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Kinostart

Ein Film über Sex und Einsamkeit unter schwulen Männern

In seinem neuen Drama "Lonesome" erzählt Craig Boreham die Geschichte eines jungen Schwulen, der auf der rastlosen Suche nach Sex schließlich Liebe findet. Damit umzugehen, fällt ihm alles andere als leicht.


Casey, ein junger Mann vom Land, genießt die schwulen Sexmöglichkeiten in der Großstadt (Bild: Cinemien Deutschland)

Bildästhetisch beginnt "Lonesome" in der harmlosen Manier eines klassischen Westerns: Langanhaltende Bilder verlassener Wüstenlandschaften, die von der gerade untergehenden Sonne noch eben so belichtet wird. Aus der Ferne ist das Antlitz eines jungen Mannes zu erkennen, der sich langsam Richtung Kamera fortbewegt und bei näherer Betrachtung einem Cowboy gleicht: jung, gut gebaut, und mit dem obligatorischen Cattleman-Hut ausgestattet. So weit, so bekannt.

Der Bruch in der Filmsprache setzt ein, als ihm ein stattlich gebauter Trucker gegenübertritt: Ein flüchtig-lasziver Blick, schon landen die beiden nach einem hastigen Schnitt in einer viel zu engen Toilettenkabine, in der sie von oben beim wenig erotisch anmutenden Sex zu beobachten sind. Nach einem flüchtigen Smalltalk trennen sich ihre Wege dann schon wieder.

Wenig Worte, viel Sex


Poster zum Film: "Lonesome" startet am 19. Januar 2023 in ausgewählten Kinos

Denn Casey, so der Name des wortkargen Protagonisten, ist ein ausgesprochener Eigenbrötler, der mehr Interesse an muskulösen Körpern junger Männer als an netten Worten aufweist. Als eine junge Frau auf einer Party versucht, ihn in einen Smalltalk zu verwickeln, lässt er sie völlig desinteressiert links liegen. Stattdessen führt ihn die Dating-App Grindr – dessen signifikanter Signalton den ganzen Film über dutzende Male erklingt – in das Apartment eines jungen Mannes namens Tib.

Zunächst scheint es auch mit Tib nach dem gleichen Muster zu verlaufen wie zuvor mit dem Trucker: schneller, harter, unsinnlicher Sex, und danach der übliche Austausch weniger, lustloser Worte, weil komplettes Schweigen ja irgendwie auch keine Lösung sein kann. Als die beiden schließlich gegenseitig ihre Namen erfragen, horcht man als Zuschauer*in auf. Denn dieses zugegebenermaßen geringe Maß an Intimität stellt ein Novum innerhalb des Filmes dar.

Nach und nach kommen Tib und Casey einander näher, gehen zusammen einkaufen und besuchen gar – wenn auch nur kurz – Tibs Vater, der aber offensichtlich nur geringes Interesse an seinem Sohn und dessen neuem Lover zeigt. Die beiden machen sich da jedoch nichts weiter draus, lästern stattdessen über "Cunt-Dads" und scheinen die gemeinsame Zeit – meist vögelnd – sichtlich zu genießen.

Unaufhörlich erklingt der Grindr-Signalton

Doch die zuvor bekannten Muster sind damit keineswegs durchbrochen: Unaufhörlich erklingt der Grindr-Signalton, und die schwule Datingwelt weiß bekanntlich mit allerlei attraktiven Körpern und Versprechungen zu locken. Und so trifft sich Tib auch weiterhin mit anderen Männern, mit denen er gewohnt derben Sex hat. Der den ganzen Film über so regungslose Casey versucht, sich dabei nichts anmerken zu lassen, doch dem Zuschauer bleibt nicht verborgen, dass es gehörig brodelt in ihm. Keine Frage – er ist so verliebt wie eifersüchtig. Und so kommt es schließlich zum Eklat: Beim gemeinsamen Dreier verpasst er dem ungeliebten Dritten mitten im lieblosen Liebesspiel einen Faustschlag und fordert ihn aufgebracht auf, das Apartment zu verlassen.


Casey und Tib sind von ihrer Liebe überfordert (Bild: Cinemien Deutschland)

Tib zeigt für die Übersprungshandlung seines Lovers hingegen nur wenig Verständnis und beendet in einem Wutanfall die erst kurz andauernde Liebschaft. Auch er scheint von seinen Emotionen hilflos überfordert zu sein. Fortan ist Casey wieder heimatlos und streunert wie schon zu Beginn des Films durch die Gegend, auf der Suche nach einer kurzfristigen Bleibe und ein wenig Handgeld.

