar verstanden werden und dabei nicht nur eine persönliche Bedeutung, sondern auch soziale Veränderungen bewirken können.

Stinkefinger – der Finger als Phallus und Drohung

Bei dieser Geste, die im Englischen nur "the finger" heißt, wird anderen der Mittelfinger entgegengestreckt. Diese Schmähgeste war schon in der Antike bekannt und war früher eine sexuell konnotierte Drohung im Sinne von "Ich ficke dich". Weil die Geste ursprünglich unter Männern verwendet wurde, geht man davon aus, dass sie sich früher auf Analverkehr bezog, wobei der Mittelfinger als Phallussymbol einen erigierten Penis darstellte. Heute hat sich die Bedeutung der Geste leicht verändert, sie drückt meistens Verachtung bzw. den Wunsch aus, in Ruhe gelassen zu werden. Unter Freunden (Justin in "Queer as Folk", USA, Folge 1/11 und 1/16) oder unter Brüdern ("Harry und Max", 2004) ist sie nur als recht freche Geste inszeniert.


Justins Mittelfinger als freche Phallus-Geste ("Queer as Folk", USA, Folge 1/11)

Manchmal ist der Hintergrund ernster und Schwule zeigen – wie in "Tattoo" (2013) und "Ein Kuss" (2016) – den Stinkefinger, um selbstbewusst auf Homophobie zu reagieren. Es ist ein Spielen mit der Bedeutung des phallischen Mittelfingers, wenn sich die Schwulen in "(T)Raumschiff Surprise" (2004) fragen, ob ein Außerirdischer ein Freund oder ein Feind sei, er ihnen den Mittelfinger entgegenstreckt und daraufhin als "Freund" angesehen wird.
Eine mit dem Stinkefinger vergleichbare Geste ist es, den Daumen zwischen Zeige- und Mittelfinger zu stecken, wozu ich jedoch keine Filmbeispiele gefunden habe. In den Zusammenhang des Mittelfingers als Phallus gehört auch die "Tatort"-Folge "Liebe, Sex, Tod" (Folge 356, 1997), in der eine trans Mörderin ihrem Opfer den Hoden und den Mittelfinger abschneidet, was sich nur so interpretieren lässt, dass auch hier der Mittelfinger als Phallussymbol gesehen wird. Das gleiche gilt für den ermordeten Teddy Leikman in "Der Detektiv" (1967), dem nicht nur der Penis, sondern auch ein Finger abgeschnitten wurde.

Armdrücken – Muckis und Männlichkeit

Das Armdrücken ist ein in der ganzen Welt bekanntes Kräftemessen unter Männern. Es steht daher mit "Männlichkeit" in Verbindung und ist Ausdruck der sozialen Beziehung. Eine besondere Bedeutung hat Armdrücken in einer frühen schwulen Folge von "All In The Family" (Folge 1/5, 1971, 20:50 und 22:00 Min., hier online). Darin will sich Archie gleich zweimal mit Steve im Armdrücken messen. Aber es geht weniger um Kraft, sondern es ist ein Test über Homosexualität, weil ein Schwuler, der so kräftig ist, nach Auffassung der Filmfiguren eigentlich gar nicht schwul sein kann.

Auch das Armdrücken in "2001 Maniacs" (2005) steht deutlich mit Homosexualität in Verbindung, weil vorher vereinbart wurde, dass sich der Verlierer dem Gewinner danach passiv hingeben muss. Schwule, die sich im Armdrücken messen, sind u. a. in den Filmen "Die Freunde" (F, 1971, 26:15 Min., hier online), "Wir waren ein Mann" (1979, 00:42 Min., hier Ausschnitt online), "La triche" (1984, ab 1:55 Min., hier Ausschnitt online) und "Abschiedsblicke" (1986, 16:55 Min., hier online) zu sehen.


