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Literatur

"The Shards": Der neue Roman des schwulen Skandalautors

Nach zwölf Jahren veröffentlicht US-Autor Bret Easton Ellis einen neuen Roman. Die Mischung aus Teendrama und Slasherthriller ist demonstrativ cool, angeberisch, schwul, theatralisch – und packt ab der ersten Seite.


Bret Easton Ellis 2019 beim Internationalen Filmfestival von Rom (Bild: IMAGO / Independent Photo Agency Int.)

"True Crime" ist angesagt: Der "Verbrechen"-Podcast der "Zeit" ist allwöchentlich unter den meistgehörten Formaten auf allen Plattformen. Zu Beginn der Pandemie kam kaum jemand an "Tiger King" Joe Exotic und den kriminellen Machenschaften der Großkatzenbesitzer*innen vorbei. Für Schauspieler eine Chance zu scheinen: Ob Darren Criss in "Der Mord an Gianni Versace" oder Evan Peters im Publikumserfolg "Dahmer" – reale Verbrechen bannen die Menschen vor die Bildschirme.

Alle Welt ist scharf auf immer neue, gern blutige, Einblicke in menschliche Abgründe, am liebsten in Serie. Auf diesen Trend springt nun auch der US-Autor Bret Easton Ellis mit seinem neuen Roman "The Shards" (Amazon-Affiliate-Link ) auf – wobei er sich den Trend eher "verknüpft", als dass er einfach in seinem Strom mitschwimmt, doch dazu weiter unten. Er liefert etwas, das es so noch kaum in der Literatur gibt: serielle Literatur.

Bret Easton Ellis erregte bereits mit seinem Debütroman "Unter Null", in dem er auf nihilistische Weise das Leben junger reicher Menschen Anfang der 1980er Jahre beschreibt, Aufsehen. Spätestens sein Roman "American Psycho" über den soziopathischen Wall-Street-Banker Patrick Bateman verhalf ihm dann zu internationaler Berühmtheit. Einen Großteil seiner Arbeit durchzieht immer wieder die Beschäftigung mit den vermeintlich glänzenden Oberflächen und der Gewalt in verschiedenen Ausprägungen. "The Shards", der nun, nach über zwölf Jahren schriftstellerischer Stille, noch eine geballte Ladung Teen- und Highschool-Drama hinzufügt, ist da keine Ausnahme.

Mit großer Vorrede, in der es bereits vor melodramatischen Gesten trieft und tropft, leitet Ellis seine Erinnerungen an "die schrecklichen Ereignisse" ein, die ihn seit dem Jahr 1982 verfolgen, wie er schreibt. Mit leidender Sprache erklärt er, er habe alles seit Jahrzehnten zu verdrängen und dennoch immer wieder das Trauma im Aufschreiben zu lösen versucht. Aber erst jetzt, mit fast sechzig, sei er dazu in der Lage, sich endlich den Dämonen zu stellen, die ihn und seine Abschlussklasse im letzten Jahr vor dem Schulabschluss heimgesucht haben. Jahre und Jahre habe er darunter gelitten, sei immer wieder von den Narben auf seiner Brust erinnert worden. Er habe versucht, alles zu vergessen, doch… Ich hoffe, ein Eindruck des demonstrativ theatralen, manchmal schon exaltierten Stils entsteht.

Teen-Drama trifft True-Crime-Thriller

In den großen Gesten, in der übertriebenen Dramatik schafft Ellis es, Spannung und Komödiantisches miteinander zu verweben, indem er sich die Form des seifenopernartigen Highschool-Dramas zu eigen macht. Doch einen Schritt zurück, worum geht es eigentlich inhaltlich: Los Angeles im Jahr 1982. Bret, Susan, Debbie, Thom, Matt und Bryan kommen aus den Sommerferien zurück an die Buckley Highschool und sind voll froher Erwartung auf das letzte Schuljahr, als König*innen des Abschlussjahrgangs und der Schule. Finanziell mehr als abgesichert durch die widerlich vermögenden Eltern, kümmern sich die Jugendlichen ausschließlich um die glänzenden Oberflächen um sich herum.

Bret ist eine fiktionalisierte Version von Bret Easton Ellis selber, der, wie schon bei seiner fiktionalen Autobiografie "Lunar Park", in der ersten Person seine Erinnerungen an die Zeit verfasst. Bret ist noch nicht geoutet und mit Debbie zusammen. Susan ist seine beste Freundin. Die ist mit Thom, dem Footballstar der Schule liiert und außerdem eng mit Debbie befreundet. Mit Matt hat Bret eine geheime Affäre. Aber auch auf Bryan hat er ein Auge geworfen.

Dem Teen-Drama, mit dem "The Shards" geradezu kokettiert, gegenüber steht die ständige Bedrohung, die schwelende Ungewissheit, ob nicht hinter der nächsten Ecke etwas Böses lauert. Denn während Bret, Debbie, Susan und Co. mit Liebe und Intrigen, Hausaufgaben und (sehr explizit beschriebenen) Sex, Drogen, Partys und teuren Autos beschäftigt sind, treibt ein mysteriöser Serienkiller sein Unwesen in Los Angeles und Umgebung. Und dann ist da auch noch die Sekte "Riders of the Afterlife", die Berichten zufolge aus den Bergen in die Stadt kommt und Angriffe auf Geschäfte und Privatleute verübt.

