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Kinostart

Zwei Jungs, die miteinander kuscheln

In seinem neuen Film "Close" zeichnet der queere Regisseur Lukas Dhont ein einfühlsames Porträt von Freundschaft und gesellschaftlicher Gewalt. Kamera, Schauspiel, Bildgestaltung – rundherum eine bemerkenswerte Gegenwartstragödie.


Die beiden Schüler Rémi (Gustav De Waele, l.) und Léo (Eden Dambrine) teilen ihre intimsten Gedanken und Wünsche (Bild: Pandora Film)

Zwei Jungen sind beste Freunde. Sie sind zusammen aufgewachsen, sind unzertrennlich. Sie sind einander emotionale Stütze, teilen ihre intimsten Gedanken und Wünsche, sie sind sich körperlich nahe, kuscheln und umarmen sich, geben einander Geborgenheit und Sicherheit. Eigentlich ja nichts dabei. Regisseur Lukas Dhont zeichnet in seinem neuen Drama "Close" jedoch ein anderes Bild. Die Freundschaft zweier Jungen könnte unschuldig und voller Zuneigung sein, doch der spottende und urteilende Blick der anderen kommt dem in die Quere: Am Ende des Sommers sind die letzten Tage der Ferien für Léo (Eden Dambrine) und Rémi (Gustav De Waele) ein Raum der unschuldigen und uneingeschränkten freundschaftlichen Nähe. Dann beginnt das neue Schuljahr auf der weiterführenden Schule…

"Close" hat bereits viel Aufmerksamkeit und Lob erhalten. So wurde Dhont bereits als Regisseur bei den Filmfestspielen von Cannes 2022 mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, der Film ist außerdem für einen Golden Globe nominiert und steht nun auch auf der Shortlist für die nächstjährige Oscarverleihung in der fremdsprachigen Kategorie (queer.de berichtete). Die internationale Aufmerksamkeit ist erfreulich. Denn "Close" ist ein gelungener und sehr sehenswerter Film.

"Seid ihr zusammen?"


Poster zum Film: "Close" startet am 26. Januar 2023 im Kino

Der Titel des Films ist Programm. Nicht nur behandelt "Close" die Nähe der Beziehung zwischen den beiden Jungen Léo und Rémi, er nimmt die Zuschauenden dazu auch ganz nah an die Figuren heran. Immer wieder ist die Kamera in Nahaufnahme an den Figuren, Gesichter, manchmal nur Gesichtsausschnitte füllen die gesamte Leinwand. Zusätzlich ist der Fokusbereich sehr klein, sodass selbst in der absoluten Nahaufnahme, die Gesichtszüge zu den Bildrändern unscharf sind, weil wirklich nur auf die Linse des Augapfels scharf gestellt ist.

Die Welt um die beiden Jungen herum ist dabei ebenso unscharf wie austauschbar. Die wenigen Blicke auf Blumenfelder, die Léos Eltern bewirtschaften, oder in die Jugendzimmer geben nicht viel her. Denn für die Welt haben Rémi und Léo eigentlich keinen Sinn, da sie die ganze Welt für einander sind. In den ersten Minuten des Films entsteht ein Porträt einer allerbesten Freundschaft. Die Kameraarbeit von Frank van den Eeden erlaubt es, quasi daran teilzuhaben und den Bund der Jungen mitzuerleben, ohne dabei das Gefühl zu haben, sich einzumischen.

Die Idylle hält aber natürlich nicht lang. Zwei Jungs, die miteinander kuscheln, kommen in der neuen Schule ab dem ersten Tag nicht gut an. Oder zumindest nicht ohne einen Haufen schiefer Blicke davon. Die Sicht der anderen Kinder, die Sicht der Gesellschaft bricht mit einem Mal über Léo und Rémi herein. Während Léo die Fragen, ob sie zusammen sind, und der Spott extrem peinlich sind und ihn aufregen, kümmert das Rémi gar nicht besonders. Wieso sollte er sich daran stören, was andere denken, solange er seinen besten Freund hat?

Wie sieht ein echter Mann aus?

In der unterschiedlichen Art der Jungen, den gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenbildern zu begegnen, liegt der Kern für die Spannung und die Tragik der Handlung. Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen, sei festgehalten, dass "Close" durchaus auch als überzogen kritisiert werden könnte, wenn die Handlung in Richtung maximaler Dramatik und Tragik lenkt; jedoch ist es vor allem auch die Sprachlosigkeit in den extremen Situationen, die hier untersucht wird.


Léo bei einer Klassenfahrt (Bild: Pandora Film)

Das augenscheinliche Thema des Films – die als homosexuell wahrgenommene und verspottete enge Freundschaft der beiden Jungen seitens ihrer Umgebung – ist nur der Ausgangspunkt, von dem aus "Close" sich auf die Suche nach dem Schweigen macht. Die Dialoge des Films sind größtenteils belanglos, weil niemand über das redet, was die Person eigentlich bewegt. Alle akzeptieren alles und tragen ihre Verletzungen, ihre Ängste nach innen. Weinen allein, verlassen den Raum, werden wütend und handgreiflich.