Armdrücken in "Abschiedsblicke" (1986)

Händchenhalten – private Geste und öffentliches Statement

Das Händchenhalten zweier Männer wird – im Gegensatz zu Umarmungen als Zeichen von Vertrautheit und Freundschaft – fast überall mit Homosexualität assoziiert. Mit Bezug auf den Kurzfilm "Hold on Tight" (= "Halten Sie sich fest", 2011) wird in der Internet Movie Database das Händchenhalten als eine Geste beschrieben, die gleichermaßen politisches Statement und Ausdruck der Liebe sein kann. Es ist eine kleine Geste der menschlichen Verbundenheit mit persönlicher Bedeutung und der Macht sozialer Veränderungen (IMDB). Es gibt viele Filme, wo Händchenhalten als mutiger Schritt inszeniert ist, wie die beiden Kurzfilme "It gets better" (2014; 3:40 Min., hier online) und "40 Minutes", 2014, 5:20 Min., hier online). In einigen Kurzfilmen ist Händchenhalten sogar das bestimmende Thema. In "Stand up" (2011, hier online) ist es der Auslöser für homophobe Reaktionen und in "Luigi e Vincenzo" (2013, hier online) geht es um den Mut zum Händchenhalten bei dem gleichnamigen italienischen Paar.


Bill Clinton und Bob Dole Händchen halten Händchen und sind nicht schwul (Folge 8/1)

Thematisch etwas anders gelagert ist eine Szene bei den "Simpsons" (Folge 8/1), die zeigt, wie US-Präsident Bill Clinton und der republikanische Senator Bob Dole Händchen halten. Diese Szene lebt – oberflächlich gesehen – von der humoristischen Vorstellung, dass die beiden ein Verhältnis haben, ist aber wohl vor allem als politische Satire über Republikaner*innen und Demokrat*innen in den USA zu verstehen.

Die Hand reichen – Hilfe und Vertrauen


Die Hand reichen in "Reich mir deine Hand" (2008)

Einem anderen Menschen die Hand zu reichen ist nicht nur ein Angebot, in einer bestimmten Situation zu helfen, sondern auch Ausdruck eines tiefen Vertrauens. Das bringt der Titel von "Reich mir deine Hand" (2008) zum Ausdruck und ist in dem Kurzfilm "Prora", 2012, 19:25 Min., hier online) auch zu sehen.

Auch Laura Reynold reicht dem (schwulen) Tom Lee in "Anders als die Andern" (1956) ihre Hand. Es ist zwar ebenfalls ein Angebot für Hilfe, die sich allerdings darauf bezieht, mit ihm schlafen zu wollen – nur mit der Absicht, ihn damit "heterosexuell zu machen" und vor den "Gefahren" der Homosexualität zu bewahren. Nach dem Filmhistoriker Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990. S. 93) ist die "Heilung" in diesem Film – ausgedrückt durch das Reichen der Hand – für Theater und Film "symbolisch geworden".

Der Handschlag – Friedensvertrag

Das Händeschütteln ist ein in vielen westlichen Ländern weit verbreitetes Begrüßungs- und Verabschiedungsritual und ist in dieser Funktion auch in vielen Schwulenfilmen zu sehen. Der Handschlag mit Plastikhandschuhen mit dem an Aids erkrankten Robert in "Buddies" (1985, 0:46 Min., hier Trailer) wirkt genauso fremdartig und distanzierend, wie er wirken sollte. Zum Thema Handschlag gibt einen eigenen schwulen Kurzfilm: "Ein Handschlag" (2013, hier online) handelt von Léo und Baptiste und davon, wie ein banal erscheinender Handschlag beim Kennenlernen in Baptiste einen Tagtraum auslöst. Der Händedruck am Ende einer Folge von "Notruf Hafenkante" (Folge 7/15) zwischen einem Türken und einem schwulen "Transvestiten" ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Nicht nur wegen des prominenten Darstellers Ernie Reinhardt, sondern weil der Handschlag keine persönliche Geste, sondern eine Art Friedensvertrag ist, der sich nicht auf zwei Personen, sondern auf die beiden von ihnen repräsentierten Personengruppen bezieht. Erwähnen kann man auch noch den Film "Latter Days" (2003), in dem mehrfach die Frage aufgeworfen wird, ob die Bedeutung von Sex mehr sein sollte als die eines Händedrucks.