Indem er die untergründige Gefahr und die Spannung des Thrillers direkt in die eigentlich belanglose Teenager-Handlung verwebt, fängt Ellis eine Zeitenumbruch ein. Während der Lektüre steigert sich das Gefühl, dass die Welt vor einer Wende steht. Dass der Zeitgeist sich wandeln wird. Und dass die leere und eigentlich kalte Welt, durch die Bret und seine Freunde eher gleiten als schreiten, bald zerbrechen wird.

Eine kalte und herzlose Sprache


Die deutsche Übersetzung von "The Shards" ist am 17. Januar 2023 bei Kiepenheuer&Witsch erschienenbret

"The Shards" ist brachial und doch unnahbar. Der gewaltige Roman – mit einer Länge von über 700 Seiten – ist ein mitreißendes Erlebnis. Die Figuren im Zentrum der Handlung führen eigentlich ganz furchtbare Leben – und doch mag mensch das Buch nicht weglegen. Von den stinkreichen Eltern vernachlässigt, die gerne mal für Monate nach Europa abhauen und den Kindern nichts als die Villa mit Pool, die Haushälterin, das Cabriolet, den Rolls Royce und endlos belastbare Kreditkarten dagelassen haben, zeichnet sich deren Leben durch eine Kombination aus Abgestumpftheit und Hyperrealität aus.

Jeder Satz, der gesprochen wird, wird direkt von drei Ebenen der Reflexion begleitet, was damit wohl eigentlich gemeint ist, was der Erzähler dazu denkt und was er wohl besser für sich behält. Die entstehende Distanz zu den Figuren und allem, was passiert, schneidet mit einer Kälte durch die blumigen Highschool-Szenen, dass es beim Lesen schaudert.

Wie bei seinen letzten Romanen auch, betätigt sich Ellis mit "The Shards" vor allem im Genre der Metafiktion. Das heißt, dass der Roman selber seinen Charakter als gemachtes Kunstwerk reflektiert. Dies geschieht nicht so explizit wie in früheren Werken, doch geht es hier auch um die Grenzen des Genres, das gleichzeitig bedient und doch unterlaufen wird. Hier geschieht dann auch der Bruch, der "The Shards" von anderen True-Crime-Werken, zu denen der Roman behauptet zu zählen, unterscheidet. Von sich selber als Erzähler ausgehend, der alles, was erzählt wird, vermeintlich ja auch erlebt hat, stellt Ellis sowohl das Genre des Highschool-Dramas als auch die Grenzen des Erinnern ins Frage. Ist es wirklich möglich, sich vierzig Jahre später so genau zu erinnern?

Es ist dabei ausdrücklich empfohlen, der Versuchung standzuhalten, die genauen Tatumstände bereits während der Lektüre von "The Shards" nachzurecherchieren, anstatt sich dem Vorgehen des Erzählers Ellis zu unterwerfen beziehungsweise seinem eigenen Menschenverstand zu vertrauen. Die Art der Enthüllung (oder eben auch des Verborgen-Lassens) hat Methode, die für die Lektüre nicht unentscheidend ist.

Literatur in Serie

Was "The Shards" in besonderem Maße hervorhebt, ist die erzählerische Form. Konzipiert hat Ellis den Roman nämlich ursprünglich für seinen Podcast, den er seit vielen Jahren schon betreibt. Dort hat er im September 2020 damit begonnen, den Roman in Gänze vorzulesen, je ein Kapitel pro Episode. Dabei arbeitet er mit den klassischen Elementen des Erzählens in Serie, was der Highschool-Drama-Kriminal-Mischung nur zu gute kommt. Der Roman entwickelt schnell eine starke Sogwirkung. Quasi gemacht für das "Binge Reading".

Das Ganze ist jedoch nicht ohne Schwächen. So muss mensch schon durchaus Spaß daran entwickeln können, sich über 700 Seiten mit den sich immer wieder in Schleifen drehenden Gedanken von oberflächlichen Teenagern, die als Kinder reicher Eltern am Rande Hollywoods absolut keine echten Probleme haben, auseinanderzusetzen. Diese Art von Literatur des Exzessiven, die durch das sich oft wiederholende serielle Format noch verstärkt wird, kann durchaus auch irritieren und in ihren Ausschweifungen langweilen.

Das Risiko ist glücklicherweise durch die Sprache minimiert. Die Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch besorgte Stephan Kleiner. Die meiste Zeit funktioniert diese auch sehr gut und findet einen Ton, der der Handlung angemessen ist. Fraglich ist nur, wieso der Titel nicht übertragen wurde – "The Shards" ist nicht besonders ansprechend für ein Buch auf Deutsch.

Insgesamt ist der Roman ein sehr gelungenes literarisches Spiel, das wahrscheinlich entweder begeistert oder mit Begeisterung abgelehnt werden wird. In diesem Sinne ein konsequenter weiterer Eintrag im Oeuvre und eine fulminante Rückkehr zu höchster Form des Skandalautors, der inzwischen gar nicht mehr so skandalös ist.

Infos zum Buch

Bret Easton Ellis: The Shards. Roman. ‎Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Kleiner. 736 Seiten. Verlag Kiepenheuer&Witsch. Köln 2023. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-462-00482-3). E-Book: 19,99 €

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