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Folge 4 von 53
Schwule Symbole im Film: Blut, Sperma und Urin
Unter den Säften unseres Körpers hat Blut eine besondere symbolische Bedeutung, und es wird auch in schwulen Filmen – als Träger der Identität – als "böse" oder "gut" etikettiert.

Werbung mit Nasenbluten: "Into it" (2006)
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22. Januar 2023, 04:08h - 24 Min.
Diese Artikelserie wurde gefördert von der Homosexuellen Selbsthilfe e.V., www.hs-verein.de
Böses Blut – innere und äußere Verletzungen
In einem negativen Sinn ist Blut der Träger der Identität und "böses Blut" eine Redewendung für Streitsucht und Ärger. Uralte Handlungen wie "Blutrache" oder "Blutzoll zahlen" bringen Leben und Tod mit Blut in Verbindung. Die "Reinheit des deutschen Blutes" und "Blut und Boden" waren Schlüsselbegriffe der NS-Ideologie. Entsprechend seiner emotionalen Wirkung wird Blut u.a. im Zusammenhang mit Mord oder beim Pakt mit dem Teufel (Folge 51) eingesetzt. Als sichtbarer Ausdruck einer körperlichen Verletzung ist Blut manchmal das Symbol einer emotionalen Verletzung.
Blut beim Streit – psychische Verletzung
Filme sind in erster Linie visuelle Medien, und es ist daher nicht ausreichend, wenn ein Protagonist sagt, dass er emotional verletzt ist, sondern man soll diese emotionale Verletzung auch sehen. Dies erreicht man durch körperliche Auseinandersetzungen, die, wie in "Brokeback Mountain" (2005), durch Nasenbluten und seine Verursachung verletzte Gefühle zum Ausdruck bringen. Der Film "Into it" (2006) wird mit einer Abbildung des Nasenblutens sogar beworben. Filmszenen mit Nasenbluten findet man in vielen Filmen: Sie sind u.a. zu sehen im Kontext einer sexuellen Zurückweisung ("Dare"), eines homophoben Übergriffs ("Jackpot", "Animal Drill", "Zwei Gesichter") oder nach einer Auseinandersetzung mit einem Freier ("Ich, Tomek", "Seeing Heaven").
Blut bei Vergewaltigung und Missbrauch – psychische Verletzung
Blut wird auch inszeniert, um die psychischen Verletzungen nach einer analen Vergewaltigung zu illustrieren. Das kann durch einen blutunterlaufenen Hintern ("Kaltes Land") oder eine blutverschmierte Decke ("Asphalt-Haie") erreicht werden. In Stephen Kings Roman "Die Verurteilten" (1999, S. 28-35, 107) wird zwischen Vergewaltigungen im Gefängnis und Blut eine Verbindung hergestellt, indem Red aus eigener Erfahrung berichtet, dass es nach einer analen Vergewaltigung einige Tage lang wie bei einer Menstruation bluten kann. Der Roman wurde 1994 mit Morgan Freeman als Red in der Hauptrolle verfilmt.
Ähnliches gilt für sexuellen Missbrauch: In "Mysterious Skin" (2004) wird der achtjährige Brian mit blutender Nase gefunden und kann sich an nichts mehr erinnern. Sein Nasenbluten wird im Film zum sichtbaren Ausdruck des sexuellen Missbrauchs. Deutlicher als Symbol angelegt ist das Bild, das der offen schwule Pedro Almodóvar in seinem Film "Schlechte Erziehung" (2004) verwendet hat, um die schwerwiegenden psychischen Folgen von sexuellem Missbrauch an einem Jungen darzustellen: Ein geteilter Kopf des Jungen, Blut und eine Stimme, die aus dem Off sagt: "Ein feines Blutrinnsal teilte mein Gesicht in zwei Hälften. […] Immer würde ich zweigeteilt sein." Es ist möglich, im Zeigen von Blut in diesem Zusammenhang nicht nur eine Parallele zur Menstruation, sondern sehr abstrakt auch zur Blutung bei einer vaginalen Entjungferung zu sehen.