Der Handschlag als Friedensvertrag in "Notruf Hafenkante" (Folge 7/15)

Hand ausschlagen – soziale Ausgrenzung

Die entgegengestreckte Hand eines Schwulen nicht zu ergreifen wird als deutliches Zeichen der sozialen Ablehnung recht häufig inszeniert. Sehr deutlich und sogar mehrfach dargestellt ist dies in Szenen zwischen Brick Pollitt (D: Paul Newman) und seinem Vater "Big Daddy" in "Die Katze auf dem heißen Blechdach" (1958), wo nur aufgrund der damaligen Zensur die Homosexualität als Grund der massiven familiären Konflikte nicht offen ausgesprochen werden durfte. Es ist übrigens ein ähnlicher Konflikt mit dem Vater, wie ihn Jimmy Somerville in seinem Musikvideo "Smalltown Boy" (1984, 4:05 Min., hier online) behandelt, wo der Handschlag mit dem Vater beim Auszug des schwulen Sohnes unterbleibt. Ähnliche Szenen mit einer Hand, die nicht ergriffen wird, finden sich auch in "Oscar Wilde" (1960), wo Wilde nach seiner Verurteilung wegen Homosexualität sozial geächtet und ausgegrenzt wird. In dem Kurzfilm "Stains" (2009) von James Marcus Haney treffen sich zwei ehemalige Freunde in einem Waschsalon wieder. Die Einstellung zur Homosexualität wird hier durch das anfängliche Ausschlagen und spätere Handreichen als bestimmendes Thema inszeniert.


Soziale Ausgrenzung wegen Homosexualität in "Oscar Wilde" (1960)

Aber es gibt auch gute Gründe, die es als legitim erscheinen lassen, einer anderen Person eben nicht die Hand zu geben. Ich möchte den schwulen französischen KZ-Überlebenden Pierre Seel nennen, der in der Dokumentation "Paragraph 175" (2000) betonte: "I swore never to shake hands with a German again."

Linkshänder – sind wie Schwule

In einigen Filmen werden zwischen schwulen Männern und Linkshänder Analogien hergestellt, die sich auf Diskriminierung, Pathologisierung und "Umerziehung" beider Personengruppen beziehen und deren emanzipatorische Aussagen unmissverständlich sind, wie auch bei dem Filmhistoriker Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 196). Am deutlichsten wird dies in dem Kurzfilm "Is it ok to be left-handed?" (2012). Bezüge auf Linkshänder im schwulen Kontext sind auch in "Eine Liebe wie andere auch" (1983), im Rahmen einer Animation in der Dokumentation "Im Namen der Bibel" (2007), in "Fish out of Water" (2009) und bei den "Simpsons" (Folge 23/21) zu finden.

Weitere symbolische Gesten – Gebärde und Kampf

Wer Schwulenfilme aufmerksam sieht, wird auf eine Vielzahl spannender Gesten stoßen. In dem Kurzfilm "Flames of Passion" (1989) kommt der Gebärdensprach-Ausdruck für "Liebe" vor. Man kann einen Mann nicht nur symbolisch, sondern auch physisch auf Händen tragen, wie es Michele mit Ioan in "Cover Boy" (2006) macht. Ich denke auch an Marge Simpson, die mit dem nach oben gestreckten Daumen ihrer lesbischen Schwester Patty signalisiert, dass sie sich über deren Hochzeit freut ("Simpsons", Folge 16/10). Vermutlich hat jede*r andere spannende Handgesten, die aus schwulen Filmen hängengeblieben sind. Eigentlich bin ich kein Freund von Kampfgesten, aber die erhobene Faust als Symbol des schwulenpolitischen Sieges von Harvey Milk (D: Sean Penn) in "Milk" (2008) oder auch die von Vito Russo auf dem Cover von "Vito" (2011) sind für mich positive und wirkungsvolle Inszenierungen.


