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Neuerscheinung
Genderfluide Gamer*innen im Hamburg des 22. Jahrhunderts
Aiki Miras zweiter Science-Fiction-Roman "Neongrau" zerrt seine Leser*innen in ein halb in Sturmfluten versunkenes Hamburg und einen Strudel aus Drogen, Gaming und erster Liebe.

Die nichtbinäre Person Aiki Mira aus Hamburg verortet sich in der Queer-Science-Fiction und veröffentlicht zum Thema auch Essays (Bild: Aiki Mira / flickr)
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15. Januar 2023, 01:14h - 4 Min.
Keine rosigen Aussichten: Im Jahr 2112 ist der Himmel über Hamburg milchig-trüb von Chemikalien, schwere Fluten überschwemmen immer wieder Teile der Stadt. Viele der Bewohner*innen hausen auf Booten oder schwimmenden Containerinseln. Armut, Rassismus und Unsicherheit prägen diese sonnenlose Gesellschaft, in der alle dank Headsets und sogenannten In-Augen ständig online, aber nie wirklich miteinander in Kontakt sind.
Die 18-jährige Go Kazumi ist eine Bewohner*in dieser Welt, in der das Abtauchen in VR-Welten zum Alltag gehört und Gaming das alles bestimmende Thema ist. Kurz vor dem Turnier der Legenden im riesigen Stadion im Herzen der Stadt steht ganz Hamburg Kopf, und Go gerät in einen Strudel aus Ereignissen, der sie nicht nur aus ihrer Isolation befreien, sondern auch das Leben ihrer Freund*innen und Familie für immer verändern wird.
Queerer Cyberpunk aus Deutschland
Aiki Miras Sprachgewalt greift bereits mit den ersten Sätzen aus "Neongrau. Game Over im Neurosubstrat" (Amazon-Affiliate-Link ) unerbittlich nach den Leser*innen und will sie die kommenden 500 Seiten nicht mehr loslassen. Knochen brechen und brummen da, Asphalt frisst sich in Lippen, in Brustkörben strahlen ganze Sonnen. Die Wucht der bildhaften Sprache wird vom Tempo noch befeuert, in kurzen Kapiteln reißt Aiki Mira mit in diese Zukunftsvision, die im Grunde doch nur die Krisen unserer Zeit spiegelt.
Atemlos und eindringlich wird die Welt aus "Neongrau" geschildert, die durch ihren ganz speziellen Slang zwar eigen, aber nicht wirklich fremd wirkt. Das liegt nicht nur daran, dass Aiki Mira zeitgenössische Themen wie Künstliche Intelligenz und Genderidentitäten aufgreift, sondern auch an dem doch recht generischen Cyberpunk-Setting. Ob bewusstseinserweiternde Drogen, das Leben im Slum, virtuelle Gladiator*innen-Kämpfe oder unheimliche digitale Wesen – irgendwo hat man das alles schon einmal gelesen oder gesehen.
Wie Aiki Mira bekannte Zutaten nutzt, um die Geschichte zu erzählen, ist größtenteils dennoch gelungen. Das Hamburger Setting ist detailverliebt, die Sprache mit ihren erfundenen Markennamen und Neologismen kunstvoll (Auch wenn man sich fragen kann, ob etwas altbackene Ausdrücke wie "phresh" und "steil" tatsächlich Teil der Jugendsprache der Zukunft sein werden. Aber wer weiß, vielleicht erleben sie ja ein Revival…). Ein Glossar hilft beim Verstehen, meist sind die unbekannten Wörter jedoch so geschickt in den Text eingewoben, dass man schnell begreift, wer oder was ein "Alupax" ist und warum man lieber nicht als "Pis Buun" bezeichnet werden möchte.
Literarisches Swipen

"Neongrau" ist zum Jahreswechsel bei Polarise erschienen, einem Imprint der dpunkt.verlag GmbH
Bei allen Stärken, die Aiki Mira, eine der produktivsten und schillerndsten Stimmen der aktuellen deutschsprachigen Science-Fiction, zu bieten hat, fallen aber auch immer wieder Schwächen deutlich ins Auge. Neben inhaltlichen Ungereimtheiten sind es besonders handwerkliche Patzer wie Infodumping, die das Lesevergnügen trüben können. Das berauschte Taumeln, die Momente der Ekstase, den bohrenden Schmerz – all das beherrscht Aiki Mira, Aspekte wie Spannungsaufbau und Dialoge lassen hingegen bisweilen zu wünschen übrig.
Durch die Kurzatmigkeit der Kapitel entsteht zudem mitunter der Eindruck, sich durch die Erzählung zu swipen wie durch Instagram-Storys, die um Aufmerksamkeit heischen. Statt in die Tiefe zu gehen, erstreckt sich "Neongrau" in die Breite und lässt dabei Themen wie Rassismus, Sexismus und Kapitalismuskritik zu bloßen Schlagwörtern verkommen.
Philip Pullman, Autor der "His Dark Materials"-Reihe, hat in einem Beitrag im "Guardian" einmal den übermäßigen Einsatz des Präsens, von dem auch Aiki Mira Gebrauch macht, kritisiert. Es sei die literarische Entsprechung einer verwackelten Handkamera oder eines andauernden Geschreis, Effekte, die sich schnell abnutzen, so Pullman. Man muss dieser Sichtweise nicht generell folgen, aber sie passt zu dem unfokussierten, manchmal etwas effekthascherischen Eindruck, den "Neongrau" hinterlässt.
Wer darüber hinwegsehen kann, dass der Roman mindestens 100 Seiten zu lang ist, und sich von seinen Macken nicht abschrecken lässt, kann hier dennoch einiges entdecken. Neben den liebevoll erdachten queeren Figuren begeistert besonders das jugendliche Gefühlschaos, das Aiki Mira mit "Neongrau" überzeugend eingefangen hat.
Aiki Mira: Neongrau. Game Over im Neurosubstrat. Roman. Polarise. Hamburg 2022. Taschenbuch: 16,95 € (ISBN 978-3-949345-28-9). E-Book: 14,99 €
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» Blick ins Buch bei amazon.de
» Homepage von Aiki Mira
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