Blut als Symbol für Missbrauch in Pedro Almodóvars "Schlechte Erziehung" (2004)
Blut-Metaphern – "kaltblütig" "Blutbad" und "böses Blut"
Schon in "Anders als die Andern" (1919, 48:50 Min., hier online) wird betont, dass an dem § 175 RStGB, der homosexuelle Handlungen kriminalisierte, viel Blut und Tränen klebten. In der Doku "Homosexualität. Comeback des Hasses" (2015) wird auf die "blutige Unterdrückung" der Schwulen in der Geschichte hingewiesen. In "Revolte hinter Gittern" (1980) kommt es zu einem "Blutbad" (Hermann J. Huber: "Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 152). Blut im Film eignet sich gut, um eine abstrakte Strafverfolgung und konkrete Kämpfe als äußerst brutal zu umschreiben. Wenn in "Miller's Crossing" (1990) der schwule Gangster Bernie als ein "kaltblütiger Opportunist" ("Out im Kino", 2003, S. 250) bezeichnet wird, lässt sich mit dieser Blut-Metapher auch Emotionslosigkeit zum Ausdruck bringen.
Ausführlicher wird Blut in der Folge "Es liegt in der Familie" der Serie "Law & Order. SVU" thematisiert (Folge 1/11; OF: "Bad Blood"): Hier wird die Frage aufgeworfen, ob Menschen bereits "böse geboren" seien und ob Kriminalität vererbbar sei. Im konkreten Fall hat ein Vater seine Söhne Jesse und Ray sexuell missbraucht. Beide Söhne wurden später kriminell und Jesse ermordete seinen Sexpartner. Zur Auseinandersetzung um Jesses angeblich "verfluchtes Blut" passt es, wenn der Täter anhand einer Blutprobe überführt werden soll.
Blut an den Händen – Schuld und Verantwortung
Die Formulierung, dass an jemandes "Händen Blut klebt", ist sprichwörtlich bekannt und in verbaler Form eine Blutmetapher. Im Unterschied zu den Beispielen aus dem vorigen Absatz werden blutige Hände aber auch filmisch inszeniert und weisen auf die Schuld am Tod eines Menschen hin.
In diesem Sinne sind auch die blutenden Hände zweier Männer in "Cocktail für eine Leiche" (1948) zu verstehen. Bei Philip, einem der beiden (schwulen) Mörder, stammen sie vordergründig von einem kaputten Glas. Auch Rupert hat am Ende blutige Hände – er hat mit seinen Vorlesungen die beiden Freunde (unabsichtlich) auf die Idee zu diesem Mord gebracht. In "Das Bildnis des Dorian Gray", einem Roman von Oscar Wilde mit schwulem Subtext, bleibt Dorian Gray jung, während ein Gemälde von ihm altert. Als Dorian Gray auf das Gemälde einsticht, tötet er sich selbst. In den beiden gleichnamigen Verfilmungen von 1969 (1:20:40 h, hier online) und 2009 sind Dorians Hände blutrot – konsequenterweise nur auf dem Gemälde.
Die Vorstellung einer Verbindung von Blut, Schuld und Verantwortung lässt sich auch auf den Tod an den Folgen von HIV/Aids übertragen: In dem Kurzfilm "Die jungen Wilden" (2008, hier online) will sich ein Teenager absichtlich mit HIV infizieren, schneidet sich aus Versehen und hat Blut an seinen Händen, woraufhin ihm ein Aids-Aktivist die Wunde verbindet (10:05 Min.). Wer in dieser banalen Schnittverletzung keine symbolische Bedeutung erkennt, sollte sich im selben Film die Szenen ansehen, in denen Jesus mit blutendem Herzen zu sehen ist (ikonographischer Ausdruck schmerzender Liebe, 2:25 Min.), sowie die Szene mit dem Blutspritzer auf dem Brautkleid (sexuelle Leidenschaft, die auf Unschuld trifft, 12:30 Min.).

Die Visualisierung der Frage von Schuld bei HIV/Aids durch Blut an den Händen in "Die jungen Wilden" (2008)
Blut – Liebesschmerz und Tod
Zwei Filme weisen durch Blut recht abstrakt auf Liebe, Leiden und Tod hin. Der Titel des schwulen Dramas "Red Dirt" (= Rote Erde, 2000) wird am Anfang und am Ende des Films mit einem Zitat erklärt: "The blood of man stained red the dirt of the Mississippi land." Das Zitat verweist vordergründig auf Blutrot als Farbe der Landschaft, im Kontext des Films aber auch auf Liebesschmerz und – in Verbindung mit Grabsteinen – auf das Ende einer Freundschaft.
Das zweite Beispiel bezieht sich auf den schwulen Komponisten Pjotr Iljitsch Tschaikowski, der vermutlich an der Cholera starb, nachdem er aus Unachtsamkeit ein Glas nicht abgekochtes Wasser trank. Ralf Pleger zeigt in seinem Film "Die Akte Tschaikowsky" (2015) an dieser Stelle ein Glas – gefüllt mit blutroter Flüssigkeit.

Menschenblut und die rote Erde in "Red Dirt" (2000)
Blut und Mord – schwule Geschichte wird mit Blut geschrieben
Ein Film wie "Caligula" (1979) über den gleichnamigen (bisexuellen) Kaiser der römischen Antike stellt Geschichte als mit Blut geschrieben dar. Das viele Blut, mit dem der Film beworben wurde und das man im Film sieht, steht hier für die Grausamkeiten und für die vielen Toten aus Caligulas Gewaltherrschaft.

Blut und Gewaltherrschaft in "Caligula" (1979)
Von Krieg und Gewaltherrschaft in der Antike handelt auch der Kurzfilm "Sebastian Castro: Theban" (2013, hier online), der eine sagenhafte, angeblich schwule militärische Einheit, die Heilige Schar von Theben, thematisiert und durchaus mehrschichtig Blut einsetzt: Das im Krieg vergossene Blut symbolisiert hier nicht nur den Tod der anderen, sondern auch die durch das Blut besonders starke Verbindung nach innen und wird so zum militärischen Fetisch ("bound by blood – than a shark loves blood") und beim gegenseitigen Abwaschen von Blut offenbar auch zum sexuellen Fetisch.