Harvey Milk (D: Sean Penn) in Siegespose in "Milk" (2008)

Andere Handbewegungen – Erkennungszeichen

Auch wenn sie im engeren Sinne keine symbolischen Gesten sind, gehören in dieses Kapitel auch jene Arm- und Handbewegungen, die klischeehaft Schwulen zugeschrieben werden und vor allem in älteren Filmen zu finden sind. Dazu gehört insbesondere das sogenannte "gebrochene Handgelenk", das man auch in einigen Filmen findet, die für eine schwule Zielgruppe produziert wurden, wie "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) und im 2. und 4. Teil von "Eating Out" (2006, 2011). Einen sehr reflektierten Umgang mit dieser Geste bietet die Serie "Queer as Folk", die zeigt, wie falsch es ist, sich mit dieser Geste gezielt über Schwule lustig zu machen (Folgen 1/2, 1/13, 1/19 und 2/19). Klischeehaft schwul sind auch der sogenannte Colliergriff, wie der von Bruno Ferrari (D: Jean-Paul Belmondo) in "Ein irrer Typ" (1977), und das Abstützen der Handaußenflächen auf den Hüften wie in "Zurück in die Vergangenheit" (Folge 4/12).

Sehr bekannt als Stereotyp ist auch das elegant wirkende Abspreizen des kleinen Fingers. Eine entsprechende Filmszene in "Bettgeflüster" (1959, s. dazu "The Celluloid Closet", 1995, 37:25 Min., hier online) hat einen besonderen Reiz, weil der homosexuelle Schauspieler Rock Hudson einen Heterosexuellen spielt, der mit dieser Geste einen Homosexuellen verkörpert. In dem Sylvester-Klassiker "Dinner for One" (1963, 3:05 Min., hier online) wird der verstorbene Mr. Pommeroy vom Butler James mehrfach mit abgespreiztem Finger und höherer Stimmlage imitiert. Ähnliche Szenen, in denen Schwule den kleinen Finger abspreizen, finden sich auch in "Unter der Treppe" (1969) und "Vier Fliegen auf grauem Samt" (1971). Die Handbewegung wirkt heute nicht nur klischeehaft, sondern zudem antiquiert, obwohl sie auch in neueren Filmen wie "Der Schuh des Manitu" (2001) und Pedro Almodóvars "Fliegende Liebende" (2013) zu sehen ist.


Der schwule Schauspieler Rock Hudson spielt einen Hetero, der einen Schwulen spielt

Pornos – Finger als Phallus

Einige Schwulenpornos verwenden auf dem Cover den nach oben ausgestreckten Mittelfinger als Symbol, das hier jedoch weniger für Verachtung und Beleidigung, sondern wohl eher für sexuelle Bereitschaft steht ("Bad Boy", "Relentless"). In Verbindung mit der bildlichen Darstellung kann man über die Hand als Metapher auch Onanieren ("Handy Man Vol. 5", "Hand angelegt, auch alleine kann's geil sein!") oder Fisten ("Ranch Hands", "All Hands on Deck") zum Ausdruck bringen.


Der doppelte Stinkefinger in "Bad Boy"


Beine und Füße – Signale senden und Spuren hinterlassen

Mit nackten Füßen kann sinnliche Freiheit, aber auch Armut und Bescheidenheit symbolisiert werden. Die Fußwaschung ist ein antikes Ritual der Gastfreundschaft und ein christliches Zeichen des Dienens. Hier besteht eine Verbindung zum Fußkuss als historische Geste der Unterwerfung und als Zeichen von Reue und Demut. Auch bei der filmischen Darstellung in erotischen Kontexten wie bei einer Fußmassage macht sich der Massierende klein und nimmt eine demütig wirkende Haltung ein. Es gibt Überschneidungen mit der symbolischen Bedeutung von →Schuhen (Folge 11).