Eine Welt der schönen Bilder

Mittels filmischer Rückblenden und durchaus sehenswerten Landschaftsaufnahmen der australischen Outbacks wird dabei versucht, der erzählten Geschichte Tiefe und Sinnlichkeit zu verleihen, doch kann der Versuch nicht darüber hinwegtäuschen, dass der überwiegende Teil des Films relativ plumper, pornografischer Natur ist. Damit ist zugleich die Zielgruppe des Films vorgegeben, die sich größtenteils auf junge bis mittelalte schwule Männer beschränken wird. Frauen kommen in "Lonesome" leider nur Statistenrollen zu, die unverhohlene Bewunderung und Anziehung gegenüber den attraktiven männlichen Protagonisten offenbaren dürfen. Das passt in das Bild von Casey, der ein Vorzeigebeispiel dafür abgibt, dass Schwulsein und Machismo sich keineswegs ausschließen, sondern wunderbar harmonieren können.

Handwerklich ist der Film dabei über weite Strecken gut gemacht und weiß insbesondere durch seine Kameraführung zu überzeugen. Es bleibt allerdings der Eindruck, dass der Film mehr durch seine schönen Bilder als durch seine erzählerische Tiefe zu überzeugen versucht. Was durch das hypothetische Gedankenspiel unterstrichen wird, die beiden sehenswerten Protagonisten wären durch ungleich unattraktivere Schauspieler ersetzt worden: Der Film wäre damit wohl komplett seines kommerziellen Potenzials beraubt, weil abseits seiner schönen Bilder kaum ein Lockmittel mehr verbliebe.

Als "Australiens Antwort auf 'Brokeback Mountain'" wird "Lonesome" auf dem Youtube-Kanal des Filmverleihs beworben. Mag sein, dass derartig hochtrabende Vergleiche Marketing-technisch Sinn ergeben – filmästhetisch tun sie das jedenfalls nicht. Denn von der sinnlichen und poetischen Vielschichtigkeit und Bildgewalt des schwulen Filmklassikers aus dem Jahr 2005 ist "Lonesome" aller schönen Bilder zum Trotz meilenweit entfernt.

Infos zum Film

Lonesome. Drama. Australien 2022. Regie: Craig Boreham. Cast: Anni Finsterer, Daniel Gabriel, Ian Roberts, Josh Lavery. Laufzeit: 95 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FK 16. Verleih: Cinemien, Kinostart: 19. Januar 2022
Galerie:
Lonesome
12 Bilder
-w-

#1 Livio2023Anonym
  • 18.01.2023, 23:35h
  • Schwul und einsam sehe ich oft bei gleichgesinnten Freunden ab 45 bzw. 50 wenn die äußere Erscheinung sich dem Herbst des Lebens naht. Einst begehrte Männer mutieren zu für Sex mit Youngsters bezahlenden Freier und einst prächtige Hengste werden aufgrund mangelnder Potenz zu Stuten, die ihr Dasein mehr im Schatten denn im Licht fristen. Das Bildnis des Dorian G(r)ay lässt grüßen. Eine undankbare Branche:-))
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#2 Ith_Anonym
  • 19.01.2023, 10:23h
  • Ich finde es irreführend, zu suggerieren, da sei jemand mit "Liebe" überfordert. Was die Beziehung zerfetzt, ist offenbar wieder mal der monogame Besitzanspruch.

    Das mit der nicht reflektierten Eifersucht ist vermutlich realistisch, aber ich werde nie begreifen, wieso Leute es als "Liebe" betrachten, den Menschen in ihrem Umfeld Dinge wie schönen Sex mit anderen Leuten oder einfach Konktakte nicht zu gönnen oder beides sogar gewaltsam zu unterdrücken. Liebe hat mit Opferbereitschaft für andere Menschen zu tun, Besitzansprüche und Eifersucht sind einfach nur narzisstisch. Sich beides nicht gefallen zu lassen, finde ich auch nicht "überfordert", sondern gesundes Setzen von Grenzen. Nur, weil ich mit jemandem intim werde und/oder Zeit verbringe, wird die Person nicht zu meinem Besitzer, der zu bestimmen hat, was ich wo und mit wem sonst zu tun hätte. Ist so ein Stück afab-Emanzipation, um das man als weiblich zugewiesener Mensch in einer patriarchalen Welt schwerlich herumkommt.

    Monogamie ist nicht bloß ein Beziehungs- sondern auch ein Freundschaftskiller, besonders weil sie so normalisiert ist, dass sie teils selbst vom Umfeld eingefordert wird, falls man das toxische Muster nicht reproduziert. Es ist ein Elend.

    Danke für die Rezension.
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#3 StaffelbergblickAnonym
  • 19.01.2023, 12:09h
  • Antwort auf #1 von Livio2023
  • "prächtige Hengste" ... "Stuten", oh ich befinde mich hier wieder beim Tierzuchthandel. Obwohl ich es durchaus "tierisch" liebe, empfinde ich mich immer noch als Mensch. Abgesehen davon, dass eines der wichtigsten "sexuellen Organe" die Haut ist.
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