Blut als Fetisch in "Sebastian Castro: Theban" (2013)
Die Zeit des Faschismus und den österreichischen Neofaschismus zeigt Peter Kern in seinem Spielfilm "Blutsfreundschaft" (2009). Bezüge zu Blut bestehen hier in den (leider auch aktuellen) Sprüchen wie "Blut und Ehre" oder "Blut muss fließen", aber vor allem in einer den Filmtitel bestimmenden Blutsbrüderschaft in der HJ. In der Filmgeschichte gibt es viele tote Schwule. Bei einem ermordeten Schwulen in "Gefrorenes Herz" (2012, hier online) gehören Blutstropfen im Schnee zu den einprägsamen Bildern des Films, wobei der Farbkontrast vermutlich bewusst an Märchen wie "Schneeweißchen und Rosenrot" oder "Schneewittchen" ("so weiß wie Schnee, so rot wie Blut") erinnert.
Mit dem Schlagwort "Blood" hat die IMDB auch einige blutig inszenierte Spielfilme und Dokumentationen gekennzeichnet, die von bisexuellen bzw. schwulen Mördern handeln. Dazu gehören "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973, aus dem Kreis von Rainer Werner Fassbinder), "Caligula" (1979), "The Secret Life: Jeffrey Dahmer" (1993), "Dahmer" (2002), "Ein Leben lang kurze Hosen tragen" (2002), "Die Morde von Snowtown" (2011) und "Deep Water: The Real Story" (2016). Dass diese Filme auf wahren Begebenheiten beruhen, ist nicht überraschend, weil solche authentischen Hintergründe regelmäßig als Legitimation für die Darstellung von Bluttaten herhalten müssen.

Die Inszenierung von Blut mit Nähe zum Vampirfilm-Genre: "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973)
Religion – Märtyrerblut und Blut, das für andere vergossen wird
Blut hat im Christentum eine breite symbolische Bedeutung. So sollen Homosexuelle sterben, weil auf ihnen angeblich eine "Blutschuld" (3. Mose 20, 13) lastet. Der Höhepunkt eines christlichen Gottesdienstes besteht im Abendmahl und damit aus dem symbolischen Trinken von Blut, obwohl in der Bibel auch darauf hingewiesen wird, dass Menschen, die Blut verzehren, sterben sollen (3. Mose 17, 14). Aber vor allem geht es um das Blut von Jesus Christus. Es gibt einige schwule Filme, die religiöse Bezüge zu Blut aufbauen, die mit Märtyrern oder dem Leiden Christi in Verbindung stehen.
In Derek Jarmans "Sebastiane" (1976) wird Sebastian, der in der katholischen Kirche als Heiliger verehrt wird, auf blutige Weise getötet, wobei durch die Inszenierung einer Dornenkrone deutliche Bezüge zum Opfertod Jesu hergestellt werden. Zehn Jahre später drehte Jarman seinen Film "Caravaggio" (1986), in dem durch einen Messerstich des Protagonisten in die Seite des Geliebten Ranuccio ebenfalls eine Parallele zum Tod Jesu erkennbar ist. Die Szenen, in denen sich die Männer Blut ins Gesicht schmieren und als "Blutsbrüder" verstehen, gehören jedoch eher in das nächste Kapitel über "gutes Blut".