Fußwaschung – Dienen und Reinigen

Ich kenne nur eine Filmszene aus einem Schwulenfilm, die eine rituelle Fußwaschung zeigt: Derek Jarmans "Caravaggio" (1986, 3:20 Min., hier online), der sehr frei das Leben des italienischen Malers Caravaggio schildert, der im 16. Jahrhundert nach Rom zog und der vom Kardinal Del Monte gefördert wurde. In diesem Zusammenhang wird eine symbolische Fußwaschung gezeigt, die Caravaggio durch einen Bediensteten des Kardinals erhält, wobei Caravaggio dabei den Eindruck vermittelt, als sei er sich der Bedeutung dieser Geste nicht bewusst. Einige Jahre später zeigte Derek Jarman in seinem Film "The Garden" (1990), wie ein Mann in Drag in recht ähnlicher Bedeutung die Füße zweier Schwuler küsst, die das Kreuz Jesu Christi tragen.


Eine symbolische Fußwaschung in Derek Jarmans "Caravaggio" (1986)

Fußmassagen – weniger deutliches Dienen

Zuerst ging ich davon aus, dass Fußwaschungen im weiteren Sinne mit homoerotischen Fußmassagen verglichen werden können, wie sie in einigen Schwulenfilmen zu sehen sind. Einige Szenen spiegeln durchaus eine Hierarchie wider und erinnern in ihren Inszenierungen an eine Fußwaschung, wie in "Michael" (1924, 1:20:00 Min., hier online) und in "Archer" (Folge 3/2, 2011), die sich erstaunlich ähnlich sind – vor allem, wenn man den zeitlichen Abstand von fast 90 Jahren bedenkt. Das Warmrubbeln der Füße – durchaus vergleichbar mit dem manchmal doppeldeutigen "Wichsen" von Schuhen als Hin- und Herbewegung – ist durchaus offen für eine Interpretation als Symbol für einseitige Masturbation.

Erwähnen möchte ich in diesem Kontext Rainer Werner Fassbinders "Querelle" (1982), wo sich die erotischen Wünsche eines Vorgesetzten auch auf die Füße eines Matrosen beziehen, der "zu seinen Füßen liegen und dann seine Zehen küssen" möchte, wobei ich allerdings nur einen Fetisch und kein Symbol erkenne. Der zugrundeliegende Roman "Querelle" stammt von Jean Genet, der in seinem Film "Un chant dʼamour" (1950, 8:30 Min., hier online) auch dreckige Füße in einen homoerotischen Zusammenhang stellte, die für ihn Objekt der Begierde waren. Aber auch das Massieren von Füßen in anderen Filmen – wie in "Boy Culture" (2006) und "Yellow Fever" (1998, ab 6:00 Min., hier online) – geht in seiner Bedeutung nicht über eine homoerotische Szene hinaus. In einigen Filmen geht es um Füße als erotischer Fetisch, wie beim heterosexuellen Vaughan, der in "Feet of Clay" (2009) die Füße seines besten Kumpels Clay begehrt und dabei betont, nicht schwul zu sein. Es ist schade, dass die Arte-Kompilation "Die Füße im Film" (hier online) beim Fußfetischismus (1:40 Min.) keine schwulen Filmbeispiele bringt.


Homoerotische Fußmassage in "Michael" (1924)

Fußspuren, die Eindruck hinterlassen

Mit sichtbaren Fußspuren im Boden lässt sich wie in "Tanha" (1998) der bleibende Eindruck zum Ausdruck bringen, den ein Mann bei einem anderen Mann hinterlässt. Sie haben eine symbolische Bedeutung, weil sie auf die Metapher des gemeinsamen →"Lebensweges" (Folge 28) verweisen. Die Fußspuren am Strand, die sich mit denen eines anderen überkreuzen, verweisen in "Wild Tigers I Have Known" (2006) symbolisch auf den gemeinsamen Lebensweg und darauf, wie sich zwei Leben miteinander überschneiden. Eine ähnliche Bedeutung haben die Fußspuren am Strand in dem Film "Ronny & I" (2013). Symbolisch ist man im gleichen Bild, wenn Dean in "Morgan" (2012) über sein Verhältnis zu seinem Vater sagt: "I tried to follow in his footsteps."


Lebenswege, die sich kreuzen, in "Wild Tigers I Have Known" (2006)

Ein Bein anziehen – sexuelle Verfügbarkeit

Ein Bein anzuziehen gilt in bestimmten Situationen als typisch weiblich, so dass sich allein damit schon Geschlechterrollen thematisieren lassen, wie bei den "Simpsons" (Folge 6/23). In "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) verweisen diese Beinhaltung und das Anlehnen an ein Toilettenhäuschen auf die Bereitschaft für anonyme sexuelle Kontakte.