Regisseur Lukas Dhont, der bereits mit seinem Debütfilm "Girl" über eine transgeschlechtliche Ballerina viel Beachtung erhielt, gelingt es, durch die erwähnte Kameraarbeit und die Bildgestaltung, Fragen zu stellen, ohne dabei plakativ zu werden. Das Thema ist nämlich nicht Homosexualität, sondern Männlichkeit. Die Beziehung von Léo und Rémi passt nicht zum gesellschaftlichen Bild dessen, wie ein Mann – auch ein heranwachsender – sich zu verhalten hat. Léo und Rémi sind die besten Freunde, sie sind unzertrennlich. Sie lieben einander auf die tiefste und innigste Weise, die zwischen Freunden wahrscheinlich nur möglich ist. Dass das zum Problem wird, ist der Skandal, den der Film darstellt. Die Blicke von außen zerstören die Unschuld auf verschiedenen Ebenen. Neben der freundschaftlichen Zuneigung beobachten wir auch das Sterben der kindlichen Fantasie.

Die gelungenen visuellen Elemente des Films lenken dabei aber keineswegs vom Schauspiel ab. Denn ohne die große Leistung der Jungschauspieler Gustav De Waele und Eden Dambrine, die beide hier ihr Debüt geben, wäre "Close" kaum der Film, der er es schafft zu sein. Vor allem Gustav De Waele, der den Rémi verkörpert und keinerlei Schauspielerfahrung hatte, bevor er bei einem Casting für "Close" entdeckt wurde, ist bemerkenswert. Auf vielen Ebenen schafft Regisseur Dhont es, ein einfühlsames Portrait von Freundschaft und gesellschaftlicher Gewalt zu zeichnen. Kamera, Schauspiel, Bildgestaltung – rundherum eine bemerkenswerte Gegenwartstragödie.

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Infos zum Film

Close. Drama. Belgien, Frankreich, Niederlande 2022. Regie: Lukas Dhont. Cast: Eden Dambrine, Gustav De Waele, Emilie Dequenne, Léa Drucker. Laufzeit: 104 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Pandora Film. Kinostart: 26. Januar 2023
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Close
9 Bilder
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Queere TV-Tipps
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#1 HugogeraldAnonym
  • 21.01.2023, 11:01h
  • Die Geschichte von mir und meinem besten Freund.
    Seit 47 Jahren haben wir nicht mehr miteinander gesprochen; damals waren wir 13
    Ich habe diese wunderbaren Jahre nie vergessen
  • Direktlink »
#2 FinalmSposatoEhemaliges Profil
  • 21.01.2023, 13:19h
  • Ich bin sehr, sehr dankbar auch so einen besten Freund gehabt zu haben. Dann mit 13 zogen meine Eltern um und wir kamen auf unterschiedliche Schulen.

    Ganz abgebrochen ist der Kontakt nie, doch wir hörten nur noch alle 1,2 Jahre mal was voneinander. Wir hatten unterschiedliche Dinge im Kopf und lebten in verschiedenen Welten.

    Wie durch Zauberhand landeten wir als junge Erwachsene dann in derselben Stadt. Weit weg von unserer ehemaligen Schule. Es war sofort wieder wie früher, wir sahen uns wieder häufig und entwickelten unsere gemeinsamen Rituale. Er war hetero und ich schwul. Er akzeptierte das sofort. Ohne Probleme. Ohne Fragen. In den 80 ern als wir uns wieder trafen noch nicht ganz selbstverständlich. Leider wurde er krank und starb vor ein paar Jahren. Er war mir ein helles Licht in meiner eher dunklen Kindheit, eine grosse Freude, die es mir sehr erleichterte die Primarschule damals gut zu überstehen. Mögen wir uns im nächsten Leben wieder begegnen.
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#3 RemoAnonym
  • 21.01.2023, 17:39h
  • Es gab ein sehr schönes Interview mit dem Regisseur im Deutschlandradio Kultur:

    www.deutschlandfunkkultur.de/close-100.html

    Ich finde es gut, dass der Film mal nicht plakativ Homophobie als das hauptsächliche Problem queerer Teenager ins Zentrum rückt, sondern viel umfassender die Angst vor Zartheit, Weichheit, vor dem Zeigen von Emotionalität und freundschaftlicher Liebe - vor allem in der Jungs- und Männerwelt. Dass all dies als "nicht männlich" und schnell auch sexuell als "schwul" gedeutet wird, tut keinem jungen Menschen gut, auch den Heteros nicht.

    Diese Abwehrhaltung gegenüber dem Femininen und damit vermeintlich "Schwachen" gibt es - zumindest in meiner Wahrnehmung - unter Schwulen, Lesben und Heteros / Heteras gleichermaßen - und nicht zu knapp. Es hat meines Erachtens zur Folge, dass in queeren Communities oft zu sehr auf eine "starke" sexuelle Identität geachtet wird, der emotionale Bereich aber eher verschämt und nebensächlich in Erscheinung tritt oder nicht selten durch Komik und Sarkasmus überspielt wird.
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