Blut und Jesus-Bezüge in Derek Jarmans "Sebastiane" (1976)
Der schwule Mormonen-Film "Latter Days" (2003) zeigt eine Vision des von Blut tropfenden Christian Markelli als Jesus Christus und in "Jonathan – Die Passion" (2008) wird eine blutige Handverletzung wie die Nagelwunden Jesu inszeniert. Eine Verbindung von Liebe und Leiden findet sich auch in dem Kurzfilm "Mein Freund Rachid" (1998): Eric hat seinen ersten Sex mit seinem Freund Rachid und träumt davon, wie Rachid als Jesus Christus am Kreuz hängt und beide gemeinsam bluten und leiden. Eric: "Du bist schön, wenn du blutest."
Verträge – die mit viel Herzblut unterschrieben werden
Zu den Bedeutungen von Blut gehören im weiteren Sinne auch Verträge, die mit Blut unterschrieben werden, was sinnbildlich für den Verkauf der Seele oder viel Herzblut steht. Der bekannteste dieser Verträge ist wohl der in Goethes "Faust". "Blut ist ein ganz besonderer Saft", lässt Goethe seinen Mephistopheles sprechen, als dieser Faust auffordert, den gemeinsamen Pakt mit Blut zu unterzeichnen. In Goethes "Faust" (Teil II) hat der Teufel ein sexuelles Interesse an den Engeln. Vielleicht liegt es daran, dass es auch einige homoerotische und freie Verfilmungen des Faust-Stoffes gibt. Daher können auch die mit Blut unterschriebenen Verträge in "Faust – Love of the Damned" (2000, 22:00 Min., hier online) und "Faust" (2011, 1:46:40 h, hier online) hier angeführt werden.
Es gibt nur wenige andere Filme, die das Unterschreiben eines Vertrages mit Blut in einem schwulen Kontext zeigen. Dazu gehört "Mishima" (1985), worin der schwule japanische Autor und rechts-nationalistische politische Aktivist Yukio Mishima am 25. November 1970 vor loyalen Anhängern seiner Privatarmee einen Vertrag mit seinem eigenen Blut unterschreibt, was mit der blutigen Form seiner inszenierten Selbsttötung (rituelles "Seppuku", auch bekannt als "Harakiri") am selben Tag in Verbindung steht. Einen Hinweis verdient in diesem Zusammenhang auch der Film "Antikörper" (2005), in dem der Protagonist mit dem Blut der von ihm sexuell missbrauchten und ermordeten Kinder Bilder malt.
Vampire – Opfer und Tod
Auch wenn die mittlerweile mehr als 20 schwulen Vampirfilme (Folge 53) später noch ein eigenes Thema sein werden, lässt sich hier schon einmal die Inszenierung von Blut in diesem Genre fokussieren. Die große Faszination, die seit Jahrhunderten von Vampiren ausgeht, fußt vermutlich nicht nur auf der Faszination des Todes, sondern auch auf der Symbolkraft von Blut. Das Trinken von Blut und die besondere Inszenierung der Farbe Rot gehören in diesem Genre zum Standardrepertoire.
In dem leicht homoerotischen und kommerziell erfolgreichen Film "Interview mit einem Vampir" (1994) hat Blut "laut Anne Rice mehrere symbolische Bedeutungen: Es steht für den Prozess der Regeneration (Vampire brauchen Blut, um sich zu erhalten), aber auch für ein Opfer und den Tod (das Opfer stirbt, um die Vampire weiterexistieren zu lassen). Zudem gleicht der Rausch, den ein Vampir beim Trinken empfindet, einem sexuellen Orgasmus" (Wikipedia). Das Filmlexikon "Out im Kino" (2003, S. 179) bezeichnet den Film, trotz der Starbesetzung mit Brad Pitt und Tom Cruise, als "blutleer", womit er unter ironischer Verwendung der Metapher wohl als wenig lebendig und inhaltsleer kritisiert wird.
Eine innerhalb des Films "Crush" (2009) erzählte Geschichte mit dem Titel "Bloodline" baut ganz auf Blut auf. Ein Mann hat ein Verhältnis mit einem Vampir und möchte von ihm selbst zum Vampir gemacht werden. Bis er es am Ende wird, sehen die Zuschauenden einen blutenden Apfel (als Symbol der Verführung), an dem der Vampir zunächst lecken möchte, den er aber zunächst weglegt. Der Film "Brotherhood: Die Macht des Blutes" (2001) mit seinem homoerotischen Subtext parallelisiert deutlich Bluttrinken und Sex. Der Film "Drink me" (2015, Trailer hier online) fängt als schwuler Liebesfilm an, entwickelt sich aber schnell zu einem modernen Vampirfilm. Mit dem Filmtitel ist das Trinken des Blutes des Partners gemeint.

Das Trinken von Blut im Vampirfilm "Drink me" (2015)
Bei der Inszenierung von Blut gibt es eine Nähe zwischen Vampir- und Horrorfilmen: Ein Beispiel dafür ist neben "The Gay Bed and Breakfast of Terror" (2007) auch der Kannibalismus-Splatterfilm "Sawney: Menschenfleisch" (2012), in dem von einem Mann, der vergewaltigt wird, zärtlich das Blut abgeleckt wird. Das Motiv des Tötens durch einen Biss in den Hals als deutliche Referenz an den Vampirmythos findet sich in den Filmen "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973) und Derek Jarmans "Sebastiane" (1976).
Pornos – Böses Blut und Identität
Auch in Schwulenpornos ist erkennbar, dass Blut als Träger einer schlechten Identität gilt und auf Gewalt verweist, wie in den Wrestling-Filmen "Bad Blood" I und II. Das blutig inszenierte DVD-Cover des Pornos "Bonesaw" (= Knochensäge) weist eine offenbare Nähe zum Horrorfilmgenre auf und bei dem blutigen Cover von "Twink Blood" ergeben sich symbolische Überschneidungen zum Vampirmythos.

"Bad Blood" als Titel mit Bezug auf homoerotisches Wrestling
Gutes Blut – Lebenskraft und Leidenschaft
Auch im positiven Sinne gilt Blut als Träger der Identität und steht für Lebenskraft und Leidenschaft. In der christlichen Tradition fühlt man sich über Wein mit dem Blut Christi verbunden. Mit dem Sprichwort "Blut ist dicker als Wasser" wird seit dem 12. Jahrhundert die Verbundenheit von Blutsverwandten betont. Die Blutsbrüderschaft ist eine in vielen Kulturen bekannte Institution der Verbundenheit zwischen Männern, die rituell durch das Vermischen des Blutes begründet wird. Auf diese Weise wird Blut zum Zeichen tiefer Verbundenheit und Freundschaft und in Filmen entsprechend inszeniert.
Blut – Träger der Identität
Es gibt einzelne Filme, die auf Blut Bezug nehmen und dabei aus der südländischen Herkunft eine besondere Identität ableiten. In "Rob Roy" (1995) heißt es in Bezug auf die homosexuelle Orientierung von Archibald Cunningham, man hoffe, dass "unser Klima sein hitziges Blut ein wenig kühle". In "Full Speed" (1996) äußert sich Rick, dass er "stolz auf das algerische Blut" sei. In "Lola und Bilidikid" (1999) heißt es mit Bezug auf die Einnahmen von Pillen gegen Aids: "Ich nehm' keine Pillen. Ich habe türkisches Blut" und in "Queer as Folk" sagt Michael zu Ben, dass in seinen Adern halt kein italienisches Blut fließe (USA, Folge 5/6). Südliches "Blut" wird stereotyp mit Temperament und Stärke positiv assoziiert, während "deutsches Blut" vermutlich nur negativ mit Nationalsozialismus assoziiert werden würde.
Textilien mit dem Blut einer Person können eine ganz besonders intensive Erinnerung an einen Menschen darstellen. In "Something must break" (2014) bewahrt eine trans* Person das blutige Taschentuch eines Mannes auf, der sie gegen einen Angriff verteidigt hat und dabei selbst verletzt wurde. In "Ein Kuss" (2016) will sich Lorenzo ein blutiges T-Shirt als besondere Erinnerung einrahmen.
In einem weiteren Sinne gehört in diesen Absatz auch die folgende Filmszene: Ryan bestreitet in dem Kurzfilm "Cadillac Blues" (2002) gegenüber seinem Beifahrer, schwul zu sein. Der Beifahrer greift ihm an sein Geschlechtsteil, spürt seine Erektion und widerspricht ihm mit der Begründung: "Blood doesn't lie."
Blutsverwandte – Verbundenheit durch Verwandtschaft