Das Bein, das in "Brokeback Mountain" (2005) auf Prostitution verweist

Das Bein angewinkelt nach hinten abzustützen wird auch mit männlicher und weiblicher Prostitution assoziiert. In einer Szene in "Brokeback Mountain" (2005), die in Mexiko spielt, wird durch die Beinhaltung eines Mannes in Verbindung mit der Szenerie deutlich, dass es sich bei ihm um einen Stricher handelt.

Weitere Bedeutungen – Fußsohlen, die pars pro toto für Sex stehen


Fußsohlen, die in "Gay. De film" (2004) pars pro toto für Analverkehr stehen

Auf dem Cover von "Gay. De film" (2004) sieht man vier Fußsohlen. Aufgrund der Positionen der Fußsohlen und unter Berücksichtigung des Inhalts des Films ist eindeutig, dass hier zwei Männer beim Analverkehr in einer für Analverkehr typischen Position gezeigt werden. Die Fußsohlen stehen damit – pars pro toto – für zwei Männer beim Sex. In weniger deutlicher Form wurde auch der Film "Girl stroke Boy" (1971) beworben, wobei sich hier die Fußsohlen jedoch nicht übereinander, sondern nebeneinander befinden. Eine symbolische Bedeutung kann man auch erkennen, wenn jemand seine Füße auf den Tisch eines anderen legt, um damit Respektlosigkeit zum Ausdruck zu bringen (Justin in Brians Büro in "Queer as Folk", USA, Folge 3/8).

Wie gehen eigentlich Schwule?

Die Art und Weise, wie Schwule vermeintlich gehen, ist zwar kein Symbol, ist aber eng mit dem Thema dieses Kapitels verbunden. Ob man an der Art zu gehen, etwa am wiegenden Gang in den Hüften, einen schwulen Mann erkennen könne, haben sich schon mehrere Filme beschäftigt. Der Filmhistoriker Vito Russo ("Die schwule Traumfabrik", 1990. S. 36) hat schon bei dem Film "Irene" (1926, 24:25-1:12:15 Min., hier online) auf eine Szene aufmerksam gemacht, in der George K. Arthur in seiner schwulen Rolle als "Madame Lucy" "fast wie ein Mann" geht. In "Anders als die anderen" (1956, s. dazu "The Celluloid Closet", 24:55 Min., hier online) wird dies als Problem und ernstes Thema aufgegriffen. In "Der Detektiv" (1967) beschreibt Teddy Likeman, wie er gemerkt habe, dass Curran schwul ist: "An der Art, wie du gegangen bist, etwas Gewisses in deinen Augen."

In einigen Fällen wird dabei in komödiantischer Weise mit Klischees gespielt und auf geschlechtsspezifisches Rollenverhalten Bezug genommen. In "Durchgehend warme Küche" (Folge 1/22), "Der bewegte Mann" (1994) und "Der Schuh des Manitu" (2001) sieht man Schwule, wie sie "richtig" oder "falsch" gehen. In diesen Zusammenhang gehört auch eine Szene in "Zurück in die Vergangenheit" (Folge 4/12), wo die Frage aufgeworfen wird, ob eine bestimmte Art, die Beine übereinanderzuschlagen, wohl als typisch schwul wahrgenommen werden könne.


In "Durchgehend warme Küche" (Folge 1/22) wird demonstriert, wie ein Schwuler geht

Pornos – das "dritte Bein" als großer Penis

Ein "drittes Bein" meint in der englischen Umgangssprache einen großen Penis ("Big Black Dick 3. Third Leg"). In einem Porno wird mit dem Hochstellen eines Beines auf Prostitution verwiesen ("Brother Hustlers"). Viele weitere Pornos, die von Füßen als Fetisch handeln, haben allerdings auch im Falle der Verwendung von Kofferwörtern ("Footgasm") keine symbolische Bedeutung.