Blutsverwandte und das Wasser der Taufe in "Wasser und Blut" (2009)
Der Filmtitel "Same Blood" (2004) betont die durch die Verwandtschaft bestehende enge Verbindung zwischen einem Schwulen und seinem heterosexuellen Bruder. Das Sprichwort "Blut ist dicker als Wasser" ist so bekannt, dass es in Filmen ohne Erklärungen aufgegriffen und variiert werden kann. Der Filmtitel "Wasser und Blut" (2009) bezieht sich auf dieses Sprichwort und auf die Annahme, dass wir Blutsverwandten näherstehen würden als den Pat*innen, mit denen christlich sozialisierte Menschen über das Wasser der Taufe verbunden sind. Frei nach Debbie aus "Queer as Folk" kann man sogar sagen: "Blut ist dicker als Marinadesoße" (USA, Folge 4/6). Natürlich gibt es auch Menschen – besonders queere – mit gegenteiligen Erfahrungen und so heißt es in "Law & Order" (Folge 13/8) in einem schwulen Kontext: "Blut ist doch nicht dicker als Wasser."
Blutsbrüder – Verbundenheit über ein Bruder-Konstrukt
Das Thema Blutsbrüder hätte auch gut in das spätere Kapitel über →Brüder und Bruder-Konstrukte (Folge 15) gepasst. Mit Blutsbrüdern ist der Wunsch von Männern gemeint, sich auch und ergänzend durch die Vermischung des Blutes verbunden zu fühlen, unabhängig davon, wie das Ritual jeweils durchgeführt wird. Entsprechende Filmszenen reichen bis zu "Es war …" (aka "Flesh and the Devil", 1926, 16:00 Min., hier online) zurück, worin die beiden Freunde Ulrich und Leo beim Schließen ihrer Blutsbrüderschaft auf einer "Insel der Freundschaft" zu sehen sind. Der 17-jährige Georges und der 12-jährige Alexandre besiegeln in "Heimliche Freundschaften" (1964) ihre Freundschaft durch eine Blutsbrüderschaft, wobei sie sich in die Unterarme ritzen und sich gegenseitig das Blut aus der Wunde lecken. Durch die Unterlegung der Szene mit geistlicher Musik wirkt das Ritual wie ein religiöser Akt und wird mit den katholischen Ritualen des Internats, in dem die Handlung angesiedelt ist, parallelisiert. Die drei Männer, die in "If …" (1968, 1:22:00 h, hier online) eine Blutsbrüderschaft schließen, ritzen sich in die Handinnenflächen und geben sich danach die Hände.
In "Beautiful Mystery" (1983) wird das Blut geleckt und die Wunde geküsst. Der Künstler Caravaggio schmiert in Derek Jarmans gleichnamigem Film (1986) seinem Liebhaber Ranuccio nach einem Kampf Blut ins Gesicht und fühlt sich mit ihm als "Blutsbruder" verbunden. Der Film "Full Speed" (1996) wird sogar mit der Filmszene beworben, in der man das einseitige Lecken des Blutes als ähnliches Ritual sieht. In "Red Dirt" (2000) wird das Ritual durch das Ritzen mit einem Messer in der Handinnenfläche vorgenommen. In "Blutsfreundschaft" (2009) zelebrieren zwei schwule Jugendliche in der HJ eine Blutsbrüderschaft, nachdem sie sich darauf geeinigt haben, Hitler aus ihrem gemeinsamen Schwur herauszulassen. In fast surrealer Weise schließt Allen Ginsberg (D: Daniel Radcliffe) mit Lucien Carr in "Kill Your Darlings" (2013) eine Blutsbrüderschaft.

Werbung mit dem Lecken von Blut in "Full Speed" (1996)
Das Ritual des Schließens von Blutsbrüderschaft, so unterschiedlich es auch ausfällt, ist in der Regel als feierlicher und bewegender Moment inszeniert. Eine Ausnahme ist das schwule Paar in "Le fils" (2009), das sich – ganz ohne Ritual – aufgrund seiner innigen Verbindung als "Blutsbrüder" fühlt und auch so bezeichnet. Der Film "Bloodbrothers" (aka "Blutsbrüder", 1978), der am Rande auch einen schwulen Sohn thematisiert (Hermann J. Huber: "Gewalt und Leidenschaft", 1989, S. 205), wurde in Deutschland unter dem Titel "Heißes Blut" vermarktet, womit auf Temperament und Leidenschaft verwiesen wird. Die Blutsbrüderschaft in "Der Schuh des Manitu" (2001) wird – nach dem Vorbild der hier parodierten älteren Karl-May-Filme – zwischen den beiden heterosexuellen Männern Ranger (D: Christian Tramitz) und Abahachi (D: Michael Herbig) geschlossen. Durch die Art, wie die beiden Männer von Abahachi vorgestellt werden ("Blutsbruder, Zwillingsbruder"), soll eine besonders enge Nähe demonstriert werden.
HIV und Aids – Verbundenheit durch ein Virus
Das Blut ist der Hauptträger einer HIV-Infektion. In "Buddies" (1985), dem ersten Filmdrama über Aids, ist das, was Robert Willow hört, "the sound of my own blood running around inside me". Wenn sich der Infizierende und der Infizierte persönlich kennen, kann auch dies zu einer emotionalen Verbundenheit führen. HIV-Positive können überdies auch dann ein Gemeinschaftsgefühl untereinander entwickeln, wenn es keine direkte sexuelle Übertragung zwischen ihnen gab. Wenn im kompromisslosen Film "The living end" (1992) Luke dem verletzten und ebenfalls HIV-positiven Jon das Blut vom Gesicht leckt, zeigt dies nicht nur Nähe auf, sondern kann assoziativ mit unsafem Sex verbunden werden. Dass sich Ben in "Queer as Folk" so intensiv um den Stricher Hunter kümmert, hat einen ganz einfachen Grund: Er fühlt sich mit dem ebenfalls HIV-Positiven "blutsverwandt" (USA, Folge 3/11), was er später noch einmal mit der Äußerung "weil er mein Blut hat" unterstreicht (Folge 5/7).

"Blutsverwandt" durch HIV: Ben (links) und Hunter (Mitte) in "Queer as Folk" (USA, Folge 3/11)
Blutspenden – Verbundenheit durch Blut
Blutspenden können, ähnlich wie Organspenden, zu einer engen emotionalen Verbindung zwischen Spender*in und Empfänger*in führen. In satirischer Form greifen dies die "Simpsons" (Folge 2/22) auf, wenn sich Smithers leidenschaftlich seine Kleider vom Leib reißt, als er erfährt, dass der von ihm geliebte Mr. Burns eine Blutspende benötigt. Ein ernsthaftes Beispiel ist David in "Erdbeer und Schokolade" (1994), der mit Nancy zuerst über das Blutspenden und später auch emotional und sexuell verbunden ist.
Blutspenden, von denen Schwule vielfach ausgeschlossen sind, ist auch wegen des Blutes ein emotionales Thema – wenn auch nicht unbedingt ein Symbol. In "Tainted" (2012) geht es um das in Kanada bestehende Verbot für schwule Männer, Blut zu spenden, und in "Queer as Folk" darum, dass Brian, weil er zur Hauptbetroffenengruppe der Schwulen gehört, kein Blut für Michael spenden darf (USA, Folge 5/10). Auch der Dokumentarfilm "Gay Positive" (2014) macht auf das Blutspendeverbot für schwule Männer in den USA aufmerksam. Während der Dreharbeiten zu diesem Film hoben übrigens Länder wie Mexiko und Großbritannien ihr Verbot auf.

Werbung mit einem Blutstropfen für den Dokumentarfilm "Gay Positive" (2014)
Pornos – Identität und Menschen aus Fleisch und Blut
Der Porno "Flesh & Blood" greift die auch in den USA bekannte Redewendung von Menschen "aus Fleisch und Blut" auf, die vermutlich auf einer in der Bibel vorkommenden Formulierung fußt.
Der Hinweis auf Blut in der Geschichte eines Landes verweist üblicherweise auf Tod und Leid. In "Red Blooded Americans" – was so viel wie "echte Amerikaner" bedeutet – steht Blut, ähnlich wie die ebenfalls deutlich in Szene gesetzten US-Nationalfarben Rot, Weiß und Blau, für Patriotismus. Der Porno präsentiert sich als eine Form von US-Geschichtsunterricht, indem er anhand (homo)sexueller Begegnungen über Jahrhunderte hinweg aufzeigt, was einen echten Amerikaner ausmachen soll, und gibt sich damit wohl gleichermaßen emanzipatorisch und patriotisch.

Ein Porno mit Menschen aus Fleisch und Blut: "Flesh & Blood"
Sperma – magischer Körpersaft
In China gilt Sperma traditionell als "verwandeltes Blut" ("Lexikon chinesischer Symbole", 1983, S. 43), was die symbolische Nähe dieser beiden Flüssigkeiten aufzeigt. Sperma steht unmittelbar mit Sexualität in Verbindung und ist ein Symbol für Potenz und Energie. Wegen der Nähe zur Pornographie ist Sperma außerhalb von Pornos jedoch sehr selten zu sehen und wird auch kaum thematisiert. Die symbolische Zuschreibung erfolgt fast immer in die andere Richtung, indem Soße (Folge 6), Eiscreme (Folge 7), Saft (Folge 8) und sogar Sternschnuppen (Folge 48) Sperma symbolisieren.
Sperma – Inbegriff von Leben und Tod
Sperma dient der Zeugung und war daher schon immer Inbegriff des Lebens. Sperma als "Saft des Lebens" zu bezeichnen – wie es der schwule Trainer in "Alfred, die Knallerbse" (1972) macht – bringt die dem Sperma in heteronormativem Kontext zugeschriebene Bedeutung also auf den Punkt. Aufgrund der Übertragungswege von HIV/Aids wurden Analverkehr und Sperma ab Anfang der Achtzigerjahre als gesundheitliche Bedrohung betrachtet. Für viele Schwule veränderte sich nun der Blick auf Sperma und aus dem Inbegriff des Lebensspenders wurde der des Totengräbers. In einem der ersten Filme über Aids – dem Drama "Abschiedsblicke" (1986) – philosophiert ein Künstler angesichts von Nicks Aids-Erkrankung über den Tod: "Der Penis ist für mich etwas Erstaunliches: Er kann Schmerz geben oder aber Lust. Er kann Leben geben und jetzt gibt er auch den Tod. [Nick] geht schwanger mit dem Tod." Viele Jahrzehnte nach dem ersten Aufkommen von Aids und offenbar unter diesem Eindruck verkehrt der Regisseur Bruce LaBruce in seinem Film "L. A. Zombie" (2010) diese negative Zuschreibung zusammen mit der gängigen Vorstellung von Zombies ins Gegenteil: In diesem Film ist Sperma heilend und der Sex mit einem Zombie kann Männer wieder zum Leben erwecken.
Sperma – Hinweis auf Sex
Das Interesse an Sperma unter einem Mikroskop lässt sich in einigen Filmen leicht als sexuelles Interesse dechiffrieren: Wenn der schwule Smithers unter einem Mikroskop dem von ihm geliebten Mr. Burns sein Sperma präsentiert ("Die Simpsons", Folge 3/24), wird zumindest auch älteren Kindern bewusst sein, dass es nicht um ein wissenschaftliches Interesse für Körperflüssigkeiten, sondern um sexuelle Leidenschaft geht, die vom Zustand der Spermien unabhängig ist. Das gleiche gilt für Trevor, der in "Trevor" (1994) unter dem Mikroskop das Sperma seines Klassenkameraden betrachtet. Auch dies ist weniger Ausdruck von Trevors Interesse an den Körperflüssigkeiten des anderen Jungen, sondern an dessen Körper. Der Film "Eating Out 5" (2011) wird mit einem Motiv beworben, bei der man vier Männer in einem Bett mit einer graphischen Gestaltung sieht, die an Spermien angelehnt ist. In dem Film "Bound and Thrashed" (2011, 12 Min.) gibt es eine Tapete mit einem Motiv, das Spermien nachempfunden ist. Auch diese Darstellungen dienen der Sexualisierung.

Der schwule Waylon Smithers präsentiert in "Die Simpsons" (Folge 3/24) unter einem Mikroskop sein Sperma
Pornos – Sperma als Essenz des Seins
Sperma in Pornos hat an sich keine symbolische Bedeutung. Wird Sperma im Titel erwähnt, lässt es sich mit Wörtern, die eine übertragene Bedeutung haben, kombinieren ("Spunk Hunters", "Jizz Junkies", "Sperm Factory", "Sperm Shooters", "Spunk Junkies", "Cum Machine").
Eine Rezension des Pornos "Gleichung mit einem Unbekannten" (1980) ist ein gutes Beispiel für die subjektive Wahrnehmung von symbolischer Bedeutung. Unter der Überschrift "Sperma oder: Die Essenz des Seins" erschien zur Neuveröffentlichung 2021 eine Rezension auf queer.de: "Das Sperma, das seine Protagonisten verspritzen, ist mehr als nur Samenflüssigkeit. In ihm liegt die Essenz ihres Seins, ihrer Freiheit, die so vergänglich ist wie ein Orgasmus und immer in einer bittersüßen Leere gipfelt."

Sperma als "Essenz des Seins" in "Gleichung mit einem Unbekannten" (1980)
Urin – ein ganz besonderer Saft
Auch Urin ist eine magische Flüssigkeit, die mit der Energie, Lebenskraft und Identität der jeweiligen Person aufgeladen ist. Urin kann als etwas Nützliches und Wertvolles begriffen werden ("Geld stinkt nicht") und luststeigernd sein. Mit Urin kann man aber auch – im Kontext von "Saliromanie" – andere Personen beschmutzen und demütigen. Zur Farbsymbolik von Urin gehört die Assoziation mit Gold ("Golden Shower") und Gelb. Das Wetteifern von Jungen, wer am weitesten pinkeln kann, lässt sich mit dem Wettschießen von Männern mit Pistolen in Beziehung setzen.
Anpinkeln – erregen ("Golden Shower")
Das einvernehmliche und lustvolle gegenseitige Anpinkeln ist Ausdruck leidenschaftlicher Lust -ohne symbolische Bedeutung. An dieser Stelle lohnt es sich allerdings, auf einen Begriff zu verweisen, der nicht symbolisch, aber von anderer Richtung her auf Urin verweist: "Golden Shower". Bei dieser umgangssprachlichen Bezeichnung wird aus einer (Wasser-)Dusche bzw. einem Regenschauer (engl. "shower") in Verbindung mit der Farbsymbolik von Gold ein Urinstrahl. Zu sehen ist ein solcher "Golden Shower" in der unzensierten Fassung von "Taxi zum Klo" (1980) und in "Der Unfertige" (2013). In "Another Gay Sequel" (2008) geht es nicht nur um eine kleine Urin-Dusche, sondern um einen ganzen Pool mit Urin. In Großbritannien wurden die "Simpsons" (Folge 12/2, hier Szene online) wegen der doppeldeutigen Verwendung des Wortes "golden shower" sogar schon einmal zensiert. In der deutsch synchronisierten Fassung stellte sich die Frage nicht, weil hier nur von einem unverfänglichen "Goldregen" die Rede war. Erwähnenswert ist noch, dass Urin manchmal auch als "Natursekt" bezeichnet wird.

Ein Bad in Urin genießen in "Another Gay Sequel" (2008)
Anpinkeln – beschmutzen
Wenn Männer gegen ihren Willen zu ihrer Demütigung, Beleidigung und zur einseitigen sexuellen Befriedigung des Täters angepinkelt werden, steht Urin im Kontext von "Saliromanie", also der "Beschmutzung" anderer Personen. Entsprechende Szenen finden sich u.a. in "Lola und Bilidikid" (1999), "Same Blood" (2004), "Anonymous" (2004), "Clapham Junction" (2007), "Flexing with Monty" (2010), "Little Gay Boy, ChrisT is Dead" (2012) und "WC masculine" (2017). Deutlich ist "Wolves of Wallstreet" (2002), worin ein Mann wie ein Hund angepinkelt wird, was hier offenbar daran erinnern soll, wie Hunde mit ihrem Urin ihr Revier markieren. In "Queer as Folk" (USA, Folge 2/15) pinkelt Brian aus Wut und Eifersucht heraus auf Justins Comic-Zeichnungen.

Urin als Beschmutzung aus Wut in "Queer as Folk" (USA, Folge 2/15)
Redewendungen, in denen Urin vorkommt, können Missachtung zum Ausdruck bringen, wie bei der Kritik an den "pisseleganten Schwulenläden" in "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) oder in der Äußerung in der "Tatort"-Folge "Tanzmariechen" (Folge 1011, 2017): "Ich habe doch keine Schwulenphobie wie Putin, der sich in die Hose macht, wenn zwei Männer Händchen halten."
Exkurs: Anspucken – beschmutzen
Auch durch Anspucken werden andere Menschen gedemütigt, beschmutzt und beleidigt. Es ist wohl die einzige symbolische Bedeutung von Speichel im Filmen: Angespuckt werden der schwule Oscar Wilde in "Oscar Wilde" (1997), der schwule Stephen in "The feast of Stephen" (2009), der Vergewaltiger in "Zar" (2013) und der schwule "Peter von Kant" (2022). Leicht variiert wird das Thema mit dem Anspucken des eigenen Spiegelbildes in "War within" (2017) und dem Anspucken eines Politiker-Plakates in "Queer as Folk" (Folge 3/10).

Das Anspucken des eigenen Spiegelbildes in "War within" (2017)
Eine Szene in "Poison" (1991) behandelt Misshandlung im Knast, wobei ein Gefangener gezwungen wird, in kniender Haltung seinen Mund weit zu öffnen, während Mitgefangene ihn anspucken und dabei versuchen, seinen Mund zu treffen. Diese Filmszene bezieht sich auf Jean Genets Roman "Wunder der Rose" (1946; hier zitiert nach einer deutschen Ausgabe von 2000, 2. Band, S. 444-446), worin Genet die an ihm selbst begangenen Misshandlungen ausführlich schildert. Vergleichbare Szenen mit dieser Form ritualisierter Erniedrigung im Knast finden sich auch in den Filmen "Eingelocht" (2004) und "Gefangen" (2004).
Urin von anderen trinken – Energieübertragung
In "Wir waren ein Mann" (1979) pinkeln Guy und Rolf in Trinkgläser und stoßen an. Damit wird das gemeinsame Trinken von Urin angedeutet, was in diesem Film als Scherz, aber auch als eine besondere Form der Verbindung gesehen werden kann. Diese Handlung könnte dann eine symbolische Bedeutung haben, wenn sie bei Guy und Rolf von der Vorstellung geprägt ist, sich damit besonders verbunden zu fühlen oder mit dem Urin des Anderen auch positive Energien übertragen zu bekommen.
Pornos – Urin als "Golden Shower"

Gelb als Symbolfarbe für Urin in "Piss Party Weekend"
In Schwulenpornos hat Urin selbst keine symbolische Bedeutung. Aber auch hier kann darauf verwiesen werden, dass sexuelle Spiele mit Urin im Text mit Ausdrücken wie "Golden Shower" und den symbolischen Farben Gold ("Golden Shower", "The Golden Boys") und Gelb ("Code Yellow", "Yellow Rivers") bezeichnet werden, wie beim gelben Swimmingpool in "Piss Party Weekend". Durch eine Kombination des Wortes "Piss" mit anderen Wörtern lassen sich weitere symbolische Bedeutungen im Titel einbinden ("Piss Pigs", "Piss Gods", "Pissed Police", "Kings of Piss").

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